Salzwassertränen

Salzwassertränen

/ 22. Juni 2020 /

In einem normalen Leben wäre ich nicht hier. Ich wäre ganz sicher nicht an einem der ersten 3 Orte, die man mit „Tipps für Urlaub in Costa Rica“ googeln kann. Es ist aber nicht mein normales Leben. Ich bin seit einem Jahr mit meiner Familie, also mit Mann und zwei Kleinkindern, auf Weltreise, und die Hälfte der Zeit schon irgendwo im Nirgendwo in Costa Rica, aber an Orten, die man vor allem auf Spanisch im Internet findet. Nach mehreren Monaten Quarantäne haben wir das Abenteuer gestartet, trotz Corona wieder im Land zu reisen. Und das führt mich eben an so einen Ort wie Manuel Antonio. Und deswegen weine ich gerade.

Costa Rica hat eine enorme Ausstrahlung für amerikanische Rentner entwickelt. Hier kann man trotz Rheuma unter Palmen wandeln und sein Geld für Cocktails ausgeben. Und so verbringen viele Amis ihre begrenzten Ferien oder ihre unbegrenzte Rente in diesem tropischen Eiland der Sicherheit, aufgefädelt in einer Reihe mit Ländern, die Kriminalität nicht so im Griff haben wie etwa Houston, Texas. Daraus hat sich eine ganze Industrie mit Luxushotels, Nationalparks und Mietwagen entwickelt, und diese Industrie bündelt sich in Manuel Antonio. Hier reiht sich Restaurant an Restaurant, es gibt einen wunderschönen Strand und direkt daneben einen Nationalpark, der barrierefrei ist und wo man von wilden Affen umgarnt wird. So erzählen es uns begeistert einige Einheimische und ich weiss gar nicht, ob sie selbst schon an diesem Ort waren. Es scheint so ein bisschen ein Vorzeigeschild zu sein: „Seht her, wir haben auch ein Disneyland!“ Doch Disneyland bringt Costa Rica jetzt nicht viel. Die Grenzen und Strände sind geschlossen, die Touristen bleiben auf unbestimmte Zeit schön in ihrem Heimatland. Disneyland ist eine Geisterstadt.

Wenn wir Orte wie Manuel Antonio besucht haben in unserer Karriere als Backpacker, dann meistens in der Nebensaison. Wir haben am sonst vollgestopften Strand der Algarve herumgelungert und Fischern in ihrer Einsamkeit zugesehen. Wir haben in Albanien im Hinterhof von Hotels gecampt, während diese für die nächste Saison renoviert wurden. Und so verlassen kommt es mir auch zuerst vor, als wir mit dem klapprigen Bus an der Endstation Playa Manuel Antonio ankommen. Es ist kein Mensch zu sehen, die Geschäfte und Restaurants sind verrammelt. Und es regnet, um dramaturgisch noch eins draufzusetzen. Auf der Strasse steht ein Pferd, und der Bus hupt empört, als er es überholt.

Und doch – es ist nicht Nebensaison. Es wäre jetzt die Zeit, um das Geld für die teuren Mieten zu verdienen, und ich spüre den ersten Anflug von Traurigkeit. Ich versuche, es zu verdrängen. Denn zunächst müssen wir unsere gebuchte Unterkunft finden. Wir, das sind mein Mann mit Rucksack und drei Taschen, meine zwei kleinen Töchter, und eine davon bekommt jetzt gerade im Regen einen Wutanfall. Da stehen wir nun, Backpacker mit zwei blonden Kleinkindern, und tragen ein schreiendes Bündel durch den Regen, vorbei an Hinterhöfen und geschlossenen Türen. Zum Glück finden wir unsere Unterkunft schnell. Sie ist genauso verlassen wie die anderen. Die Vorderseite des Hauses sieht aus, als wäre es übereilt verlassen worden, wegen eines Vulkanausbruchs oder einem Erdbeben oder einer sonstigen Katastrophe. Mein Mann und ich schauen uns leicht panisch an. Wir haben das Low-Budget-Zimmer im Hinterhof am Vorabend online gebucht, und ich verfluche uns leise, dass wir nicht doch angerufen haben. Immer dieses verplante Reisen ins Blaue. Jetzt stehen wir hier, und auf unser Klingeln öffnet niemand. The number you have dialed is not available. Beide Kinder haben Hunger, und sind verwirrt und müde. „Ich geh uns was anderes suchen“, sage ich zu ihnen, und laufe die Strasse weiter. Ich habe nicht viel Hoffnung irgendetwas oder jemanden zu finden, aber schon nach ein paar Metern laufe ich einem Touristen über den Weg. Leicht erkennbar an der hellen Hautfarbe, den Flipflops und dem leicht verlorenen Blick. Ich trage auch Flipflops. Ich habe schon lange keine Touristen mehr getroffen. „Hi, where are you staying?“, frage ich direkt. Er nickt freundlich in Richtung eines Tors, und ich sehe Licht. Es ist ein Hostel, und anscheinend ganz gut besucht. Die Besitzer tun so, als wäre es das Normalste von der Welt, verlorene Reisende während einer Pandemie und während eines Platzregens zu beherbergen. Sie bieten uns ein schönes Zimmer an, es gibt eine Küche und einen Pool. Wir sagen zu, und schon haben wir unsere Plastiktiere ausgepackt und unsere Kinder toben durch den tropischen Garten.

