Wanderlust

Wanderlust

03. April 2021

Um uns herum hohe Gipfel. Eine unbekannte Linie am Horizont, wir sind noch nicht lange genug hier, als das ich die unveränderlichen Hügel und starren Formationen wiedererkennen würde, wenn sie zwischen Wolken hervorlugen. Für mich ist alles neu, hier in den Anden, irgendwo mitten in Peru, und das kribbelt am ganzen Körper. Jetzt weiss ich auch, was mir so in den Tropen gefehlt hat: Einfach zu Fuss unterwegs zu sein, die Landschaft langsam zu erkunden, hinter jeder Kurve eine Überraschung. „Lass uns morgen laufen gehen“, sage ich zu Didi, und er nickt begeistert.

Am Frühstückstisch sitzen unsere zwei Mädchen, beinebaumelnd schlürfen sie Kellogs und Milch. Mir gegenüber sitzt unsere Mitbewohnerin, sie arbeitet hier im Kinderheim um die Ecke. Morgens sitzen wir manchmal noch lange am Tisch und erzählen, sie von ihrer Familie in Lima oder ihren Freunden in Kolumbien, ich von unserer Zeit in Costa Rica oder unseren Leuten in Europa. Heute sehe ich sie fragend an. „Wir würden gerne eine Tageswanderung machen. Irgendwo, wo es schön ist. Kannst du uns etwas empfehlen?“ „Claro“, meint sie und denkt nach. „Wahrscheinlich wäre die Laguna was für euch. Das ist ein höher gelegener See, wunderschön. Von dort aus kann man gut runterlaufen. Dauert ungefähr 3 bis 4 Stunden, dann ist man wieder im Dorf.“ Klingt toll, wie ich finde. 3 bis 4 Stunden ist für uns gut machbar. Dann müssen wir uns jetzt auch nicht beeilen, denn nachmittags ist das Wetter eh viel besser – die Sonne nicht mehr so drückend, und dafür hat man einen wolkenlosen Blick auf Gipfel und Gletscher. Aus dem oberen Stockwerk dröhnt ein schrilles „Maaaaamaaa“ und während ich schon zum Treppen-Sprint ansetze, rufe ich noch zu Didi „Kannst du noch eben nach dem genauen Weg fragen?“ und schon bin ich nach oben geflitzt, um eine mittelfristige Klokatastrophe zu verhindern.

