Über die Schwelle

Über die Schwelle

10. Juni 2020

Nach einem Leben mehrere Monate auf den selben Quadratmetern fühlte es sich an, als wäre das Vertrauen geschrumpft. Auf das, was bekannt war, und das war in diesem unübersichtlich fremden Land nicht viel für uns. Die Aufstellung der Palmen, die Ankunft der Moskitos pünktlich um 17:10 jeden Abend. Die Anordnung der Ketchup-Flaschen im Kühlschrank, das Leben als Kleinstfamilie. Aufgrund von Corona hatten wir keinen Kontakt zu den Menschen um uns herum aufgenommen, und hier auf unserer kleinen imaginären Insel gemeinsam mit unserer Gastfamilie die Wochen vorbeiziehen gesehen. Das Internet war unser Tor in die Aussenwelt, und verriet einen Blick auf chaotische Zustände, Angst und Distanz. Anfang Juni war es dann soweit: Wir wollten durch dieses Tor treten, über die Schwelle wieder in eine Wirklichkeit ausserhalb der vertrauten Isolation. Und wir konnten uns nicht vorstellen, wie es wohl sein würde, uns durch eine unsichere Welt zu bewegen, unsere zwei grossen Rucksäcke auf dem Rücken und unsere zwei Mädchen an der Hand.

Wir konnten es uns nicht vorstellen, weil unser Blick eingefahren war. Die Perspektive, die wir uns in der Quarantäne angeeignet hatten, flüsterte uns zu, dass jeder Passant potentiell einen tödlichen Atem haben könnte. Dass wir eigentlich in dieser Isolation bleiben müssten, und dass unsere Lust auf Reisen und Unterwegssein nicht angebracht war. Unsere Brille zoomte auf die Grösse von Bakterien und Viren, und verlor die Menschen aus den Augen, die plötzlich nach Monaten aus der Ferne auftauchten und sich bedrohlich näherten. Irgendwie hatten wir uns in Hypochonder verwandelt.

Die letzte Zeit an dem wunderbar ruhigen Strandort nutzten wir, um mit unseren Fahrrädern noch die Gegend zu erkunden, etwas, was wir in der Quarantäne nicht gemacht hatten. Stundenlang fuhren wir durch Dschungel und an Feldern vorbei. Von weitem grüssten uns Menschen, die in ihren Gärten arbeiteten oder vor ihren Häusern sassen. Das Wellenrauschen immer nur ein Windhauch entfernt. Ich fühlte mich befreit, meinen Körper wieder zu spüren und die Kraft, die mich weitertreibt. Wir alle waren ausgeglichen und erfreuten uns an der Szenerie vor uns. Wäre da nicht meine Kette. Die sprang nämlich irgendwie häufiger ab. Statt elegant Schlaglöcher zu umschiffen und den Wind in den Haaren zu spüren, wurde ich in kurzen Abständen unsanft vom Velo katapultiert und humpelte am Strassenrand entlang. Wir waren ziemlich weit weg von unserem Haus und standen etwas ratlos am Waldrand. Was sollten wir denn jetzt machen?

