Unbekanntes Terrain

Unbekanntes Terrain

03. März 2021

Felskanten, die zwischen den Wolken herauslugen. Blühende Bäume, blühende Gräser, Lämmer auf Weiden. Sonnenstrahlen, die alle Kleiderschichten durchdringen, die sich einfräsen. Es ist heiss. Ich bin in Peru, irgendwo in der Nähe von Cusco. Und bleibe erstmal.

Wir sind in einem kleinen Dorf angekommen. Hier gibt es ungestrichene Lehmhäuser, Schweine auf den Strassen und jede Menge Deutsche. Die arbeiten hier nämlich für ein Missionskrankenhaus – Diospi Suyana heisst das. Viele von ihnen sind Ärztinnen und Ärzte, Lehrer, Sozialarbeiter oder sonstige Fachkräfte. Gemeinsam mit Peruanern, die aus Lima hierherziehen, wollen sie den Menschen hier Gutes tun. Den Menschen – das sind die Indigenen, die hier schon immer leben. Frauen mit starren Hüten und knielangen, bauschigen Röcken, Männer auf zu Rischkas umgebauten Motorrädern, Kinder, die am Strassenrand spielen. Die medizinische Versorgung in dieser Region ist nicht so gut, ebenso wenig die Bildung, der Zugang zu Hilfen für Familien. Alkoholabhängigkeit und Missbrauch ist hier ein grosses Problem, wird uns erzählt. Die Ausländer behandeln alte Augen, fertigen Prothesen, unterrichten die Kinder, hören zu. Manche bleiben länger, viele gehen nach drei Jahren wieder. Zwischen ungestrichenen Lehmhäusern ragen immer wieder weisse Bauten hervor, und in manchen davon kann man hervorragend warm duschen oder bekommt sonntagmorgens Hefezopf.

In einem von diesen Häusern dürfen wir auch leben. Es fehlt uns an nichts. Wir haben sogar einen Sparschäler. Leute, ein Sparschäler. Toaster und Mikrowelle auch. Zum ersten Mal seit einem Jahr essen wir morgens knusprigen Toast und wärmen abends auch mal was auf. Gefühlt stehe ich 2 Stunden weniger in der Küche pro Tag.

Am besten gefällt mir hier das Einkaufen. Man kann in kleinen Geschäften einkaufen, da gibt es Windeln und Shampoo und das besagte Toastbrot. Dann gibt es Geschäfte, da stehen grosse Säcke mit Mais, Mehl oder Quinoa herum. Und dann gibt es die kleinen Läden, die bis zur Decke voller Früchte sind. Da sitzen Grossmütter, und eifrige Neffen, und manchmal noch irgendwo ein gelangweiltes Kleinkind. Und dann gibt es den Markt, das ist eine grosse Halle, auf der vor allem Frauen auf Tüchern und an Ständen Gemüse verkaufen. Es riecht nach altem Fleisch, denn direkt nebenan sägt ein geschnurrbarteter, schwitzender Mann an einem Rindstorso herum.

Mich erinnert das an Zeiten, in denen ich als junge Frau (heute fortgeschrittenen Alters) auf kirgisischen Märkten um Kilopreise für Karotten verhandelte, gute Beziehungen knüpfte und ganz viel Fremdheit erfuhr. Schöne Erinnerungen, hervorgerufen durch ein stinkendes Stück Fleisch. Jetzt suche ich nach Basilikum, aber ich sehe nur grosse, grüne Büschel, die ich nicht erkenne. Ich rieche mich durch die Maske durch und kaufe ein Kraut, das aussieht wie Unkraut. Es riecht gut. Links erstehe ich zwei Kilo Tomaten von einer Frau mit Hut, rechts sammle ich Knoblauch und Zwiebeln bei einer Mama mit Baby auf dem Rücken eingebunden ein. Und dann ist da eine Frau, die verkauft Pilze. Wahnsinn, hatte ich auch schon lange nicht mehr. Wir reden ein bisschen, und dann sehe ich, dass sie Brötchen in einem Korb verkauft. Schön goldbraun gebacken, so, wie ich sie bei unserer Mitbewohnerin auf dem Frühstücksteller auch schon gesehen habe. „Ich hätte gerne 7 Brötchen“, sage ich. Die Frau schaut mich unter der Maske irritiert an, und dann murmelt sie etwas von „2“ und packt zwei Exemplare vorsichtig in eine der vielen Plastiktüten, die hier täglich verbraucht werden. Ich versuche, die Tüten aufzuheben und dann wiederzuverwenden, wenn ich das nächste Mal vor einer Marktfrau stehe. Es ist nicht so einfach, denn ganz oft bekomme ich den Knoten nicht mehr auf und zerreisse sie dann. Ich nicke dankend, nehme die Tüte in Empfang. Mann, ist die schwer. Was machen die hier in ihre Brötchen rein?

