Schule im Rucksack

Schule im Rucksack

19.Dezember 2019

Als wir zu unserer Reise im Juli 2019 aufbrauchen, taten wir das zu einem strategischen Zeitpunkt: nämlich genau dann, als unsere älteste Tochter schulpflichtig wurde. Mila ist zwar erst 4 Jahre alt, aber aufgrund der Kindergartenpflicht in der Schweiz und dem Fakt, dass sie im Sommer Geburtstag hat, wäre sie einen Monat nach ihrem vierten Geburtstag mit einer schicken Kindergarten-Tasche und grossen Augen in ihr erstes Jahr als Kind mit Verpflichtungen gestartet.

Wir sind keine Kindergarten oder Schulgegner. Unsere Kinder geniessen es, bei anderen Menschen zu sein, in Gruppen mit Kindern zu agieren und neues zu lernen. Wir trauen ihnen auch beiden durchaus zu, dass sie im Laufe ihres Leben durch die Schule mit allen guten und schlechten Zeiten gut durchgehen werden. Doch irgendwie haben wir gemerkt, dass wir als Familie noch nicht so weit sind. Wir geniessen unsere Freiheiten. Und so haben wir die Chance genutzt – bevor unsere Kinder in ein Alter kommen, in dem sie sich nicht mehr so einfach drücken können – und sind auf und davon.

Das fand Mila natürlich superblöd. Denn einige ihrer Freunde gingen ja jetzt in den Kindergarten, und das machte sie ein bisschen neidisch. Wir boten unserer Tochter an, dass wir ersatzweise mit ihr unterwegs Schule machen könnten. Und diese Idee hat alles gerettet. Alles, was es dazu brauchte, war ein Heft und ein Name. Nicht Abenteuer-Schule, nicht „Schule des Lebens“. Nein. Mila-Schule, wünschte die frischgetaufte Erstklässlerin.

Eigentlich ist es eine tolle Sache, dass Kinder intuitiv lernen. Es liegt ihnen im Blut, Dinge verstehen zu wollen, Handgriffe zu imitieren, Dinge auseinanderzunehmen. Und das alles verpacken sie noch als Spiel und haben Spass dabei. Dass Kinder selbständig lernen, steht für uns ausser Frage. Wir sehen unsere Aufgabe als Eltern darin, sie in diesem Prozess zu begleiten und ihnen Antworten zu geben oder sie zu ermutigen, an einem Projekt dranzubleiben. Alles andere bringen sie selbst mit. 

Unserer Meinung nach braucht es Schule in diesem Lernprozess nicht – ausser für die soziale Komponente. In einer Gruppe zurecht kommen, Freundschaften schliessen, Probleme im Team lösen… für solche wichtigen Kompetenzen kann die Institution Kindergarten oder Schule sehr wichtig sein. Und eben da liegt Milas grösstes Lernfeld.

Und so fingen wir an mit unserem Lehrplan… und machten eigentlich nicht viel anders als sonst.

Wenn Mila fragte: „Wieso gibt es Wellen?“, dann gab ihr einer von uns (meistens der naturwissenschaftliche Papa) eine Antwort.

Wenn Mila etwas basteln wollte, besorgten wir ihr irgendwie Material und ermutigten sie darin.

Wenn wir wandern gingen (ziemlich häufig), erzählten wir lange Geschichten, erfanden Lieder und bestaunten die Natur.

Wenn Mila klettern wollte, liessen wir sie.

Und sie wollte.

Der Unterschied zu unserem Familienalltag vorher ist: jetzt haben wir die Zeit und Musse dazu. Zu Hause war unser Leben so voll und wir so müde gewesen, dass die ewige Fragerei (Warum…?) oft genervt hat. Auf der Reise haben wir ja sonst nicht viel zu tun – und können dieser Rolle mehr Raum geben im Alltag. Wir machen einfach die Dinge, die uns Freude bereiten – herumlaufen, Fotos schiessen, ab und zu ins Museum gehen, mit Menschen in Kontakt kommen – und schleppen unsere Kinder mit. Und dabei lernen sie ziemlich viel.

ein Experiment – ab welcher Salzkonzentration schwimmt das Ei?