Gemütlich packen wir unseren Rucksack mit Sonnencreme, Hüten und Keksen. In Flipflops treten wir aus dem Haus, in die schöne Vormittagssonne, die gleichzeitig Frühling verspricht und Sommer androht. Denn sie ist intensiv und gleichzeitig weich. Die Kinder aus dem Heim haben gerade eine Pause von ihren Zoomcalls, und lachen uns vom Spielplatz vor unserem Haus an. „Wo geht ihr hin?“, fragt der Betreuer, der uns schon seit Tagen mit freundlichen Begrüssungen begegnet. „Wir wollen hoch zur Laguna“, sage ich. Er schaut an uns hoch und runter. „Ich würde euch empfehlen, feste Schuhe anzuziehen“, meint er und blickt besorgt. „Oben ist es oft kalt und windig. Die Wege sind auch nicht so gut.“ Innerlich grinse ich. Wenn der wüsste, wo wir überall mit Flipflops schon waren. Quasi schon auf dem Nordpol und Mount Everest. Dass wir darin besser laufen können als andere Menschen in den besten Wanderstiefeln. Aber seine Tipps sind wertvoll, und so bedanken wir uns und gehen noch einmal ins Haus, ziehen unsere festen Schuhe über, und stopfen unsere Vliesjacken in unseren Rucksack. Zum zweiten Mal setzen wir dazu an, ruhig und gelassen das Haus zu verlassen, um ein Abenteuer zu erleben. Wir winken den Kindern auf dem Spielplatz zum Abschied und laufen in Richtung Dorf. Am Strassenrand grunzen Schweine, die sich durch Matsch und Plastikmüll und Grashalme wühlen. Ab und zu hebt ein grasendes Pferd den Kopf, ein Kind rennt einem Welpen hinterher, und Männer tragen Plastikkanister mit Totenköpfen drauf zu einem Acker. „Konntest du herausfinden, wo der Weg langgeht?“, frage ich Didi. „Nicht so ganz. Sie meinte einfach, immer runter.“ „Okay. Sonst fragen wir noch auf dem Markt jemanden. Oder oben.“ Ich atme tief durch. Immer ruhig bleiben, Miri. Es wird alles gut gehen. Bis jetzt haben wir uns auch in Canyons im Oman, oder im georgischen Gebirge zurechtgefunden. Irgendeinen Weg gibt es immer, und man kann die Leute ja auch fragen, immerhin können wir mittlerweile genug Spanisch. Auf ausgeschilderte Wanderwege oder Karten zähle ich schon lange nicht mehr. Denn ich weiss, dass es das in vielen Ländern nicht gibt. Die Erschliessung der Natur ist ein Luxusgut für Menschen, die entweder den ganzen Tag an Schreibtischen sitzen, oder die an Touristen verdienen. Nein, für mich ist zum Wandern ein viel wichtigeres Kriterium, ob es Landwirtschaft in der Gegend gibt, die wir erlaufen wollen. Denn Felder und Äcker, Ziegenhirten und Kuhweiden sind die Infrastruktur, von der wir profitieren. Wir geniessen Trampelpfade und Abkürzungen, Strassen nach oben und Steine, die aus dem Weg geräumt wurden. Und irgendwie passen wir hier rein, finde ich, denn wir sind nicht die geplanten Wanderer, die tagelang Routen heraussuchen, wir gehen ab und zu einfach drauflos. Und genau an diese Abenteuer-Momente erinnern wir uns dann noch nach Jahren.

Im Dorf ist es meine Aufgabe, einen Taxifahrer zu finden. Unsere Mitbewohnerin hat uns gesagt, die Fahrt zum See koste 30 Soles, das sind etwa 7 Dollar. Und während es auf anderen Kontinenten eher Didis Aufgabe war, nach dem Weg zu fragen und zu verhandeln (im Kaukasus, weil er Russisch konnte, und im Oman, weil er ein Mann war), so bin ich dieses Mal an der Reihe. Denn ich fühle mich sicherer auf Spanisch als er und mache das ja auch gerne. Und so trete ich lächelnd auf das erste Mototaxi zu. „Fahren Sie hoch zum See?“, frage ich. Der Jugendliche in seinem umgebauten Motorrad blickt mich erstaunt an. „Nein, das mache ich nicht. Tut mir leid.“ Ich stutze. „Kennst du jemanden, der hochfährt?“ „Versuch es mal dahinten an der Strasse.“ Und er zeigt auf eine mit Menschen gefüllte Einfahrt, wo Mototaxis hin und her cruisen. „Gracias.“ Ich winke Didi und den Mädchen zu, die etwas weiter weg gewartet haben. Und so ziehen wir von Häusereck zu Häusereck, ich werde mal nach links, und dann nach rechts geschickt, bis ich einen Jugendlichen treffe, der uns fahren will. Er erklärt mir auch, wieso. Die Strasse nach oben sei so schlecht, da können keine Mototaxis mehr fahren, nur noch richtige Autos. Und von denen gibt es hier gar nicht so viele. Er hat aber eins, und wir quetschen uns bemannt mit Masken in seinen Twingo. Vorschrift. Unvorschriftsmässig mache ich das Fenster auf, das ist nämlich auch gut gegen Viren und schlechte Laune. Und dann fahren wir los. Ich blicke auf die Uhr. Wahnsinn, die ganze Sucherei hat fast eine Stunde gedauert. „Wie lange laufen wir denn runter?“, frage ich Ricardo, den Fahrer. „Ach, das ist nicht weit. Etwa so 3 Stunden.“ Na dann macht es auch nix, dass es schon fast Mittag ist. Wir holpern den Berg hoch, und die Mädchen geniessen es, dass sie sich auf die Autositze knien dürfen und auf die vorbeiziehenden Wiesen schauen können. Wir ziehen an Eseln und Kühen, Schafen und Schweinen vorbei. Auf den Feldern arbeiten gebückte Rücken, stämmige kleine Frauen mit weiten Röcken und Hüten, die aussehen, als wären sie aus London des 18. Jahrhunderts. Sie grüssen uns, wenn sie uns hinter den Autoscheiben erkennen, aber oft sind sie auch einfach beschäftigt, mit säen und ernten, tragen und ablegen, diskutieren und Pause machen.