Ich frage nach einem Restaurant, denn wir haben Hunger und unsere Snacks schon längst im Bus vertilgt. „Oh you know, everything is closed“, sagt die junge Italienerin in geschliffenem Englisch, „but you can try.“ Und so machen wir uns auf die Jagd nach Essbarem. Wir laufen an vielen Stühlen vorbei, die verloren an Tischen hängen. Sie sehen endgültig tot aus. Ein junger Mann läuft uns hinterher, fast ein bisschen panisch. Wir lächeln ihn an, und freuen uns über Smalltalk. Er aber hält uns die Hand entgegen. Er möchte was zum Essen erbetteln, oder noch besser: Geld. Mein erster Instinkt ist Abscheu und das spürt er wahrscheinlich auch. Wir waren in sehr viel ärmeren Gegenden hier im Land, und niemand hat gebettelt. Meine zweite Reaktion ist Mitleid, denn auch Bettler sind jetzt arbeitslos, aber da ist er schon weitergegangen. Er läuft zu einem kleinen erleuchteten Supermarkt. Auch wir steuern darauf zu. Es ist ersichtlich, dass hier lange niemand etwas gekauft hat. Avocados faulen vor sich hin, und ein paar arme Würstchen frieren im Gefrierfach. Wir kaufen Kelloggs und Milch. Es kostet wahnsinnig viel, aber das ist wahrscheinlich normal, an diesem Ort, an dem normalerweise sonnencreme-beschmierte Teenager einmal im Jahr ihr Taschengeld für Chips raushauen. Als ich aus dem Supermarkt trete, schwebt ein Mann mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. „Amigaaa, bienvenidos, welcome, Willkummen!“ Es ist einer dieser Marktschreier, die überall auf der Welt unisono die Melodie der Manipulation singen. Er bugsiert uns zu dem einzigen geöffneten Restaurant weit und breit. „15 Percent discount, my friend, just for Corona.“ Wir lassen es geschehen. Nach Monaten voller Kocherei und unendlich viel Bohnen und Reis bin ich froh, dass nicht ich für eine leckere Mahlzeit zuständig bin, sondern ein Profikoch. Wir bestellen, was das Zeug hält: Milchshake und Fruchtsaft, Fanta und Hamburger und Pommes. Als wären wir ausgehungert und hätten monatelang nichts Frittiertes gegessen. Das stimmt nicht, ich habe regelmässig Kochbananen im Öl gewendet und wir haben aus Bohnen leckere Falafel gemacht. Aber jetzt greifen wir seufzend in die Pommes. Der Kellner steht stumm neben unserem Tisch, dezent und aufmerksam. Neben ihm sitzen etwa 5 Menschen, die alle die gleiche Uniform tragen und herzlich wenig zu tun haben. Wir schauen von unseren Pommes auf und ja, es ist tatsächlich niemand da, ein Hund liegt zwischen den leeren Tischen und ab und zu fährt ein Auto hupend davon. Aber Kundschaft, Menschen, die ihr Geld für Hamburger und Pommes ausgeben, die gibt es sonst nicht. Ich schaue dem Kellner in die Augen, und ich sehe Traurigkeit, aber ich bin mir nicht sicher dabei. Die Pommes sind verspeist, und die Rechnung wird gebracht. Mein Mann schluckt. Es kostet so viel, wie wir sonst hier für eine Woche frisches Obst und Gemüse ausgegeben haben. Er bezahlt mit Pokerface.

