Traumtanzen

Traumtanzen

„Mensch, was ihr immer für einen Mut und ein Glück habt.“ Das höre ich oft. Die anderen sagen das, wenn sie hören, dass wir von einer Weltreise geträumt haben und dann tatsächlich als junge Familie drauflosgegangen sind und zwei Jahre lang unterwegs waren. Sie sagen das auch, wenn sie bei mir jetzt am Küchentisch sitzen, in dem Haus, das wir danach gekauft haben und wo wir mit zwei befreundeten Familien eine Lebensgemeinschaft gegründet haben.

„Mut und Glück“, sagen sie. Und ich denke: Ich kann noch so mutig sein und Glück haben, ohne Gott wäre das alles nie passiert.

Träumen ist für mich wie Tanzen. Mit dem richtigen Rhythmus fällt es einfach, leichtfüssig aus der Balance zu kommen, mit den Händen nach Wolken zu schnappen. Ich kann mir einfach vorstellen, was ich in der Zukunft machen möchte, das dann ausschmücken wie eine Ballerina und dabei sprühen und andere mitreissen. Und doch weiss ich, dass ich nicht mit beiden Beinen den Boden berühre, wenn nicht Gott mittanzt. Manchmal gibt er den Takt vor, und manchmal lässt er mich glauben, dass ich führe. Doch er ist es, der die Bewegung in Gang setzt.

Auf unserer Reise ist in mir der Wunsch gewachsen, in Gemeinschaft zu leben.  An einem Ort, an dem ich ankommen darf. Es klingt so paradiesisch, und ist nicht so gemeint. Die Vision, Teil eines grösseren Ganzen zu sein. Leben zu teilen mit anderen. Und als uns dann Freunde aus der Schweiz anschrieben und uns fragten, ob wir uns nicht vorstellen könnten, zurück an unseren alten Wohnort zu kommen und mit ihnen zusammen so eine Gemeinschaft zu gründen, da schwappte etwas in meinem Herzen über.

Wir träumten am Anfang zaghaft. Als würden wir unseren Bewegungen noch nicht trauen. Die Schritte waren nicht vorgegeben, und so tanzten wir etwas unbeholfen und vorsichtig. Wir waren sechs Erwachsene und ein paar Kinder im Schlepptau, und irgendwie wollten wir alle Teil von diesem Traum sein und waren uns doch so unsicher, ob die Schritte zu uns passten. Wir waren ehrlich, wir machten uns nackt, wir mussten nachdenken, ob wir das wirklich so meinten. Ja. Und mit jeder Sitzung, bei der Didi und ich in Badeklamotten, mit dem Sound des Dschungels im Hintergrund, vor unserem Laptop sassen, wurde mir klar, dass da wirklich realistisch eine Lebensgemeinschaft entstehen könnte. Nachts scrollte ich mich durch Immobilienanzeigen im Wallis, wo wir uns zusammen niederlassen wollten. Wir schalteten Anzeigen, wir fragten herum, wir beteten. Wir luden Gott ein, unser Tanzpartner zu sein bei dieser schwierigen Choreographie.

Denn die Abläufe verlangten einiges ab. Wir mussten ein Haus finden, das in unser Budget passte. Das drei Wohnungen bereithielt für drei Familien, und eben in diesem einen Tal, wo wir alle hin wollten. Nicht zu weit weg vom Zentrum. „Im Sommer wird unsere Tochter eingeschult“, sagte ich bei jedem Treffen. „Bis dahin müssen wir etwas gefunden haben, denn wir kommen dann zurück.“ Die anderen nickten immer. Ein Ball nach dem anderen kam dazu, den wir in den Händen halten wollten, den wir hoch werfen und wieder auffangen wollten. Das Haus durfte nicht zu früh auf dem Markt sein, weil mein Mann ja noch keine feste Stelle hatte, mit der er Geld von der Bank erfragen konnte. Es durfte uns auch nicht von jemand anderem weggeschnappt werden. Es ist nicht so einfach, mit so vielen Bällen zu tanzen, das Gleichgewicht nicht zu verlieren und noch eine gute Figur abzugeben.