Alle paar hundert Meter sausen wir an einem Lehmhaus vorbei. Die Strasse gräbt sich immer höher, zwischen Felsen und Äckern mit den unmöglichsten Steigungen. „Hier in diesem Dorf bin ich aufgewachsen“, erzählt Ricardo. Er zeigt auf ein paar Häuser. Ich erblicke einen schönen Fussballplatz, und einen provisorischen Kiosk in einem Hauseingang. Ich kenne das schon, das ganze Dorf sieht aus wie nach einer Hungernot, aber der Fussballplatz könnte auch irgendwo in Dortmund stehen. Unglaublich. Es geht weiter, und so langsam merke ich, dass es schon spät ist. „Ich habe Hunger.“ „Ich muss aufs Klo, Mama.“ „Wir sind gleich da“, sage ich, auch wenn ich weiss, dass es wahrscheinlich noch eine Ewigkeit geht. Kurve für Kurve, auf über 3.500 Metern überm Meeresspiegel, winden wir uns über Schluchten, auf einer Strasse in den Steilhang gefräst, neben uns geht es 100 Meter in die Tiefe. Ricardo fährt vorsichtig, er will keinen Achsenbruch bei seinem Twingo, und er erklärt Didi ab und zu, wo der Wanderweg langgeht. „eigentlich müsst ihr die ganze Zeit an der Strasse langlaufen, bis ihr ins Dorf kommt“, sagt er. Und hier könnt ihr eine Abkürzung nehmen.“ Er zeigt auf einen Trampelpfad, der steil aus einem Wald kommt. Einmal fahren wir in dieser menschenleeren Landschaft an einem kleinen Laden vorbei, und ich lache. Wer will denn hier Chips und Cola kaufen? Und dann sind wir irgendwann da, noch ein Hügel, und dann sehen wir auf einer Anhöhe einen See, der da liegt wie auf einer Postkarte. Ich staune.

Ricardo lädt uns aus, verabschiedet sich und düst davon, wieder hoch und runter, anderthalb Stunden bis ins Tal. Wir steigen von der Strasse hinunter zum See. Ein paar Häuschen stehen geduckt im Schatten weniger Bäume. Alle zusammen können es nicht mal 15 Häuser sein, aber direkt an der Strasse liegt ein riesiges, grellweisses Gebäude mit einem bunten Zaun, der ein Rechteck bildet. Das passt so gar nicht in diese unberührte Landschaft und zu den matschfarbenen Bauernhäusern. Ich denke an aus dem Ausland finanzierte Kirchengebäude oder an ein Gefängnis. Der Zaun würde dazu passen. Ricardo hat gesagt, es ist ein Kindergarten. Verrückt.