Held spielen in diesen Zeiten ist relativ einfach. Zuerst hiess es weltweit: Bleib zu Hause auf deinem Sofa und rette die Welt. Das haben wir getan, relativ unheldenhaft und ziemlich entspannt, manchmal auch verspannt. Die Welt retten und dabei nichts tun kann sich manchmal schwer anfühlen, eben weil man nichts tut. Mittlerweile hat Costa Rica einige Corona-Einschränkungen aufgehoben, und das ist auch bitter nötig. Denn die Wirtschaft liegt brach. Viele Menschen haben momentan kein Einkommen, und besonders viele davon arbeiten in der Tourismusindustrie. Der neue Superheldenauftrag lautet: Unterstütze den Tourismus! Politiker lassen dieses Motto über alle Kanäle in Costa Rica laufen. Hotels rüsten um auf Preise für Einheimische, sogar Feiertage werden jetzt so verschoben, damit möglichst viele Familien an einem langen Wochenende an die Strände strömen. Neue staatliche Pflicht eines jeden guten Bürgers. Es ist nicht abzusehen, dass bald wieder die Grenzen geöffnet werden. Die Regierung von Costa Rica agiert momentan eher vorsichtig, und die Vorstellung, dass bald wieder zehntausende hustende Rentner aus den USA heranrücken, ist gerade eher nicht trendy. Also dann müssen doch die Einheimischen ran – bitte schön in die Luxusresorts fahren, Kaffee trinken und Hamburger mit Zahnstocher im Hipstercafé essen, am besten noch ein Auto mieten, und die Nationalparks ablaufen. Oder doch Zipline? Bei all dem wird eine Sache übersehen: In den letzten Jahren ist ein riesiger Markt entstanden, der Touristen schröpft. Und zwar die Reichen, die, die es ja haben und die im Urlaub auch grosszügig sind. Und die nicht wissen, wie viel ein Hamburger ohne Zahnstocher so kostet. Nicht die Einheimischen, die sich das Geld für das Hotel zusammengespart haben. Es ist entstanden aus dem natürlichen Ungleichgewicht zwischen Self-Made-Millionären und gutverdienender Mittelschicht aus Florida und den Menschen, die hier für unter zehn Dollar pro Tag arbeiten. Und darauf gewachsen ist ein Dschungel. Massive Immobilien, geleckte Wohnungen mit Swimmingpool, Restaurants, in denen es Falafel auf einem riesigen Teller und solche Sachen gibt.

Und dieser Dschungel verdurstet jetzt – es kommt kein Wasser nach. Die Blätter verdorren. Zuerst die äusseren Zweige, die, die nicht fest verwurzelt sind. Die, die keine Reserven haben. Die purzeln jetzt furztrocken herunter, und weinen wasserlose, verschwitzte Salzwassertränen. Aber auch die Äste wanken. Es ist ihnen schwindelig, so ganz ohne Wasser, und sie wissen nicht mehr, wie lange sie sich noch versorgen können. Und da können auch die einheimischen Touristen nicht helfen, denn viele von ihnen bringen nur kleine Tropfen, und das lindert niemals den Durst dieses gigantischen, sonst so starken Dschungels. Der den prasselnden Regen gewohnt ist.