Im Januar, als es dort ganz kalt, und bei uns in Südamerika ganz warm war, tauchte tatsächlich ein Haus auf. Die anderen gingen es anschauen, und schickten uns massenhaft Fotos. Es war ein altes Holzhaus, mitten im Ballungsgebiet. Die Hauptstrasse war um das Haus gebaut worden, so alt war es schon. Unten waren zwei Geschäftsräume und eine Werkstatt, es gab einen schmalen Garten und zwei Wohnungen. Wir diskutierten. Wäre es möglich, dass wir alle hineinpassten? Der Speicher war nicht ausgebaut, und eigentlich wäre dort doch genug Platz für eine dritte Wohnung, oder? In unserer Gruppe war auch ein Architekt, und dank ihm wurde relativ schnell klar, dass es unmöglich sein würde, den Speicher kostengünstig auszubauen. Zu viele Vorgaben, zu viel Denkmalschutz, zu viele Regeln. Ich schüttelte den Kopf, konnte es nicht glauben, und fuhr mit dem Fahrrad zum Einkaufen an Baracken vorbei, an Balkenhäusern mit Wellblechdach, kreativ in die Natur gestellt, da, wo es gerade passte. Unkompliziert. Warum konnte das nicht überall so sein, auch in der Schweiz?

Die Zeit verstrich. Es war schon März, dann wurde es April. Noch buchten wir Flüge und machten Pläne und genossen die Zeit auf Reisen. Doch schon im Sommer sollte unsere Älteste in der Schweiz in die Schule gehen. Ich konnte noch so viel träumen – wenn Gott nicht das richtige Haus zur rechten Zeit geben würde, dann würde aus meinen Träumen von einer Lebensgemeinschaft nichts werden, denn dann müssten wir uns als Familie einfach alleine irgendwo niederlassen. So langsam wurde klar, dass wir im Mai nach Europa zurückkehren würden. Dann würde Didi sich um einen Job in seiner alten Firma bemühen, und dann wollten wir in die Schweiz umziehen. Am 15. August wäre der Schulstart. Ganz schön strammes Programm, zu dem wir die Choreographie noch nicht kannten und auch nicht wussten, ob alles so ablaufen würde. Und so betete ich und schluckte, und träumte, während ich durch Kaffeeplantagen fuhr, von einem Haus in der Schweiz.

Ich sass mal wieder auf dem Sofa, das Handy in der Hand, körperlich war ich in den Anden Perus, umgeben von Anisfeldern und Schlaglochstrassen, innerlich war ich in den Dörfern des Rhonetals, fuhr mit meinem imaginären Fahrrad alle Wege ab, versuchte, mich an Häuser und Supermärkte und Distanzen zu erinnern. Als ich WhatsApp öffnete, erschien eine Nachricht. „Ich glaube, wir haben ein Haus, das könnte was sein.“ Anscheinend wollte ein älteres Ehepaar ein Haus mit Baugrundstück verkaufen, genau dort, wo ich gerade innerlich Fahrrad fuhr. In mir kribbelte es. Ich spüre Gott, wie er mich hat zappeln lassen, die Musik gestoppt hat, um mich jetzt wieder anzuschubsen. Es konnte losgehen.

Kaum hatten wir die Quarantäne auf europäischem Boden abgesessen, liessen wir die Kinder bei meinen Eltern in Deutschland und reisten zu zweit in die Schweiz, zu einer Zeit, da man die Ländergrenzen gar nicht so unbehelligt überqueren durfte. Wir fuhren mit dem Bus direkt zu dem Dorf, in dem unser potentielles Haus stand. Wir liefen die paar Meter die Strasse entlang – so ein unscharfes Gefühl, dass hier eventuell schon die Erinnerungen von morgen in den Asphalt eingraviert sein könnten – spielende Kinder auf ihren winzigen Velos, und all die schönen und auch leidvollen Momente, die mit Vertrautheit einhergehen. Ich wusste nicht, ob ich mich dem Gefühl, das ich ja auch nicht benennen konnte, hingeben durfte – oder ob ich mich davor ducken musste, denn wer weiss, wie es dann wirklich kommen würde. Das Haus passte wirklich gut zu unseren Vorstellungen. Es war schon älter, und hatte drei kleine Wohnungen. Die mir, die ich die letzten zwei Jahre in Schuppen und Ferienwohnungen verbracht hatte, wie eine riesige Wohnfläche vorkam.

Am Abend setzten wir uns zusammen als Gruppe, sechs aufgeregte Erwachsene, denn es ging um alles. Wie würden wir das ganze Projekt finanzieren? Wer brachte welche Erwartungen mit? Von was träumten wir langfristig? Wer wollte in welche Wohnung gehen? Passte das alles zusammen? An dem Abend passte es noch nicht zusammen. Als wir das Treffen verliessen und im Stockdunklen durch die Stadt zu unserem Schlafplatz stolperten, schluckte ich wieder. Tränen der Enttäuschung stiegen in meine Augen. Wir waren uns so uneinig. Jeder hatte seine eigenen Visionen und Ideen in der Hosentasche, und heute Abend hatten wir sie auf den Tisch geworfen und es hatte sich kein Puzzle ergeben. Die einzelnen Teile waren nicht ineinander gegangen. Wie sollte das noch passen?

