Stammbäume und Baumstämme

Stammbäume und Baumstämme

06.Oktober 2019

Als wir im Flugzeug sassen, spürten wir es wieder: Das Kribbeln, die Neugierde auf das Unbekannte. Wir waren auf dem Weg nach Dubai, flogen über die Weite des Irans und hatten keine Ahnung, was uns erwarten würde.

Uns erwartete 

– Eine brutale schwüle Wand, die den Atem verkürzte und die Brille beschlagen liess

– jede Menge Lichter, Häuser, Autos

– Luxus in seiner grosszügigen Form 

– sehr, sehr viele Menschen, die aus der ganzen Welt zu kommen schienen und hier ein Zuhause gefunden hatten

Die ersten Tage schliefen wir viel, genossen den Pool unseres günstigen Hotels und gingen ab und zu vor die Tür. Nach einigen Tagen nahm die Hitze ab, wir mieteten ein Auto und bekamen ein bisschen besser das Gefühl für diesen verrückten Ort: Dubai.

Früher muss es hier brutal gewesen sein. Wahrscheinlich Fischer, Beduinen, und ein grosser Markt, an dem Händler aus Indien und arabischen Ländern anlegten. Didi tippt darauf, dass die Leute sich ihre Häuser in den Boden gebuddelt haben. Anders lässt es sich nicht erklären, dass sie bei dieser Affenhitze überhaupt dort wohnen konnten. Fakt ist, dass sich die Stadt mit dem Öl komplett verwandelt hat. Es wurde ein Ort des Handels, der Dienstleistungen, des Tourismus  und eine Megametropole. Wolkenkratzer reihen sich aneinander, SUVs flitzen über die vielen breiten Autobahnen, in langen Röhren laufen Menschen klimatisiert von Gebäude zu Gebäude. Was wir sonst nur aus Kanada kennen, funktioniert hier ganz gut: man kann in dieser Stadt anscheinend leben, ohne gross an die frische Luft (aka brutale Sonne) zu gehen. 

Was uns komplett den Atem verschlagen hat, war aber nicht die stickige Luft, sondern die Vielfalt der Menschen. Überwältigt von so verschiedenen Kulturen, Sprachen und Kleidungsstilen, begannen wir, im Kopf etwas Ordnung zu schaffen. Wir fragten die Menschen, wer sie sind und was sie ausmacht, fragten Freunde aus, die hier wohnen, und beobachteten viel. Heraus kam dabei ein Geflecht an Hierarchien, das einem Baum in der Wüste, der sich mit jedem Ast vor der Sonne schützen will, in nichts nachsteht. Wir nehmen euch gerne mit auf die Entdeckungsreise, die wir durch viele Begegnungen geführt haben. 

In der Krone des Baumes, der aus den sieben Emiraten besteht, von denen Dubai eines ist, sitzen schwarze und weisse Vögel. Wenn man genau hinschaut, erkennt man, dass es Menschen sind. Männer in weissen Gewändern und Frauen in schwarzen. Es sind die Menschen, über die unsere älteste Tochter an und zu flüstert: „schau mal, Mama, schon wieder eine Frau, die sich verstecken will.“ sie sind die stolzen Nachfahren der Fischer und Fürsten, der Beduinen und Nomaden, die hier seit eh und je gelebt haben. Sie wirken stolz und unnahbar, und das vor allem durch die Kleidung.

Irgendwie bin ich froh, Männer in Bettlaken zu sehen. Als wir in Azerbaijan waren, waren nämlich eine ganze Herde von Golfstaaten-Touristen auch da. Im Gegensatz zu den immer gleich verschleierten Frauen trugen die Männer dort ganz entspannt T-Shirt und Shorts – was mich zur Weissglut brachte. Warum sollten sie ihre Haut zeigen dürfen, während ihre Frauen unter der schwarzen Schicht schwitzten? Wenigstens haben sie in ihrer Heimat eine Art Geschlechter-Uniform entwickelt, bei der beide gleichermassen ihre Körperformen vor lüsternen blicken – etwa denen westlicher Touristinnen- verbergen können. Ich vermute aber, dass die Kluft vor allem einem Zweck dient – der Abgrenzung. Emiratis sind in ihrem eigenen Land in der Unterzahl. Sie machen je nach Region 10-20 Prozent der Bevölkerung aus. Sie werden vom Staat unterstützt, verfügen über Kapital, bilden die wohlhabende Elite. Wir sind für sie Luft – im Gegensatz zu den Menschen im Kaukasus werden wir und unsere Kinder zumindest von ihnen gar nicht beachtet. Genauso wenig wie die anderen 80 Prozent. 