Wie aus dem Nichts tauchte eine hagere Frau auf, sie trug Flipflops wie wir und hatte eine Plastiktüte untergehakt. „Buenos dias, que paso?“ fragte sie voller Freundlichkeit in der Stimme. Wir tauschten ein paar Floskeln aus, und dann meinte sie, nicht weit würde ein „mechanico“ wohnen, und sein Name sei „Mi-kael“ und er könnte unser Fahrrad bestimmt flicken. Und mit freundlichem Ton zog sie von dannen, durch das Dorfzentrum, das mehr nach Waldlichtung aussah. Wir waren irgendwie erleichtert, aber stellten dann fest, dass wir kein Geld dabei hatten, um irgendjemanden zu zahlen, noch, dass wir genau verstanden hatten, wie weit es noch zu diesem Michael (oder vielleicht doch Miguel? Vielleicht hatte sie den Namen bewusst übersetzt) sei. Und so drehten wir gerade um, um doch den langen Weg nach Hause anzutreten, als das Fahrrad wieder zusammenbrach. Ein Motorradfahrer, an dessen Rücken sich ein Junge klammerte, hielt voller Mitleid an. Er schaute uns eine Weile zu, und dann fragte er, was wir vorhaben. Ich sagte, wir hatten gehört, dass ein gewisser „Miguel“ hier wohne und eventuell würden wir zu ihm gehen, um das Velo reparieren zu lassen. Er schaute mir direkt in die Augen. „Miguel? Sicher?“ „Jaja, so ein Mechaniker.“ „Heisst er wirklich Miguel? Oder besser Mike? Denn ich bin Mike.“ Und da hätte ich gerne meinen Gesichtsausdruck gefilmt, damit ich ihn jetzt beschreiben könnte. Es muss es wert gewesen sein, denn Mike schaute mich mit trockenem Humor an und führte uns zu seinem Haus. Unglaublich dankbar trotteten wir hinterher und überlegten noch, wie wir die Sache mit dem Geld regeln würden. Mike wohnte in einer Hütte direkt am Strand. Der Hintergrund sah aus wie im Film: Palmen vor türkis glitzerndem Wasser, strahlender Sand und perfekte Wellen zum Surfen. Doch der Vordergrund war so anders als meine Quarantänevertrautheit. Während wir unsere Monate in einem festen Haus mit Fliegengittern und Ventilatoren verbracht hatten, wohnte Mike mit seinen fünf Kindern in einer offenen Wellblechhütte. Ein Traum für Surfer, aber ein Horror für moskitosensible Hausfrauen. Ich musste daran denken, wie am Abend vorher ein Termitenschwarm neben unserem Haus geschlüpft war. Die Luft war schwarz von den laut schwirrenden Tierchen, die durch alle Ritzen in unsere Wohnung drängten, immer aufs Licht zu. Mikes Werkstatt war ein Tisch mit Wellblechdach, auf dem er Fahrradschläuche und jede Menge Werkzeuge aufbewahrte. Während er mit dem Hammer meine Kette wieder in Form brachte, plauderte ich mit seiner Frau. Und die Kinder kamen neugierig auf unsere blonden Mädchen zu, die sich schüchtern hinter meinen Beinen versteckten. Und da durchzuckte es mich, diese Perspektive: Das ist unser erster Kontakt mit der Aussenwelt, mit Menschen, die wir nicht kennen. Und so viele Kinder. Vor meinen Augen rasten Viren durch die Luft, und jeder Meter Abstand wurde genau ausgemessen. Es war schwierig, mit dieser Brille normal mit den anderen zu sprechen, die Kinder freundlich anzuschauen. So, als gäbe es aus dieser Sicht keinen Pinselstrich für Menschlichkeit. Unsere Mädchen rannten dann irgendwann durch den Sand, und die anderen Kinder mit einiger Entfernung auch, und ich liess es geschehen.

Mike war mittlerweile fertig, und wir fragten ihn, ob wir ihn nächstes Mal bezahlen dürften. Wir würden noch einmal zurückkommen vor unserer Abreise. „Ihr reist weiter?“, fragte er, und seine Augen verengten sich misstrauisch. Er trug anscheinend die gleiche Brille. „Ja, wir dachten, wir reisen nach San Vito. Das ist nicht weit weg und es soll sehr schön sein. Was wir danach machen, wissen wir noch nicht.“ „Mhh“, meinte Mike. „ihr wisst schon, dass es in San Vito zwei Fälle mit Corona gab? Das ist sehr gefährlich. Ich würde da nicht hingehen.“ Er erzählte uns, dass er seit Monaten sein Dorf nicht mehr verlassen hat, und nur bis zum nächsten Supermarkt fuhr. Hier, in diesem Teil von Costa Rica, ist in all den Monaten kein einziger Mensch angesteckt worden, und Mike fühlte sich hier sicher. Seine vertrauten Quadratmeter. Er hatte keine Hemmungen, dass wir hier waren, und dass er unser Velo reparierte, aber er würde nie nach San Vito fahren. Wir dankten ihm und sagten ihm, dass wir seinen Rat gerne entgegennehmen würden. Wir sahen uns einige Tage später wieder, verschwitzt und glücklich und bezahlten unsere Reparatur, und Mike fragt uns, ob wir immer noch nach San Vito wollten. „Si.“ Er sagte uns, er wünsche uns Gottes Segen.

