Von Bilderrahmen und Sofakissen

Von Bilderrahmen und Sofakissen

/ 29. August 2020 /

Ich habe Schmacht. Auf florale Muster auf Kissenbezügen, auf goldene Kerzenständer und aufgeräumte Kinderzimmer mit Montessori-Regal. Seit kurzem verbringe ich mehr Zeit auf Pinterest als mit meinem Ehemann. Und das, obwohl wir den ganzen Tag nebeneinander sitzen. Denn meine Gedanken kreisen gerade darum, ein Zuhause zu schaffen. Und mittlerweile ist es mir wurschtegal, ob es mein eigenes ist oder nicht.

Bevor ihr jetzt denkt: Die Miri ist irre geworden und bricht die Reise ab und kommt in den nächsten Wochen nach Hause nach Europa – es ist nicht ganz so dramatisch. Ich nehme euch gerne mit auf eine Reise durch mein Innenleben, das im letzten Jahr auf mehreren Kontinenten und in unzähligen Wohnzimmern stattfand.

Seit mehr als einem Jahr sind wir jetzt unterwegs. Wir haben etwas Radikales getan: Wir haben einen Grossteil unserer Möbel verschenkt, haben jede Menge Gerümpel weggegeben und so viel Krempel in 2 Rucksäcke gepackt, wie wir eben dachten, mitnehmen zu müssen. Mehr besitzen wir nicht, und das, obwohl wir aus einer Gesellschaft kommen, die uns sagt, dass wir sind, was wir besitzen. Und dass Einkaufen glücklich macht. Ich kenne das auch: Die Befriedigung, neue Stiefel zu besitzen. Der Reiz des Schnäppchens. Und doch kenne ich auch etwas anderes. Das Loslassen, und welche Erleichterung es auslösen kann, wenig zu haben. Und deshalb hatte ich mich auf unsere Reise gefreut. Es macht mir Spass, minimalistisch zu packen, für mich ist das eine Herausforderung, so ein bisschen wie ein Wettbewerb. Mit wie wenig komme ich aus? Das Sortieren und Planen habe deshalb ich übernommen. Entschieden, dass wir keine tausend Babycremes und dafür ein Fläschchen Kokosöl einpacken. Die Spielsachen der Kinder strategisch aussortiert: Stifte zum Malen, Eimerchen zum Füllen, eine kleine Figur für Rollenspiele. Ausgerechnet, wie viele Unterhosen jeder von uns in einer Woche braucht. Dann war es Didis Aufgabe, all diese kleinen Päckchen so in die Rucksäcke zu stopfen, dass wirklich alles Platz hatte. Er ist gut darin. Und wir hatten auch nicht viel. Die ersten Monate schliefen wir ständig woanders, und so waren wir froh, dass wir so wenig dabei hatten und innerhalb von kurzer Zeit wieder unseren Kram zusammengepackt hatten und weiterziehen konnten. Ich fühlte mich befreit: Nicht mehr ständig Kleider nach Jahreszeit und Grösse sortieren, und weder ausgedehnte Einkaufstouren noch samstägliche Haushaltspflege. Keine kaputten Gartenschläuche, um die ich mich sorgen musste, und auch kein Staub in den Ecken, der mich anging. Der Staub gehörte den anderen, und bevor er zu viel wurde, waren wir schon wieder weg.

Dieser Lebensstil klappte ganz wunderbar, auch, weil wir so viele nette Gastgeber hatten, die uns Wäschetröge als Kinderplanschbecken, Geschirr zum Essen und Waschmaschinen zur Verfügung stellten. Als wir unverhofft einen Winteraufenthalt in Europa einlegten, versorgten uns Familie und Freunde mit Winterjacken, Kindersitzen und Skikleider für Ausflüge in den Schnee. Wir waren sehr dankbar, dass wir, obwohl wir so wenig im Rucksack dabeihatten, von Irland nach Teneriffa fliegen konnten, ohne zu erfrieren. Als wir dann für die nächste Etappe packten, waren wir schon etwas grosszügiger. Manche Sachen, die wir bis dahin nicht angefasst hatten, liessen wir in Deutschland zurück: Extra Aufladekabel, Reiseschnickschnack und irgendwelche schicken Packsäcke. Stattdessen drückten wir beim 4. T-Shirt ein Auge zu, akzeptierten, dass die Hälfte der Spielsachen mittlerweile aus Muscheln bestand, die wir um die halbe Welt trugen, und ein Moskitonetz und die Schnorchelbrille füllten schon die Hälfte eines Rucksackes aus.