Hochmotiviert wollte Mila direkt das lernen, was alle Erstklässler lernen: Schreiben. Und so hat sie alle wichtigen Namen in ihrem Umfeld schreiben gelernt. Sie war recht ausdauernd. Manchmal schreibt sie sie rückwärts, manchmal mit sehr kreativ unleserlichen Buchstaben, aber sie schreibt. Wenn sie eine neue Person kennengelernt hat, oder jemandem ein Geschenk machen will, dann fragt sie, wie man ihren Namen schreibt. Und so lernt sie Buchstabe um Buchstabe.

Dieser Teil des Lernens, der mit einem Stift in der Hand vor ein Heft gebückt stattfindet, nimmt aber nur einen minimalen Anteil an unserem Leben als Nomaden-Familie ein. Meistens beschäftigen sich unsere Kinder sehr gut alleine, spielen mit allem, was sie finden können, und brauchen uns gar nicht – ausser manchmal. Einmal hatte Mila die Idee, sie wolle Kaufladen spielen. Sie baute aus einem Spielbrett einen Supermarkt, und verkaufte Tempos, Steine und Spielzeuge. Ich zeigte ihr, wie sie Münzen unter ein Papier legt, mit dem Stift die Gravur nachschraffiert und dann diese neue Papiermünze ausschneidet. Ihren neuen Geldschatz hat sie lange gehortet. Und unsere Rolle war dann, regelmässig zu dem kleinen Supermarkt zu bummeln und unseren Wocheneinkauf an Steinen zu tätigen.

Wir haben als Familie ausserdem etwas Neues entdeckt – Kindermuseen. Manchmal sind das Spiegelkabinette, manchmal Physik zum anfassen. 

In Dublin hat Mila das Kindermuseum besonders gefallen, denn hier gab es einen Supermarkt in einer Dimension für kleine Menschen, in dem sie selbständig kassieren und einkaufen konnte. Das hat ihr riesigen Spass gemacht – und gefällt uns allen gut.

Und so lernen unsere zwei Kids streiten und nachgeben, schneiden und klettern. Die Welt begreifen. Und ich bin mir noch nicht sicher, ob sie andere Dinge lernen als zu Hause, einfach weil wir zufälligerweise reisen. Gut, die Natur ist überall ein wenig anders, und die Menschen auch, aber irgendwie erscheint das nicht so wichtig.

Einen grossen Einfluss hat es allerdings doch auf Mila – sie hat ihre Freunde und ihre Sprache verlassen. Wenn sie in Georgien oder im Oman auf den Spielplatz ging, konnte sie keine Konversation über Einhörner starten. Und keine Rollenspiele. Das, was geht, ist Fussball spielen oder verstecken oder fangen. Und das findet Mila oft blöd.

Darunter hat unsere Älteste oft gelitten. Wir merkten das daran, dass sie sehr häufig über ihre Freunde in der Schweiz geredet hat. Und dass sie oft traurig war, nachdem wir auf einem Spielplatz waren. Wir haben versucht, sie möglichst gelassen zu begleiten, kleine Begegnungen zu betonen und ihr sprachlich zu helfen. Stolz präsentiert Mila ihre Floskeln auf Englisch, Georgisch und Russisch.

Der zweite Abschnitt unserer Reise war dann wie eine Antwort auf unsere Gebete: denn nicht nur haben wir Familie und Freunde getroffen und Mila hatte jede Menge Spielmöglichkeiten, sondern wir haben auch über mehrere Wochen bei und mit anderen Familien gewohnt. Und da konnte sie genau das üben, was in den Monaten davor zu kurz kam: mit Gleichaltrigen verhandeln, Spiele finden, Streit schlichten und den Alltag teilen. Mehr, als sie das bei jedem Play Date oder Kindergartenmorgen müsste.

Wir reisen weiter und gehen alle in eine Schule. Wir lernen, wer wir sind, wer wir mit anderen sind, und was wir gut können und was noch nicht. Unser nächster Reiseabschnitt führt uns nach Costa Rica. Dort wollen wir ein wenig länger an einem Ort bleiben, um Spanisch zu lernen. Wenn es klappt, wollen wir Mila auch die Chance geben, dass sie Spanisch mit anderen Kindern lernen kann. Damit sie auf dem Spielplatz dann auch mal reden kann. Über Einhörner und andere wichtigen Sachen.

Mila, wenn du mal alle Buchstaben gelernt hast und das hier liest: wir hoffen, du würdest nochmal gerne Milaschule machen.

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