Am nächsten Morgen sass ich in der Bank. So gerne hätte ich meinen Mann dabei gehabt, der war aber gerade im Bewerbungsgespräch für seinen nächsten Job. Ob er ihn bekommen würde? Und was für einen genau? Dafür sass ich jetzt alleine hier auf dem Chromo-Stuhl mit schicker Lehne, mit dem Oberteil, dass ich seit zwei Jahren mit mir in meinem Backpacker-Rucksack herumtrage, mit Chucks, die löchrig sind, mit einem Notizbuch und einem Stift in der Hand, lächelnd und hoffend, dass ich seriös wirke. Wie würde die Bank reagieren? Ich erzähle von unserer Reise, ich erzähle von dem Haus. Ich habe hier Zahlen stehen, das potentielle Gehalt meines Mannes, von dem Job, den er noch gar nicht hat, aber das sage ich nicht so direkt. Mir gegenüber sitzt ein geschniegelter Mann, er ist jünger als ich, aber er sitzt am Platz der Macht. Auch wenn er mich nicht so behandelt, ich bin die Bittstellerin. Umso erstaunter bin ich, dass ich hier umworben werde. Ich komme daher wie eine Vagabundin, möchte ein altes Haus kaufen, habe knapp genug Eigenkapital, und was sagt die Bank? „Wir würden Ihr Projekt sehr gerne unterstützen. Das klingt für uns nach einer guten Investition.“ Total baff verlasse ich diesen schicken Ort, wo jeder Tisch und jede Wand glänzt. Und ich wage es, meinem Traum Platz zu geben. Ich glaube, es kann klappen. Die Maklerin hatte gesagt, wir sollten ihr am Freitagabend Bescheid sagen. Noch war das Haus gar nicht auf dem Markt, nur wir hatten die Bilder gesehen. Wenn wir jetzt zusagten, könnten wir es konkurrenzlos kaufen. Wir sagten am Freitag ganz spät zu.

Die nächsten Wochen was ich äusserlich in Deutschland. Mein Mann hatte seinen Job tatsächlich bekommen, er kann innerhalb von ein paar Wochen anfangen, auf einer Position, von der er vorher nur geträumt hatte. Der beste Karrieresprung war für ihn eindeutig, zwei Jahre am Strand zu chillen. Unglaublich! Äusserlich war ich also noch bei meinen Eltern, genoss es, ihren Enkeln beim Lachen zuzusehen. Ich bräunte meine Beine, kochte viel, und besuchte stückchenweise all die Menschen, die ich lange Zeit nicht mehr gesehen hatte. Innerlich war ich in der Schweiz. Checkte alle To-do-Listen, telefonierte und plante, machte Absprachen und mir Sorgen. Denn es war verrückt. Das funktioniert eigentlich ganz anders. Man hat normalerweise einen Job. Jahrelang. Und dann interessiert man sich für ein Haus, und dann spricht man mit der Bank, und bekommt das Geld, und dann renoviert man noch ein bisschen vor sich hin, und dann zieht man. Es war Juli, und im August brauchten wir ein Zuhause, und mein Mann hatte seit wenigen Tagen einen Job. Die Gespräche mit den Banken verliefen zäh, und alles zog sich hin. Wir hatten mit der Besitzerin abgesprochen, dass wir ab ersten August einziehen würden, genau dann, dass wir ein paar Kartons auspacken könnten, bevor unsere Tochter das erste Mal in ihre neue Schule musste. Sie war eine ältere Frau, und musste alles aus der Wohnung schaffen, Betten und Geschirr und Kleider, und wir waren eine Familie, die die letzten zwei Jahre aus Rucksäcken gelebt hatte. Wir hatten zwar noch jede Menge Kartons in einem Schuppen in der Nähe gelagert, aber was genau noch dort steckte und was wir verschenkt hatten, war trotz Excel-Listen nicht mehr präsent. Und so boten wir ihr an, den ganzen Krempel zu nehmen, und sie sagte heilfroh zu. Wir waren auch froh, denn so hätten wir direkt Betten, um darauf zu schlafen, und Pfannen zum Kochen. Und so war alles schon irgendwie vereinbart, irgendwie organisiert. Und dann sagte uns die Bank, wir könnten noch nicht unterschreiben. Es bräuchte noch Zeit. Wir hatten eine Kaufabsicht unterschrieben, und alles mit der Besitzerin besprochen. Und doch stand jetzt alles wieder auf dem Spiel. Was, wenn sie nicht akzeptierte? Wenn es in die Hose gehen würde? Ich rief sie an, mit zitternder Stimme. Es war Mitte Juli und der Einzugstag schon organisiert. „Leider können wir noch nicht den Kaufvertrag unterschreiben. Das dauert alles länger.“ Ich schweige. „Ah“, sagt sie. Sie schweigt auch. „Das muss ich mir einmal durch den Kopf gehen lassen.“ Pause. Ich setze an: „Ja natürlich. Das braucht viel Vertrauen. Und ich kann absolut verstehen, wenn das nicht geht. Ich kann ja auch nichts versprechen. Aber wir wollen unbedingt in euer Haus. Unbedingt. Für uns gibt es keine andere Option.“ Sie bedankt sich. Und einen Tag später habe ich eine Nachricht von ihr auf dem Handy, dass sie uns vertraut und wir einziehen können, auch ohne einen Vertrag zu unterschreiben. Pure Erleichterung. Und Dankbarkeit. Ein bisschen kann ich Menschen und Dinge beeinflussen. Aber ganz vieles auch nicht. Und das wird mir gerade klar. Und macht mich klein und geborgen in der grossen Hand, die den Weg für mich ebnet.

