Plastik und Müllkippen

Plastik und Müllkippen

19.Dezember 2019

Klimastreik, CO2-Abdruck, Mikroplastik – die westliche Welt diskutiert über den negativen Einfluss des Menschen auf unseren Planeten. Dass die Natur schützenswert ist und wir sie – zumindest aus egoistischen Gründen- erhalten wollen, darüber sind sich die meisten einig. Nur, welche Opfer und Mittel die Gesellschaften dazu aufbringen soll, darüber wird heftig gestritten.

Dieses Thema nehmen wir natürlich mit auf unsere Reise: Wie gehen wir als Familie Grün nachhaltig mit unserer Erde um? Und was beobachten wir um uns herum?

Ehrlich gesagt fanden wir es in der Schweiz einfacher, darauf Antworten zu finden. Warum? Weil man in einem System lebt und das System dir bequem vorgeben kann, wie du dich verhalten sollst. Wir haben nicht übermässig konsumiert, unsere Kleider gebraucht bekommen, waren im Alltag viel mit dem ÖV und dem Velo unterwegs. Wir haben unseren Papierabfall brav sortiert und ihn danach nie wieder gesehen. Und irgendwie wussten wir, dass wir so viel Müll produzieren wie nicht viele andere auf der Welt, und dass Stoffwindeln eine machbare Alternative sind zu den riesigen Haufen Plastikwindeln, die wir wöchentlich weggeworfen haben, und doch haben wir uns auf der Strasse nach dem Taschentuch gebückt und hatten damit ein gutes Gewissen.

Dieses System haben wir jetzt verlassen. Wir springen hin und her, besuchen sehr unterschiedliche Kulturen. Dabei ist uns aufgefallen: Alle haben ein Abfallproblem. Und alle spüren, dass sich Jahreszeiten und Temperaturen verschieben. Und dennoch sind die Antworten darauf sehr unterschiedlich. 

Am Kaukasus waren die Menschen vergleichsweise arm. Das bedeutete, dass sie nicht ständig neue Sachen kaufen können. Viele sind traurig, weil ihre Ressourcen noch aus der Sowjetzeit oder von habgierigen Unternehmen ausgebeutet werden und das, wie in Aserbaidschan mit dem Öl, für die Umwelt sehr schädlich ist. Dennoch haben wir beobachtet, dass die Gesellschaften irgendwie kein Bewusstsein für Müllprobleme und ähnliches haben. Alles wird einfach auf die Strasse geschmissen, Flüsse und Seen sind verschmutzt. Die Menschen leben einfach damit und denken nicht, dass sie als einzelne etwas bewirken können. Wir haben ausserdem gespürt, dass über die europäischen Diskussionen von wegen Strohhalm-Bann und Co gelächelt wird. Denn ein bisschen wirkt es wie ein First-World-Problem. Erst, wenn es dem Menschen gut geht, macht er sich Gedanken, ob er den Bäumen gut tut oder schlecht. So lange er selbst um seine Gesundheit, seine Existenz oder seine Sicherheit bangt, spielt die Verschmutzung der Meere eher eine sekundäre Rolle. Zumindest haben wir das so gespiegelt bekommen.

