Wie eine Familie Hausarrest und Weltreise überlebt

Wie eine Familie Hausarrest und Weltreise überlebt

/ 13. März 2020 /

Disclaimer: Dieser Artikel ist eine Momentaufnahme von dem Tag, an dem in Deutschland und in der Schweiz Social Distancing eingeführt wurde.

Über die Medien verfolgen wir gespannt die Corona-Entwicklung in Europa, also in der Schweiz und in Deutschland. Gespannt deshalb, weil es so massiv in das Leben unserer Freunde und Familie eingreift und deren Alltag und Pläne durcheinander wirbelt. Hoffentlich nicht auch gesundheitlich. Wir wünschen der Gesellschaft natürlich, dass die grosse Krise ausbleibt. Gespannt aber auch, weil wir immer mehr die globale Bedeutung dieses Problems erahnen. So viele Wirtschaftsverbindungen, Jobs, Leben und Schicksale. Es ist eine Zeit des Durchschüttelns und hoffentlich nicht nur der Krise, sondern auch des Neustarts.

Manchmal würde ich mich am liebsten verschliessen vor all den Nachrichten! 

Auch hier in Costa Rica ist Corona angekommen und bestimmt die Diskussionen. Wir sind seit 2 Monaten hier im Land, wohnen bei einer Gastfamilie, unsere 4-Jährige darf hier in die lokale Schule, und wir lernen Spanisch – online und im Leben. Eigentlich wollten wir in einem Monat weiterziehen, und dann läuft auch unser Visum aus. Uns selbst betrifft die Pandemie insofern, dass unsere 2 kleinen Mädchen seit ein paar Tagen mit Fieber und Husten zu Hause sind. Mila geht deshalb nicht in die Schule, und unser sowieso schon entschleunigtes und auf uns selbst konzentriertes Leben, das wir seit ungefähr 2 Monaten hier am Strand von Zancudo führen, ist noch einmal etwas isolierter geworden. Wir halten uns gerade von anderen fern, auch wenn die Vorstellung, dass es der Corona-Virus tatsächlich bis an diesen Strandort geschafft hat, relativ unwahrscheinlich ist. Vor allem eigentlich, weil die Personen um uns herum sich grosse Sorgen machen. Grosseltern sind hier in Costa Rica sehr präsent, wer mit kleinen Kindern zu tun hat, der hat automatisch auch mit einer Oma im Hintergrund Kontakt. Die Nachricht, dass jetzt in Deutschland und in der Schweiz viele Schulen geschlossen werden, und in den nächsten Tagen wahrscheinlich noch mehr Menschen zum Home Office „gezwungen“ werden, lässt uns mitfühlen mit all den Familien, deren durchgetakteter Alltag jetzt komplett durcheinander gebracht wird. Vor allem, wenn beide Eltern arbeiten, und die Kinder einem festen Rhythmus von Schule und Hobbys folgen, dann fühlt sich das jetzt bestimmt wie eine Überforderung an. Denn es ist nicht wie Ferien, in den Ferien kann man ins Freibad oder in den Urlaub flüchten. Es fühlt sich eher an wie Gefängnis mit sehr übelgelaunten Häftlingen.

Wir leben das seit über 8 Monaten mit 2 Kleinkindern. Also, nicht als Gefängnis, aber dazu später mehr. Als wir letzten Juli unsere Wohnung und unsere Jobs aufgaben, haben wir uns für einen Lebensstil entschieden, bei dem wir 24/7 als Familie zusammen sind, oft in einem Raum. Wir benutzen wenige Gegenstände, kochen mit dem, was gerade da ist, und müssen es lernen, auch in der Gemeinschaft Freiräume für sich selbst zu erkämpfen. Was wir so in der letzten Zeit für uns als Familie als hilfreich erlebt haben, möchte ich mal gerne mit euch teilen. Und da ihr ja sonst nichts zu tun habt – kein Vereinsleben, keine Schule, keine Termine – habt ihr ja auch Zeit, das zu lesen, oder?

