Waschbärgeschichten

Waschbärgeschichten

Ich weiss nicht, warum ich ständig das Bedürfnis habe, über Tiere zu schreiben. Unser Zusammenleben mit Ameisen, Kakerlaken, Läusen und Geckos habe ich schon auf diesem Blog verewigt und in Worte gegossen. Mittlerweile sind zu diesem Flohzirkus noch 3 Katzen hinzugekommen, die in unserer jetzigen Unterkunft leben – und unsere Nachbarn. Die Waschbären.

Ich weiss nicht, warum ich nicht noch mehr das Bedürfnis habe, über Menschen zu schreiben. Vielleicht, weil ich sie mit meinen Worten verletzen kann. Vielleicht aber auch, weil wir gar nicht so viele treffen. Ortschaften in Costa Rica sind manchmal ziemlich entzerrt, da stehen definitiv mehr Bäume als Häuser, und ein richtiges Zentrum, einen Ort, an dem sich alle treffen, gibt es nicht in allen. Wir sind jetzt wieder hier, mitten im Wald. Um unser Häuschen herum andere Häuschen, aus denen wir mal einen gutgelaunten Latino-Schlager hören oder, wie jemand nach seinem Hund ruft. Aber wir treffen die anderen nicht, man läuft sich wenig über den Weg, vielleicht, weil man wenig läuft. Ich kenne jetzt ein paar Leute und treffe mich regelmässig mit ihnen, aber sonst ist unser Leben eher zurückgezogen und einfach nur von Natur umgeben. Und Tieren. Für mich ist das eine neue Erfahrung, für andere Menschen – vielleicht vor allem für Menschen hier im Ort – absolute Normalität.

Zurück zu den Waschbären. Sie sind nämlich DIE Nachbarn, die am aktivsten auf uns zukommen. Ich denke, sie mögen uns. Vielleicht haben sie versteckte Absichten, aber ganz bestimmt sind sie neugierig auf uns und haben keine Angst vor blonden Fremden. Ich verstehe nur nicht ganz, warum sie vor allem nachts auftauchen. Denn dann liegen wir ja schon im Bett und können sie leider nicht auf einen Tee einladen. Zu schade, so mit einem gestreiften Tier über seine Dschungelerfahrungen zu plaudern – auf Spanisch natürlich – wäre mal wirklich einen Blogartikel wert. Die Waschbären haben darauf allerdings keine Lust. Irgendwie habe ich das Gefühl, sie sehen uns vielleicht als westliche Bonzen. Als reiche, verwöhnte Touristen, die ruhig mal ein bisschen von ihrem Reichtum abgeben sollen. Zumindest lese ich das aus den aufgerissenen Kekspackungen heraus. Im Internet lese ich in einheimischen Foren mit, wenn Leute aus der Umgebung erzählen, wie wieder Laptops oder ein Fernseher aus ihrem Haus geklaut wurden. Was schon immer ein Problem in dieser Region ist, wo ein paar wohlhabende Bürger auf viel Armut und Verzweiflung treffen, wird durch Corona vielleicht noch verschärft. Zerlumpte Gestalten, junge Kerle werden auf fremden Grundstücken erwischt und hauen schnell ab, und manchmal kommt eine Familie nach Hause und stellt entsetzt fest, dass eingebrochen und das mühsam ersparte Technikequipment mitgenommen wurde. Uns wurde zum Glück noch nichts gestohlen. Ausser eben das, was unsere neugierigen Nachbarn so alles mitnehmen.

Unsere Küche ist offen. Und mit offen meine ich offen. Wir schlafen in zwei kleinen Zimmern, die mit Türen verschlossen sind. Die andere Hälfte des Hauses ist eine grosse, überdachte Terrasse, und dort steht auch der Kühlschrank, das Spülbecken und eine portable Gasplatte zum Kochen. Wenn wir also nachts uns zum Schlafen zurückziehen, bleibt die Küche eben so, wie sie ist: Offen. Vom Herd aus schauen wir direkt auf Bananenblätter und ins grüne Dickicht des Waldes, das sich Meter um Meter immer dichter verwandelt, und das sich unendlich über die Hügel hier am Meer zieht. In diesem Dickicht tummeln sich viele Tiere – manchmal Affen, manchmal Nasenbären, einige Schlangen. Wenn man die Wildtiere nicht füttert und anlockt, und die nähere Umgebung um das Haus regelmässig von Laub und umgestürzten Bäumen befreit, dann kommen sie auch meistens nicht ans Haus, weil sie ja verständlicherweise Angst vor uns Menschen haben. Wir sind halt doch noch einmal grösser und unberechenbarer, und können sie alle mit Leichtigkeit töten. Ich frage mich, warum unsere Waschbären das nicht verstanden haben. Irgendwie haben sie wohl spitz bekommen, dass wir Menschen doch nicht die Monster sind, für die die anderen Waldbewohner uns halten. Vielleicht wissen sie auch einfach, wie dumm wir sind.

