Neue Welt

Neue Welt

10. Februar 2021

Ich war noch nie auf südamerikanischem Boden. Das denke ich, als unser Flugzeug in Bogota landet. Südamerika, das verbinde ich mit Kriminalität, mit salsatanzenden, schweissgelockten Menschen, mit Strassenkindern und Lamas. Ich will das alles gar nicht so reduziert denken, aber diese Bilder sind so stark in mir, als hätten die jahrelang über meinem Kinderbett an der Wand gehangen. Wir fahren mit dem Taxi durch eine dunkle Stadt, und ich finde das so verrückt, dass ich in dieser für mich neuen Welt bin, nachdem ich mich doch gerade an eine andere, tropische, für mich neue Welt gewöhnt hatte in Costa Rica. Die jetzt schon wieder alt ist. Und jetzt, nach so langer Zeit am gleichen Ort, waren wir doch noch in ein Flugzeug gestiegen und in Kolumbien gelandet – in Zeiten von Corona keine Selbstverständlichkeit.

Kolumbien kenne ich aber schon – so bilde ich mir das ein. Denn das letzte Jahr habe ich mit Spanisch lernen zugebracht. Und siehe da, Netflix war meine Rettung. Denn auf Netflix habe ich Zugriff zu Subtiteln, „Haus des Geldes“ auf Originalsprache und – eben kolumbianische Serien. Weil wir in dem pandemiegeschüttelten Jahr oft genug in einem Lockdown oder einer selbstgewählten Isolation sassen, blieb mir zum Sprache lernen vor allem Netflix. Ich entdeckte, dass ich die kolumbianischen Schauspieler gar nicht mal so schlecht verstand, und schaute mich nächtelang durch das Sortiment. „Betty la Fea“ ist so ein Klassiker, von einem hässlichen Entlein in der Modeindustrie, die es aber doch schafft, dass sich der Chef in sie verliebt. Ich schaute Liebesgeschichten von afrikanischen Sklaven, probierte mich an Pablo Escobar (zu brutal, und wieder ausgeschaltet), verfolgte Simon Bolivar auf seinen Befreiungskriegen und lateinamerikanischen Migranten bei ihren Problemen in den USA. Und all das kam aus Kolumbien, diesem geheimnisumwitternden Land, denn wie konnte es sein, dass sie dort Unmengen an Schauspielern und Kostümen und Ideen hatten? Wenn ich in Costa Rica jemandem erzählte, was ich mir abends so ansah, wurden mir direkt auch noch Tipps gegeben, was ich mir auch noch reinziehen sollte. Vor allem 50-jährige Männer empfohlen mir die Serie „Amar y Vivir“, die in Bogota in einer Markthalle spielt. Sie meinten, sie müssten da regelmässig weinen, so emotional gehe es daher. Auch ich versuchte, mich in die verworrene Geschichte einzufinden, stellte aber irgendwann wieder ab, weil es einfach zu schlecht gemacht war. Aber mein erster Eindruck von dieser Grossstadt sollte gefestigt sein: Es geht zu wie im Dorf, mit Marktfrauen, Tratsch und Obstkisten, aber auch mit Kriminalität und jeder Menge Künstler, die den ganzen Tag singen und tanzen. Was für eine Stadt, was für ein Land! Kolumbien, ich komme. Mein Spanischlehrer wollte mich unbedingt dazu bringen, dass ich am Filmort von Amar y Vivir ein Foto machen würde. Ich müsste es ihm versprechen.

Kolumbien hat mich einfach voll umgehauen. In Costa Rica kam mir das Leben irgendwann etwas eindimensional vor. Irgendwie war alles gleich. Die vielen kleinen Supermärkte, die gleichen Pflanzen überall, egal wo man hinschaut, Bananenplantagen, und wir hätten 100 Wasserfälle anschauen können. Es war wunderschön, aber es gab keine Hochkultur, keine Ruinen, kein Kino, kein Schnee, keine Kälte. Das war ja auch voll okay. Aber ich sehnte mich mal nach einem gescheiten Dorf, mit einem Zentrum und einer alten Kirche. Mit Gebäuden, die es schon länger gibt als mich, und nach Handwerk, danach, einfach durch Läden zu ziehen, und alles Mögliche Typische in der Hand zu halten. Vielleicht wollte ich einfach mal Touri spielen für ein paar Tage. Und Kolumbien hat all das erfüllt. Es war so schillernd wie ein Fischschwarm, der so schnell um dich schwimmt, dass du nicht alle auf einmal betrachten kannst. Das Land war so bunt, so vielfältig, dass es mir immer noch die Sprache verschlagen hat. Irgendwann werde ich wiederkommen, versprochen.

Da war das heisse Tal in der Nähe von Bogota. Dort, wo die grosse Ebene beginnt, die sich bis zum Amazonas erstreckt. Wo wir viel Fleisch assen, und bei einer Militärsfamilie wohnten. Sie wohnten in einer Gated Community, man musste an einem Wächter vorbei, es war wie ein Vorort im Vorort, mit Fussgängerwegen und einem Spielplatz. Wegen Corona geschlossen. Da war die Fahrt zum Fluss, wo wir uns mit Schlamm einschmierten zum Sonnenschutz, und zwischen schwitzenden Menschen und Latinomusik im Wasser sassen. Man sagte mir, viele Leute können nicht schwimmen, und wie viel mehr erschrak ich, wenn Jugendliche und Erwachsene mit Autoreifen in die reissende Strömung sprangen. Der Gedanke, dass sie, obwohl sie nicht schwimmen können, trotzdem das Risiko eingehen, hat mich einfach geflasht. Da waren die grössten Avocados, die ich je gesehen habe, und die Momente, als der Teenie mir die Liste der kolumbianischen Superstars erklären wollte, und ich gebe zu, ich kannte keinen einzigen Namen.

