Status: Unsicher

Status: Unsicher

/ 19. März 2020 /

Disclaimer: Dieser Artikel ist eine Momentaufnahme von der Zeit, als der Hausarrest in vielen europäischen Ländern und auch in Costa Rica gerade beschlossen wurde.

Momentan erlebt die Welt, wie sie sanft und gleichzeitig grob aus dem Rhythmus gestossen wird. Eine unsichtbare Gefahr nähert sich, und Dinge, die uns bis jetzt selbstverständlich erschienen (wie Reisen, Arbeiten, Spazieren gehen), stehen plötzlich in einem anderen Licht. Alles ist unsicher und so offen, und niemand kann voraussagen, was als nächstes passiert. Klingt ganz nach einem spannenden Film, mit Popcorn in der Hand – für einen Fernsehabend ganz toll. In der Realität kann es sich ziemlich angsteinflössend anfühlen. Kann. Muss es aber nicht.

Ich will euch mit auf eine Reise durch meine Gedanken nehmen. Das hat zunächst nichts mit Todeszahlen von Corona-Opfern zu tun. Und nichts mit konkreten Fragen, wie man seinen Lebensstil finanzieren kann ohne Einkommen in den nächsten Monaten. Es geht darum, wie ich lerne, mit diesen Gedanken umzugehen. Denn ich stelle mir die Frage, wer ich eigentlich bin, wenn das alles weg fällt.

Wir als Familie denken schon länger drüber nach, wer wir eigentlich sind und was wir in diesem Leben eigentlich wollen. Endgültige Antworten haben wir auch an den entlegensten Ecken der Welt noch nicht gefunden, aber wir sind fleissig auf der Suche. Jede Gesellschaft findet ihre eigenen Identitäten, aber etwas haben alle Menschen, die wir bis jetzt getroffen haben, gemeinsam:

Sie wollen zeigen, wer sie sind.

Durch das, was sie haben.

Durch das, was sie tun.

Und durch die, die sie lieben.

Das nennt man wohl Status. Also nicht den Facebookstatus („heute wieder mal im Schwimmbad“ oder „glücklich verheiratet“), sondern den gesellschaftlichen Status. Zu welcher Gruppe gehöre ich, wie weit habe ich es auf der Anerkennungsleiter nach oben gebracht? Welche Ziele verfolge ich und wie kann ich anderen Menschen zeigen, dass ich sie erreicht habe? Statussymbole sind typischerweise dicke Autos, Markenklamotten oder eine bildungsorientierte Büchersammlung. Oder aber tausende Follower auf Instagram, das neuste Handy, und die gesündeste Ernährung. Irgendwas, mit dem man zeigt: Ich bin so und das macht mich toll!

Das ist ja alles super menschlich und normal. Aber es gibt einen Haken: Wenn uns der Status sehr wichtig ist oder wir uns an diesen klammern, dann haben wir ein Problem mit Veränderungen. Weil wir unsere Stellung verlieren könnten. Ein Grund, warum diese angedrohte Krise viele so ins tiefste Rückenmark trifft, ist wahrscheinlich nicht, dass sie selbst um ihr Leben fürchten. Dafür sind viele nicht im richtigen Alter. Es ist vielmehr die Angst vor der Katastrophe, die alles durcheinanderbringt. Vor den Folgen. Das Wirtschaftssystem, die Hierarchie, die Sicherheit. Keiner kann uns garantieren, dass wir nächstes Jahr noch im selben System mit dem selben Bankkonto leben. Aber ich finde das persönlich gar nicht so schlimm. Und ich habe das Gefühl, dass, wenn wir ehrlich sind, ein anderer Verlust ebenfalls zu leichten Herzaussetzern führt: Der Statusverlust.