Und dann kam er. Der Tag des Übergangs. Ich war so aufgeregt, konnte kaum essen, und das kommt bei mir selten vor. Wir wurden von einer Freundin mit dem Auto zu unserem neuen Haus gefahren, der Transporter für all die Möbel und Kartons rollte wenig später auf den Platz. Mit dem Schlüssel, den mir die Besitzerin in die Hand gedrückt hatte, öffnete ich die Tür zu unserer neuen Wohnung. Die sich noch so nach ihrer Wohnung anfühlte. Ein Ort, den fremde Menschen jahrzehntelang gehegt und gepflegt hatten. Und jetzt uns übergaben. So eine Ehre, und auch eine Bürde, denn wie könnte ich diesen alten Steinmauern gerecht werden? Und dann trat ich ein, und alles sah so anders aus, als ich mich erinnert hatte. Der Boden besser, aber die Bodenleisten schlechter, diese Wand kürzer, die Räume höher. Ich trat auf knarzende Stellen, die schon immer gequietscht hatten, und deren Geräusch nun zu meinem neuen Leben dazugehören würden. Er war da, der Moment, in dem wir uns mit diesem Ort vermählen würden. Unsicher und nicht zweifelnd, aber skeptisch blicke ich aus dem Fenster auf die Bergtapete. Würde ich mich hier wohl fühlen?

Und so unglaublich dankbar, wie ich in diesen Lebensabschnitt ging, so musste ich mich in den nächsten Monaten immer wieder daran erinnern, wie sehr ich beschenkt wurde. Denn der Alltag überwältigte mich im Frontalangriff, die Welle an To-Dos und Erinnerungszetteln begrub mich. Die Macht der Emotionen, Frust und Angst vor dem Neuen, vor dem Erahnten, war so stark und riss mich mit. Es gab so viel zu erledigen, Handwerker zu fragen, Gegenstände zu bestellen, Kleider zu besorgen, Kinder zu versorgen, Schrauben zu suchen, und ein Netz aufzubauen. Und ein ganzes Haus voller Möbel, Kartons und alter Bücher aus zu sortieren und weg zu organisieren. Und in all dem lag ich immer wieder in unserer Hängematte, schaute auf rote Fensterläden und dachte daran, wie sehr ich mir das gewünscht hatte. Ein Ort, der eingewoben war in Vertrautheit, und den ich gestalten durfte. Ich fühlte mich angekommen und hatte fast ein wenig Angst davor.

Ja, ich kann gut träumen. Ich kann gut einen 3-Punkte-Plan erstellen, kann Menschen anstecken mit Begeisterung, kann mit Risiko umgehen. Kann mir im Vornherein Sorgen machen. Aber immer wieder spüre ich, wie abhängig ich bin, von dem grossen Gott, der meine Pläne durchkreuzt, der mich warten lässt. Der mich hält und mich beschützt. Der mein Vertrauen belohnt und meine Wünsche sieht. Er lässt sich nicht in ein Schema sperren, er lässt sich nicht erhaschen. Aber bis jetzt war er immer da. Und ich sehe staunend zu, wie ich durch die Luft gewirbelt werde, wie die Emotionen mitschwingen. Ich sehe, wie ich Schritte lerne, die ich mir nie zugetraut hätte, wie ich tanze, wie elegant Mut mir steht. Wie wir zusammen tanzen, synchron, jeder auf seine Weise und mit seinem Körper, aber es gibt ein Bild, es fügt sich zu einem grossen Ganzen, und das ist so schön anzusehen. Selbst wenn die Musik ausklingt und der Tanz nach einem Lied stoppen sollte, so wäre dieses Lied schon das Schönste der Welt gewesen.

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