Da wir im Vorfeld wussten, dass wir eine offene Küche im Wald haben werden, waren wir schlau genug und hatten vorgesorgt. Mit dem Mietauto haben wir eine grosse Plastikkiste gekauft. Als wir abends im Dunkeln zu unserem neuen Zuhause durch den ewigen Wald fuhren, sass ich zwischen zwei schlafenden Kindern auf dem Rücksitz und atmete auf die Plastikwand der Kiste, die zwischen meinem Kopf und den Vordersitzen gerade so eingeklemmt war. Ich war richtig stolz, dass wir genau das richtige Equipment besorgt hatten, denn hier drin wären offene Mehlpackungen, Süssigkeiten und auch mal Obst sicher vor jeder Menge Getier. Wir deponierten hier auch die Packung Katzenfutter, die unsere Vermieterin für die drei Vierbeiner, die zu dem Haus gehörten, bereitgestellt hatte. Nach einigen Tagen musste ich mir eingestehen, dass es nicht stimmte – die Kiste war nicht tiersicher. Ich hatte die Rechnung ohne Ameisen gemacht. Und dann, am ersten Wochenende, entdeckte Didi, dass ein Tier die Katzenfutterpackung aufgerissen und genascht hatte. In einer festverschlossenen Kiste. Krasse Katzen, dachte ich.

Am Anfang räumten wir abends Bananen und anderes Obst in unser Schlafzimmer – bis wir irgendwann feststellten, dass gar niemand an unseren Früchten interessiert war. Ich glaube, Affen schlafen nachts zum Glück. Und so wurden wir nachlässig. Als der vollgepackte Eierkarton keinen Platz mehr im Kühlschrank hatte, liess ich ihn einfach auf unserem Esstisch stehen und dachte mir nichts dabei. Bis jetzt war ja nichts passiert.

Am nächsten Morgen drangen durch die geöffneten Fensterläden wie immer ungefiltert die Geräusche des Waldes. Da war der Vogel, der nach seinem Liebhaber rief, und da schrien sich die Brüllaffen gegenseitig zu, dass sie da waren. Aus dem Schlafzimmer der Kinder hörte ich Sefina, unsere Jüngste gähnen, und bevor sie laut werden konnte und ihre Schwester weckte, stand ich auf. Ich bin meistens zu spät damit und dann werden doch beide wach und zwei kleine Mädchen wollen gleichzeitig auf Toilette und etwas essen. Weil die Zimmer nur durch offene Wandelemente verbunden sind, müssen wir besonders leise sein, damit der Papa noch ein paar Minuten schlafen kann. An diesem Morgen wankte ich torkelnd aus der Tür und bereitete mich innerlich darauf vor, mit aller Kraft, die ich um halb sechs morgens aufbringen kann, Milch aus Pulver anzurühren und Kellogs in die Schüsselchen zu schütten. Als erstes stolperte ich über Scherben. Von einem Topf mit Reis, der auf dem Herd stand, hatte jemand den Teller, den wir behelfsmässig als Deckel benutzten, heruntergepfeffert. Überall lag Reis am Boden. Und Eierschalen. Alle zwanzig Eier, die in dem Karton gesteckt hatten, waren ausgesaugt worden, zerbrochen, wild durch die Gegend gepfeffert. Ei war auf dem Tisch, unter dem Tisch, in den Ritzen des Tisches. Es roch nach rohem Ei, und zwar nach verdorbenem rohen Ei. Mir wurde schlecht.