Denn wir wollen zeigen, wer wir sind, durch das, was wir haben

Was ist, wenn wir das nicht mehr haben? Was, wenn unser ganzes gespartes Geld, unsere Pläne für ein Haus, Abzahlungen, Autos, unser ganzer Lebensstil, in der Zukunft nicht mehr tragfähig sein wird? Und nicht nur das, noch schlimmer, wenn ich dann zu der Unterschicht einer Gesellschaft gehöre, in der sich andere weiterhin alles leisten kann, und ich bin einfach der Doofe, der zu Hause bleiben muss und in Schulden lebt? Wenn ich meinen Kleidern keine Botschaft mehr einkaufen kann, sondern die Botschaft ist: Ich kann es mir nicht leisten? Was, wenn ich es mir nicht mehr leisten kann, das zu haben, was ich will?

Das macht Angst. Von dieser Angst haben wir uns schon vor langem gelöst. Denn wir haben entdeckt, dass wir ganz gut ohne viel haben auskommen und glücklich sein können. Wir leben auf kleinem Fuss und teilen gerne, freuen uns auch über Geteiltes, und müssen nicht unbedingt besitzen. Und dieses Loslassen wollen wir euch gerne mitgeben – es tut gut!

Und wir sind ja nicht die Einzigen, die so denken. Viele junge Leute in Europa wagen sich in den Minimalismus, tragen alte Kleider auf und besitzen kein dickes Auto, sondern ein Fahrrad (ein cooles, natürlich). Das ist ein Trend. Was ich interessant finde, ist, dass diese Gruppe es aber wieder geschafft hat, eigene Statussymbole zu finden. Wer kann sich das gesündeste Essen leisten? Wer weiss am meisten über Umweltschutz/Kulturen/Politik? Oder wer ist am meisten gereist? Ich habe gestern online gelesen, dass junge Backpackerinnen, die vor kurzem nach Vietnam geflogen sind, sich momentan dort bedroht fühlen. Denn anscheinend haben Gruppen unter den Vietnamesen die Sicht, dass Ausländer das Virus in ihr Land bringen, und machen schlechte Stimmung gegen Touristen. Puh, das kann ich mir gut vorstellen. Zum Glück haben wir das hier in Costa Rica nicht erlebt. Aber aus einem Grund ist diese Begebenheit interessant: Denn bis jetzt hat unser Status als reiche, irgendwie überlegene Europäer uns vor offenem Rassismus geschützt. Wir sind normalerweise nicht diejenigen, die beschimpft werden und nicht über die Grenze gelassen werden. Wir sind immer die, die bevorzugt werden und im Notfall kommt der Helikopter auf die letzte Insel. In dieser aussergewöhnlichen Situation werden solche Statusprivilegien in Frage gestellt. Das ist auch für uns interessant, denn bis jetzt bewegen wir uns durch die Welt unter dem Deckmantel europäischer Beliebtheit und Anerkennung. Nur schon durch unsere Hautfarbe und Sprache tragen wir Statussymbole herum, die uns Türen öffnen und durch Grenzen lassen. Gerade vor drei Tagen standen wir wieder einmal an einem Zollgebäude.

Auch hier in Costa Rica nehmen die Vorsichtsmassnahmen wegen Corona zu. Ganz plötzlich haben die Schulen geschlossen und die Menschen sollen seitdem zu Hause bleiben (nicht, dass sich viele daran halten würden). Wir würden gerne in dieser besonderen Zeit hier bleiben. Wir leben bei einer Familie, die uns voll unter ihre Fittiche genommen hat, ziemlich isoliert auf dem Grundstück, und können uns deshalb kaum mit dem Virus anstecken und auch niemandem gesundheitlich schaden durch unsere Anwesenheit. Die Familie hat uns aber darauf aufmerksam gemacht, dass unser Visum ausläuft, während wahrscheinlich die ganze Welt im Quarantäneschlaf schlummert. Wir haben absolute Privilegien. Costa Rica hat allen Ausländern (sprich: Amerikanern und Europäern) zugesichert, dass sie visumsfrei durch die Quarantänezeit können. Und gleichzeitig frage ich mich: Was ist mit den Flüchtlingen, mit den vielen Menschen aus Kongo, Haiti oder Nicaragua, die sich irgendwo in einem Dschungel, einem Flüchtlingscamp oder auf der Strasse in die USA vorarbeiten? Und weiss: Mein Status ist mein Privileg. Als Europäerin traut man mir das zu, dass ich rechtskonform handle, dass ich dem neuen Land finanziell nicht zur Last falle, dass man mich mit Wohlgefallen behandelt. Und es kann sein, dass dieser Status verloren geht. Und ich will mich nicht daran festhalten.

