Reisen mit ohne Corona

Reisen mit ohne Corona

/ 28. Juni 2020 /

Es geht wieder los – viele Länder lassen die Schlagbäume an der Grenze lüpfen, Hotels sind mit Desinfektionsspray eingedeckt und der Sommer steht in Europa vor der Tür. Es geht wieder los – das könnte man meinen, und doch stimmt es nicht ganz. Denn das Wieder ist anders. Wir haben die Quarantänezeit als Reisefamilie in Costa Rica verbracht. Pünktlich zu den ersten Lockerungen vor einem Monat haben wir unser kleines Schneckenhaus am Strand verlassen und reisen seitdem kreuz und quer durch dieses tropische Land. Für uns war das Reisen mit der ständigen Präsenz des Virus und ohne eigene Ansteckung eine ganz neue Herausforderung. Jetzt, einen Monat später, haben wir schon ein paar Sachen dazugelernt, die ich gerne mit euch teile. Wieder.

Passe deinen Reisestil an

Wir sind Backpacker aus vollem Herzen. Mit einem Rucksack stundenlang an der Bushaltestelle neben einem Schwein zu warten macht uns glücklich, Luxushotels dagegen nervös. Jetzt haben wir zwei kleine Kinder, und trotzdem reisen wir bescheiden, langsam und nah an den Menschen. Dies ist aber in Zeiten von Corona eine besondere Herausforderung. Die Busse sind manchmal voll bis auf den letzten Sitzplatz, und die Maskenpflicht wird in Costa Rica jetzt erst eingeführt. Zum Glück kann man fast alle Fenster öffnen und frische Lust dringt herein, aber auch beim Schlangestehen oder an den viel zu kleinen Busbahnhöfen hat ein Virus, das in der Luft wabert, leichtes Spiel. Je näher wir uns von der abgelegenen virusfreien Region, in der wir die Quarantäne-Monate verbracht haben, in Richtung Hauptstadt bewegten, desto nervöser wurden wir angesichts der Menschenmassen. Und so mussten wir uns eingestehen, dass wir uns umstellen mussten.

Das bedeutete, dass wir uns ein Mietauto holten, was für uns eine grosse Überwindung war. Für jeden Reisenden hat diese Zeit eine besondere Umstellung parat – der eine war noch nie campen und denkt, dass er das jetzt machen sollte, ein anderer kann sich nicht vorstellen, ohne All-you-can-eat-Buffet auszukommen. Und der Dritte muss sich damit anfreunden, dass er zu Hause seine Ferien verbringt. Egal, was es ist: Wir schaffen das! Der Reiz des Reisens besteht ja eigentlich darin, mal aus seiner Komfortzone geholt zu werden. Und natürlich hat jeder gewisse Vorstellungen, wie der perfekte Urlaub aussehen sollte. Ich tue mich besonders schwer damit, wenn sich meine Erwartungen nicht erfüllen. Deswegen kann ich aus eigener Erfahrung sagen, wie gut es tut, das loslassen zu können und sich einfach in die Situation zu fügen. Für uns bedeutet das hier auf unserer Reise durch Costa Rica: Wir können nicht auf den Spielplätzen mit Einheimischen und ihren Kindern in Kontakt kommen – etwas, was uns schon einige Freundschaften und jede Menge schöne Erlebnisse beim Reisen beschert hat. Wir geben etwas mehr Geld für Privatsphäre und Auto aus. Wir besuchen die Orte, die ganz oben auf unserer Liste stehen, nicht, weil sie eben besonders von Corona getroffen sind. Und wir versuchen, auch einmal mehr essen zu gehen als ständig selbst zu kochen, um die Gastronomie etwas anzukurbeln.

Übernimm Verantwortung

Costa Rica hat zwar wenige Covid-Fälle bis jetzt, aber die Spielregeln sind streng: Hände waschen, Abstand halten. Nur Menschen aus dem gleichen Haushalt dürfen sich treffen. Wir waren bis jetzt in Hostels, Airbnbs mit Gastgebern und in Ferienwohnungen. Überall ist uns aufgefallen: Sobald Gastgeber und Gäste zusammen kommen, man irgendwie gemütlich redet oder gemeinsam am Pool sitzt, werden die Regeln schon einmal vergessen. Man kommt sich nahe, man redet lange. Masken trägt man dann eher nicht. Das kennt ihr in Europa wahrscheinlich nur zu gut. Doch als Reisender hat man eine besondere Verantwortung. Man ist unterwegs und legt auch schon einmal grosse Strecken zurück. Man schläft in fremden Betten und hustet auf fremde Tische. Damit ist man ein idealer Komplize für das Virus. Wir waren überrascht, wie wenig unsere Gastgeber die Verantwortung für ihre eigene Gesundheit übernehmen. Deshalb mein Appell: Übernimm selbst die Verantwortung. Halte dich an die Regeln in einem vernünftigen Maß. Du bist auch für andere mitverantwortlich. Für mich bedeutet das, dass ich nicht mehr unser Essen mit anderen teile, so schwer es mir auch fällt. Ich biete seltener jemandem etwas an, eher dann, wenn ich sichergehen kann, dass die Kinder nichts davon angefasst haben. Ich gehe auch schon einmal im Gespräch unauffällig einen Schritt zurück. Besonders schwierig finde ich, den Sicherheitsabstand einzuhalten, wenn ich hier auf Spanisch kommuniziere. Ich habe diese Sprache erst hier gelernt und verstehe vieles noch nicht. Wenn jemand mit Maske zwei Armlängen von mir weg sitzt und auf mich einredet, endet das in einer dialogischen Katastrophe. Ich versuche dann, die Person zu bitten, die Maske doch abzuziehen, und wahre dafür lieber die Distanz. Ich weiss nicht, ob ihr ähnliche Erfahrungen im Umgang mit Fremdsprachen und Stoffmasken habt – vielleicht habt ihr ja noch einen Tipp für mich J