Wir sitzen am Wasser und mampfen. Die Luft ist kühl, aber die Sonne sticht, angemessen zur mittäglichen Uhrzeit. Um uns herum kauen Kühe, und angebundene Pferde. Eine Frau trägt eine Unmenge Holz auf ihrem Rücken, an ihrem Bauch baumelt ein Kleinkind. Wir sehen keinen einzigen anderen Menschen weit und breit, das ist die einzige Chance, um nochmal nach dem Weg zu fragen. „Buenos Dias“, sage ich. „Sie tragen aber schwer. Eine Frage: Können Sie mir sagen, wie wir am schnellsten wieder runter ins Tal nach Curahuasi kommen?“ Sie lächelt mich an und überlegt. „Ihr könnt hier lang… da hinten gibt es…. runter runter…“ Sie spricht flüssig, aber ich verstehe nur Fetzen. Ich lächle wieder, versuche nachzufragen: „Also hier um den See?“ „Ja, und dann… gehen… Bach…“ Sie benutzt so viele Wörter, die ich nicht kenne, und irgendwie hat sie einen Akzent. Ich weiss, dass hier viele Leute Quechua sprechen, aber auf dem Markt unten im Tal können die Menschen eben beides, Spanisch und ihre indigene Sprache. Bei dieser Frau bin ich mir nicht so sicher. Ich versuche weiter zu lächeln und ihren Armbewegungen zu folgen. Ich weiss nicht, ob es Google Translate auch für Quechua gibt. Dann muss ich wohl mit dem weitermachen, was ich verstanden habe.

Wir laufen einmal um den See. Aber dort, wo die Frau meinte, wir sollen runtergehen, sehen wir keinen Weg. Also laufen wir wieder in Richtung Kindergarten, um dann der Strasse zu folgen, die wir auch mit Ricardo gefahren sind. Der Aufstieg auf die kleine Anhöhe ist anstrengender als gedacht. Beide Mädchen weinen, sie sind schon müde, und wollen getragen werden. Dafür ist es aber zu steil und zu heiss, ich schnaufe schon bei jedem Schritt. Ich glaube, wir sind ungefähr auf 4000 Metern. „Wer oben ist, bekommt ein paar Smarties!“, versuchen wir uns alle zu locken, und irgendwie schaffen wir es tatsächlich auf die Strasse. Dann trage ich unsere Jüngste, und Didi trägt die Grosse auf den Schultern. Wir folgen dem Weg, bis wir nach einer Kurve das ganze Panorama vor uns sehen. In der Ferne sehen wir sogar die Aluminiumdächer von Curahuasi in der Sonne blitzen, ganz klein und weit weg.

„Schau mal, die Strasse geht weiter hoch“, sagt Didi, und zeigt mit dem Finger auf die Strassenschlange, die auf einen Gipfel führt. Ich hechele. „Das schaffe ich nicht mit der Kleinen auf dem Rücken.“ Wir blicken den Hang hinunter, und entdecken einen Ziegenpfad. Er führt nach unten, und nach einer tiefen Schlucht führt ein Weg auf ähnlicher Höhe weiter. Könnte das ein guter Weg sein, der wieder zurück zur Strasse führt? „Lass es uns versuchen“, sagt Didi. „Das ist unsere beste Option. Der Taxifahrer hat ja auch von Abkürzungen gesprochen. Ein bisschen misstrauisch bin ich ja. Ich kenne Ziegenpfade. Die können auch plötzlich an einer Steilwand enden, denn Ziegen, die kennen nix. „Na gut.“ Wir beginnen mit dem Abstieg. Marschieren über Geröll, zwängen uns durch dichtgewachsene Büsche, aber ja, es ist ein Weg. Er führt am steilen Hang entlang ziemlich gerade aus, immer weiter auf Curahuasi zu. Wir sehen Bauernhöfe von weitem, Pferde in Wiesen, aber keine Menschen. Es ist heiss, es ist mittag, und irgendwie bereue ich, dass wir so spät erst losgegangen sind. „Wie viel Uhr ist es eigentlich?“, frage ich. „2 Uhr“, sagt Didi mit einem Blick aufs Handy. Schon? Wo sind die Stunden hin? Wir laufen weiter.