Und wir fragten uns selbst: Sind wir leichtsinnig? Unser Umfeld sagte uns, San Vito sei eben wunderschön, aber dort gab es zwei Menschen, die positiv auf Corona getestet wurden. Damals, das war ja auch schon vor 2 Monaten, als wir das auf Facebook lasen und in den Whatsappgruppen, in denen sich solche Nachrichten in Sekunden verbreiteten, waren wir selbst verängstigt gewesen. Was, wenn in dieser abgeschiedenen ländlichen Gegend alle krank wurden? Wenn viele gleichzeitig ins Krankenhaus stürmten, wenn man sich beim Einkaufen oder Fahrrad fahren anstecken konnte?

Wir entschieden uns trotzdem, nach San Vito zu gehen. Einfach, weil wir nicht viele andere Optionen hatten, die nicht stundenlange Busfahrten beinhalteten. Ich las mir mehrmals die Anweisungen der Regierung durch, die meinen Facebookfeed durchsetzten. Hände waschen. Abstand halten. Nichts anfassen. Im Bus Maske tragen. Das schaffen wir.

Unsere Gastfamilie bot uns an, uns in die nächste Stadt zu fahren, um uns eine fast 3-stündige Busfahrt zu ersparen. Das war sehr nett von ihnen, und wir nahmen das grosszügige Angebot gerne an. Als wir an der Bushaltestelle ausstiegen, spürten wir die Tür zum vertrauten Zuhause hinter uns zuknallen. Auf unserer Nase sass fest die Brille der Angst und hinterliess Schweissflecken. Jetzt waren wir hier in diesem Gewusel von Menschen und Autos, und fragten uns, wo all diese Leute wohl herkamen. Eigentlich sollte ja jeder zu Hause bleiben, wenn es geht. Wir hielten die Kinder an der kurzen Leine. Während Didi mit ihnen wartete, stürzte ich mich in den vollbesetzten Busbahnhof. Schnell erfuhr ich, dass der Busfahrplan durch Corona völlig gekürzt worden war. Anstatt alle drei Stunden einen Bus nach San Vito nehmen zu können, fuhr einfach einer am Morgen. „Jetzt gleich“, meinte die Kioskbesitzerin und zeigte auf eine lange Schlange. Die Menschen standen dichtgedrängt, und als der Bus kam, erwischten wir die letzten Sitzplätze. Niemand trug eine Maske. Wir quetschten uns ans Fenster und sahen uns besorgt an. Sobald der Bus losfuhr, strömte direkt kühle Luft durch die ausnahmslos geöffneten Fenster und mein Nacken entspannte sich wieder etwas. Wir atmeten tief ein und blickten nach draussen. Die Serpentinen wanden sich die Hügel hinauf und je höher wir den Berg hinauf ächzten, desto weniger schwitzten wir. Vielleicht liessen wir auch die Angst im Tal zurück.