Wir wollen zeigen, wer wir sind, durch das, was wir tun

Als wir letzten Sommer unsere Jobs gekündigt haben, war es ein ganz seltsames Gefühl. Denn jetzt sind wir nicht mehr Ingenieur oder Lehrerin, sondern wir waren es. Wir können nicht mehr über Stress im Büro smalltalken, oder uns mit Verantwortung und Projekten brüsten. Diese Zeiten sind vorbei. Seitdem machen wir – rein produktiv und gesellschaftlich – nichts. Das hat sich zuerst einmal richtig schlecht angefühlt. Zum Glück waren wir die ersten Monate im Kaukasus, da hat das nicht so eine Rolle gespielt, denn viele Leute dort haben einen schlechten Job oder gar keinen, und dann redet man eben auch nicht den ganzen Tag über die Arbeit. Doch für mich war das gar nicht so einfach. Ich wollte immer so gerne etwas machen. Irgendwem helfen, oder irgendwo mitmachen. Irgendwas, damit ich mich wieder fühle als die Miri, die tut. Weil wer bin ich, wenn ich nichts tue?

Seitdem haben sich ein paar Dinge in meinem Kopf verändert und ein paar auch nicht. Ich lerne, ich zu sein, auch ohne Arbeit. Wenn ich keinen Stress habe oder für die Gesellschaft nicht von Nutzen bin. Das klappt aber nicht immer. Seit wir hier in Costa Rica sind, sprudele ich wieder über vor Ideen. Denn wir sind ja schon länger hier, und je länger man an einem Ort ist, desto nachhaltiger kann man sich einbringen. Und meine Augen sehen das: Bedürfnisse, Marktlücken, gute Entwicklungsmöglichkeiten. Und dann bin ich kaum zu bremsen: Sollen wir einheimischen Familien helfen, sollen wir mit Holz arbeiten und Möbel produzieren, sollen wir Kunst verkaufen, sollen wir Kinder unterrichten…? Natürlich alles auf einmal. Da kommt ein bisschen weisser Retter und ganz viel Identität durch. Doch das ist nicht immer dran. Das Klima, die neutralen Reaktionen, und die Erinnerung daran, dass ich gerade etwas anderes lernen soll, haben mich wieder ausgebremst. Und natürlicherweise ergeben sich immer wieder kleine Möglichkeiten, wie wir etwas weitergeben, Dinge produzieren oder einfach irgendwo anpacken. Aber ich will, dass es mich nicht ausmacht.

Momentan nutze ich die Quarantäne-Zeit, um kreativ sein zu können. Ich habe ungefähr 10 Bilderrahmen gekauft, Kopierpapier und Filzstifte. Es gibt auch Wasserfarben. Und mit diesen wenigen Zutaten erstelle ich bunte Bilder, minimalistische Kunst und ermutigende Sprüche. Einige habe ich tatsächlich schon an Touristen verkauft und damit etwas Geld verdient. Andere möchte ich verschenken. Nachmittags arbeiten meine zwei Töchter mit, sie bemalen fleissig Steine und tunken Wattestäbchen (wichtigster Hamsterkauf!) in Wasserfarbe. Und die 11-jährige Tochter unserer Gastfamilie kommt auch immer dazu. Sie bemalt Steine mit Mandalas, es ist sehr präzise und wunderschön. Ich würde so etwas nie von mir aus machen, dafür ist mir das viel zu exakt, und jetzt sitze ich stundenlang da und versuche, ihren spanischen Anweisungen zu folgen. Ich, die ich gerne andere unterrichten würde, lerne erst einmal. Und das fühlt sich gut an. Arbeit ist etwas wunderschönes. Aber es fühlt sich noch besser an, wenn ich es als Geschenk annehmen kann, ohne das ich auch gut leben könnte.