Der Weg wird manchmal breiter, und es zeichnet sich ab, dass wir gut durch die Schlucht kommen. Tatsächlich führt der Weg zwischen grossen Steinen hindurch. Manchmal müssen wir klettern, ab und zu ist es sehr steil. Die Kinder schaukeln sicher an unseren Körpern. Ich schwitze. Wir haben die Schlucht hinter uns gebracht, und laufen jetzt durch grüne Wiesen. Vor uns weitet sich der Hang zu einer kleinen Anhöhe, und dort steht ein einzelnes Lehmhaus, und davor weidet ein Pferd. Der Hund des Hauses hat uns schon gerochen und beginnt, Alarm zu schlagen. Didi und ich schauen uns an: Auf einen aggressiven Hund haben wir keine Lust. Wir schauen nach oben und sehen, dass wir nur knapp unterhalb der Strasse sind. Nur ein paar Höhenmeter. „Lass mal versuchen, ob wir hochkommen“, sagt Didi, und schlägt einen Tierweg ein. Doch schon nach wenigen Metern stecken wir in tiefen Dornenbüschen. Wie machen das diese blöden Ziegen? Der Hund bellt uns aus der Ferne wütend an, während wir Äste biegen und keuchend versuchen, Meter für Meter hochzukommen. Irgendwann haben wir es geschafft, wir sind auf der Strasse, die wir heute schon einmal lang gegangen sind. Erleichterung. 3 bis 4 Stunden nach unten, haben sie gesagt. Wie lange sind wir schon unterwegs? „Es ist 3 Uhr“, sagt Didi. Seltsam. Curahuasi winkt uns aus der Ferne zu, weit weg wie eh und je. Meine grosse Tochter darf jetzt in die Trage, sie mümmelt sich an meinem schweissgebadeten Rücken, während wir endlich mal schneller laufen. Strassen sind gut, hier muss man nicht über Steine steigen oder sich durch Büsche kämpfen. Wir laufen zügig, und endlich mal nebeneinander, so dass wir reden können. Das mag ich so am Wandern, einfach sich bewegen und die Gedanken springen lassen. Wir sprechen darüber, wie die letzte Zeit für uns als Familie war, wie wir uns momentan fühlen, und was wir uns für die nächste Zeit wünschen. Wir träumen uns in Visionen, und es macht mir Spass. Doch irgendwie, sobald ich auf die Strasse achte, merke ich, dass sie sich so zieht. Wir tauchen in jedes Seitental ein, und das Ende des Weges ist nicht in Sicht. Für Kurven, die von weitem so klein aussehen, brauchen wir eine halbe Stunde. Unser Wasservorrat geht zur Neige, zu essen haben wir nur noch 2 Äpfel und eine Handvoll Smarties. Curahuasi liegt weiter weg als noch am See. „Ich kann nicht mehr“, sage ich. „Ich muss einfach was trinken.“ Endlich biegt die Strasse um eine kleine Anhöhe, und da ist er, der kleine Schuppen an der Strasse, über den ich mich auf der Hinfahrt amüsiert habe.