San Vito entpuppte sich als Städtchen mit vielen Geschäften, mit Restaurants und verstopften Strassen. Und das alles eingepfercht in eine idyllische Hügellandschaft, in der sich wilder Urwald und zahme Weiden abwechselten. Als wir am Busterminal ausstiegen, war sie wieder da, die Ehrfurcht und Vorfreude des Neuen. Unsere Gastgeber wollten uns mit dem Auto abholen kommen. Es war anscheinend ein älteres Pärchen, und wir wussten nicht, was uns erwartete. Immerhin hatte es hier zwei Fälle von Corona gegeben, eigentlich müssten die Menschen hier traumatisiert und übervorsichtig sein. Würden sie uns die Hand geben? Und wie würden wir den Abstand einhalten, wenn wir bei ihnen wohnten? Ein Jeep hielt direkt vor uns, und zwei fröhliche Rentner kamen auf uns zu. Sie packten unsere Rucksäcke, klemmten uns auf die Rückbank, und fuhren erst einmal eine Extrarunde durch die Nachbarschaft, um uns jeden Baum und jede schöne Blume zu erklären. Sie trugen offensichtlich keine Brille. Als wir irgendwann ankamen, an unserem Ferienhaus direkt neben ihrer schönen Finca, umgeben von Urwald und schwirrenden Kolibris, platzte es aus mir heraus. „Wie ist das für euch, mit Corona? Habt ihr Angst?“ „Wieso denn?“, fragte der Mann. „Hier gab es vor zwei Monaten eine Person, die positiv getestet wurde, und niemanden angesteckt hatte. Es gab einen weiteren Fall in einem Dorf, aber da fährt man über zwei Stunden hin. Jetzt ist die Gefahr hier vorbei und wir bewegen uns wieder. Mit Vorsicht.“ Sagte er und streichelte meiner Tochter über den Kopf. Die hatte schon das Kinderfahrrad, das in der Ecke stand, entdeckt, und quietschte vor Vergnügen.

Wenn ich in diesen Tagen auf die dichte Baumwand um unser Haus starrte, sah ich immer anderen Dinge als die anderen. Ich beobachtete vielleicht intensiv einen Orangenbaum, während mein Mann einen Tukan von weitem sichtete. Mila hörte ein Eichhörnchen rascheln, und unsere geübten Gastgeber machten uns auf die Farbe des Kolibris aufmerksam. Jeder sah etwas anderes. Wenn ich meine Angstbrille trug, konnte ich keine Menschen wahrnehmen. Und andere kennen diese Brille nicht oder haben sie schon lange abgelegt. Ich fühlte mich ohne Panik auf alle Fälle freier. Das nahe Stadtzentrum strahlte Gemeinschaft aus, Menschen, die sich kennen und ein- und ausgingen. Wenn man in ein Geschäft ging, desinfizierte man sich eben kurz die Hände und unsere Kinder durften keinen Supermarkt betreten. Aber sonst war Platz für Begegnungen, und in diesem Land, in dem so viel Leben draussen stattfindet, grüssten sich Nachbarn und Unbekannte wie eh und je. Meine Wohlfühlzone war um eine ganze Region gewachsen. Wir fragten immer wieder, ob wir noch ein paar Tage länger bleiben könnten, und irgendwann stellten wir fest, dass wir schon zwei Wochen hier waren. Es wurde Zeit, weiter in Richtung Norden zu ziehen. Vor der Abreise sassen wir mit den Bekannten unserer Gastgeber und ihnen zusammen, es gab gegrillten Fisch und Diskussionen über die zehn Gebote und die beste Zubereitung von Magniok. Ich fragte, ob sie sich Sorgen machten über Corona. „Ja“, sagten sie. „Wenn wir in Costa Rica nicht aufpassen, kann es eine zweite Welle geben. Hier in San Vito haben wir keine Angst. Es gibt keine Fälle, und wir führen unseren Alltag normal weiter. Aber im Norden… also im Norden ist es schlimm.“ In Gedanken umarmte ich sie. Weil ich sie so verstand, auch wenn ich vieles sonst nicht verstand, was sie auf Spanisch sagten. Und weil ich wusste, dass ich bereit war für die nächste Schwelle.

No Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kategorien