Regenleben

Regenleben

/ 14. Juli 2020 /

Sprühen

Tropfen

Nieseln

Hämmern

Kübeln

Schütten

Fallen

Aufhören

Nebel

Nebel.

Eine Wolke sprüht sich in mein Gesicht. Wir sind in der Regenzeit angekommen. Vor einer Woche haben wir uns relativ spontan in einen Bus gesetzt, die Hitze und den Strand zurückgelassen, und sind mitten in Costa Rica ausgestiegen. Am Straßenrand wartete schon ein kleiner Minibus, der uns mitnahm auf eine Finca. Es ist ein Projektbauernhof, ein Betrieb, eine Schule, eine gläubige Gemeinschaft. Hier leben Europäer und Einheimische, die den Indigenen gerne ganzheitlich helfen möchten. Jetzt gerade sind die Kurse wegen Corona ausgesetzt, und so ist es Ebbe auf dem Gelände, nur die Angestellten und Leiter, die weitermachen und auf bessere Zeiten warten. Und jetzt sind auch noch wir hier. Und der Regen.

Die Finca, also das große Gelände mit Wohnhäusern, Bauernhof, Werkstätten, Feldern und eigenem See, ist in einen Talkessel gebaut worden. Damals, vor mehreren Jahrzehnten, von europäischen Gehirnen erdacht. Die Struktur funktioniert bis heute. Der Talkessel funktioniert aber nicht nur als Auffangbecken für suchende Touristen wie uns, sondern sammelt auch Wolken, die sich hier abregnen. Manchmal, wenn wir aufstehen, blicken wir auf eine dichte Nebelwand. Und fast jeden Nachmittag setzt der starke Regen ein. Für uns, die wir gerade aus dem Sommer am nahen Strand kamen, ist das erst einmal gewöhnungsbedürftig. Ein nasser Neuanfang.

Das passt aber, denn eigentlich ist jetzt Regenzeit. Wasser tropft von Blatt zu Blatt. Ab September wird es vielleicht wohl noch intensiver. Ich denke darüber nach, wie gerne wir alle Fotos von Palmen, von tropischem Strand und Sonnenuntergängen angucken. Nun ja, die sind oft in der Jahreszeit aufgenommen, in der das Wetter einem erlaubt, rauszugehen. Es gibt auch die andere, und von der gibt es nicht so viele Fotos, ausser eine Katastrophe passiert. Eine überschwemmte Stadt, oder ein Hurrikan irgendwo auf den Philippinen.

Hier wo wir sind, fühlt sich der Regen total harmlos an. Meistens fällt er sachte, so als wolle er sich entschuldigen. Niesel Niesel Niesel. Wir haben zum Glück zwei Schirme, und so können wir problemlos unser Haus verlassen. Ja richtig, wir wohnen in einem eigenen Haus auf dem Gelände. Es ist riesig für hiesige Verhältnisse und die Kinder schlafen in einem der vielen Zimmer. Direkt daneben beginnt der Wald, und oft hören wir die Brüllaffen, die sich gegenseitig anschreien. Wenn Didi zurück schreit, ergibt sich manchmal ein ausgedehnter Dialog. Wir sind nah an der Natur, umgeben von Pflanzen, die wir noch nicht gut kennen. Das Hausdach ist so ausladend, dass neben der Haustür ein großer überdachter Platz entsteht – perfekt für eine Hängematte und ein zweites Freiluftwohnzimmer. Hier kann man gut spielen und basteln, wenn sich der Regen über das Tal ergiesst.

Zum Glück regnet es momentan nicht den ganzen Tag, sondern einfach nachmittags. Dann hämmern schwere Nägel auf die Wellblechdächer, wie ein tausendfacher Applaus. Unser Tagesablauf wird gegliedert durch die gemeinsamen Mahlzeiten im Haupthaus. Hier essen alle Leute, die auf der Finca arbeiten und leben, zusammen. Wir sind dankbar für unser tägliches Brot, nachdem wir monatelang kaum Brot gegessen haben, und finden eigentlich alle Gerichte sehr lecker. Die anderen sind sehr nett zu uns und wir sind froh, dass wir wieder in einer Gemeinschaft sein dürfen, und auch unsere Sprache mit anderen sprechen können, denn einige sprechen Deutsch. Unsere Kinder geniessen die gleichaltrigen Spielgefährten, und manchmal ist Mila jetzt auch einfach weg, mit den anderen Schweine füttern oder in einem Kinderzimmer spielend. Morgens ziehen zwar schnell Wolken auf, aber es bleibt meistens trocken. Da gehen wir auch einmal spazieren, oder besuchen jemanden.

