Zwischensturm

Zwischensturm

/ 22. November 2020 /

Es ist Hurrikansaison. Es war Hurrikansaison. Die Zeit im Jahr, in der die Menschen an den Palmenstränden der Karibik irgendwie darauf eingestellt sind, dass schreckliche Unwetter über ihre Köpfe ziehen, die ihr Zuhause zerstören können. Ich stelle mir das so ein bisschen vor wie ein dauerhaftes Kopfeinziehen, aber wenn ich mich dann umblicke, erscheint es mir so weit weg, ein Unwetter. Denn genau diese Zeit ist auch der Sommer, die langen Tage voller Sonne, Postkartenwetter, Reggae-Musik, Pura Vida. Die schönste Zeit kann auch die schlimmste Zeit sein.

Man hatte uns schon gewarnt, als wir an die Karibikküste zogen, dass es uns auch treffen könnte. Fliegende Dächer, überquellende Flüsse, ganze Ortschaften, die evakuiert werden müssen. Wir haben ein paar Mal hin und her überlegt, und dann gesagt, dass wir trotzdem gehen. Als dann Anfang November überall in den Nachrichten Schreckensnachrichten über den heranziehenden Hurrikan Eta zu lesen waren, war es ein komisches Gefühl, dass ausgerechnet unser Küstenstreifen verschont bleiben sollte. Das liegt daran, dass die Karibikküste von Costa Rica in einer Bucht versteckt liegt, und die Stürme aufgrund von Winden und Strömungen eher mit voller Wucht auf Nicaragua treffen. Als Eta auf die Küste prallte, konnte man fast im Stundentakt Katastrophenmeldungen lesen. Besonders arme und indigene Ortschaften im Nachbarland wurden stark getroffen, viele Menschen mussten ihr Zuhause verlassen und haben alles verloren, was sie haben. In Costa Rica regnete es so stark und so viel auf einmal, dass Strassen überschwemmt waren, und Erdrutsche Häuser und Strassen unter sich begruben.

Und das alles ging mir durch den Kopf, als ich an unserem Strand stand. Bei uns schlugen an dem Tag hohe Wellen gegen den Strand, und ein starker Wind fegte um die Ohren. Sobald man zurück in den Wald lief, spürte man weder den Wind noch die Wellen. Es regnete kein bisschen.

Am nächsten Morgen strahlte wieder die Sonne weich und unbarmherzig zugleich, ein bisschen kitschig, ein bisschen schadenfroh. Während hunderte Kilometer weiter tonnenschwer Wasser auf die Erde stürzt und die Menschen in ihren Häusern beteten. Unwirklich.

Dann war es die Zeit nach dem Sturm. Überall in Costa Rica wurden Strassen wieder freigeschaufelt, umgefallene Bäume zersägt. Internetverbindungen wiederhergestellt. Ich durfte selbst einmal zusehen, wie die Männer im strömenden Regen einen riesigen Baum zersägt haben, der auf eine Stromleitung gefallen war. Sie machten das so abgeklärt und routiniert und schnell. Und schon hat man wieder vergessen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass man auf Facebook die neusten Nachrichten lesen und den Laptop aufladen kann. Zumindest mir erscheint es dann schnell wieder selbstverständlich, denn warum sollte es das nicht sein? Die Sonne scheint, die Lastwagen fahren munter Lebensmittel hin und her, die Menschen pfeifen. Und während ich lese, wie viele Menschen in Guatemala noch verschollen sind, und die Hilfskräfte alles daransetzen, die Evakuierten mit dem nötigsten zu versorgen, sitze ich unter einer Palme und blicke auf das stillste Meer seit langem.

Ich frage mich, warum es dich trifft und nicht mich und finde die Frage unbequem und gleichzeitig verstörend, dass ich sie überhaupt stelle. Und doch geht sie mir nicht aus dem Kopf.

