Schulter an Schulter in der Schwerelosigkeit

Schulter an Schulter in der Schwerelosigkeit

22.Oktober 2019

Nach 3 Wochen auf der arabischen Halbinsel haben wir uns an das Umfeld gewöhnt. Wir haben uns daran gewöhnt, Männer in Röcken zu sehen, das andere Geschlecht nicht anzusprechen, voll angezogen ins Meer zu springen und Tee mit Kondensmilch zu trinken. Eigentlich kommt jetzt erst die Phase, in der wir ankommen könnten – uns an die Sprache mehr herantasten, Menschen innerlich begegnen, irgendwo in einem Dorf absteigen und eintauchen. Doch leider ziehen wir gerade jetzt wieder weiter. Jetzt wäre eigentlich die Zeit, sich Schulter an Schulter mit den Menschen hier zu bewegen. Und zu lernen, die Momente der Schwerelosigkeit und des Unverständnisses, die wir erlebt und beobachtet haben, besser einzuordnen.

Für 10 Tage besuchte uns unsere Freundin Claudia aus dem Wallis, und wir reisten gemeinsam von Masqat, der Hauptstadt an der Küste, ins Landesinnere vom Oman. Es war eine gelungene Rundreise mit unserem geliehenen Auto. Ein Roadtrip durch die Wüste. Die Landschaft besteht aus schroffen, steinigen Bergen, die sich im diesigen Licht wie Schablonen in verschiedenen Blautönen präsentieren. Zwischendurch kommt man durch Siedlungen und Ortschaften, die mitten in die Steinkulisse gebaut wurden, jedes Haus eine Festung gegen Sand und Hitze. Nur, wenn man weiss, wohin, findet man den Weg in die Canyons, die sich zwischen den Bergen auftun. Hier tritt Wasser aus dem Berg. Nicht das Wasser, das diese gigantischen Schluchten geformt hat, aber genügend Wasser, das sich in tiefen Pools sammelt und als Wasserfälle über die Felsen springt.

Dem Menschen sei Dank hat sich daraus eine grüne Oase entwickelt. Das Wasser wird so geschickt umgeleitet und verteilt, dass grosse Dattelpalmenplantagen, grünes Gras (als Futter für Tiere), Bananenbäume und viele andere Pflanzen wachsen. Der Unterschied zwischen der Steinlandschaft und diesen grünen Parks, in denen ein lauer Wind weht und man das stetige Plätschern des Wassers hört, könnte nicht grösser sein. An den Wadis, die wir besucht haben, befanden sich oft kleinere Dörfer, in denen die Menschen noch vom Erlös der Datteln und der Viehzucht leben. Und hier fanden auch unsere ersten sprachlosen Begegnungen statt.

Während die Menschen in dem grossen Städten (manchmal erstaunlich gut und manchmal erstaunlich schlecht) Englisch sprechen, so stellten wir in einem Besuch dieser Dörfer fest, dass ausser ein paar Brocken Arabisch oder Englisch nur noch Zeichensprache blieb. Nach unserer Zeit im Kaukasus, wo Didi auf Russisch quasi mit Jedem sprechen konnte, war das eine neue Erfahrung. Sprachlosigkeit führt dazu, dass viele Informationen nicht ausgetauscht werden können. Begegnungen können keine Tiefe annehmen. Und dennoch werden andere Informationen so viel wichtiger. Zum Beispiel der Gesichtsausdruck. Oder Augen.

Wir hatten uns auf der Suche nach einer schönen Badestelle ziemlich verlaufen. Zunächst hieften wir uns, die ganzen Picknicksachen und die Kinder von Felsen zu Felsen, dann balancierten wir auf schmalen Wasserleitungen, um dann einen steilen Abstieg über Stock und Stein zu wagen. Wir waren so froh, als wir am Wasser ankamen. Nach ein paar Minuten kletterte ein einheimischer Mann zu uns. Er hätte auch einen indischen Fakir darstellen können, mit seinen zotteligen Haaren, dem für uns ungewissen Alter und dem langen Rock. Er gestikulierte und wies hinter sich. Wahrscheinlich war dort ein besserer Weg als den, den wir genommen hatten. Mehr konnten wir leider nur erahnen – da war sie, die Sprachlosigkeit, die wie eine Mauer zwischen uns steht – und auch, als der Mann von weitem rief und auf einen blinkenden Gegenstand wies, konnten wir nur mutmassen, dass er vor unseren Augen eine Schlange getötet hatte.

Nicht nur die Sprache, auch die Kultur blieb uns am Anfang fremd. In der Nähe eines traditionellen Bergdorfes erforschten wir die malerischen Gärten und Wanderwege. Als wir durch den Ort liefen, beobachteten wir, wie eine Touristin die Kamera zückte, um eine einheimische Frau von Weitem zu fotografieren. Instinktiv wussten wir, dass das keine gute Idee sein würde. Durch Schilder wird überall darauf hingewiesen, dass die Bewohner – und vor allem die Frauen – nicht ungefragt fotografiert werden möchten. Doch was nun geschah, ging so schnell, dass es schwierig blieb zu verstehen. Die einheimische Frau gab Laute von sich, was die Touristin irritierte, die aber die Kamera nicht sinken liess. Innerhalb kurzer Zeit hagelte es einen Stein in Richtung Kamera. Wir, die Zeugen dieser unschönen Begegnung, waren geschockt, wie schnell die Sprachlosigkeit zu einem Missverständnis werden kann, denn die Touristin versuchte nicht mehr, ein Foto zu machen, sondern um das Einverständnis zu fragen. Und wir waren auch überrascht über die heftige Reaktion. Durch Worte liess sich dieser Konflikt nicht lösen. Der Stein sprach eine deutliche Sprache der Wut.

