Nähe und ihre Begleiterscheinungen

Nähe und ihre Begleiterscheinungen

/ 19.08.2020 /

Nähe ist ein kostbares Gut in einer Pandemie. Während viele Menschen sich aus Angst zu Hause einschließen und „Social Distancing“ das Wort des Jahres sein wird, dürfen wir hier mitten im Wald von Costa Rica Gemeinschaft leben. Wir leben seit mehr als einem Monat auf einem Anwesen, das normalerweise ein Ausbildungszentrum für Indigene ist. Jetzt sind keine Schüler da, dafür aber die Leiter und Mitarbeiter, die hier auf dem Anwesen arbeiten, und ihre Familien. Wir essen dreimal am Tag zusammen, die Kinder spielen selbständig zwischen Steinen und Flüssen, und ich kann einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nachgehen: Reden. Und denke immer, wenn wir wieder einen lustigen Spieleabend, ein tiefes Gespräch unter vier Augen oder eine angeregte Diskussion auf Spanisch hatten, was für ein Privileg es ist, wenn man in einer Pandemie zusammen sein darf.

Nähe ist etwas, was Menschen wie ich wie Luft brauchen. Das Aufeinanderzugehen, und das SchulteranSchulter-Gefühl. Und dennoch bin ich von meiner Kultur geprägt: Ich brauche auch wieder Zeit mit Distanz. Ich geniesse es, dass wir hier im Haus sogar mehrere Zimmer haben und ich ab und zu ganz alleine bin. Mit verschlossener Türe. Eine Europäerin, die Nähe mag, bleibt immer noch eine Europäerin.

Letztes Wochenende hat uns eine Familie hier aus der Gemeinschaft eingeladen, mit ihnen gemeinsam das Wochenende zu verbringen. Sie besuchen immer wieder die Eltern, die etwa zwei Stunden entfernt in einem indigenen Dorf wohnen. Wir haben uns sehr geehrt gefühlt und natürlich zugesagt. Und so kam es, dass wir an einem Samstagmorgen aufgeregt in den Minibus stiegen, der bis oben hin vollgepackt war mit Schlafzeug, Gummistiefeln und Früchten. Wir fuhren durch die grüne Landschaft, die durch die Regenzeit noch grüner geworden ist. Im Hintergrund schallte „Rot, rot, rot, sind alle meine Kleider“, und drei kleine Kinder, zwei davon von uns, wippten dazu mit den Füssen. Irgendwann kamen wir an einem Fluss an, und begrüssten die Grosseltern, die mit ihrem Pickup ebenfalls am Fluss standen. Mitte August wird in Costa Rica Muttertag gefeiert, und viele Familien treffen sich an schönen Plätzen in der Natur oder gehen zusammen ins Restaurant. Dieses Jahr war es mit den Restaurants sicher schwierig. In der Hauptstadt waren die Restriktionen recht streng, und viele Gastronomen haben nicht viel Geld verdient in dieser Zeit. Auch wir haben diesen Tag lieber draussen verbracht, und nachdem wir uns gegenseitig zum Muttertag gratuliert hatten, wurde zügig der Grill ausgepackt. Die Mädchen genossen es, nach der langen Autofahrt über Steine zu klettern und die Füsse in den Fluss zu halten. Der Opa stand zufrieden mit seiner Angel am Wasser, und seine Freude am Moment trübte sich auch nicht, als er nichts fing. Es war schwer, uns alle auf ein Foto zu kriegen, denn wir waren nur einzelne Punkte in der Landschaft, jeder in seiner eigenen Laufbahn. Ein Miteinander mit Distanz.

