Über beide Ohren

Über beide Ohren

Hormone sind etwas Tolles. Sie machen alles schöner: Jemand, den man toll findet, verwandelt sich vor deinen Augen in den schönsten Menschen der Welt. Alles, was er tut, ist soooo süss. Durchs Zimmer laufen, lachen, einen Witz machen, Erbsen auftauen. Einfach unglaublich, wie die rosa Brille das Leben verschönert und das, was nicht so gut ist, ausblenden kann. Hach, Verliebtsein sollte man in Tüten abpacken und sich ne wöchentliche Dosis reinschmeissen können.

Unsere Weltreise hat ganz viel mit Verliebtsein zu tun. Denn wir verlieben uns in Orte. Das ist einfach, denn erstens suchen wir ja besonders schöne Ecken dieser Welt aus, und zweitens: Es ist einfacher, die rosa Brille aufzusetzen, wenn man nicht lange genug bleibt. Lange genug, um die Ecken und Kanten wahrzunehmen. Um die Konflikte zu erleben. Wenn ich nur kurz da bin, darf ich über den paradiesischen Strand staunen und muss mir über die Umweltverschmutzung, die seit Jahren die Fische tötet, keine Gedanken machen. Das ist auch ein Gefühl, dass uns seit über einem Jahr antreibt, immer wieder weiterzureisen. Der Reiz des Neuen, die Faszination und Freude der ersten Stunde. Und das will ich euch heute einmal zeigen.

Als wir im Juni an die Karibikküste in Costa Rica fuhren, wollten wir eigentlich nur 3 Tage bleiben. Schon als wir ankamen, bemerkten wir, wie anders es hier war. Der Strand war keine sengende Wüste, die man den halben Tag nicht betreten kann, sondern ein grüner Streifen am Wasser, mit in den Ozean hängenden Ästen und jeder Menge Schatten. Mit Korallen zwischen den Sandbänken und keinen Wellen. Mit netten Menschen, die Fahrrad fuhren, und jeder Menge Reggae-Musik. Es war alles so entspannt, und wir nahmen uns vor, wiederzukommen. Zwei Monate später und tolle Orte und Menschen später kommen wir nachts in einem Haus an, dass wir nur im Internet gesehen haben und direkt für mehrere Monate gemietet haben. Und an dem Abend setzen wir die rosa Brille auf die Nase und setzen sie erst einmal nicht mehr ab.

Was für fantastische Bedingungen. Während sich im Rest des Landes der Inhalt tausender Wolken täglich ergiesst, ist es hier warm, nicht so feucht, und richtig sommerlich sonnig. Die Sonne lugt hinter den Palmen hervor, und wir tragen nur eine dünne, kurze Schicht Kleidung. Das Haus, das wir gemietet haben, ist einfach toll. Süsse, kleine Bilder hängen an den pastellfarbenen Wänden, die Gastgeberin hat passende Kissenbezüge genäht.

Keine Mücken! Das stelle man sich mal vor, und das nach Monaten mit aufgekratzten Beinen und vom Kokosöl verfleckten Kleidern. Wir laufen durch den Dschungel an den Strand, zwischen pinken Blumen, die aus dem Unterholz lugen, und unter dem Geraschel der Affen, die bis an den Strand kommen, um nach Früchten zu suchen. Idyllisch. Am Strand wachsen mächtige Bäume, die ihre Kronen über das Wasser strecken. Mila beginnt sofort zu klettern, und dann springt sie mutig vom Stamm ins seichte Wasser. Ins glasklare, türkisfarbene Wasser auf einen makellosen Sanduntergrund. Wahnsinn. Es gibt einen kleinen Trampelpfad, und er führt im Schatten der Bäume am Strand vorbei, an den vielzähligen Buchten, stundenlang in jede Richtung.

Überall baden Menschen, jeder findet sein Eck, wo er sich von anderen distanzieren kann. Obwohl die Strände noch offiziell tagsüber geschlossen sind, baden hier Menschen den ganzen Tag, und stören sich nicht gegenseitig dabei. Es wirkt friedlich. Auch in der zweiten Welle, die gerade über Costa Rica rollt. Als wir ankommen, wird dieser Bezirk gerade wieder zum Risikogebiet erklärt. Corona. Einige Leute erkranken, viele müssen in Quarantäne. Das Krankenhaus ist voll, und wenn weitere Kranke dazu kommen, dann müssen sie die 5 Stunden in die Hauptstadt gebracht werden, wo Massenlazarette und private Kliniken sie noch aufnehmen. Das kriegen wir aber nur mit, wenn ich wieder mal auf Facebook durch die Nachrichten scrolle. Denn sonst ist alles ruhig. Im Supermarkt zieht man die Maske über, aber sonst grüssen uns die Nachbarn auf der Strasse. Die Bienen summen, die Katzen miauen. Am Strand entspannen sich die Menschen und lachen, jeder in seiner Gruppe. Das Leben ist schön, ein Leben voller Angst, voller Stress oder Sorge scheint weit weg. Nur die vielen leeren Restaurants erinnern mich daran, dass einige Menschen finanzielle Probleme haben. Doch selbst diese Menschen lachen, wenn ich sie danach frage.

Die Sonne ist hier so angenehm wie vielleicht noch nie. Sie ist stark, aber sie versteckt sich auch mal. Und sonst verstecken wir uns unter den vielen Bäumen. Durch den Wald zu laufen ist einfach das angenehmste, immer frisch, immer genug zum Atmen.