Würden sie nicht wie Gespenster herumlaufen, so wären die arabischen Männer gar nicht von den anderen zu unterscheiden, die wir hier auf den Strassen sehen. Unser Hotel in Dubai war in einem Viertel angesiedelt, in dem es unentwegt nach Curry roch und Saris verkauft wurden. Ich nutzte die Chance, an passende und günstige Kleider zu kommen, und deckte mich mit indischen und pakistanischen Kleidern ein. Bei einigen Begegnungen merkte ich wiederkehrende Muster: es waren viele junge und ältere Männer aus Indien und Pakistan, die hier als Verkäufer, Taxifahrer, Kellner oder Bauarbeiter arbeiten. Sie bilden die starken Äste dieser Gesellschaft. Sie verrichten alle Jobs, die zu einer funktionierenden Gesellschaft gehören – jemand muss den Müll wegbringen, jemand muss das Auto putzen – und die von den Einheimischen erfolgreich „outgesourced“ wurden. Was mich stutzig gemacht hat: Anscheinend ist es diesen Menschen nicht möglich, langfristig in Dubai zu bleiben. Wer seinen Job verliert, fliegt raus. Wer in Rente geht, muss zurück. Knallharter Liberalismus. 

Mit den vielen anderen Angestellten dieser Klasse – Nigerianer, Eritreer und Bengalis – hatten wir kurze und respektvolle Begegnungen. Besonders verwirrend war, dass in unserem Hotel eben auch viele Touristen aus diesen Ländern abgestiegen waren. Wir spürten viele Emotionen am Frühstücksbüffet – Verständnis, Verschwisterung, Verachtung, Gleichgültigkeit, und konnten das nicht klar zuordnen. 

Je tiefer die Vögel den Baum herunterblicken, desto verächtlicher wird ihr Blick. Ganz unten in der Hierarchie sind philippinische Frauen. Sie kochen und putzen, sorgen für Kinder und leisten einen sehr wichtigen Beitrag für diese Gesellschaft, der aber nicht geschätzt wird. In anderen Ländern demonstrieren eben diese Frauen für mehr Rechte – zum Beispiel im Libanon – aber weil hier die Medien zensiert werden, ist das wahrscheinlich nicht durchgedrungen. 

Und in all diesen Verästelungen und Abhängigkeiten bewegen wir uns. Es gibt hier viele westliche Touristen und auch viele Arbeitsmigranten aus Europa, die als Lehrer, Ingenieure oder Ärzte hierher kommen. Sie sind vielleicht die, die manchmal am freizügigsten angezogen sind, und die die Pools belagern. Es findet aber keine spontane Verbrüderung auf der Strasse zwischen uns statt, wie das im Kaukasus der Fall war, wenn wir Reisende aus Europa getroffen haben. Es ist eine grosse Stadt, alle haben viel zu tun. Alle haben Stress. 

Die nettesten und offensten Menschen, die wir getroffen haben, waren Araber aus Jordanien oder Syrien, die hier leben. Fremde und Freunde, die sich für uns interessieren, auch Zeit nehmen und uns helfen wollen. Das ist so wertvoll für uns und wir sind dankbar! Wir denken uns die ganze Zeit: wie wäre es, wenn statt Syrern die Emiratis Flüchtlinge wären. Die würden sich mit ihrer Haltung sehr schwer tun. 

Wir wissen noch nicht, wie wir mit dem offensichtlichen Ungleichgewicht, mit den grünen Zweigen und der harten Rinde dieses Dubai-Baumes umgehen sollen. Wir wollen allen Menschen respektvoll begegnen. Aber was heisst das konkret? Geben wir Trinkgeld, machen wir Smalltalk, sagen wir Sir oder Madam (was wir eigentlich nicht zu einem Bediensteten sagen würden, sondern nur er zu uns) oder ziehen wir uns zurück? Wie können wir die Freundlichkeit, die wir in den letzten Monaten erfahren haben, in einer Gruppe ausleben, in der es keinen Augenkontakt gibt? 

Und dann waren wir endlich in der Natur. Raus aus dieser surrealen, unechten Welt, und rein in die Realitäten der Landschaft. Wir haben uns bei einem Picknick mit Freunden wahrscheinlich noch nie so sehr über einen Baum gefreut. Es war ein Prachtstück, und viel besser für die Umstände ausgerüstet als wir. Seine Zweige waren schroff und stachelig, ebenso die mickrigen Blätter. Aber er hatte imposante Äste und schaffte es, ein undurchdringliches Dach zu erschaffen, das uns Schatten spendete. Unzählige Vögel zirpten unsichtbar darin. Bäume sind etwas Tolles. Sie können beschützen. Und auch wir wünschen den vielen verschiedenen Menschen in Dubai, dass sie Schutz finden und dass ihre Hoffnungen in Erfüllung gehen. Denn letztlich träumen alle von ihnen, dass es ihnen gut gehen soll – im Schatten des Höchsten.

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