Zeitreise

Zeitreise

11. Januar 2021

Stell dir vor, du bist ein Zeitreisender. Du hast eine Maschine entdeckt, und zufälligerweise auf einen blinkenden, roten Knopf gedrückt, und dann bist du völlig überrascht, denn plötzlich bist du in einer anderen Welt, alle Menschen um dich herum haben sich verändert. Sie tragen jetzt seltsame Kleider aus Plastik, verhüllen sich. Und plötzlich siehst du dich im Spiegel, und deine bequemen Leggings wirken wie aus einer anderen Zeit. Du eckst an, die anderen starren dich an. Weisst du denn nicht, was zu tun ist? Du bekommst grosse Augen, und ein bisschen Angst und versuchst, dich so schnell wie möglich anzupassen, damit dir niemand auf den Kopf haut oder du festgenommen wirst. Stell dir das alles vor, mit irgendeiner tollen Filmmusik im Hintergrund, amüsiert aber auch dramatisch, und du musst manchmal selbst über dich grinsen, dass du jetzt in der Zukunft bist. Irgendwie verrückt.

Und jetzt stell dir vor: Der Zeitreisende gerade, das bin ich.

Mein letztes Jahr habe ich mit meiner Familie in Costa Rica verbracht. Und zwar immer möglichst weit weg von den Städten. Das ist in einem Land wie Costa Rica nicht schwer. Dort ist nämlich fast alles Wald, und sobald man einer Strasse folgt, ist man direkt irgendwo im Nirgendwo, erkennt weder Dorfzentren noch Bushaltestellen. Da gibt es nur noch riesige Bäume, kilometerweite Bananenplantagen und ab und zu Hauseinfahrten. Und in solchen Häusern haben wir gehaust. Zuerst am Strand, weit weg vom nächsten grösseren Supermarkt, dann im Dschungel, und dann wieder an einem anderen Strand. Überall auf der Welt wurden Regeln erlassen: Auto fahren darf man nur an bestimmten Tagen. Ausgangssperre nach 18 Uhr. Maskenpflicht, geschlossene Schulen, Kontaktverbot, abgesagte Reisen. Das hat natürlich die Leute um uns herum beeinflusst. Die, die ihre Jobs in der Tourismusbranche verloren haben. Die Schulkinder, die zu Hause herum sassen. Die abgesagte Geburtstagsfeier, diejenigen, die mit Maske im Büro sitzen. Aber uns hat es eben nicht tangiert. Denn unsere Kinder sind klein, wir arbeiteten nicht, und mit den Familien, mit denen wir zusammen wohnten, bildeten wir eine sogenannte „Burbuja“ und verbrachten eh den Tag zusammen. Und so vergingen die Tage. Weder trugen wir Masken (wo denn, im Wald?), noch änderten sich unsere Pläne. Wir hatten den Plan, einfach hier zu sein, und das vertrug sich ganz gut mit der Lage.

Während unsere Zeit also stehen blieb, die Tage dahin schwammen, drehte sich die Welt aber weiter. Erste Welle. Zweite Welle. In verschiedenen Erdteilen flammte das Feuer des Virus wieder auf, irgendwo brannte es immer. Wir nahmen das staunend über das Internet auf. Und wenn es Menschen betraf, die wir kennen, dann tat das weh. Weil wir mit litten. Das Problem ist: Wir haben Freunde und Familie auf so ziemlich allen Kontinenten. Also ein Dauerschmerz. Und gleichzeitig war unsere Realität so gar nicht mit den schlimmen Nachrichten aus aller Welt vereinbar. Denn bei uns weckten uns morgens die Brüllaffen. Dann eine Runde an den menschenleeren Strand. Nachmittags spielen die Kinder friedlich mit den Nachbarn. Und abends lagen wir um sieben im Bett. Die einzige Einschränkung war, dass ich vor dem Supermarkt die Maske überstreifte. Und diese 10 Minuten in tropischer Hitze fühlten sich schon herausfordernd an. Wie konnte das jemand anderes den ganzen Tag aushalten?

Nach einem Jahr hatten wir uns voll an das Leben in den Tropen gewöhnt. An surrende und aussetzende Kühlschränke, an wenig Kleidung, an Schweiss und eben auch an ein Leben ohne Maske. Und dann beschlossen wir, weiterzureisen. Wir würden von Costa Rica nach Kolumbien fliegen, um dort unsere Freunde Claudia und Lukas zu treffen. Sie kannten sich dort aus, sie hatten schon eine Route geplant. Zu einer Zeit, in der die meisten Menschen weltweit zu Hause sassen, planten wir eine Reise. Und während der Sprung auf der Karte so klein aussah, war er für uns riesig. Ich wusste, wir würden Corona näher kommen als bisher. Und doch war ich nicht auf eine Zeitreise vorbereitet.