Als wir dann nach Zentralamerika aufbrachen, waren wir uns einig, dass wir aber wieder etwas mehr Stabilität als Familie brauchten. Einen Ort, an dem wir länger bleiben würden, an dem unsere Kinder Spielgefährten finden würden, und an dem wir uns heimisch fühlen würden. Wir fanden diesen Ort bei einer netten Familie, und wohnten vier Monate lang in ihrer Einliegerwohnung. Die Wohnung war für ihre Freunde gedacht, die mal für ein Wochenende vorbeikamen, und dementsprechend minimalistisch konnten wir auch dort wohnen. Es fühlte sich gut an, mal wieder ein eigenes kleines Reich zu haben. Wir schliefen alle in dem einen Raum mit Küche, und verbrachten viel Zeit draußen auf der grosszügigen Terrasse. Der grösste Luxus war es, im Gegensatz zu vielen Leuten hier einen Ofen zu besitzen, in dem wir selbst Brot oder auch einmal eine Pizza backen konnten. Unsere Gastgeber liessen uns die Freiheit, Bilder an die Wand zu nageln, und so wurde mit ganz einfachen Mitteln die Wohnung für mich ein Zuhause, ein Ort des Wohlfühlens. Denn das hatte ich mittlerweile für mich herausgefunden: Dass ich das brauche, ein bisschen Deko, ein bisschen Ästhetik, die über einen Putzeimer neben der Tür hinausgeht.

Mittlerweile war ich durch viele Länder gereist war, wo das Geld nicht für einen neuen Wandanstrich reichte, und das Budget für Deko jeglicher Art ganz unten auf der Liste stand. Geschweige denn für Deko, die meinem europäischen Hipster-bürgerlich-Stil entspricht. Die Einrichtung, in die wir zusätzlich investierten, bestand aus Papier und einem Edding, Bilderrahmen und einem Stabmixer. Mit dem Edding malte ich Wellen und Palmen auf Papier, und verschönerte nicht nur die Wohnung, sondern verkaufte sogar noch ein paar Kunstwerke. Der Stabmixer leistete uns treue Dienste und zauberte Ananas-Shakes und selbstgemachtes Mango-Eis herbei. Ich hatte das Gefühl, gestalterische Freiheit zu haben, recherchierte alles über Treibholz-Möbel und hatte jede Menge Ideen, die ich alle nicht umsetzte, die sich aber befreiend anfühlten. Denn für mich ist Ästhetik wichtig. Ordnung nicht. Schönheit ja. Und das Gefühl, dass ich etwas gestalten darf.

Seitdem sind wieder einige Monate vergangen. Wir sind weitergereist. Die meisten Unterkünfte, in denen wir schliefen, waren für besserverdienende Touristen und nicht für Backpacker. Oft gab es weisse Bettwäsche und Handtücher, und manchmal sogar einen Pool. Wenn die Gastgeber sich an westlichen Touristen orientieren, dann hängen sie auch mal etwas an die Wand oder stimmen die Farben aufeinander ab. Das gefiel mir. Und so kam ich innerlich wieder ganz gut damit zurecht, nicht ständig putzen zu müssen, nicht in der Verantwortung zu stehen, dass die Gegenstände repariert werden, und meinen Rucksack immer einsatzbereit zu haben. Das Leben war schön.

Mittlerweile wohnen wir in einem funktionalen, gepflegten Holzhaus am Waldrand. Dort setzten ich und Didi uns mal auf der Terrasse zusammen, während unsere Kinder mit Gleichaltrigen von Felsen sprangen und Heuschrecken jagten, und diskutierten über unsere Zukunft.

Jetzt waren wir schon über ein Jahr auf Weltreise. Uns beiden wurde klar, dass wir gerne wieder zurück nach Europa gehen würden, und wieder in unser vertrautes Umfeld im Wallis eintauchen würden – wenn Job und die Situation es zulassen werden. Wieder anknüpfen, langfristig zusagen, wieder nahe bei Familie und Freunden sein. Wir freuen uns schon darauf, wieder dort zu sein. Und doch – jetzt noch nicht. Noch haben wir nicht das Gefühl, bereit dafür zu sein. Wir haben mit unserem Budget unterwegs sparsam gehaushaltet und haben keinen finanziellen Druck. Jetzt gerade geht es uns als Familie sehr gut, und es gibt noch so viel Unbekanntes zu entdecken in dieser Welt. Unsere Lust auf Neues ist noch nicht gestillt. Und auch, wenn wir in Corona-Zeiten nicht von Flughafen zu Flughafen düsen können, stört das unsere Entdeckerfreude nicht. Wir geniessen auch die für uns exotische Pflanze am Strassenrand, ein neues Wort auf Spanisch, eine unbekannte Bucht, die wir beim Spaziergang entdecken. Auch wenn wir noch ein paar Monate in Costa Rica bleiben, fühlen wir uns auf Reisen. Uns gefällt es hier sehr gut und das zu Recht.