Als wir dann nach einem leckeren Picknick mit Hähnchen und Würstchen in ihrem Haus ankamen, rückten diese Punkte näher. Und hier hatten wir also all die Nähe, die man sich nur wünschen kann. Mir fällt immer wieder auf, wie anders die Wohnräume hier sind, wenn ich sie mit Deutschland oder der Schweiz vergleiche. Viele Menschen kommen mit weniger Platz aus. Kleinere Zimmer, oder gar nicht so viele Zimmer. Es ist normaler, dass man sich alles mit den anderen teilt und eben nicht die Tür zumacht. Oder, selbst wenn man eine Tür schliesst, dann doch alles mitbekommt: Die Gespräche, den Lärm, den Fernseher. Kinder tobten auf der Couch, wir verbrachten Stunden quatschend am Küchentisch, irgendjemand sass immer im Schaukelstuhl auf der Veranda. Ich empfand es als Privileg, dass dieses fremde Paar uns Unbekannte so nah an sie heranliess. Sie öffneten auch ihr Herz und erzählten von ihren Wünschen, von ihren eigenen Kindern, und von den Dingen, die sie beschäftigten. Wir redeten auch über die Pandemie, mitten unter all den dichten Bäumen, vom Gefühl her ganz alleine auf dieser kleinen Insel inmitten von Natur, die Nachbarn aber in Wirklichkeit nur ein Steinwurf entfernt. Alle kennen sich von klein auf. Alle sind verwandt. „Corona hat auch seine guten Seiten“, sagte jemand am Wochenende, „um mal zu merken, dass es alleine gar nicht so schlecht ist. Denn, wenn man alleine ist, kann man Gott näher kommen.“ Ich nickte. Ja, das fand ich gut. Nähe, die sich erst durch Isolation ergibt. Eine Nähe, die sich anders anfühlt als zwischen zwei Menschen.

Nähe ist auch etwas Gefährliches. Denn erst, wenn ich Nähe zulasse, dann zeige ich auch meine Schwächen, die Dinge, die ich vielleicht lieber verstecken würde. So geht es mir manchmal mit Gott. Es ist einfacher, nicht mich dieser Beziehung innerlich nicht zu öffnen. Dann muss ich mich auch nicht verändern.

Doch das will ich für mein Leben nicht. Ich möchte anderen nahe sein. Ich möchte mir selber nahe sein. Ich will auch meiner Familie näher sein, als ich es oft bin. Und ich möchte mich für Gott öffnen können, auch, wenn es so viel bequemer erscheint, das Leben mit Ablenkung zu füllen, und mich den wichtigen Fragen gar nicht erst zu stellen.

Erfüllt von den vielen Gesprächen, aber auch müde von den intensiven Stunden kamen wir nach dem Wochenende abends nach Hause und schliefen direkt ein. So viel Nähe kann auch richtig schlauchen.

Am nächsten Morgen wachte ich auf, und wieder mal juckte es mich am ganzen Kopf. Schon seit der letzten Woche hatte ich das Gefühl, dass meine Kopfhaut extrem gereizt war. Ich kenne das von mir, wenn ich Stress habe, oder wenn ich zu viele Weizenprodukte esse. Seltsam, dachte ich, dieses Mal ist es wirklich stark. Ich hätte nicht gedacht, dass mein Körper so auf ein Wochenende voller Gemeinschaft reagiert. Den Tag über genoss ich deshalb mit den Kindern einen ruhigen Vormittag zu Hause, während Didi wie jeden Tag auf der Finca mithalf. Es tat mir gut, aber am Abend juckte mein Kopf immer noch wie wild. Mila lag im Bett, und sie konnte nicht schlafen. „Mama, mich juckt es überall“, sagte sie. „Vor allem am Kopf, das beisst richtig.“ „Alles klar, Mila. Jetzt kann ich nicht viel machen. Morgen waschen wir mal Haare. Vielleicht wird es dann besser.“ Mila schlief tapfer ein. Ich lag neben ihr, während sie weg dämmerte, Kopf an Kopf mit meiner Tochter. Zum Glück war es nicht zu spät geworden für sie – morgen würden wir früh aufstehen, um an den Strand zu fahren. Ein Ausflug mit allen Kindern der Finca ans nahe Meer war geplant.

Als ich morgens Schwimmflügelchen und meinen Bikini einpackte, juckte mein Kopf immer noch wie wild. Ich hoffte, dass das Salzwasser etwas Linderung versprechen würde. Ich erzählte Mila davon. „Mama, ich habe das auch“, sagte sie. „Vielleicht haben wir ja Läuse.“ In dem Moment erstarrte ich innerlich. Zunächst dachte ich einfach nur fiebrig nach, vor meinem inneren Auge lief der Film der letzten Tage ab, suchte ich nach Spuren für oder gegen Läuse. Könnte es sein? Ich griff mir in die Haare, wie so oft die letzten Stunden, und spürte plötzlich einen kleinen Krümel zwischen meinen Fingern. Ich zog ihn heraus und strengte meine noch schläfrigen Augen an, sich darauf zu fokussieren, was ich da in der Hand hielt: Ein kleiner Käfer, winzig, mit vielen Beinchen. Google sagt, es ist eine Laus.