Einer der Zweige ist Andrew. Wir sehen ihn, als wir an unserer verlassenen ersten Unterkunft vorbeigehen, zurück zum Hostel. „Guck mal, da brennt Licht“, raunt mein Mann. Schnurstracks laufen wir auf das Haus zu. Dort stehen zwei Männer und reden miteinander. „Hallo, wir wollten hier eigentlich schlafen, aber niemand war da.“ „Was?“, ruft Andrew, „ich habe die ganze Zeit auf euch gewartet.“ Tja, Klingel wohl kaputt, falsche Handynummer angegeben. Als Andrew bewusst wird, dass ihm ein Geschäft durch die Lappen gegangen ist, haut er sich vor Wut auf die Oberschenkel. „Ihr wärt meine ersten Kunden seit drei Monaten gewesen“, presst er heraus. Und in diesem Moment, in seinen Augen, spricht so viel Verzweiflung durch seinen Körper, dass mein Mann und ich uns nicht einmal anschauen müssen. Wir versprechen Andrew, dass wir in den nächsten Tagen zu ihm kommen und noch 2 Nächte bei ihm schlafen. Das tun wir dann auch. Andrew ist sehr nett, aber kein besonders guter Gastgeber. Er hat nicht so das Gespür dafür, wie man Räume schön gestaltet, und was Gäste brauchen, um sich heimisch zu fühlen. Ich bin auch keine besonders gute Gastgeberin. Aber wir schlafen gut auf seinen Betten und ignorieren die Kakerlaken in der Dusche. Und ich denke darüber nach, dass nicht nur die besonders guten Gastgeber überleben sollen. Weil so viele Schicksale sichtbar werden, wenn ein ganzer Wirtschaftszweig versinkt. Andrew erzählt uns, dass er viel in sein Business gesteckt hat, in das Restaurant, das jetzt geschlossen ist. Und dass er seine Leute entlassen hat, die dann von der Regierung Hilfe in Anspruch nehmen konnte. Aber wer Unternehmer ist, wer Kapital hat, wird nicht gerettet. Und ich weine ein bisschen innerlich mit um all die entwurzelten Hoffnungen.

Leute wie wir sind tatsächlich die Rettung – Leute mit ausländischem Kapital, die hier in Costa Rica stecken geblieben sind. Das fühlt sich komisch an. Zuerst darf ich die Welt retten, indem ich zu Hause bleibe, und jetzt, indem ich reise und Geld ausgebe. Das steht ja eigentlich genau auf unserem Plan und deshalb fühlt sich das nicht schlecht an. Doch diese Situation ist sehr komplex. Denn wie verhält man sich als Retter? Und nimmt man sich selbst nicht zu wichtig, wenn man in solchen Kategorien denkt? Immerhin passieren hier ganz normale Abläufe – Wir nehmen einen Service in Anspruch, finden ihn gut oder schlecht, bezahlen anständig und gehen weiter. Da ist eigentlich kein Platz für ein Helfersyndrom, es ist normales Wirtschafts-Einmaleins. Doch ich bilde mir ein, dabei so viele Emotionen zu spüren, und überlege mir, wie wir den Menschen, denen wir begegnen, in dieser Situation etwas Gutes tun können. Das kann ich nicht einfach abschalten. Und so schreibe ich mir die Finger wund mit guten Bewertungen (und wie weit würde sich der Realismus dem Helfenwollen beugen?), und wir bleiben auch einmal eine Nacht länger, wenn das jemandem hilft. Und es macht auch etwas mit den anderen. Wenige unserer Ansprechpartner auf der Reise spielen die Mitleidskarte aus. Viele sind einfach ehrlich über ihre schwierige Situation, aber verhalten sich in der Begegnung mit uns Touristen normal, würdevoll und serviceorientiert. Auch Andrew. Aber manchmal gibt es Momente, in denen Verzweiflung durchblitzt – und ein Blick auf uns, der die finanziellen Unterschiede zwischen uns sichtbar macht. Wie eine riesige Treppe, die sich zwischen uns auftut, und wir stehen ganz oben. Jeder Rubel rollt von oben nach unten.