Und kaum hatten wir diese Entscheidung gefällt, kaum hatten wir aufgehört, die Einreisebestimmungen von anderen Ländern stundenlang durchzulesen, kaum hatten wir uns darauf geeinigt, noch ein paar Monate aus dem Rucksack zu leben, da überkam mich die Schmacht.

Sehnsucht nach einer Wohnung, in der ich nicht Gast bin, sondern die mir gehört. In der ich Wände streichen kann, und Möbel aussuchen und Bilder aufhängen, die ich danach jahrelang angucken kann. Eine Wohnung, in der ich Vorräte anlege, in der Schulranzen an Haken hängen und in der ich Gäste einladen kann.

Appetit auf neue Kleider. Auf neue Muster und Stoffe. Auf unschuldige Stoffe, bei denen ich nicht schon jedes Loch kenne. Denn jetzt tragen wir seit einem Jahr die gleichen 3 Hosen, die gleichen 4 T-Shirts. Mittlerweile waren die Kinderkleider durch das Spielen im Sand, durch die öligen Pommesfingerabdrücke und durch das ständige Waschen ziemlich verfleckt und ausgeblichen. Ich hatte bei einigen Kleidern komplette Nähte doppelt und dreifach nachgenäht. Und plötzlich konnte ich es nicht mehr einen Tag länger aushalten, dass mein Oberteil so dünn geworden war, dass ich durchschauen konnte.

Die Schmacht nach einem Alltag, nach Besitz, nach einem Gestaltungsfreiraum.

Und da musste ich über mich selbst lachen. Waren das nicht alles Dinge, die mich vor einem Jahr noch so belastet hatten? Der Haushalt, vor dem ich geflohen war? Die Flut an Kleidern, die ich doch eigentlich nur aussortieren wollte? Der regelmässige Alltag, der die Tage wie auf Kassette vorspult, und den ich mit der Freude an unserem jetzigen unsteten Nomadenleben ausgleichen wollte? Woher kam denn jetzt diese plötzliche Sehnsucht nach all dem, was ich jetzt gerade nicht habe?

Je mehr ich in mich hörte, während ich in einer Hängematte lag und meinen Mädchen beim Spielen mit Stöcken und Steinen zusah, desto mehr wurde mir bewusst, wie sehr ich immer in der Zukunft lebe. Vor einem Jahr hatte ich all das, eine Wohnung, ein festes Umfeld, einen Job – und träumte mich weg in eine Welt voller Abenteuer, und fremder Kulturen. Und jetzt sitze ich in den Tropen, kann so viel Avocado essen, wie ich will, und träume mich in deutsche Wohnzimmer mit Couchgarnitur und Ikea-Tisch. Als würde mein Lebenssinn davon abhängen. Und dann muss ich herzlich darüber lachen, wie unstet mein Herz ist und wie sehr ich mich doch verirre, wenn ich immer im Voraus lebe. Ich stolpere dann über mich selbst. Und verpasse den Moment.

Das tat gut – mich selbst zu entlarven. Und doch half es im ersten Moment nicht gegen die Sehnsucht. Die war immer noch da, und bohrte sich in mein Herz. Weil unseren Mädchen die selbstgenähten Kleider ihrer Omi wirklich langsam zu kurz wurden, und ich die indischen Gewänder, die ich in Dubai gekauft hatte, am tropischen Strand aus Schweissgründen nicht mehr anziehen wollte, beschlossen mein Mann und ich, unsere Garderobe etwas auszutauschen. Jedes Mal, wenn jemand aus der Gemeinschaft, in der wir leben dürfen, in die nächste Stadt fuhr, um Besorgungen zu machen, durfte ich also mitfahren, um dann stundenlang durch die fremden Läden zu stöbern.

Hier in Costa Rica gibt es sehr viele Second-Hand-Läden, gefüllt mit Klamotten, die irgendwelche Menschen in den USA wahrscheinlich in einen Alt-Kleider-Container gestopft haben. Die meisten sehen aus, als wären sie nie getragen worden. Und so vergingen einige Bummeltage in der Stadt, und ich wühlte mich durch Berge von potentiellen neuen Lieblingsstücken für meine Mädchen und mich. Einen minimalistischen Kleiderschrank zusammenzustellen, der auch noch in einen Rucksack passen soll, ist gar nicht so einfach. Muster und Farben müssen kombinierbar sein, die Hosen der Kinder auch bitte schön dunkel, damit uns nicht das gleiche Schicksal blüht wie den vielen einheimischen Mamas hier, die wahrscheinlich täglich Flecken mit Chlor per Hand auswaschen. Und dann sollte der Baumwollanteil auch bitte noch schön hoch sein – denn wer will schon 90 Prozent Polyester bei 30 Grad im Schatten tragen? Die Angestellte, die mir beim Einkaufen im Kleidergeschäft zur Seite stand, musste ziemlich suchen, um mir Kleider zu bringen, die meinen Ansprüchen genügten. Innerlich tat sie mir leid und ich hätte mich gerne entschuldigt à la: „Lo siento, wir sind nun mal Minimalisten und da muss das wenige, was wir besitzen, nun mal gut und passend sein.“ Doch ich unterdrückte es. Denn wer weiss, vielleicht besitzt die Mama mit Baby, die neben mir einkauft, viel weniger als ich? Vielleicht bin ich als Minimalistin hier in Costa Rica einfach nur Mittelmass, weil andere einfach immer wenig besitzen.