Wir standen in der Dunkelheit auf, und in einem offenen Tuktuk ratterten wir zur Bushaltestelle, die kühle Meeresluft wehte uns durch die dünnen Kleider. An der Haltestelle, einem Wellblechdach mit verschmutzten Autoreifenbänken, warteten schon eine Menge Leute, schön in Gruppen verteilt, und als der Reisebus in Richtung Hauptstadt um die Ecke rauschte, stellten sich alle in eine Schlange. Ganz nah. Die Masken wurden gezückt und auch wir zogen uns schnell die Stofflappen über, die seit Monaten in unserem Schlafzimmer hingen und die wir kaum benutzten. Auch Mila und Sefina mussten welche vor den Mund ziehen, doch sobald wir im Bus sassen, zogen beide sie wieder aus.

Leider konnten wir an unserem Sitzplatz kein Fenster öffnen, und lieferten uns mit der Frau in der Sitzreihe vor uns einen stillschweigenden Kampf um frische Luft. Nach 5 Stunden Fahrt hatten wir es geschafft und staunten über die dichten Strassen der Hauptstadt. „Wenn wir uns jetzt nicht angesteckt haben, dann schaffen wir den Rest der Reise auch irgendwie“, dachte ich. Ich war so froh, die Maske nach der langen Fahrt abzuziehen. Und da standen wir, miefend in der Hitze, die Rucksäcke an den Rücken geschnallt, die ein Jahr lang im Kleiderschrank vor sich hin gegammelt hatten. Didi zückte sein Handy mit Google Maps, und nickte uns zu. „Los geht’s“, meinte er knapp und schnappte sich die Hand der älteren Tochter. Wir müssten den Weg zu unserer Unterkunft finden. Im Gänseschritt torkelten wir die Strasse entlang. Es war ein Sonntag, und die Gehwege wie leer gefegt. Denn es war ja auch Ausgangssperre. Alle Geschäfte geschlossen. Die Häuser wirkten wie leere Hülsen, und da fiel mir auf, dass alle verbarrikadiert waren, mit Gittern und verklebten Fenstern, und sowieso. Was eigentlich als Schutz vor Dieben dienen sollte, wirkte wie ein Virenschutz auf mich. Ich zog die Maske wieder über die Nase, als ein Mann an uns vorbei ging. Mit zwei Metern Abstand.

Die wenigen Meter bis zu unserem Hotel zogen sich ewig in die Länge. Denn die Jüngste wollte nicht an der Hand laufen. Im letzten Jahr war sie ja nur ums Haus gestreift und war am Strand in Wellen gehüpft. Warum sollte sie jetzt im Erwachsenentempo neben mir laufen? Und sowieso. Am liebsten wollte sie Schuhe ausziehen. „Nein, das geht jetzt nicht“, sagte ich ziemlich genervt. Ich wollte einfach nur ins Hotel und diese blöde Maske ausziehen. Doch ein schreiendes Kleinkind lässt sich eben schwer am Arm ziehen, und hoch heben konnte ich sie auch nicht, ich trug ja schon den grossen Rucksack. Das Kind wollte sich auf den Boden werfen, auf diese kaugummiüberzogene Asphaltstrasse. Ich blicke mich um und alles wirkt so viel dreckiger, als ich eine Stadt in Erinnerung habe. Plastiktüten im Wind, russige Wände, Müll. Ich kann Viren und Bakterien sehen, denke ich erschrocken. Irgendwann schaffen wir es dann doch irgendwie, in das kleine, fensterlose Zimmerchen mit zwei Betten, das mir plötzlich wie ein Paradies vorkommt. Ein Ort ohne Dreck, so dachte ich. Ich klang schon wie eine erschrockene Krankenschwester, ganz schlimm. Unsere Mädchen streiften sofort die Gummilatschen ab, die ich gestern extra noch geschrubbt hatte, damit sie nicht so aussehen, als hätten sie sie monatelang durch Matschpfützen getragen. Sie warfen sich aufs Bett, und ich tat es ihnen gleich. Erst mal durchatmen. Ich stellte fest, dass die Stoffmasken, die wir uns vor Monaten gekauft hatten, völlig untauglich waren. In den Dingern konnte man gar nicht atmen, und sie rutschten die ganze Zeit vom Kopf. „Wir brauchen neue Masken“, sagte ich zu Didi. Der guckte mich genervt an. „Das ist jetzt völlig unwichtig. Erst mal brauchen wir einen PCR-Test für den Flug. Und zwar rechtzeitig. Wir sollten gleich losgehen.“ Jetzt war ich an der Reihe, genervt zu gucken. Aber er hatte ja Recht. Und so hiess es: Masken überstreifen und wieder nach draussen. Zum Glück war es hier in der Hauptstadt nicht so heiss wie am Strand, sonst würden wir das echt nicht aushalten. Jeder von uns hielt ein Kind an der Hand, während wir in die Innenstadt von San Jose liefen, doch eigentlich war es nicht nötig, denn es fuhren eh keine Autos. Und es waren auch keine Menschen draussen. Wir schlichen durch leere Strassen, verbarrikadierte und vergitterte Fenster und Türen starrten uns nach. „Was ist das denn, Mama?“, unsere Jüngste zeigte auf einen Taubenschwarm. Verrückt, aber stimmt, sie kann die ja nicht kennen. Im Dschungel hat sie Sprechen gelernt, und dort gibt es keine Tauben. „Das sind Tauben, mein Schatz.“ „Guuuck mal Papa, Trauben!“ „Nein, nicht Trauben. Tauben.“