Ich habe mich nie mehr über ein Wellblechdach und einen Schluck Wasser gefreut. Aus dem nächsten Bauernhaus kommt eine kleine Frau angerannt. Sie lacht uns mit ihren Zahnlücken an. „Na, wollt ihr was kaufen?“ Na klar. 2 warme Flaschen Wasser kann sie uns bieten. „Wie weit ist es denn noch bis Curahuasi?“, frage ich sie. „Uuuh, das ist noch weit. Puh, noch 3 bis 4 Stunden. Weit. Das wollt ihr noch laufen?“ Mein Herz platscht auf den Boden. So weit noch? Ich weiss gar nicht, was ich sagen soll. „Aber wenn ihr wollt, könnt ihr mit dem Auto fahren“, sagt sie und zeigt auf ein Haus am Horizont. Dann redet sie weiter, und ich verstehe nur Quechua. Anscheinend geht sie auch gleich runter ins Tal, und von dem Haus aus fährt jemand mit einem Sammeltaxi. Wenn wir Glück haben, sind noch 2 Plätze frei. Wir sollen uns aber beeilen. Sie geht auch, wir treffen uns dann dort. „Welchen Weg sollen wir denn nehmen?“ Na, immer der Strasse lang. Sagt sie lächelnd, nickt uns zu, und verschwindet auf einem steilen Trampelpfad, der mitten in eine Schlucht führt. So, als wäre sie ein Geist, und kein Mensch, ist sie auch schon wieder verschwunden. Verwirrt laufen wir weiter. Schnellen Schrittes, denn falls bei dem Haus wirklich ein Auto wartet, wollen wir das nicht verpassen. Es ist später Nachmittag, es wird schon langsam fröstelig im Schatten. Das Panorama vor uns ist wolkenlos schön, die Gletscher leuchten in der Sonne.

Aber ich habe keine Augen dafür. Die Kinder müssen laufen, ich brauche eine Pause vom Tragen, und wir scheuchen sie mit Liedern und Spielen vor uns her, immer weiter, immer weiter. Irgendwann kommen wir bei der Kurve an, auf die das Grossmütterchen gezeigt hat, und siehe da, es ist ein unbewohnter Schuppen. Seltsam. Eine Hirtenfamilie treibt ihre Kühe vor sich her. Ob sie wissen, ob noch jemand mit dem Auto herunterfährt? Sie schauen ratlos. Der Mann zeigt auf ein Auto, das sich nähert. Wir warten gespannt. Eine komplette Grossfamilie auf 5 Sitzen blickt uns gespannt nach, als sie an uns vorbeituckern. Die alte Frau von eben sitzt nicht drin. Die Hirtenfamilie sagt, wir sollen einfach den Berg herunterlaufen. 3 Stunden noch. Mein Kopf platzt gleich. Ich bin müde, meine Füsse tun weh, und ich will einfach nach Hause. Wir laufen weiter und versuchen, strategisch zu planen. Die Strasse schlängelt sich weiter durch Nebentäler, bis sie über mehrere Dörfer nach Curahuasi führt. Dörfer bedeuten Autos, aber ab 18 Uhr ist auch eigentlich Ausgangssperre. Ob wir dann noch einen Taxifahrer finden, der uns durch eventuelle Polizeikontrollen in die Stadt fährt? Es ist riskant. Von der Strasse gehen immer wieder Trampelpfade ab, die schnurstracks ins Tal führen. So einen könnten wir nehmen, aber wo genau kommen wir dann an? Mir kommen die Tränen, ich möchte einfach nicht mehr. Die Kinder beginnen zu singen und sich gegenseitig zu necken, als wir die befestigte Strasse verlassen und zwischen zwei Feldern einen Weg einschlagen. Eines auf den Schultern, eines in der Trage, schaukeln sie mit uns Meter für Meter hinunter. Jetzt könnte man so romantische Fotos machen, das Abendlicht, die tiefe Sonne, leuchtende Blumen und wogende Weizenfelder.