Am nächsten Morgen darf ich ausschlafen, denn Didi ist heute an der Reihe, mit den Kindern aufzustehen. Erst um sieben Uhr öffne ich die Augen, und bleibe noch ein wenig im Bett liegen. Als ich an den Esstisch wanke, freue ich mich schon auf das neue Brot. Die Eier brutzeln schon in der Pfanne, die Tomaten sind geschnitten, als ich die Brötchen aus der Tüte nehme und anschneide.

Das Brötchen ist ein Käse.

Er bröselt, er riecht rauchig, und er ist schwer wie ein Stein. Kein Wunder. Didi und ich lachen uns schlapp. Dann hole ich das weisse Toastbrot aus dem Schrank, und wir frühstücken. Und ich denke.

Ich denke, wie stark mein Wunsch nach Brötchen war, als ich auf dem Markt stand. Da habe ich die braunen Kugeln gesehen, und sofort das Gewünschte bestellt. Ich habe noch nicht einmal die Frau gefragt, was das überhaupt sei. Voreilig. Mit meiner Perspektive bin ich an die Sache herangegangen und noch nicht einmal das Gewicht hat mich stutzen lassen. So stark war meine Perspektive. Und dabei versuche ich ja schon, so offen wie möglich unterwegs zu sein. Sowas aber auch. Die Pilze, die ich gekauft habe, waren übrigens getrocknete Kartoffeln. Ich nehme mir vor, dass mir das nicht noch einmal passiert.

Am Tag zuvor waren wir in die Berge gestiefelt. Für uns als Familie ein grosses Unterfangen, denn wir schleppen nun einmal zwei Kleinkinder mit. Uns ist echt wichtig, dass unsere Kinder auch auf ihre Kosten kommen und eine schöne Kindheit haben, und nicht von ihren wanderlustigen Eltern traumatisiert werden. Und doch sind wir beide einfach so, wir wollen hoch und wir wollen lange laufen. Das haben wir ihnen so gesagt, und mit ein wenig Gemecker ging es los. Alles blüht hier: Bäume, Gräser, in allen Farben des Regenbogens.

Die Sonne knallte schon auf uns herunter, als wir uns durch die Felder im Tal bewegten. Links und rechts standen Menschen mit riesigen Hüten auf den Äckern, gebückt, in der Erde stochernd. Manche winkten, andere waren zu konzentriert auf ihre Arbeit. Am Feldrand sah man manchmal einen Teenie mit Ziegen sitzen, oder Kleinkinder herumrennen. Ich sah das, und ich versuchte, mir vorzustellen, das sei ich. Wie langweilig. Mit Mama mitmüssen, und sie arbeitet, und ich bin ganz alleine, und muss irgendwie bei ihr bleiben. Ich schüttle diesen Gedanken wieder ab. Nur weil ich so fühlen würde, muss das ja nicht der Realität entsprechen. Ich will doch so offen wie möglich sein, nicht voreingenommen. Wir laufen weiter. Jetzt lichtet sich der Himmel, und die Sonne brennt noch stärker. Gerade, als wir uns dem steilen Feldweg nähern, den wir hochwollen. „Ich kann nicht mehr“, jammert Sefina an meiner Hand. „Wir schaffen das“, ruft unsere ältere Tochter ihr zu. Sie hüpft von Stein zu Stein. Auch ich beginne zu schnauben, und kann das Lied, das ich gerade gesungen habe, nicht mehr weitersingen. Ich bin voll aufs Atmen konzentriert. Wir sind gerade mal auf 3000 Metern, wie würde es mir denn auf 4000 gehen? Wir nehmen Serpentine um Serpentine, in der knallenden Sonne und über den staubigen Boden. Als wir um eine Kurve kommen, starren uns 4 kauende Ziegen an. Von weitem hören wir eine Kinderstimme. Das ist bestimmt eine Hirtin mit Anhang, denke ich. Doch als wir weitergehen, stolpern wir auf dem Weg fast über vier Kinder. Alle sehen aus, als wären sie hier täglich, so tiefbraun und trocken ist ihre Haut. Sie grinsen neugierig und scheu. Ich reiche ihnen die Tüte voller Erdnüsse, die ich die ganze Zeit in der Hand halte. „Wollt ihr?“, frage ich. Da lachen sie und greifen zu. Ich versuche, mir ihre Namen zu merken. Eine heisst Rosie. Es sind drei Mädchen und ein Junge. Der Junge heisst Hector und ist vielleicht 9 Jahre alt. Als ich die Kleinste nach ihrem Alter frage, sagt sie: 6 Jahre. Ich schlucke. Mila wird im Sommer genauso alt. Ob ich sie alleine hier am Hang mit Ziegen lassen würde? Wir laufen weiter. Manchmal, wenn wir eine Pause machen, überholen uns die Ziegen und die schüchtern kichernden Kids. Dann holen wir sie wieder ein und winken ihnen zu. Und so vergeht die letzte Stunde, bis wir endlich alle oben angekommen sind. Mila und Sefina sind froh, dass sie jetzt nicht mehr laufen müssen, und rennen auf der flachen Wiese herum. Die Aussicht ist gigantisch. Am Rande der Wiese geht es steil herunter, mehrere hundert Meter in eine Schlucht, durch die ein Fluss donnert.