1. Das ist dann wohl Einstellungssache

Wir kämpfen immer wieder mit unserer Einstellung. Denn das, was Mama und Papa über den Ist-Zustand denken, das prägt alle. Hier mal ein Beispiel: Wir sitzen in Armenien in einem Bergdorf. Irgendwie sitzen wir auch ein bisschen fest, denn einer von uns hat Durchfall und so können wir nicht richtig weiterreisen. Das Bergdorf ist wunderschön, unsere Unterkunft eher mässig. Wir wohnen unterm Dach bei einer älteren russischen Dame, die mit ihrer hochgesteckten Frisur und den krass geschminkten Augen sehr streng wirkt. Sie schläft in ihrem Wohnzimmer auf dem Sofa, und wenn wir an der Glastüre vorbeihuschen, steht sie ächzend auf und läuft uns hinterher, um uns auszufragen. Direkt vor dem Haus ist es superheiss und der Hof ist mit stacheligem Unkraut übersät. Unsere zwei kleinen blonden Mädchen stehen hilflos in der Türe. Sie wissen auch nicht recht, was sie damit anfangen sollen. Unser Zimmerchen ist winzig, wenn wir im Gemeinschaftsbad duschen wollen, müssen wir erst mit der Gastgeberin den Wasseranschluss kompliziert aufdrehen. 

Viel Platz für Privatsphäre. Zu viert.

Mental ist gerade irgendwie die Einstellung: Alles blöd. Zimmer blöd, Gastgeberin blöd, Kinder blöd. In diesen Tagen streiten wir viel. Nie sind die Kinder leise genug. Wenn sie im Zimmer etwas zum Spielen finden, ist es immer falsch. Alle Erwartungen und unausgesprochenen Wünsche bleiben unerfüllt: EIGENTLICH wollten wir doch so gerne durch die armenischen Berge wandern, und jetzt sitzen wir hier und harren aus, bis die Bauchkrämpfe vorbei sind. Eigentlich wollten wir weiterreisen oder spannende Menschen kennenlernen, und jetzt ist da diese kontrollierende, unfreundliche Person. Dass direkt nebenan ein wunderschöner Park ist, die Natur um uns wunderschön und das Internet funktioniert – kein Thema. Alles ist schlecht.

Anderer Augenblick: Wir kommen abends im Oman an. Wir haben ein Auto, das allerdings nur der Mann fahren darf, und wir haben eine AirBnB-Wohnung. Es ist draussen heiss, die Kinder quengeln nach der langen Überfahrt von Dubai bis nach Maskat. Die Wohnung ist relativ grosszügig angelegt und irgendwie sind wir Eltern einfach nur froh, angekommen zu sein. Und eine Küche und ein Bad zu haben. Auch in diesem Moment spielt Krankheit eine Rolle, denn unsere jüngste Tochter hat sich wohl erkältet oder irgendwo angesteckt und wacht am nächsten Tag mit Fieber auf. Doch die Stimmung ist nicht „Weltuntergang“, es wird nicht verschobenen Plänen hinterhergetrauert, sondern es wird einfach hingenommen. Ich kuschle den ganzen Tag mit der Kleinen auf dem Sofa, freue mich über die Klimaanlage und den Platz, koche etwas Leckeres aus den wenigen Zutaten, die wir mitgeschleppt haben, und höre spannende Podcasts und lese viel. Erst viel später wird mir bewusst: Ich hatte es geschafft, Negatives auszublenden, Dinge in der Wohnung, die nicht sauber sind oder nicht funktionieren, einfach zu übersehen. Weil ich es wollte.

Wenn wir auf engem Raum zusammen sind, hat die Stimmung einen riesen Einfluss. Leider kriegen wir es auch oft nicht hin. Für mich ist es ein grosses Thema, Erwartungen zurückzustecken. Wenn ich mir ausgemalt habe, was ich alles Tolles mache und entdecke und will, und es dann ganz anders kommt und ich am Schluss nichts davon erreiche. Das sind solche Durchschnaufmomente. Daran arbeite ich momentan, diese Erwartungen herunterzuschlucken. Weil ich merke, dass es dann allen besser geht. Unsere Kinder sind sehr anpassungsfähig, und sie haben es auf der Reise bisher gut gelernt, kreativ immer mit den gleichen Sachen zu spielen.

Und nicht so viel Input von aussen zu brauchen. Ich habe es vielleicht/hoffentlich auch ein bisschen mehr gelernt, mich damit abzufinden, dass wir manchmal tagelang abtauchen. Nicht ständig erleben. Wer sich zufrieden gibt, mit dem, wie es ist, und eine Chance darin sieht, der kann jeden Hausarrest und jedes Hotelzimmer aushalten. Denn es kommt nicht auf die Umstände an, sondern auf unser Herz.