Aber nix hier, wir schweigen zerstritten. Es ist keine Zeit für eine Pause, die Füsse müssen weiter, immer weiter. Denn die Stadt ist noch klein. Wenn die Aluminiumdächer nicht mehr leuchten, müssen wir im Dunkeln laufen. Wir hüpfen über Wasserläufe, diskutieren vor jeder Schlucht gehetzt, welcher Weg am wahrscheinlichsten wieder herausführt. Wir essen die Äpfel im Gehen, und ich schimpfe über blöde peruanische Taxifahrer. „Jaja, im Ernst, 3 Stunden. Wer soll denn diesen Weg in 3 Stunden gehen? Da muss man doch fliegen können.“ Wir streifen Maisfelder, kürzen jede Serpentine durch Gebüsch und steile Wege ab, und irgendwann bin ich einfach nur noch eine Gehmaschine. Meine Energie reicht nicht mehr zum Denken oder Reden, einfach nur Schritt für Schritt für Schritt. Ich fühle mich wie eine Versagerin. Wenn ich daran denke, dass ich früher so lange Touren machen konnte und mich okay gefühlt habe. Wie kann es sein, dass ich jetzt so fertig bin? Es gibt kein Umdrehen, es gibt kein Anhalten. Nur weiter. Es tauchen immer mehr Bauernhäuser auf, und erstaunte Hirten, die uns zuschauen, wie wir gehetzt und mit zusammengekniffenen Lippen, zwei singende Kinder im Schlepptau, an ihnen vorbeieilen. Diese Ausländer, nie können sie an was Spass haben. Wir steigen Schluchten hinab und suchen nach Brücken, wir ignorieren bellende Hunde und grüssen die Heimkehrer auf den Pfaden: Frauen mit grossen Büscheln Heu, mit Brennholz auf dem Rücken, mit Kindern am Rockzipfel. Männer auf Pferden, ein Motorrad fährt den Berg hinauf mit 3 Passagieren. Wie weit ist es noch bis Curahuasi? „40 Minuten diesen Weg lang“, sagt eine Frau mit rotem, verwaschenem Rock. Die Sonne ist weg, die Dämmerung hat eingesetzt. Didi stoppt die Zeit. Weiter. Als wir nach einer Stunde die ersten Häuser von Curahuasi erreichen, kann ich es kaum glauben. Endlich. Aber wir müssen noch komplett durch das ganze Dorf laufen, unser Haus steht am anderen Ende des Talgrunds. Und lässt uns die Polizei überhaupt durch? Ich blicke um mich. Auf der Strasse ist viel los. Kinder spielen, Mütter tragen Einkäufe nach Hause, und Männer sitzen mit Gläsern in der Hand am Strassenrand. Hunde laufen uns neugierig hinterher. Es ist schon nach der Ausgangssperre, und es sieht mir nicht besonders gesperrt aus. Immer wieder kommen uns Mototaxis entgegen, diese umgebauten Motorräder, die auf der Rückbank Platz für 3 oder 4 Erwachsene haben, je nachdem, wie eng man sitzt. Leider fahren sie alle den Berg hoch und sind bis oben hin beladen mit Menschen, Kartons und Einkaufstaschen. Weiter, immer weiter. Als wir schon im Zentrum sind, haben wir Glück, und ein Mototaxi dreht sich nach uns um. Der junge Mann klappt die Tür auf und wir steigen ein. Im Dunkeln rattern wir durch das menschenleere Zentrum, Polizei sehe ich keine. Als wir an unserer Haustür ankommen, ist es halb acht. Wir haben fast doppelt so lange gebraucht, wie man uns gesagt hat, und sind ganz ohne Pause gelaufen. Wie kann das sein? Didi schaut auf sein Handy. „Wir sind heute 32 Kilometer gelaufen“, sagt er trocken.

Ich brauche ein bisschen, um diesen Tag zu verdauen. Denn ich wandere gerne. Es gehört irgendwie zu der Miri, die ich gerne wäre, dieses lange laufen können, Natur geniessen, Herausforderung auf einer Anhöhe suchen. Die Miri, die ich gerne wäre, hat an diesem Tag versagt. Sie war müde, hatte keine Lust mehr, war nur noch angenervt. Die Miri, die ich nicht gerne wäre, bräuchte einen Plan, eine Vorbereitung, eine Wanderkarte, ein Auto, eine Gondel, irgendwas. Dabei wäre ich doch so gerne die Abenteurerin, der das alles nix ausmacht, und die im Notfall auch noch irgendwo im Wald schläft. Und ich frage mich, wer ich dann jetzt bin?