Danach kam in mir Panik auf. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch keine Läuse. Weil unsere Kinder auch noch nie in einem Kindergarten oder in der Schule waren, waren wir als Familie auch noch nie betroffen davon gewesen. Was macht man da? In meinen Kindheitserinnerungen kramte ich nach Gerüchten über grosse Putzaktionen, über weggeschmissene Sofas und abgeschnittene Haare. Oh. Mein. Gott. Und jetzt waren wir hier in dieser Gemeinschaft, Schulter an Schulter mit so vielen Menschen, unsere Kinder spielten tagtäglich mit den anderen, und wir schliefen auf fremden Matratzen. Am Wochenende hatte uns diese fremde Familie wie ihre eigenen Kinder aufgenommen und uns ihr Bett angeboten. Damals hatte mein Kopf schon ziemlich gejuckt und jetzt müssten sie auch Teil von einer großen Säuberungsaktion werden. Nähe kann gefährlich sein.

Wir beschlossen dann, dass Didi mal alleine zum Frühstück gehen und wir Frauen im Haus bleiben würden. Ich untersuchte Mila und Sefina, und fand bei beiden lebende Läuse auf dem Kopf. Wir ertränkten sie in der Spüle. Ekel stieg in mir hoch, und gleichzeitig eine Lernbereitschaft für diese neue Situation. Was macht man mit diesen kleinen Viechern? Wenn es um die eigenen Haare geht, ist es plötzlich nicht mehr so fremd und widerlich, als wenn man es bei jemand anderem liest. Zum Beispiel auf einem Blog oder so. Kurze Zeit später kamen die anderen aus der Gemeinschaft zu uns. Sie waren ganz gelassen und meinten, das sei nicht so schlimm. Mit Kindern eher normal. Wir könnten trotzdem auf den Ausflug, auf den sich die Kinder so lange gefreut hatten, mitkommen, und später mit Läuseshampoo die Haare auswaschen. Innerlich war ich sehr erleichtert und dankbar – dass sie so entspannt und wertschätzend reagierten. Denn ich fühlte mich schlecht, dass wegen uns jetzt alle anderen auch potentiell ihre Haare durchkämmen mussten. Besonders leid tat es mir für die Familie, die uns am Wochenende aufgenommen hatten, als meine Kopfhaut schon juckte. Als wir dann wieder im Minibus sassen, fröhlich singende Kinder mit Sonnencremeflecken auf der Nase, purzelten meine Gedanken nur so vor sich hin: Woher hatte ich diese blöden Läuse? Wie kamen diese Tiere in meine dichten, dicken Haare? Ich musste irgendjemandem nahe gekommen sein, aber wem wohl? Auf der Finca hatte von den Mitarbeitern niemand über Juckreiz geklagt, und sonst hatte ich zu niemandem Kontakt. Ich war zweimal in der Stadt einkaufen gewesen, aber beim Schlange stehen oder in den Geschäften wird momentan auf Distanz geachtet. Eine Maske zu tragen hilft aber gegen Läuse nicht, leider. Irgendwann hatte ich in irgendeiner Situation mit jemandem die Köpfe zusammengesteckt, und dann ein Haustier geschenkt bekommen. Nähe hat auch Nebenwirkungen.

Und dann musste ich lachen. Wir waren inmitten einer Pandemie. Keine Kinder sind in den Schulen, es gibt keine Menschenansammlungen und Busfahren tun wir auch nicht. Nachdem wir monatelang durch die Welt gereist sind, Rücken an Rücken mit Bergbauern in Georgien, in Menschenmassen in Malls im Oman, oder Dreck von aller Herren Länder schon unter den Fingernägeln hatten, holen wir uns jetzt ausgerechnet hier, mitten im Wald von Costa Rica, Parasiten. Es gibt immer ein erstes Mal, und unser erstes Mal findet in der fast totalen Isolation statt.

Nähe hat immer Folgen. Verletzungen, Streit, Konflikte. Enttarnung. Gewalt. Ansteckungen. Eine Krankheit. Doch ich versuche, mich auf die positiven Effekte von Nähe zu konzentrieren. Ein warmes Herz. Gemeinschaft. Lachen. Austausch. Trost und Ermutigung. Interesse. Und all diese Dinge darf ich jetzt gerade hier auf kleinem Raum geniessen und auch mit anderen teilen. Trotz Pandemie. Ich lache jetzt auch laut, und erzähle den anderen Frauen von meinen Gedanken. Sie lachen auch. Und eine sagt: „Lieber Läuse als Corona.“ Denn gegen Läuse gibt es ein Shampoo, und das steht jetzt bei uns im Küchenregal.

Ich wünschte, es gäbe ein Shampoo gegen Corona.

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