Unser Haus fühlt sich einfach nach einem Zuhause an. Es ist perfekt: Zwei kleine Schlafzimmer, und dann die grosse Terrasse zum Sein. Die Küche ist draussen, und zum Getschirpe der Wildvögel brutzeln Zwiebeln in der Pfanne. Ich habe nicht mehr, so wie sonst, das Bedürfnis, regelmässig herauszukommen aus der Wohnung, mir die Beine zu vertreten. Ich BIN draussen, wenn ich zu Hause bin, und das tut mir so viel besser, als ich das jemals gedacht hätte. Gleichzeitig gibt es Gott sei Dank kaum Mücken, und das macht diesen Ort für mich so erlebbar wie sonst nirgendwo. An so vielen anderen Orten verkroch ich mich oft unter ein Moskitonetz, um nicht tagelang unter den Stichen zu leiden. Hier liege ich abends in der Hängematte, schaue in die Sterne und freue mich an den Geräuschen des Waldes, ohne Gewissensbisse und sonstige Sticheleien.

Und so vergehen einige Wochen, wir zählen die Tage nicht, wir schauen nicht auf den Kalender. Manchmal laufen wir einfach nur zwischen Haus und Strand hin und her, und merken gar nicht, wie die Zeit vergeht. Es ist schön, wir sind ganz bei uns und mit uns. Verliebt.

Und doch weiss ich: Das ist kein Dauerzustand. Noch nerven uns die Nachbarn nicht, wenn sie Freitag Abends das komplette Viertel beschallen. Wenn man offen wohnt, hört man wirklich alles. Noch nervt es uns nicht, dass Waschbären nachts an unsere Küche kommen, und alles auseinander nehmen. Noch nervt es uns nicht, dass Ameisen und Kolibris und Fledermäuse unser Haus mit bewohnen. Noch nicht.

Und dann kommen sie doch. Wir sitzen am Strand, und von weitem nähert sich eine Familie, die wir hier immer wieder treffen. Sie winken uns fröhlich zu, und die Kinder hüpfen direkt in die seichten Wellen. Unsere Mädchen warten schüchtern neben mir, bevor sie sich annähern. Als auch die Eltern ins Wasser kommen, reden wir fröhlich miteinander. Sie wohnen hier dauerhaft, und ich denke daran, wie privilegiert sie sind, dass ihre Kinder das ganze Jahr über in lauwarme Wellen springen können. Wie toll es ist, dass sie hier im Tourismus Geld verdienen können, und ein eigenes Haus haben. Dass sie mit der Natur leben können und immer frisches Obst und Gemüse ernten können. Die Frau lacht. Ja, sie ist auch froh. Mir fällt auf, dass sie Wunden auf dem Arm hat. Es sieht aus wie entzündete Pickel. „Was ist das?“, frage ich sie. „Ach, das ist ein Parasit. Papa Lomoyo.“ Ich schaue mir ihre Haut genauer an. Es sieht aus wie entzündete Kreise, die ungefähr münzgross sind. Ich sehe jetzt, dass sie auch am Hals und im Ausschnitt welche hat. Sie seufzt. „Ich war ganz schön befallen. Über 5 Monate lang.“ „Wie bekommt man die denn?“ „Na, hier am Strand“, sagt sie und lacht. „In den kleinen Flüssen, die hier überall ins Meer fliessen, sind die fiesesten Mücken. Sie übertragen Parasiten von Faultieren und anderen Tieren, wenn sie uns stechen. Dieser Parasit ist ein Wurm, der sich im Stich weiterentwickelt und sich vom Fleisch ernährt. Wenn man in Salzwasser geht, oder wenn man es unbehandelt lässt, dann wird die Wunde sehr gross.“ Und sie zeigt mit ihren Händen wie gross. Grösser als ihr Arm. Ich schlucke und mir wird ganz kalt. Ich schaue verstohlen zu dem nächsten Fluss. Er liegt etwa zehn Meter entfernt. „Und was kann man da machen?“ „Wenn man ins Krankenhaus geht, bekommt man eine Spritze in das betroffene Körperteil. Und zwar einen Monat lang, jeden Tag. Man muss dann jeden Tag ins Krankenhaus. Die Medikamente sind sehr stark und haben viele Nebenwirkungen. Es gibt bessere, spezifischere, aber die kriegt man nur in Europa.“ Das nächste Krankenhaus ist zu weit weg, um dorthin zu laufen. „Gibt es noch andere Möglichkeiten?“ „Ja. Die Indianer haben ihre Heilmittel. Die wirken auch, aber es dauert länger. Durch die Nachbarschaft, wo auch euer Haus steht, läuft täglich eine alte Frau. Sie besucht die Kranken und salbt sie dann mit ihrem Heilmittel. Man darf in dieser Zeit nicht ins Meer. Bei mir hat es 5 Monate gedauert.“ Ich beäuge ihre Flecken mitleidig. „Das war ja ganz schön lange.“ „Ja“, sagt sie und lacht, „jeder Wohnort hat seine Nachteile.“ Und jedes Paradies seine Schatten. Und ich bedauere, dass es keinen Ort gibt, der diese Schatten nicht hat. Und ich hoffe nur, dass mir meine rosa Brille nicht von einem Parasit von der Nase gerissen wird.

Ich will noch ein bisschen schwelgen, noch ein wenig geniessen. Denn auf einer Weltreise sind wir mit keinem Ort verheiratet. Wir ziehen weiter, bevor die Konflikte sich in den Vordergrund drängen und bevor man für die Liebe kämpfen muss.

Und die rosa Brille, die packen wir dann ganz oben ins Handgepäck.

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