2. Ein Lob auf das Internet

Wie oft denke ich mir: Zum Glück gibt es das Internet! Es ist mein Tor zur Welt, während ich durch die Welt tingele. Ich kann mir kaum vorstellen, wie Auswanderer mühsam Briefe an ihre Verwandtschaft zu Hause geschrieben haben, oder wie viel Geld man noch vor 15 Jahren für ein Ferngespräch hinblättern musste. Hier ein Beispiel aus unserem Weltenbummler-Leben: Wir sind für eine Woche in Barcelona. Wir haben eine kleine Wohnung, es gibt nebenan einen Spielplatz und draussen viel Sonne. 

Wir haben anstrengende Monate voller Begegnungen und Kontakte hinter uns. Was machen wir? Mein Mann sitzt auf dem Sofa und geniesst es, zu lesen. Statt dicker Bücher, die er immer mitschleppen müsste, liest er online am Handy. Ich höre einen spannenden Podcast über die Aufklärung von Verbrechen, und grusele mich richtig amüsiert durch den sonnigen Vormittag. Wir spielen immer wieder mit den Kindern, die sich auf der Terrasse vergnügen und sich über die Temperaturen freuen. Sie möchten gerne ihrer Oma davon erzählen, und mit 2 Knopfdrücken haben wir diese in Deutschland angerufen. Über WhatsApp, komplett gratis. Dann schicken wir noch ein Bild von unserem Mittagessen an unsere Freundin und bekommen ein Bild von leckerem Schweizer Käse zurück. Wir legen aber auch das Handy weg und erkunden die Gegend, den Supermarkt um die Ecke, den Spielplatz. Da wir noch nicht so gut Spanisch können, ist unser einziger Gesprächspartner ein amerikanischer Obdachloser, der uns Geschichten aus seinem Leben erzählt. Eine wertvolle Begegnung. Am Abend schreibe ich noch mit neu gewonnenen Bekannten, die wir in Dubai und im Kaukasus kennen gelernt haben. In Südindien regnet es, lässt man mir ausrichten. Das Internet ist mein Austausch mit der Welt, die ich kenne, in meiner Sprache und mit mir bekannten Gesichtern. Das gibt mir aber die nötige Kraft und die Motivation, mich auch mit der fremden Welt, die um mich herum ist, auseinanderzusetzen. Weil ich geerdet bin und nicht losgelöst. Das Gleichgewicht zwischen der Zeit vor dem Bildschirm und der Zeit ohne Handy in der Hand ist schwer im Gleichgewicht zu halten, aber mit Disziplin und Achtsamkeit lässt sich das meiner Meinung nach gut in den Griff bekommen. Seit wir unterwegs sind, sind wir auch unseren Kindern gegenüber grosszügiger, dass sie mehr Zeit am iPad verbringen dürfen. 

Wir schicken recht viele Videos und Sprachnachrichten an die Grosseltern, und zeigen den Kindern auch immer wieder von unserem Leben online – Fotos und Videos von anderen. Sie dürfen an Apps spielen und schauen Comic-Filme – etwas, was vorher absolut tabu war. Wir finden, dass die Konstellation von vielen Menschen auf engem Raum auch spezielle Fenster öffnen darf. Wenn wir Erwachsenen uns ab und zu in Medien flüchten, warum sollten wir unseren Kindern diese Abwechslung und Unterhaltung vorenthalten? Seien wir dankbar für die Möglichkeiten, die uns das Internet bietet – Kontakt mit anderen, Möglichkeiten zum Lesen, Schauen und Ablenken, Lernplattformen und Infos. Von Isolation kann ja keine Rede mehr sein heutzutage.

3. Jeder braucht seinen Freiraum

Der eine liest, der andere wird kreativ, die dritte übt Handstand. Wer uns von weitem beobachtet, der ist vielleicht irritiert, wie wenig Zeit wir wirklich als Familie zusammen verbringen. Irgendwie hat es sich bei uns eingependelt, denn wir sind Tag und Nacht zusammen. Momentan wohnen wir in einem Einzimmerapartment, schon seit 2 Monaten. Ist einer morgens um 6 wach, sind alle wach. Wenn eine Musik hören will, kriegt jeder das Gedudel mit. Wir haben es gelernt als Familie, trotz Enge nicht ständig miteinander abzuhängen. Für uns passt das so.