Dahinter türmt sich Gebirge, ein Krater neben dem anderen, ein Gipfel, der sich vor den anderen drängt. Es ist atemberaubend. Ich merke, dass ich jetzt über ein Jahr nicht mehr irgendwo erhöht stand, denn ich bekomme Angst. Was, wenn jemand zu nah an den Rand tritt? Was, wenn irgendwo einer der Felsen, auf dem wir stehen, abbröckelt? Was, wenn die Tiefe gewinnt? Ich trete instinktiv zurück, auf das Gras, auf sicheren Grund. Ein Schaf manövriert sich um mich, und geht möglichst nah an den Abgrund, um dort die letzten Grashalme zu knabbern. Die Kinder sind auch gerade angekommen, jedes hat die Hand voller Steinchen. Eines nach dem anderen treten sie an den Abgrund, und werfen die Geschosse, so weit sie können. Es ist zu tief, um einen Aufprall zu hören. In mir zuckt alles. Ich sehe die 6-Jährige da unbekümmert stehen, und frage mich, was jetzt normal ist: Meine Angst oder diese absolute Sorglosigkeit um mich herum. „Ich bin nicht ihre Mama“, murmle ich mir selbst innerlich zu und ziehe meine kleinste Tochter zu mir her. Wir trotten wieder auf die Mitte des Plateaus, und legen uns ins Gras. Direkt kommt eine der Ziegen, und versucht, unseren Rucksack zu öffnen. Fehlanzeige. Auch die anderen Kinder kommen lachend angelaufen. Ein Mädchen hat einen toten Vogel aus einem Wasserbassin gezogen. Sie legt ihn vor sich ins Gras, und begutachtet ihn. Alle anderen Kinder sind gebannt, auch wenn sich keiner getraut, das tote Tier zu berühren. „Gestern war er noch nicht da“, sagt sie. Ich schaue den Vogel angewidert an. „Du weisst, dass tote Tiere Krankheiten übertragen können“, sage ich ihr. Hier oben gibt es kein Wasser zum Hände waschen. Unwillkürlich packe ich die Erdnüsse in den Rucksack, ich möchte sie niemandem mehr anbieten. Das Mädchen lacht mich an und beginnt dann unbekümmert, den Vogel zu rupfen. Nach kurzer Zeit hat sie eine ganze Handvoll Federn auf dem Gras produziert und alle Kinder, inklusive unserer Mädchen, schauen ihr andächtig zu. Sie spreizt die Flügel des Vogels und betrachtet jede einzelne Feder sehr genau. „Dir gefällt es zu lernen, oder?“, frage ich sie. „Oh ja. Ich liebe Schule“, sagt sie. Die Kinder erzählen. Seit einem Jahr waren sie nicht mehr in der Schule. Stattdessen gibt es per Fernseher Lernprogramme und auch Arbeitsblätter von ihren alten Lehrern. Doch zu Hause lernen gefällt ihnen nicht. Deswegen kommen sie momentan jeden Tag mit den Ziegen und Schafen hier hoch. Sie dürfen nicht unten grasen, denn dort ist alles voll mit Kartoffel- und Maisfeldern. Hier oben, auf dem Berg, gibt es genug Gras für die Tiere. Sie fragen uns, was wir hier machen. Wir sind auf Besuch. „Wir wohnen beim Waisenheim“, sage ich. Und ich frage, ob sie das kennen. Sie blicken verdutzt. Vielleicht habe ich das falsche spanische Wort benutzt. „Das ist ein Haus für Kinder ohne Familie“, versuche ich mich besser auszudrücken. „Die Kinder wohnen dort, haben ein Zimmer mit Betten, und einen Spielplatz. Sie haben dort auch Unterricht.“ Wir wohnen direkt nebenan und spielen manchmal zusammen Fussball. Das Heim wird momentan von einer deutschen Familie geleitet und wir durften schon viele Fragen stellen, wie es so läuft. „Ah, ich glaube, ich weiss, wo das ist“, sagt das Mädchen mit dem Vogel in der Hand. Hector, der Junge, strahlt mich an, und dann platzt es aus ihm heraus: „Oh, ich würde sooo gerne in dem Heim wohnen!“ Ich bin verdutzt. Damit habe ich nicht gerechnet. Ist das seine Art von Humor, oder ein ernstgemeinter Ausruf? Die anderen Kinder schauen ihn auch komisch an. „Aber das ist doch für Kinder ohne Familie. Du hast doch eine Familie.“ Hector sagt nichts mehr und steht auf. Auch wir stehen auf. Wir müssen weiter. Vor uns haben sich die drei Schafe im Hang eingenistet, sie stehen da kauend. „Geh sie holen“, befiehlt Hector scharf zu der Kleinsten in der Gruppe. Die 6-Jährige steht seelenruhig auf und läuft mit uns. Während die älteren Kinder in der Wiese liegen, ist es ihre Aufgabe, die Schafe wieder zurückzuführen. Die Tiere sind störrisch, und das Mädchen klettert in den Hang. „Sei vorsichtig“, rufe ich ihr noch zu, und dann ist sie schon in der Wand verschwunden.