Und dann war da noch der Hunger nach der Wohnung. Hätte Facebook mir per Schleichwerbung vorgeschlagen, ein Masterstudium zur Innenarchitektin zu machen, ich hätte sofort draufgeklickt. Einfach die Lust, einen Raum gestalten zu dürfen, Stoffe auszusuchen, Bilder zu malen, einen Ort zu schaffen, der ein Zimmer in ein Zuhause verwandelt. Zum Glück gibt es Pinterest. Dort suchte ich dann Fotos und Eindrücke, die mein Bedürfnis nach Ästhetik bedienten. Die zeigten, wie man alte Möbel restauriert, welche Küche gerade Mode ist und wie man ein Kinderzimmer einrichten kann. Stundenlang sass ich da, und konnte nachts erst einschlafen, wenn vor meinem geistigen Auge eine perfekt eingerichtete Wohnung erschien, voller Regenbogen für Mila, und voller Farbe und floraler Applikationen für mich. Ich richtete meine Augen aufs Handy und auf meine Träume, und weg von den tropischen Blumen, die in allen Farben vor meinem Fenster wachsen. Die waren mir jetzt gerade egal. Alles, woran ich denken konnte, war, wie glücklich ich sein würde, wenn ich so einen Wohlfühlort geschaffen hätte. Wie ich mich dann wohl fühlen würde.

Und dann war – auf einmal – der Moment gekommen, an dem meine Sehnsucht so gross wurde, dass sie meine Pläne zu kippen drohte. Es war irgendwann nachts, alle anderen schliefen schon, und ich lag wach im Bett und konnte das Handy einfach nicht aus den Händen lassen. Und da fühlte ich, dass ich mich entscheiden musste. Wollte ich weiter dem Muster folgen, einem Traum hinterherzujagen? In der Zukunft zu leben und die Gegenwart zu verpassen? Was, wenn der Traum sich als unperfekt und nicht erstrebenswert herausstellte? Wenn ich dann wieder unglücklich sein würde, und mich nach dem tropischen Strand zurücksehnte? Und in dem Moment entschied ich, dass ich mein Glück nicht davon abhängig machen wollte. Und schwupps – genau in dem Moment hatte die Schmacht ihre Macht verloren. Wahnsinn.

Seitdem geht es mir wieder besser. Ich staune mit meinen beiden Mädchen über die Blumen vor unserer Haustür. Ich bin immer noch am Handy und labe mich an farblich aufeinander abgestimmter Bettwäsche. Am liebsten würde ich mir eine App kaufen, in der man Zimmer einrichten kann. Einfach so, weil es mir Spass macht. Aber es hindert mich nicht mehr, in der Realität zu leben. In einer Realität, in der ich wenig besitzen darf. In der ich nicht die Pflanzen giessen muss, in der ich nicht daran denken muss, dass die Fugen mal wieder angestrichen werden müssen. Eine Realität, die mich als beschenkter Gast empfängt. Es geht mir auch besser, seitdem wir ein paar Kleider ausgetauscht haben. Mit ein paar wenigen neuen Stoffen und einigen ungeflickten Tshirts fühle ich mich ganz satt. Einige Teile mussten wir wegwerfen, weil sie im Kleiderschrank angeschimmelt waren und wir die Flecken nicht mehr wegbekamen (die Tropen sind immer noch neu für mich und solche Sachen überraschen mich auch nach vielen Monaten noch). Andere durften wir weitergeben und andere Menschen freuen sich jetzt daran. Unsere wenigen Kleider passen wieder in den Rucksack, denn diese Woche geht es weiter.

Und das ist das schöne am Minimalismus: Wenig zu besitzen gibt mir die Freiheit, unser Gehirn mit Menschen, mit Reisen, mit Sprachen zu füllen. Ohne innerlich zu zerbrechen an der Last der Gedanken, weil ich ja eigentlich alles gut machen will. Und für den Rest, für die Stunden, in denen ich mir ein vollgestelltes Wohnzimmer und ein Haus voller Möbel wünsche, für die Stunden Schmacht am Abend –

dafür gibt es ja zum Glück Pinterest.

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