Wir sind auch etwas durch die, die wir lieben

Was wären wir ohne unsere Familien und Freunde? Zum Glück bedeutet Quarantäne ja nicht, dass wir ganz alleine herum sitzen müssen. Ich darf diese Zeit mit meinem Göttergatten und unseren zwei Grazien verbringen. Mein Mann und ich wechseln uns ab mit Spanisch lernen, es gibt feste Mahlzeiten und Spielzeiten. Mittags machen wir alle eine Pause, die jeder für sich verbringt. Und abends rennen wir gemeinsam durch die Wellen im Sonnenuntergang. Das ist eine ganz tolle Zeit – und doch brauche ich den Kontakt zu meinen Freunde und Familie überall auf der Welt. Wer also von euch in den nächsten Tagen Langeweile hat und Lust auf ein kurzes Telefonat, meldet euch!

Am Anfang der Zeit hier in Costa Rica war mir das aber alles zu wenig. Denn ich bin extrovertiert, ich liebe es, viele Menschen, Kontakt und Kommunikation um mich zu haben. Ich kannte aber leider nur introvertierte Menschen hier am Strand, solche, die gerne für sich sind und in die Wellen schauen. Da bin ich ganz hibbelig geworden. Mittlerweile haben wir Fahrräder, und dann rattere ich wie besessen die 2 Kilometer auf Schotterweg (fragt nicht, unsere beiden Handys haben schon einen Knacks ab) zum nächsten Supermarkt, um wenigstens mit Sicherheitsabstand jemandem kurz Hallo zu sagen. Doch mittlerweile sind meine Anfälle von „Ich-muss-hier-mal-raus“ weniger geworden und ich kann die Ruhe und den Flow mehr geniessen. Ja, ich bin jemand durch die, die mich lieben, aber ich bin auch jemand, wenn ich alleine bin.

Status gibt uns Sicherheit, es hüllt uns ein und schützt uns vor Zweifel. Viele Leute arbeiten hart daran, um auf eine Stufe zu kommen, auf der sie sich ausruhen und sonnen können. Und natürlich möchte keiner da herunterfallen. Doch wenn wir unserem Denken die Freiheit geben, Stufen hoch und herunter zu gehen, neue Leitern zu erfinden, andere Wege einzuschlagen, und manchmal los zulassen, können wir mit mehr Ruhe in eine Krise gehen. Denn wir wissen, wer wir sind. Wir sind von einem liebenden Gott gemacht und gehalten.

Wir sind in unserer Identität als nackte Menschen

sicher.

Und das erleichtert mich.

2 Comments

  1. Huhu, habe noch etwas anzumerken: da wäre noch das „ Dramadreieck“ aus der Transaktionsanalyse. Da gibt es auch eine Retter, einen Polizist und ein Opfer. Es beschreibt die Vorgänge und Abhängigkeiten der Manipulation. Im Fall der Manipulation oder der Moralisierung (Polizisten-Rolle) wäre ein „Retter“ nicht zielführend, weil er abhängig macht und dies auch das Ziel ist. Ziel der Manipulation ist: Machtübernahme über jemand anderen. Diese Art Retter haben nicht zum Ziel, die Gaben zu Leben, die Gott in einem Menschen angelegt hat. Wenn Gott jemand aber diese Gabe gegeben hat, darf und soll man sie auch m.E. leben. Dann ist man wie ein Fisch im Wasser. Die Frage ist dann nur noch, wo diese Gabe zum Einsatz kommen soll. Diese Entscheidung muss dann -ob reiflich überlegt oder spontan gehandelt- getroffen werden.

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