Wir haben lange überlegt, ob wir wirklich ein Auto ausleihen sollen. Wir sind nun einmal Vollblut-Backpacker. Wir stehen morgens um 5 für den Bus auf, und schlafen auch mit Kindern im Hostel. Wir sind dankbar für die Menschen, die uns bis jetzt immer wieder mit dem Auto mitgenommen haben, denn ein Auto zu mieten ist in vielen Ländern eher teuer und in Costa Rica im speziellen. Jetzt ist es aber so, dass Bus fahren momentan ganz oben auf der Liste der gefährlichen Aktivitäten steht, direkt nach terroristischen Attentaten. Zumindest hier in diesem Land. Denn da sind viele Leute auf einem Haufen, und die Überlandbusse kurven stundenlang durch den Dschungel. Wir waren die letzten Wochen immer wieder mit Bussen unterwegs, aber je näher wir an die Regionen kamen, in denen es auch tatsächlich Covid-Fälle gab, desto mehr hatten wir Respekt davor. Eines Tages entdeckten wir online, dass die Preise für Mietautos rapide gesunken waren. Und da beschlossen wir: Schluss mit stundenlangem Ausflug zum Supermarkt und Anreisen, die eher Schnitzeljagden ähneln! Wenn wir etwas von Costa Rica sehen wollten, mussten wir mobil sein. Wir reservierten ein Auto (vorbildlich mit Versicherung) und machten uns zwei Tage später mit Sack und Pack und unseren zwei Kindern auf den Weg zum Mietautobüro – per Bus natürlich.

Das Büro war der wohl kälteste Ort, den wir in den letzten Monaten betreten hatten. Während draussen Papageien vorbei flogen und noch nicht einmal das Meereswasser wirklich abkühlte, hatte ich drinnen das Bedürfnis, eine Daunenfederjacke anzuziehen. Der Mann, der hinter dem Tresen saß, war freundlich und wirkte auf professionelle Art authentisch. Er erzählte von seiner abgesagten Geburtstagsparty und dass seine Söhne in der Quarantäne zu PS4-Suchties mutiert waren. Entspannt füllten wir Papierkram aus und zeigten unsere Dokumente. Meine Finger waren eiskalt. Ich hatte es zuerst nicht bemerkt, aber Didi wurde sofort hellhörig, als der Verkäufer anfing, über Versicherungen zu reden. Wir hatten eine weltweite Haftpflichtversicherung abgeschlossen, und hatten online das Auto gegen Beulen oder Kratzer versichern lassen. Und doch redete er und redete, und er zeigte meinem Mann Kleingedrucktes am PC. Ich bin nicht gut mit solchen Sachen, ich weiss nur, dass nun auch die Stimmung in dem kleinen Raum immer frostiger wurde. Zwei Stunden Gerede später mussten wir NOCH eine Versicherung abschliessen und bezahlten letztendlich doppelt so viel wie vorher ausgemacht. Er überliess uns zwar Kindersitze, aber es fühlte sich irgendwie nach einer Masche an. So, als wären wir in dieses Getriebe gekommen, das gutverdienende Touristen aus den USA (die vielleicht oft keine Versicherungen haben, geschweige denn im Ausland) ausquetscht. Und doch dachte ich daran, dass dieses Rad nun einmal existierte, und auch in Krisenzeiten weitermalen wollte und musste. Jetzt waren wir da hineingeraten, und mein Herz sagte: Mist, und mein Kopf sagte: Sei ein Held und unterstütze den Tourismus.

Wir brauchten zum Glück nicht lange zu unserer nächsten Unterkunft. Wir waren alle ausgelaugt von den Diskussionen und dem Organisieren. Eilig verliessen wir den noch fremd riechenden Mietwagen und packten unsere Rucksäcke aus. Unsere neue Gastgeberin Carolina schaute durch die Tür. „Ich habe eine schlechte Nachricht für euch“, meinte sie. „Ab morgen ist erst einmal totales Fahrverbot.“ Sagte sie und schaute uns dabei zu, wie unsere Münder offen standen und unsere müden Augen sich noch in traurig-wütende Augen verwandelten. So viel Stress, und dann würden wir das Auto vorerst gar nicht benutzen dürfen! In mir machte sich Enttäuschung breit, und floss durch meine Arme bis in die Fingerspitzen. Morgen war Didis Geburtstag, und wir wollten doch in einen Nationalpark fahren und dann jede Minute mit diesem Auto auskosten. Bevor wir uns wieder in irgendeine Ecke verkriechen und zum nächsten Supermarkt eine halbe Weltreise antreten würden. Es war einfach schlechtes Timing, und es half nicht, dass in meinem Kopf das grinsende Gesicht des Autovermietungstypen auf Standby flimmerte. Didi ging es ähnlich. „Macht euch keine Sorgen“, sagte Ini, der Mann von Carolina. „Ich zeige euch morgen ein paar tolle Wege durch den Wald, direkt hier vor der Haustür. Viel besser als der Nationalpark.“ Und er hatte Recht.