Wir laufen weiter, den Bergrücken entlang. Auf beiden Seiten sieht man tief in die Täler. Ich halte meine ältere Tochter an der Hand, damit sie auf dem Geröll nicht ausrutscht. Ich stelle es mir vor, wie sie in einem Jahr in einen Hang klettert, um ein Schaf herauszuscheuchen. Es geht über meine Vorstellungskraft.

Diese Welt hier ist so anders. Hier ist es normal, dass Kinder aufeinander aufpassen. Dass man hart arbeiten muss. Dass die Natur da ist, und hart ist, und alles ist, was man hat. Hier weiss jeder, was Käse ist, und was Brot. Dass es kein warmes Wasser gibt, und Internet ein Luxusgut ist. Hier sind die Abläufe bekannt, wann was wächst, und wer mit wem verwandt ist. Ich bin die Unnormale. Die Weisse und ihre Perspektive auf die Dinge. Ich kann denken: Wie verwahrlost diese Kinder. Ganz alleine. Bestimmt lieben ihre Eltern sie nicht. Oder ich kann denken: Wie romantisch. Diese ursprünglichen Menschen. So nah an der Natur. In meinem Kopf sausen die Stimmen hin und her. Ich kenne sie aus Büchern, aus Meinungen, aus meiner Kultur, aber auch aus Gesprächen, aus Begegnungen, aus meinem Kopf. Wenn ich versuche, das Erlebte einzuordnen, habe ich den Impuls, irgendeine Brille anzuziehen. Einen roten Faden herzustellen. Sonst macht das alles keinen Sinn, diese komplexe Welt.

Ich weiss nicht, warum der Junge gesagt hat, dass er ins Waisenheim ziehen möchte. Ich weiss nicht, wie schlimm es wirklich war, diesen toten Vogel anzufassen. Ich kaufe Käse auf dem Markt und es ist Brot. Ich kaufe Brot auf dem Markt und es ist Käse. Ich kaufe etwas, das aussieht wie Pilze. Es sind Kartoffeln. Die Welt ist anders, als sie für mich aussieht. Sie ist komplex, sie ist voller Liebe, und sie ist erschreckend oft lieblos. Sie ist schön, und sie ist zerstörerisch, manchmal gleichgültig und voller Widersprüche. Und ich weiss, dass ich nur ganz, ganz wenig weiss.

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