Wenn es dann aus Eimern kübelt, sind wir zu Hause. Ich schaue aus dem Fenster, und versuche in den ersten Tagen, mich in den Rhythmus dieser mir fremden Natur einzufügen. Ich schaue auf Bäume, die schicksalsergeben den Kopf senken. Ich sehe die Trampelpfade, die immer mehr zu Bächen werden. Ich schaue auf Vögel, die in den Bäumen stoisch ausharren. Bauen sich Affen eigentlich Nester, in denen sie vor Regen geschützt sind? Wir haben ein Nest. Auf dem Wellblechdach unseres Hauses wirbeln sich die Tropfen zu einer ohrenbetäubenden Kulisse auf. Es ist laut, so laut, dass man keine Musik mehr hören kann mit unseren leisen Lautsprechern. Was will die Natur mir sagen? In meinen Fingern juckt es, ich möchte draußen herumlaufen, weggehen, erkunden. Und je mehr ich diese Pläne loslasse, desto mehr schwinge ich im Rhythmus des ewigen Trommelwirbels. Es zieht mich in die Hängematte, sie schwingt hin und her. Jeden Mittag machen wir eine lange Pause, und Sefina schläft wieder stundenlang, nachdem sie wochenlang tagsüber kein Auge zugetan hat.

Tropfen FALLEN – FAllen – fallen –

Und ich falle in mich. Ich spüre, wie beruhigend Regen sein kann. Denn er nimmt mir die ganzen Optionen, die in meinem Kopf immer noch parallel laufen. Er bindet mich, und dann muss ich mich fragen, was ich eigentlich wirklich möchte. Was ist mir wichtig. Und dann merke ich, dass ich schreiben möchte.

Es braucht ein paar Tage, bis wir neu ankommen, aber momentan haben wir die Rollen getauscht. Während Didi die Kinder beaufsichtigt, sitze ich vor einem Regenfenster und schreibe. Ich schreibe vormittags, während die Kinder spielen, ich schreibe nachmittags, wenn alle chillen, und schreibe nachts. Ich schreibe über unsere Reise, ich schreibe eine lange Geschichte. Die Wörter tropfen manchmal zaghaft, und dann schütten sie auf einmal auf das Papier. Sie FALLEN – FAllen – fallen und hinterlassen ein Echo in meinem Kopf. Manchmal fällt es mir schwer, danach wieder vollkommen anzukommen in dieser Welt voller Dinge, die ich anfassen kann. Ich wünsche mir noch viele Regentage.

Um uns herum ist Nebel. Manchmal kommt er so nah, dass die nächsten Bäume darin verschwinden. Die Situation in Costa Rica, die ich nur aus den Sozialen Medien mitbekomme, geht mir nah und manchmal ist sie so unfassbar weit weg. Seit ein paar Wochen gehen die Fallzahlen wieder hoch. Zunächst waren sie nur an der Grenze zu Nicaragua, wo viele Leute über die grüne Grenze hin und her pendeln. Nicaragua hat Corona gar nicht im Griff, und was sich dort abspielt, nimmt tragische Ausmaße für viele Menschen an. Mittlerweile sind aber auch in der costa-ricanischen Hauptstadt Fälle aufgetaucht, die die Behörden nicht mehr nachvollziehen können. Kurz, nachdem wir auf der Finca ankommen, wird in weiten Teilen des Landes wieder der Ausnahmezustand ausgerufen. Alle sollen zu Hause bleiben, Auto fahren ist stark beschränkt, und man darf nur noch das Nötigste einkaufen. Keiner weiss, wie es weitergehen wird, der Blick in die Zukunft verliert sich. Es kann sein, dass das Gesundheitssystem in kurzer Zeit überlastet wird, es kann sein, dass der zweite Lockdown genügt und man danach wieder atmen kann. Aber so oder so, viele Menschen sind an ihrem finanziellen Limit angekommen oder machen sich Sorgen. Die Wirtschaft weint. Und ich weine manchmal mit, und dann bin ich doch wieder so unglaublich weit weg, inmitten eines grünen Waldes, umschlossen von einer Felswand, eingebettet in eine Gemeinschaft, in Wörtern schwimmend. Und der Regen fällt und trommelt, sprüht und tropft, nieselt und hämmert

Und dann hört er auf.

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