Und dann sage ich mir immer wieder: Hallo, du bist 32 Kilometer gelaufen, und das mit Kleinkind am Rücken. Du bist lange über deine körperlichen Grenzen gegangen, und das auf einer Höhe, wo du in der Schweiz schon längst irgendwo auf einem Gipfel wärst. Du warst stark und flexibel, und es ist ja auch klar, dass man nicht so schnell vorwärts kommt, wenn man den besten Weg nicht kennt. Ich habe unsere Mitbewohnerin noch einmal gefragt, und sie meinte, nein, sie ist damals nicht an der Strasse langgelaufen, sondern an einem Bach. Aha. Und trotzdem frage ich mich, wie sie das wohl in 3 Stunden geschafft hat.

An einem anderen Tag sitze ich bei einem Deutschen, der hier wohnt und arbeitet, und erzähle ihm von meiner Verwirrung. Dass ich nicht glauben kann, dass wir 32 Kilometer gelaufen sind, und man uns gesagt hat, man bräuche dafür 3 bis 4 Stunden. Und zwar verschiedene Personen. Wie soll das gehen? Er lacht. „Ach, die Peruaner. Die können Zeit überhaupt nicht einschätzen. Die nennen einfach irgendeine Stundenanzahl. Die sind auch nicht so schnell, die nehmen die Zahl einfach nicht so wörtlich – und denn passt des scho.“ Das sitzt. Natürlich. Ich als Deutsche habe die Angabe einfach sehr genau genommen, und mich schon als Versagerin gefühlt, weil ich da irgendwie drunterliege. Aber wenn jemand einfach 3 Stunden sagt und eigentlich davon ausgeht, dass man den ganzen Tag unterwegs ist, dann kommt man mit 7 Stunden wahrscheinlich gut hin. Ich bin irgendwie erleichtert – und doch auch ertappt, weil ich einfach so neu in der Kultur bin. Wieder ein Punkt, der anders ist, wo ich mich anpassen muss, wo ich fünfmal nachprüfen muss, dass ich in keinem Missverständnis lande. Zu dem Abenteuer, das uns so lockt, das aus krummen Wegen, fehlenden Karten und Menschen mit Quechua-Akzent besteht, kommen noch unrealistische Auskünfte hinzu. Alles klar.

Es ist ein paar Wochen später. Die Blumen blühen immer noch, ab und zu regnet es, aber eher am Abend. Immer wieder schauen wir auf zum Hang mit dem See, wir können ihn von unserem Haus aus sehen, und fragen uns, wo wohl der andere Weg langgegangen wäre. Und eines Tages wagen wir es. Morgens gehen wir schon früh aus dem Haus, und es ist kein Twingo, in den wir uns zwängen, sondern ein alter Suzuki. Der Suzukifahrer nimmt einen ganz anderen Hang zum See hinauf, und wieder winden wir uns Kurve um Kurve die Höhenmeter hinauf. Als wir endlich am See ankommen, bin ich erleichtert. Wir finden den Weg mit dem Bach, und wir nehmen den ersten Hang und laufen an der Strasse hinunter. Als wir nach Stunden gemütlicher Wanderung, mit vielen Snacks und Pausen, ein Bauernhaus mit Mototaxi erreichen, fragen wir nach. Ja, der Schwiegersohn kann uns fahren. Der junge Mann kommt vom Feld gehechtet, zieht seine Maske über und wendet für uns. Wir winken den freundlichen Frauen neben dem Bauernhaus zu, und düsen den restlichen Berg hinunter, der Abendsonne entgegen. Es waren 18 Kilometer, die wir an diesem Tag zu Fuss zurückgelegt haben, voller Abenteuerlust und Wonne, voller netter Gespräche und mit vielen Wanderliedern. Aber in 3 bis 4 Stunden hätten wir auch das niemals geschafft. Und das ist auch voll okay.

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