Loszulassen

Loszulassen

Es ist wieder Zeit, loszugehen. Und so, wie es vor einem Jahr geschmerzt hat, als wir einem Zuhause in Mensch und Ort Tschüss gesagt haben, so schmerzt jetzt der Schmerz nach. Es ist ein dumpfer Druck. Sein Gegenteil ist vielleicht ein satter Bauch. Wohlig sein. Bewegungslos da sitzen und Vertrautheit anschauen. In Vertrautheit schwimmen. Dieses Gefühl hat sich in den letzten Wochen bei uns eingeschlichen. Das ist schön. Vier Monate waren wir jetzt hier, fast am äussersten Zipfel von Costa Rica, und die erworbene Vertrautheit begrenzt sich auf das, was wir im Umkreis von 500 Metern sehen: Immer dieselbe Palmenfamilie, die synchron im Wind tanzt, das Meer, das je nach Tageszeit eine andere Farbe hat, der Busch, der Tisch, das Bild an der Wand mit Palmen, Meer und Busch. In den vergangenen Monaten haben wir diesen Platz ein bisschen zu unserem gemacht. Das fühlt sich nach Sicherheit an, und nach Angekommen Sein.

Doch jetzt gehen wir weiter. Wir wollen das – denn wir sind hier zum Entdecken. Und wir müssen das – denn unsere Wohnung wird von anderen gebraucht. Wir haben uns gedacht, wenn wir schon nicht in dieser Wohnung bleiben, dann würden wir direkt noch gerne andere Ecken von Costa Rica kennenlernen. Diese Woche und nächste Woche werden die Ausgangsbeschränkungen hier im Land aufgehoben. Die Grenzen sind zu, es gehen kaum Flüge rein und raus, aber man darf wieder Auto oder Bus fahren. Hotels und Nationalparks öffnen mit reduziertem Angebot. Wir wissen noch nicht, wie die Welt da draußen aussieht mit Corona. Wie es sich anfühlen wird, mit Maske einkaufen zu gehen. Von einem Ort zum anderen zu kommen. Wie wir anderen Menschen begegnen werden. Bis jetzt lebten wir hier so zurückgezogen und gingen noch nicht einmal regelmässig einkaufen. Aber es besucht uns wieder, dieses bekannte Gefühl. Die Vorfreude auf das Neue, und gleichzeitig der Schmerz über das Loslassen, und zusammen ist es so, als würde man Schokopudding in Chili con Carne kippen. Eigentlich ist beides ziemlich lecker, aber die Mischung ist nicht vorstellbar und hinterlässt ein imaginäres Magengrummeln.

Chili con Carne kennen wir. Davon hatten wir in den letzten Monaten jede Menge, meistens ohne Carne und mit viel Bohnen. Es köchelt lange vor sich hin, und der Erfahrung läuft schon das Wasser im Mund zusammen, weil sie weiss, dass es gut schmecken wird. Die letzten Monate haben uns gut geschmeckt. Jeder hat seinen Stammplatz am Esstisch. Die Tomaten, die wir wöchentlich frisch kaufen konnten, waren zuverlässig lecker. Die Mangos auch. Hier kann nichts durcheinanderkommen. Wir haben immer dieselben 4 Becher benutzt, dieselben 4 Gabeln. Kein Chaos, keine Fremdheit, kein Virus. Nichts. Die Häfen dieser Welt sind gut geschützt und die Wellen weich. Erinnerungen an Lachen, Momente voller Streit und Sorge, an die riesige Sandburg, die hier mal erbaut wurde, und an die Geburtstagsfeier am Strand. Diese Erinnerungen liegen unsichtbar hinter der Kulisse, und sie häufen sich an und dringen durch das Sichtbare – Palme, Meer, Busch – durch. In dem Moment, in dem man geht, liegen sie über dem Foto.

All das lassen wir zurück. Weil wir schon wissen, dass es gut schmeckt, und weil wir neugierig auf anderes sind. Wir haben hier in Costa Rica noch keinen Schokopudding gegessen, und viele andere Gerichte auch nicht. Die Vorfreude kribbelt an der Nase, die Gedanken hüpfen eifrig auf und ab. Wie es wohl riecht, wie es schmeckt, ob es auf der Zunge zergeht? Unterwegs sein bedeutet für mich Genuss. Ich sauge die ersten Male ein, die Eindrücke, die Begegnungen. Wieheisstduwoherkommstduwohingehstdu sind Fragen, die fast jeder freundlich beantwortet und sich die schlechte Laune für zu Hause aufhebt. Das erste Mal sieht man die Schönheit.

Entdecken bedeutet für uns auch Zusammenhalt. Da ist nichts mehr, was uns Sicherheit vorgaukelt. Nur wir. Wir hängen aneinander wie mit einem Seil vertaut, wenn wir so durch neue Gegenden ziehen. Bleibt einer stehen, müssen alle anhalten. Das enge Miteinanderlaufen, Schwitzen und Schwatzen macht uns unserer Stärke als Familie bewusst. Deshalb suchen wir danach, gierig, und spritzen uns das in Dosen, die verträglich sind.

Auch wenn die Aufregung direkt vor uns steht und schon ungeduldig am Ärmel zerrt, müssen wir dem Vertrauten gebührend Adieu sagen. Wir müssen unsere Rucksäcke entlüften, Spielzeuge aussortieren. Festlegen, was wir verschenken… ein Muster unserer Abschiede. Die Fahrräder verkaufen, die wir wegen Corona kaum benutzt haben. Unsere Kleidertaschen wieder hervornehmen, die letzten Bohnen essen und die scharfe Salsa leeren. Es fühlt sich an wie ein ganzer Hausstand und ist doch nur das Minimum, mit dem wir hier sehr genügsam ausgekommen sind. Am meisten werde ich die Küche vermissen. Wir konnten Saucen und Säfte, Kekse und Brot selber machen. Weil alle Zutaten und Geräte da waren, und wir den Rest improvisiert haben. Unterwegs sein bedeutet mehr Ketchup und weniger Sugo, mehr Rohkost und weniger Salat. Dafür freue ich mich, auch mal etwas kaufen zu können, was jemand anderes gekocht hat. Und dabei noch der Wirtschaft helfen, die momentan so dringend Hilfe braucht.

Das Neue steht vor uns, und wir haben keine Ahnung, wie es wird. Wir sind nicht die einzigen Reisenden, auch das Virus fährt Bus, lungert in der Mall herum und fliegt. Und die Menschen verhalten sich – vielleicht – so. Wir werden einfach mehr auf uns als Familie fokussiert sein, und noch mehr Zeit in der Natur verbringen. Eigentlich wollen wir anderen nahekommen, aber das ist dafür gerade die schlechteste Zeit. Das Neue steht vor uns und wirkt sehr fremd. Und das ist es, was uns lockt.

1 Comment

  1. Der Satz „Die Vorfreude auf das Neue, und gleichzeitig der Schmerz über das Loslassen, und zusammen ist es so, als würde man Schokopudding in Chili con Carne kippen. Eigentlich ist beides ziemlich lecker, aber die Mischung ist nicht vorstellbar und hinterlässt ein imaginäres Magengrummeln“ ist so dermaßen gut 🙂 passt auch auf unsere Situation (Elternhaus ausräumen nach 25 Jahren und vorgestern übergeben).
    Ich lese so gerne bei euch mit! Seid gegrüßt und gesegnet!
    Timon

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