Zum Glück kann Didi besser als ich morgens in aller Herrgottsfrühe mit Scherben und Eierschalen umgehen. Bis mittags hatten wir den Herd auseinandergenommen und mehrmals den Boden gewischt, um den starken Geruch nach Ei loszuwerden. Unsere Unvorsichtigkeit, Reis und Eier draussen stehen zu lassen, hatten unsere Nachbarn auf den Plan gebracht. Und kaum war der Wischmob nicht mehr im Einsatz, konnte ich mit den Mädchen in der Hängematte kichern.

Wir stellten uns vor, wie der Waschbär genüsslich Ei für Ei ausschlürfte. Wie er die Lippen schürzte und dabei den kleinen Finger von sich streckte – wie wenn er eine goldverzierte Teetasse in der Hand hielte. Wir stellten uns vor, wie ausgehungert Herr Waschbär gewesen sein musste. Vielleicht hatte er die letzten Nächte nichts gefunden im grossen weiten Wald, und war schon fast verzweifelt vor Hungerknurren. Wir stellten uns vor, wie der Waschbär begeistert bei seiner Familie von den neuen Nachbarn erzählte, die ihm freundlicherweise ein Festmahl beschert hatte. Als Einstand im Viertel, quasi. So wie man einen Kuchen vorbei bringt und sich vorstellt. Er hat nach dem Kuchen gesucht.

Fröhlich lachend verging der Tag und die nächste Nacht stand vor der Tür. Didi und ich wussten, wir mussten uns gegen weitere tierische Annäherungsversuche wehren und parkten unsere Bananen wieder unterm Bett. Sonst war alles wie immer – Plastikkiste fest verschlossen unter dem Herd, Eier im Kühlschrank. Wir zogen uns siegessicher zurück. Doch während ich begleitet von einer meiner vielen kolumbianischen Telenovelas vor mich hinschlummerte, hörte ich ein Poltern draussen. Schnell sprang ich auf, und als ich die Tür aufriss, sah ich direkt den Waschbär, der gerade vom Tisch sprang. Er blieb auf dem Boden stehen, mir zugewandt, und starrte mich an. Er war provokant ruhig, und jede Faser seines Körpers verriet mir, dass er keine Angst vor mir hatte. Fast erschien es mir so, als wüsste er um unsere Waschbärgeschichten. „So eine harmlose Frau“, dachte er sich wohl, „die denkt wohl, mein grösstes Vergnügen ist es, an Eiern zu schlürfen. Wenn die wüsste. Ich kenne sie zu gut, ich beobachte die Menschen ja den ganzen Tag. Sobald sie wieder hinter der Tür verschwindet, werde ich einfach weitermachen. Hindern können sie mich eh nicht, diese Menschen.“ Verächtlich schaute er an mir vorbei, um mir nicht das Gefühl zu geben, dass meine Anwesenheit irgendeinen Eindruck auf ihn machen würde. Ich war verwirrt. Die anderen Wildtiere sahen wir kaum, da sie immer schon kilometerweit vor uns Reissaus nahmen. Und dieser kleine Bär, der ein bisschen aussah wie eine Katze, die aufgerichtet ist, mit seinen feingliedrigen Fingern und der Maske im Gesicht – perfekt wie ein Taschendieb ausgerüstet – dieses kleine Tier machte sich nichts aus mir, seinem schlimmsten Feind. Ärgerlich stampfte ich auf den Boden, aber der Waschbär blieb unbeeindruckt. Ich mag es nicht, wilden Tieren zu nahe zu kommen, immerhin bin ich nicht gegen Tollwut geimpft. Doch jetzt nahm ich allen meinen Mut zusammen, und stapfte energisch in seine Richtung. Der Waschbär lächelte müde, und machte sich gemächlich aus dem Staub. Am nächsten Morgen entdeckten wir, dass er aus der verschlossenen Plastikkiste eine komplette Packung Kokoskekse verputzt hatte. Bis auf den letzten Keks. „Wenn ich diese ganze Packung essen würde, könnte ich 2 Mahlzeiten aussetzen“, meinte Didi mit ehrfürchtigem Staunen. Und wenn mein Mann, der jeden Hamburgerwettbewerb gewinnen würde, voller Ehrfurcht anerkennt, was so ein kleines Tier auf einmal verschlingen kann, dann ist das schon mal was. Wir beschlossen, die nächste Stufe des Nachbarschaftskrieges einzuläuten und gingen in die Defensive. Die Plastikkiste fand ihren Weg in unser Schlafzimmer.