Ich halte es für sehr wichtig, dass in einer Familie jeder seine Freiräume hat. Mein Mann hat das perfektioniert, denn er ist in einer Grossfamilie aufgewachsen. Er kann im grössten Trubel einfach innerlich abtauchen in andere Welten (sehr zu meinem Frust, weil ich das Trubel dann alleine bewältigen muss). Aber ich versuche ihm nachzueifern, weil ich sonst unsere Nähe in der Familie einfach nicht ertragen kann. Nicht immer gleich aufspringen. Nicht immer alles zusammen machen. Nicht immer gleich schlichten oder streiten. Nicht immer mit meinen Zielen warten, bis alle anderen ihre Ziele erreicht haben. Wahrscheinlich sind da auch ganz viele Rollenbilder am Rollen, und für mich ist es eine gute Schule.

Das bedeutet, dass wir und unsere Kinder gelernt haben, nebeneinander zu sein, und versunken zu sein. Ich bin gerne kreativ, ich brauche Zeit zum Malen und Schreiben. Mein Mann nimmt sich Zeit für seinen Sport, und ihn stört es auch nicht, wenn einen Meter daneben unsere Kinder herumturnen. Auch auf unsere Kinder färbt das ab: Unsere älteste Tochter kann stundenlang basteln und malen, während unsere zweite ganz hartnäckig herumhüpft. Und wir lassen sie. Wir nutzen auch gerne den Platz draussen, die Wiese und eine Terrasse. Das gibt ein bisschen Distanz und Natur tut einfach gut, wenn man sich gegenseitig auf die Nerven geht.

4. Lernen wir von der Entschleunigung

Jetzt erscheint es mir so weit weg, aber mein Leben in Europa war einfach schon immer sehr voll. Überfrachtet. Ich war sehr aktiv, hab immer viel in Gemeinden und Vereinen mitgemacht, mich gerne mit Freunden getroffen und konnte ganz schlecht zu Hause herum sitzen. Wenn ich jetzt im Wallis wohnen würde und diese Quarantäne in der Schweiz mich treffen würde, wäre das eine richtige Krise für mich. Durch unsere Weltreise lebe ich diese Entschleunigung täglich. Für euch alle klingt das so aufregend, so anstrengend und abenteuerlich. Wenn ihr wüsstet, wie viel Zeit wir davon irgendwo liegend mit Nichtstun verbringen! Unser Leben hat sich definitiv geleert. Nicht in jeder Phase dieser Reise, aber insgesamt schon. Wir haben keine Verpflichtungen, keine Aufgaben, keine ständigen Kontakte. Vor einem halben Jahr noch hätte ich dabei immer ein schlechtes Gewissen gehabt und vor allem – Angst vor der Leere. Hier in Costa Rica ist unser Alltag total leer. Und es geht jetzt schon unfassbar schnelle 2 Monate so und ich bin so erstaunt. Ich fühle mich oft ausgeglichener (ausser beide Kinder schreien auf einmal), spüre Kreativität und Spiritualität und Raum für vieles. Und ich lerne, das nichts muss und alles kann. Es ist überhaupt nicht mit einem 10-tägigen Urlaub vergleichbar, denn erst nach 3 bis 4 Wochen macht sich ein tieferer Prozess bemerkbar. Ich merke immer mehr, dass wir Menschen eigentlich nicht für so ein stressiges, volles Leben geschaffen sind. Und wenn wir im System sind, fällt es uns so schwer, daraus auszusteigen. Bei mir war die bewusste Entscheidung, woanders hinzugehen, eine Bremse für mein Leben auf der Überholspur. In Europa ist diese Vollbremsung vielleicht Corona. Einfach Dinge langsamer angehen (müssen). 

Den Alltag leeren und sich darüber freuen. Und wenn das mal stundenlang Netflix beinhaltet, vielleicht gehört das auch mal dazu. Ich versuche, die Erfahrungen, die ich jetzt mache, aufzuschreiben und in mir drin zu bewahren. Und mich drüber zu freuen. Quasi einen Hamsterkauf an Zufriedenheit.

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