Nach dem Sturm ist vor dem Sturm. Zumindest in der Hurrikansaison. Schon 2 Wochen nach den verheerenden Ereignissen kündigte sich der nächste Hurrikan an. Iota sollte er heissen. Die Experten rechneten, und prophezeiten wieder einen starken Sturm. Diesmal waren ja schon viele Menschen in Camps oder Zelten oder bei Verwandten, und vielleicht fragten sich manche, ob sich die Aufräumarbeiten überhaupt gelohnt hatten. Iota war dann weniger schlimm als angenommen und verlor kurz vor der Ankunft auf Land noch einmal an Kraft. Aber was weiss ich schon, was das heisst? Heisst das, es fühlte sich einfach an wie ein schweres Unwetter? Blieb das Dach dann drauf? Und wie viel Unterschied macht es, ob dein Haus nur von 2 Meter Hochwasser geflutet wird und nicht von 4? Ich versuche, mir das vorzustellen, und ich kann es einfach nicht. Aber ich fühle mich so hilflos, so privilegiert, so bewahrt, wie ich an dem Tag wieder am Strand stehe. Ein Wind pfeift uns um die Ohren, und die Kinder trauen sich nicht ins Wasser, weil die Wellen heute so kräftig ist. Wir gehen früher wieder nach Hause, in unser einfaches, aber ausreichendes Haus. Morgen wird wieder die Sonne scheinen, und das Einzige, was aufgeräumt werden muss, ist das Laub, das die Wellen auf den Spazierweg gespült haben.

Auch Corona kommt in Wellen. Das sind so andere Stürme, die ich mitverfolge. Infektionszahlen, Einzelschicksale. Ich google Deutschland. Ich google Schweiz. USA. Oman. Armenien. Georgien. Indien. Costa Rica. Panama. Peru. Kolumbien. Spanien. Es sind einfach zu viele Länder in meinem Herzen, zu viele Menschen, die ich kenne, die ihren eigenen Stürme durchlaufen. Und dann sehe ich Wellen steigen und sinken, und meine zu wissen, was das heisst. Ich meine die Stürme zu erkennen. Sie sind nicht alle gleichzeitig. Die einen werden getroffen, die anderen nicht. Bei den einen scheint die Sonne, bei den anderen nicht. Manche haben gerade eine heftige Phase hinter sich und atmen auf. Manche ducken sich gerade und erschrecken, weil sie den Wind spüren. Und andere leiden still und einsam, und ihre Stimme erscheint in keinem Zeitungsartikel oder Facebookpost. Manchmal zeigen sich die Stürme nur im Wasserglas, und manchmal erfassen sie eine ganze Gesellschaft. Es ist Hurrikansaison.

Ich frage mich, wie das ist, in einer Gefahrenzone zu leben. Irgendwo, wo jedes Jahr wieder die Stürme auf Land treffen. Bis jetzt kannte ich das nicht. Ich kannte nur vorgegaukelte Sicherheit. Sicherheitskonzepte, vorausschauende Massnahmen, Lawinenschutz, Maskenpflicht. Das ist ja alles sinnvoll, aber die Erfahrung, dass es mich halt einfach auch treffen kann, so in einer unsicheren Welt, die fehlt mir. Und ich frage mich, wie das ist, dauerhaft so zu leben. So wie die Menschen um mich herum, die ihre Häuser streichen und Blumen pflanzen, und einkaufen und Geld verdienen, und die es nächstes Mal genauso treffen kann. Da ist irgendwie ein Risiko, mit dem ich noch nicht umgehen kann, ohne die Schultern einzuziehen. Andere tragen dieses Risiko im Handgepäck, und zwar immer. Man kann offensichtlich irgendwie damit leben.

Die Hurrikansaison ist wieder vorbei. Jetzt ist schon Ende November, und die Menschen räumen auf. Jedes Wochenende kommen an unsere Küste die Touristen aus der Hauptstadt an den Strand. Sie lachen und trinken Bier, hören laut Musik und lassen manchmal viel Müll liegen zwischen den Palmen, leider. Sie geniessen die Auszeit, ein Leben ohne Maske. Das, was für uns hier völlig normal ist in unserer kleinen Blase, das geniessen sie scheibchenweise am Wochenende. Denn hier ist das Leben unbekümmert, ein Leben ohne Hurrikans und ohne Corona. Es ist eine kleine Blase. Doch die Regierung warnt, denn die Infektionszahlen bleiben konstant und es kann jederzeit wieder ein Virusmeterologe Alarm schlagen. Denn nach dem Sturm ist vor dem Sturm.

Ich versuche probeweise, mir einen Risikorucksack anzuziehen, und gehe an den Strand. Ich gehe am Montag, dann sind die Touristen schon wieder weg. Die Wellen rollen und brechen, dann verschwinden sie. Die Palmen rauschen im sanften Wind. So schön kann die Welt sein, wenn man mal nicht an Stürme denkt. Sie kommen sowieso, und ich kann das auch nicht gross ändern. Ich kann nur das Laub wegräumen und wieder von vorne anfangen. Und jetzt sitze ich in der Sonne und bin offen.

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