Natürlich erzählte ich den Mädchen von meiner Begegnung mit dem furchtlosen Waschbär. Und sie fanden das absolut aufregend. Sefina stammelte vor sich hin, dass der Waschbär bestimmt eine Frau ist. Und Mila schaute verzückt in die Ferne. „Oh Mama“, meinte sie, „das ist sooo toll. Das ist ja ein richtiger Räuber. Bestimmt will er eigentlich unsere Spielsachen klauen.“ Und dann malten wir uns aus, wie der Waschbär heimlich die kleinen Plastikautos mitnimmt, und nachts mit den Puppen spielt und ihre Kleider an- und auszieht. Es machte richtig Spass, zu fantasieren, wie der Waschbär in der Dunkelheit in unserer Hängematte liegt, wenn wir friedlich unter den Moskitonetzen geschützt schlafen. Mila giggelte, und Sefina meinte nur kühl: „Aber Mila. Das geht doch nicht.“ Diesen realistischen Satz sollten wir noch öfter von ihr hören, denn unsere Geschichten wurden immer wilder. Der Waschbär lud irgendwann seine ganze Waschbärfamilie auf einen Schmaus in unser Haus ein. Und ab und zu stahl er eine Rakete, die wir unter dem Bett versteckt hatten, und katapultierte sich auf eine Reise zum Mond. Der erste Costa-Ricaner im Weltall?

In den nächsten Nächten waren wir besonders wachsam. Beim kleinsten Klirren oder Rascheln sprangen wir aus dem Bett und rasten auf die Terrasse. Manchmal blickte uns dann eine erschrockene Katze an, die gerade ihren Schlafplatz gewechselt hatte. Und manchmal hatten wir eben wieder Begegnungen mit dem Waschbär, einmal sogar mit zwei. Didi gab sich alle Mühe, und polterte in vollem Karacho auf die beiden Diebe zu. Sie sprangen flink davon – und waren seitdem nicht mehr gesehen. Manchmal, wenn ich morgens verschlafen Kellogs in angerührte Milch giesse, sehe ich auf der blankpolierten Tischplatte einen staubigen Pfotenabdruck. Es sieht ein bisschen aus wie eine Kinderhand, aber die Finger sind ganz schmal. Perfekt, um Chips aus einer Packung zu fischen. Einzeln. Und sie dann genüsslich zu knabbern.

Nachbarschaft ist ein Geben und Nehmen. Jeder ist mal laut, jeder braucht mal Hilfe. Hier im Wald von Playa Chiquita lächeln wir nur, wenn mal wieder jemand eine Trommelsession hat oder nachts noch Partymusik durch das Dickicht dröhnt. Andere müssen ertragen, dass unsere Kinder morgens um sechs bitterlich weinen, und dass wir auch mal laut streiten und alle es mitbekommen. Unsere Nachbarin schenkt uns Heilkräuter, als unsere Kinder mal wieder Parasiten haben, und wir heben Früchte in unserem Kühlschrank für jemanden auf, der gerade nicht zu Hause ist. So ist das. Und ich wünschte, die Waschbären würden das verstehen, dass man eben nicht nur nehmen kann. Aber vielleicht tun sie das auch. Denn der Mensch ist ein Eindringling. Wir verschmutzen den Boden. Unser Spülwasser, mit Seife und Waschmittel, fliesst durch ein Rohr ab. Das Rohr geht einmal ums Haus, und dann endet es abrupt. Durch die Öffnung läuft das Wasser einfach in den Garten. Hier würde ich kein Gemüse anbauen. Und hier würde ich als Waschbär nicht wohnen wollen. Die Tiere erdulden solche Eingriffe – und vielleicht gehört es dann auch einfach dazu, dass sie sich auch nehmen. Die Plastikkiste steht weiterhin im Schlafzimmer, und abends achten wir doppelt und dreifach darauf, alle Lebensmittel wegzuräumen. Und dann setzen wir uns in der Dunkelheit in die Hängematte, ich und meine zwei Töchter, und erzählen uns, wie toll es doch wäre, wenn der Waschbär mal auf einen Tee vorbeikommen würde und uns aus seinem vollen Leben erzählen würde. Zum Beispiel wie es war, als er auf den Mond flog.

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