Als wir dann auf die arabische Halbinsel flogen, waren wir von Anfang an total baff. Alle Ressourcen, alles Essen, das ganze Wasser, muss aufwendig hergeschafft werden. Die ersten Tage haben wir unsere Töchter angehalten, kein Wasser zu verschwenden, weil das aus Meerwasser gewonnen wird und die dadurch höhere salzkonzentration neben der Anlage giftig für das Ökosystem ist – und weil Wasser mitten in der Wüste total wertvoll erscheint. Doch als wir am 100. Springbrunnen, den ganzen Pools und den grünsten Anlagen mitten im Wüstensand vorbei kamen, fühlte es sich total nichtig an, ob ein vierjähriges Kind jetzt 10 Sekunden oder 15 Sekunden das Wasser laufen lässt. In den Emiraten verbrauchen die Menschen einfach unglaublich viel Strom, Wasser und sonstige Dinge und leben ökologisch auf grossem Fuss. Alle Strassen sind nachts mit Festtagsbeleuchtung illuminiert, es gibt Skihallen und Eisbahnen bei 50 Grad im Schatten. Verrückte Welt. Und im Supermarkt wurde es dann richtig interessant – denn die Masse der Plastiktüten, die der Kunde mit auf den Weg bekommt, ist gigantisch. Wir haben einmal an der Kasse eine Tüte für eine einzelne Zehe Knoblauch mitbekommen – die restlichen Einkäufe schon in etwa 15 Tüten gesteckt. Wir konnten gar nicht genug unseres Gepäcks mit Plastiksäcken garnieren – dreckige Socken, krümelige Kekse und Sonnencreme – es waren einfach zu viele Tüten!

Mittlerweile sind wir kreuz und quer durch Europa gereist. Zuerst durch Deutschland, dann Dublin und Manchester, und schliesslich an den äussersten Zipfel vor Afrika: Die kanarischen Inseln. 

Dorthin geführt haben uns Einladungen und Begegnungen mit Freunden und Familie. Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, so wenig wie möglich zu fliegen, und mit diesem Reiseabschnitt den Vorsatz direkt über Bord geworfen (na toll). Wir wollten am Anfang von Dublin direkt nach Mittelamerika fliegen, doch die Fluggesellschaft, mit der wir gebucht hatten, ging bankrott. Wir beschlossen, statt von Irland aus über den großen Teich zu fliegen, lieber Weihnachten mit meiner Familie in Deutschland zu verbringen. Und daraus entstand dann das Wirrwarr an Flügen, das uns zu Menschen führt, die wir mögen und gerne mit ihnen Zeit verbringen – ein absoluter Luxus auf Kosten der Umwelt. Dessen sind wir uns bewusst. Tun es aber in diesem Fall trotzdem.

Eines hat uns die Beschäftigung mit dem Thema Umwelt und Mensch deutlich gezeigt: kein System funktioniert wirklich. In Europa denken wir, wenn wir einigermassen gut recyceln, geht das schon klar. Tut es aber nicht. Wir verbrauchen so, so viele Ressourcen. In anderen Ländern sieht man das: da ist der Fluss voller Abwasser, der Strand gespickt von Plastiksäcken. In Deutschland oder in der Schweiz sieht man es auf den ersten Blick nicht. Da wird der Müll lieber per Schiff auf die Philippinen geschickt.

Mit unserer Reise tun wir unserer Umwelt auch nicht das Beste. Ob das mehr oder weniger als in unserem Alltag ist, können wir nicht genau sagen (wenn wir ab Januar in Mittelamerika angekommen sind und nicht mehr wild herumfliegen, natürlich). Wir konsumieren anders, kaufen weniger. Aber der Verbrauch von Plastik ist für uns sichtbarer geworden. Plastikcontainer mit Trinkwasser, Take-away-Geschirr und Tütenchaos sind unsere Reisebegleiter. Sie sind es, weil sie es auch für die Menschen sind, deren Heimat wir besuchen.

Und irgendwie spüren wir, dass es noch ein Weilchen dauern wird, bis Bürger von Aserbaidschan, die Menschen aus dem Vorort von Manchester und Greta Thunberg an einem Strang ziehen. Bis überall auf der Welt mehr Menschen sich einig sind, dass dieses System die Natur zerstört. Und vor allem: dass man überhaupt etwas dagegen machen kann.

Wir beobachten weiterhin und reisen weiter. Wir tragen unsere Kleider, bis sie zerfallen, fliegen ab und zu mal irgendwohin (hoffentlich in Zukunft weniger), heben Taschentücher auf und haben ein übertrieben gutes Gefühl dabei, regen uns über Plastiktüten auf und reden. Und hören zu. Und hoffen, dass Menschen sich mehr Gedanken gemeinsam machen. Und dann Taten.

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