Da war das Haus der Grosseltern auf dem Land, weit raus. Irgendwo zwischen Tropen und Anden. Wir fuhren sicher 2 Stunden auf sehr schlechten Strassen, ich versuchte, den Kopf meiner schlafenden Tochter die ganze Zeit festzuhalten, damit sie sich keine Beule holt. Das Haus war offen, und von glücklichen Hühnern umgeben. Da waren die besten Tamales aller Zeiten, Reis in Bananenblättern gekocht, und die Erinnerungen an gute alte Zeiten, die nicht meine guten alten Zeiten sind, aber ich kann es nachvollziehen. Da war das Glück, durch eine hohe Wiese zu gehen, ohne Angst vor Schlangen zu haben, und die Begegnung mit der Tante, die so herzlich lachte und so gerne reisen würde, aber naja, der Mann wollte halt nicht. Doch reisen muss man ab und zu schon, denn zum Arzt fährt man in die Hauptstadt. Der Bus fährt morgens um 5 los. Da war der kühle Fluss, der Kiosk an der Ecke, der Schlamm von der Regenzeit. Die Jungen sind nicht mehr da. Aber sie kommen auf Besuch.

Da war der Nebel, der sich zwischen den Bäumen festsetzte. Die Trübheit der Kaffeeplantagen, die aber jederzeit durch einen Sonnenfetzen aufgerissen wurde. Da war die Kunst, das Wissen um diese Pflanzen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde, der stolze Mann, der uns von seinen Kaffeebeeren erzählte. Mein Unwille, Kaffee lecker zu finden, aber meine Anerkennung für dieses Handwerk, das so viel Wissen und gute Entscheidungen verlangt. Die vielen Fincas, bunt bemalt, die Geschäfte mit Schmuck und Handtaschen, die leeren Restaurants und die vollen Strassen. Die Palmen im Nebel, ich kenne sie von Instagram, die Pferde, die schönen Pferde.

Die Landschaft, die auch irgendwo in der Schweiz hätte sein können. Die Kälte, die mir durch das Beifahrerfenster entgegenschlägt. Tannen, Hochlandwiesen, dicke Socken. Völlige Überforderung mit unserer tropischen Kleidung. Erdbeeren und Äpfel. Bergdörfer, Begegnungen mit Grossfamilien und Menschen, die sich liebevoll um ihre Blumen kümmern, auch wenn sie sonst nicht viel haben. Der Besuch einer kolumbianischen Therme, 39 Grad heisses Wasser bei drückendem Sonnenschein. Fleisch, viel leckeres Fleisch. Da war so viel zu sehen und zu essen und auszuprobieren, dass ich abends einfach tot ins Bett fiel.

Da war die Familie, die ihr Leben den Kindern der Grossstadt gewidmet hatte. Denen, die früher mal Strassenkinder geworden wären. Und die uns ihr Haus im tropischen Wald grosszügig zur Verfügung stellte. Die erzählte von den Niederlagen und Erfolgen eines Lebens am tiefen Abgrund dieser Gesellschaft, und kopfschüttelnd zurückschaute auf eine Regierung, die ihnen auch noch Steine in den Weg legte, statt sich um die Kinder zu kümmern. Ihr Leben in einer Oase voller Kolibris und Sternfrüchte und Küken. Wie unsere Mädchen Fussball kicken lernten und wir wie immer Geschirr von acht Personen per Hand abspülten, um am letzten Tag zu entdecken, dass es sogar eine Spülmaschine gegeben hätte. Maskenpflicht und Fahrrestriktionen, Umwege und neue Pläne.

Da war die Stadt, diese riesige Stadt, schicksalshaft und voller Schicksale. Bogota, die Stadt, in der jeder jedem irgendwas verkauft. Die Smaragde, die in festes Papier eingeschlagen in Jackentaschen stecken, Tiere aus Draht und Popcorn. Die vielen Viertel, in die wir nicht gehen können, die Vorsichtsmassnahmen, die Polizisten, der Obdachlose, der sich voller Würde morgens am Brunnen wäscht. Die Menschen, die aus dem ganzen Land hierherkommen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die vielen hashtags auf Instagram, die Stars, die Oberschicht. Die venezuelanischen Flüchtlinge. Graffitis und Kunst, Gold und Kultur, Strassenhunde und Bauchweh wegen einem Sandwich. Verrücktes Bogota.

Da waren unsere Freunde, die so eine tiefe Beziehung zu diesem Land haben, und die uns eingeladen haben, mit ihnen unterwegs zu sein. Die schönen Momente zusammen auf der Reise, die Erinnerungen, die bei ihnen hochkamen, das Teilen, die Kinder, die spielten. Ich werde für immer Kolumbien mit ihnen verbringen, weil ich miterleben durfte, wie viel es ihnen bedeutet. Für mich ist Kolumbien jetzt eine eigene Welt. Zu gross für ein Land, zu vernetzt auf diesem fremden Kontinent. Zu bunt, zu vielfältig, um es in einen Satz zu packen. Schmerzhaft schön und unperfekt.

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