Wir besuchten aber nicht nur Bergdörfer, sondern auch Städte. In Nizwa, einer idyllischen Wüstenstadt, blieben wir einige Tage und besichtigten die Altstadt und den Markt. Von weitem sah ich Frauen am Boden sitzen und dachte, es wäre doch die Gelegenheit, sie kennenzulernen und sie auf Arabisch zu fragen, welche Handarbeit sie gerade machen. Das stellte sich gleich als schlechte Idee heraus, denn sie wollten nur ihre Ware verkaufen und priesen die in hohen Tönen an. Unsere älteste Tochter schielte auch schon nach einer bunten Tasche, und ich musste mich jetzt irgendwie von den Verkäuferinnen loseisen und ein bettelndes Kind beruhigen, weil wir natürlich nichts kaufen würden (eiserne Policy auf unserer Reise). In dem Moment drückte die Marktfrau uns eine Tasche in die Hand. Die Sekunden danach hätten auch Stunden sein können. Was mache ich jetzt? Ich will das Ding gar nicht kaufen. Nehme ich das als Geschenk an und schädige ihr Geschäft? Oder verfalle ich Ihrem Trick und gebe ihr Geld? Obwohl die Frau gestikulierte, es wäre ein Geschenk und sie will nichts, fühlte ich mich total unsicher. Es war, wie ein Astronaut im dunklen Weltraum zu schweben – ohne Orientierung. Wie sage ich etwas? Wie lese ich Gedanken? Wie interpretiere ich den Moment? Erst im Nachhinein war mir klar, dass ich ihr gerne etwas zurück schenken würde. Leider war sie dann aber schon weg.

All diese Begegnungen zeigen uns, wie wichtig Kommunikation und Kultur in der Beziehung zwischen zwei Menschen ist. Und je unterschiedlicher und verschiedener wir sind, desto schwieriger wird es, klar zu kommunizieren. Gleichzeitig gibt es aber auch so viele Situationen, in denen wir – trotz all dieser Unterschiede – merken, dass wir alle gleich sind.

Da sind sie, diese Spielplatz-Momente. Die Begegnungen mit anderen jungen Eltern, die uns anlächeln und Kontakt aufnehmen. Ihre müden Augen und die Themen zeigen uns, dass es allen Eltern auf der Welt gleich geht – die Freude an ihren Kids und die viele Arbeit, die das mit sich bringt. Eine junge Frau kommt direkt auf uns zu und verrät uns, dass sie viel lieber mehr arbeiten würde, als weitere Kinder zu bekommen. Damit bricht sie anscheinend mit vielen Werten in ihrer Familie. Der Zauber der Offenheit, die spontane Nähe, die durch diese intimen Informationen entstand, war leider sofort erloschen, als Didi sich uns näherte. Sie ignorierte ihn als Mann und verschwand. Da wären wir wieder bei den kulturellen Differenzen.

Da ist die indische Mama, die mir in einem Smalltalk plötzlich ihr Herz ausschüttet. Dass ihr Mann das ganze Geld verspekuliert hat, und damit nicht nur seinen Job und das Kapital verloren hat, sondern eben auch das Visum für Dubai. Somit war sie jetzt 2 Jahre lang als illegale Einwanderin in ihrer Wohnung mit zwei kleinen Kindern, hat sich nicht getraut, mit den Nachbarn zu sprechen oder einkaufen zu gehen. Während der Mann Tag und Nacht gearbeitet hat, um wieder Geld zu verdienen. Am Tag vor unserem Gespräch hatten sie den letzten Pass beantragt und konnten die Strafe für die Illegalität mit Bestechungsgeldern abzahlen – endlich ist diese Phase für sie vorbei. Obwohl unsere Lebenssituationen unterschiedlicher nicht sein könnten, berühren Emotionen. Auch durch Reichtum und Nationalität. Denn wir sind alle Menschen und ich weiss nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich in ihren Schuhen laufen würde. Ich würde mich auf alle Fälle freuen, dass es vorbei ist, und so konnte ich ihre Erleichterung auch auf meinen Schultern spüren.

Nach den vielen Wüstenmomenten und Canyon-Wanderungen verbrachten wir noch einen Tag am Meer. Unser einheimischer Gastgeber war sehr herzlich und aufmerksam. Er war 43 Jahre alt und gerade offiziell in Rente gegangen – für uns unvorstellbar, für ihn normal. Deshalb war ihm langweilig und er freute sich über Abwechslung. Er lud uns zum Essen ein und so verbrachten wir einen schönen Abend zusammen. Wir hatten noch ein tolles Paar aus den Malediven kennengelernt, die auch noch dazu stiessen. Das Lachen, die vielen Diskussionen, die gemeinsamen Erfahrungen zeigte uns mal wieder: Menschen aus allen Kulturen sind gleich. Sie lieben ihre Familie und scheitern daran. Sie müssen arbeiten (okay, ausser du gehst im besten Alter in Rente oder auf Weltreise), sie streiten, finden ihre Positionen und entdecken gerne Neues. Menschen sind Menschen. Und erst, wenn wir Schulter an Schulter unterwegs sind, merken wir das.

Wir werden den Oman vermissen. Die Zeit war viel zu kurz, um dieses faszinierende Land zu begreifen. Die Menschen, die wir als reserviert, aber sanft und hilfsbereit wahrgenommen haben (ausser es fliegen Steine…). Die Natur, die sich trotz der unbarmherzigen Hitze so vielfältig und grün präsentiert. Und so fliegen wir weiter um den Planeten – zunächst mit dem Auto nach Dubai zurück – um weiter den Sprung in die Schwerelosigkeit zu üben. 

No Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kategorien