Recherchiere vor Ort

Den Tourismus hat es hart getroffen. Erst MUSS alles geschlossen bleiben, und ein paar Monate später SOLL alles öffnen, obwohl viele Besitzer das aus persönlichen oder wirtschaftlichen Gründen nicht wollen. Unsere Reise führte uns auch nach Manuel Antonio, einem sehr berühmten Nationalpark mit unglaublich vielen Resorts und Restaurants hier in Costa Rica. Die meisten Restaurants hatten die Stühle umgedreht auf die Tische gestellt, es konnten keine Touren angeboten werden und der ganze Ort war ziemlich trostlos.

Wir hätten gerne ein paar Wanderungen in die nahen Naturparks gemacht. Auf Facebook oder über die Webseite war es fast unmöglich herauszufinden, ob die einzelnen Angebote überhaupt verfügbar waren. Viele waren einfach nicht uptodate und haben auch auf Mails nicht geantwortet – wahrscheinlich arbeitete die Marketingabteilung momentan nicht. Es war dann frustrierend, sich im Vorfeld zu überlegen, wo wir hinreisen könnten, um genau diese Attraktionen machen zu können. Wie erleichternd, als wir feststellten, dass es direkt vor Ort viel einfacher war. Seitdem reisen wir einfach dorthin, wo wir gute Unterkünfte finden. Und dann erst fragen wir, was wir dort eigentlich machen können. Wir fragen den Kellner, den Gastgeber oder auch schon mal Passanten. Der Besitzer des Hostels findet mit einem Telefonat heraus, welches Restaurant noch offen hat, und der Mann am Strand berichtet uns von einem wunderschönen Wanderweg, für den man nicht mal in einen geschlossenen Nationalpark klettern muss. Und meistens ergeben sich dadurch genau die Begegnungen mit anderen, die wir uns auf unseren Reisen so sehr wünschen. Bis jetzt haben uns alle Menschen sehr freundlich geholfen – auch sie wissen, dass man ihnen als Reisender nicht auf die Nerven gehen will, aber manche Sachen einfach nicht ergoogeln kann.

Lebe mit der Unplanbarkeit

Als wir dann doch ein Auto ausgeliehen haben, hatten wir das Gefühl, dass wir die teuer investierte Karre jetzt auch möglichst jede Minute nutzen mussten (wie gesagt, wir machen das sonst nie). Müde und ausgelaugt von den Verhandlungsgesprächen mit dem undurchsichtigen Vermittler kamen wir in der nächsten Unterkunft an. Am nächsten Tag hatte mein Mann Geburtstag und wir wollten gerne in der Umgebung nach schönen Orten suchen. Nach vielen Monaten komplett gesperrter Strände hatte Costa Rica angekündigt, ab morgen die Strände bis 9:30 jeden Vormittag für Ozeanbegeisterte zu öffnen. Wir waren überglücklich.

Doch unsere Gastgeberin blickte uns zur Begrüssung besorgt an: „Heute gab es doppelt so viele Corona-Neuinfektionen wie sonst. Die Regierung hat gerade alle Lockerungen zurückgenommen und für die nächsten 2 Tage ein totales Fahrverbot ausgesprochen.“ Absoluter Schock. Wir planten ja schon nur für ein paar Tage im Voraus, und doch traf es uns in dem Moment so hart: Wir sind nicht Herr über unsere Entscheidungen. Bestimmte Dinge zu erwarten, sich fest vorzunehmen – das klappt beim Reisen generell eher schlecht, und mit Corona schonmal gar nicht. Es war nach dem Schock übrigens ein wunderschönes Wochenende. Unsere Gastgeber haben uns einen Schleichweg durch den Dschungel gezeigt, der uns zu einem einsamen Strand führte, der nicht von der Polizei kontrolliert wurde. Unplanbar schön!

Geniess den Moment

Darum geht es ja im Urlaub – ganz im Hier und Jetzt zu versinken, und mal nicht an Termine oder Stress zu denken. Manche brauchen dafür Action, andere ganz viel Ruhe. Viele (Deutsche) planen dafür gerne vor, damit sie dann in den Ferien ein Programm haben, um das sie sich dann keinen Kopf mehr machen müssen. Meine Erfahrung ist, dass diese Strategie momentan nicht viel bringt ausser Kopfschmerzen. Denn einiges wird nicht so funktionieren, wie man sich das wünscht oder vorstellt. Besser ist es, einfach jeden Moment so zu nehmen, wie er ist.

Wenn der Ausflug ins Wasser fällt, dann freu dich, dass du ein spannendes Buch hast. Ich merke auch, wie viel empfänglicher ich für den neuen Ort mit Bäumen, Tieren und Lichtstimmungen geworden bin – ich bin nämlich nicht fokussiert darauf, andere Menschen kennenzulernen oder mich durch Speisekarten zu lesen. Stattdessen sehe ich beeindruckende Ameisenstrassen, tausend unterschiedliche Sandfarben und ganz viel Meer zum Draufstarren. Und dieses unglaubliche Privileg, trotz einer weltweiten Pandemie das machen zu dürfen, was das Leben so bereichert: Reisen!

Pura Vida!

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