Und so ging es weiter. Alles musste benannt werden. Sie wollte wissen, was Gullideckel sind. Und Bürgersteige. Und Hundeleinen. Alles Dinge, die unsere Kinder über ein Jahr lang nicht mehr gesehen hatten. Sie schrien laut vor Vergnügen, wenn sie wieder etwas Neues entdeckt hatten, zeigten mit ihren kleinen Fingern auf alles und hüpften an unserer Hand auf und ab. Es war schwer, sie zu bändigen. Wie zwei Raubtiere zogen sie uns hinter sich her, und ich wünschte, wir hätten die besagten Hundeleinen dabei. Je mehr wir in die Innenstadt kamen, desto nötiger wurde es, den Mädchen zu erklären, wie sie anderen Menschen aus dem Weg gehen mussten, dass sie nicht einfach drauflos gehen konnten. Maskierte Menschen gingen uns aus dem Weg. Es war so ungewohnt, in halbe Gesichter zu blicken, die unter der Augenpartie einfach endeten. Und dann stellten wir fest, dass uns selbst kleinste Kinder mit Maske entgegenkamen. Wir begannen, unseren Töchtern die mitgebrachten Masken anzuziehen. Das war einfacher gesagt als getan, denn es waren eigentlich Erwachsenenmasken. Ich schämte mich ein bisschen, denn ich hatte vorher gar nicht darüber nachgedacht. Ich blickte mich um, versuchend, irgendwie noch an Insidertipps zu kommen. Wie macht man das am besten mit Kindern? Bei den anderen schienen die Masken zu sitzen wie festgeklebt, unsere verrutschten, wir schwitzten und fühlten uns unwohl. Da wurde mir bewusst, dass die anderen Leute auch solche Phasen gehabt haben mussten – nur halt schon vor Monaten. Uns kamen einige Kinder entgegen mit lustigen Kindermasken. Sowas brauchen wir auch, beschloss ich. Und da stolperten wir auch schon über eine Strassenverkäuferin, bei der wir zwei Stoffmasken in Kindergrösse erstanden. Die Frau zeigte mir, wie ich einen Knoten in die Bändel machen kann, damit sie auch an den Ohren der Mädchen passten. Sie desinfizierte die Münzen, die wir ihr gaben. Unsere Töchter trugen die Masken genau 23 Minuten, und dann rissen sie sich diese wieder aus dem Gesicht.

Die Jüngste hatte da schon die ganze Maske von innen abgeschleckt, und weil sie vorher Schokolade gegessen hatte, war die Maske von innen jetzt… schokobraun. Sie rannten wild durch die Fussgängerzone, immer auf der Jagd nach Tauben. „Mein Gott, wir haben Wilde geboren“, sagte ich zu Didi. In dem Moment kam uns eine Familie entgegen, und jeder trug zwei Masken übereinander. Ich starrte sie völlig perplex an. Ich hatte nicht gewusst, dass das möglich ist. Konnten die überhaupt noch atmen? Und war das auch so effizient wie es aussah?

Danach sahen wir auch noch einige Leute mit Masken, die aussahen wie weisse Kaffeefilter im Gesicht. Mir war nicht klar, was da jetzt der Unterschied war, aber irgendwie wirkte es, als wäre da mehr Platz vor dem Mund und als würden die nicht ständig den Stoff einatmen so wie ich. Ich und meine Familie, wir wanderten durch diese komische Welt als wären wir Ausserirdische. Es brauchte Tage, bis unsere Töchter verstanden, dass sie in der Stadt weder auf dem Boden sitzen durften noch Dinge ablecken durften, die sie auf besagtem Boden gefunden hatten. Und es brauchte noch weitere Tage, bis wir Eltern verstanden hatten, wie das Maskenbusiness funktioniert, dass die Kaffeefilter FFP3-Masken sind, und wie wir alle diesen Wahnsinn überstehen. Dieser erste Tag in San Jose wird mir immer in Erinnerung bleiben, denn es war der Tag meiner Zeitreise. Als ich merkte, dass ich aus dem Gestern kam und einiges verpasst hatte. Aber wie in jedem guten Zeitreisefilm lernten wir schnell und passten uns an. Sorgten für ein paar Lacher und Kopfschüttler und arrangierten uns. Doch wenn du mich fragst, ich würde lieber wieder ins Gestern reisen.

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