Tourist in Zeiten von Corona zu sein bedeutet vor allem mit dem Unerwarteten zu leben. Mit Planänderungen und Dingen, die nicht funktionieren. Und dafür kann niemand etwas, denn die Welt ist nun mal so, wie sie jetzt gerade ist, und da wanken manchmal Urwaldriesen und manchmal fällt auch irgendwo ein kleiner Tourist zu Boden, was für den natürlich viel schlimmer ist, als dass der ganze Baum zugrunde geht. Das Fahrverbot galt zum Glück nicht lange. Mittlerweile hat sich das Auto schon gelohnt, denn wir fahren gerade einmal quer durch das Land und entdecken erst jetzt, wie vielfältig die unterschiedlichen Wälder hier sind. Und auch, wenn viele Nationalparks gesperrt sind oder wir online manchmal nicht herausfinden können, ob wir nach einer Stunde Fahrt vor verschlossenem Tor stehen würden, so helfen uns so viele Menschen. Die für uns bei ihrem Freund einen Wanderweg klarmachen, und die uns ihre Lieblingstouren empfehlen. Wir verstehen auf Spanisch auch immer besser Anweisungen wie „Zuerst kletterst du über das grüne Tor und dann musst du rechts am Stacheldraht vorbei…“ Und wir sind nicht mehr in Manuel Antonio. Das Disneyland, das auf die Geister der Vergangenheit wartet, die Kreditkarten der Amerikaner und die Grosszügigkeit von sonnenverbrannten Rentnern. Ich bin nicht dafür, dass wunderschöne Strände mit Luxusresorts zugebaut werden, und eigentlich auch nicht, dass Einheimische nur als Kellner arbeiten, aber nicht Hotelmanager sind, denn die sind vielleicht aus Europa oder sonstwo her.

Und doch, wenn der riesig überwucherte Baum des Tourismus fällt, begräbt er viele, viele Menschen unter sich. Menschen wie Andrew und Carolina, wie den Kellner im Hamburgerrestaurant und wie den jugendlichen Bettler, der jetzt wohl eine andere Arbeit suchen muss. Und einerseits will ich nicht nur zuschauen, wenn sie fallen. Ich wäre gerne eine Heldin, aber ich kann es nicht. Und vielleicht braucht es das auch nicht.

Auch die Affen sind arbeitslos. Manuel Antonio ist berühmt für die Affenhorden, die auch schon mal am Pool der Unterkunft sitzen, und die sich sonst wohl in Reih und Glied im Nationalpark aufstellen, um heimlich von Keksdosen zu naschen oder einem die Banane aus der Hand zu reissen. Auch wenn es verboten ist, die flinken Tierchen zu füttern, so scheint es trotzdem noch genügend Futter für sie zu geben. Als wir die Wege des Nationalparks betreten, sehen wir zunächst keinen einzigen Affen. Die Ranger erzählen uns, dass die Tiere verschwunden sind, als die Touristen ausblieben. Auch ihr Baum wankte – die sichere Nahrungsquelle ist versiegt. Sie leben von den Massen, und die bleiben aus. Jetzt haben sie sich wieder in den tiefen Dschungel abseits der ausgewiesenen Wege zurückgezogen, und müssen wohl etwas mühsamer nach ihrer täglichen Dosis Fruchtzucker suchen. Das Gute ist: Affen müssen nicht gerettet werden. Denn sie sind dazu ausgerüstet, sich in jeder Lage im Wald zurechtzufinden. Sie finden überall etwas zu essen, und klettern geschickt zwischen den Hindernissen. In diesem Dschungel, der gleichzeitig so übervoll und wunderschön, aber auch so grausam und unsicher ist. Ich wünschte, wir könnten Affen sein.

4 Comments

  1. Das war der spannendste und einsichtvollste Blogeintrag bisher.

    Danke, ich genieße diese Ausflüge in deinen Kopf und die weite Welt immer sehr

  2. Ich lese immer noch und so unglaublich gerne, was ihr erlebt, wie ihr es erlebt, wann ihr es erlebt! Du lässt es für einen total lebendig werden :9 Ein sehr schöner und guter Blogbeitrag, wie Verena schon sagte.

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