Liebe in Zeiten von Corona

Liebe in Zeiten von Corona

Der Reisende, der momentan am schnellsten unterwegs ist und am meisten Kulturen kennenlernt: Der Corona-Virus. In aller Munde, gefürchtet und gleichzeitig heruntergespielt. Aus der Ferne stellen wir fest, wie die Diskussion unsere Heimatorte in der Schweiz und in Deutschland anschwillt und alles bestimmt. Auf der einen Seite finden wir es natürlich gut, dass Risikopatienten geschützt werden sollen und dafür auch – von aussen betrachtet – drastische Massnahmen ergriffen werden. Zum anderen entsteht Panik, und Angst und viele Vorgänge, die alles lähmen und nichts voranbringen. Bis jetzt dachten wir, diese Emotionen seien weit weg von uns. Bis jetzt.

Denn wir sind ja irgendwie aus der Welt gefallen. Wir wohnen im letzten Winkel von Costa Rica, einem Land, das bis jetzt kaum Corona-Fälle aufweist. Mit wohnen meine ich, dass wir eine Wohnung bei einer Familie direkt am Strand gemietet haben. Sie haben zwei Kinder, die Eltern sind super sympathisch und wir verstehen uns sehr gut. Sie helfen uns so uneigennützig. Abends sitzen wir oft zusammen im Garten, die Männer surfen zusammen und wir versuchen, so viel wie möglich auf Spanisch zu kommunizieren, obwohl sie sehr gut Englisch sprechen. Uns gefällt es hier gut. Unser Alltag ist wirklich tiefenentspannt. Didi und ich lernen beide am PC fleissig Spanisch. Wir haben jederzeit die Freiheit, an den Strand zu gehen, wo wir schöne Hölzer sammeln, Pools ausheben, in den Wellen liegen oder auch mal Müll sammeln. Wir haben viel Zeit für uns als Familie, leben auf engem Raum, aber mit innerlicher Weite. Es ist wie auf einer kleinen Insel und es ist toll.

Wir können hier auf unbestimmte Zeit bleiben, und unsere ältere Tochter darf aufgrund der Vermittlung unserer Gastfamilie in die Vorschule, hier auch „Kinder“ genannt. Mit ihrer Lehrerin bin ich auf WhatsApp in Kontakt, sie schickt mir ab und zu Fotos von den Kindern oder Instruktionen. Und immer mehr auch: Nachrichten zu Corona.

Dann fing unsere erste Tochter am Sonntag an zu husten. Wir dachten uns nichts dabei, weil wir am Wochenende öfters mal bis zum Sonnenuntergang im Wasser waren. Trotz der tropischen Temperaturen hatten beide Kinder blaue Lippen, als wir unter Palmen nach Hause rannten, und weil wir uns ja die ganze Nacht von Ventilatoren anpusten lassen, gingen wir davon aus, es war ihr einfach mal zu kalt. Als sie dann aber in der Nacht leicht erhöhte Körpertemperatur hatte, beschloss ich, dass sie einen Tag zu Hause bleiben sollte. Ich gab der Lehrerin – bequem per WhatsApp – Bescheid. Und erntete eine Vielzahl an Sprachnachrichten (auf Spanisch!), die ich nicht verstand. Irgendwie war ich mir bewusst, dass das anscheinend eine heikle Situation ist. Es gibt in der Hauptstadt von Costa Rica schon ein paar Corona-Patienten, und alle sind etwas in Alarmbereitschaft. Ausserdem ist hier ja nicht Winter und auch keine Erkältungszeit. Wer hustet, fällt auf. Mit Hilfe der Gastfamilie konnte ich dann den Nachrichten entnehmen, dass alle Kinder mit Erkältungszeichen zu Hause bleiben sollen. Nun gut. Und in dem Moment spürte ich, wie man einen Schritt von mir weg machte. Und denke, dass der Begriff von Liebe sich gerade total anders anfühlt als vorher.

Innerhalb von kurzer Zeit wurde mir bewusst, was Corona mit uns Menschen macht. Es erzeugt Angst und lässt einen zuerst an sich selbst denken. Zumindest ist das mit mir passiert. Alles Mögliche ging mir durch den Kopf. Keine Angst um unsere Leben, dafür sind wir zu jung und nicht die Zielgruppe. Aber was ist, wenn wir das Virus in uns tragen, das irgendjemand der Tagestouristen aus der Hauptstadt mitgebracht hat, und die letzten 2 Wochen jede Menge Leute angesteckt haben? Was ist, wenn die Grossmutter der Familie, der wir gestern noch selbstgebackenen Zopf gebracht haben, an dem gefährlichen Virus erkrankt? In meine Gedanken hinein platzt ein Gespräch mit der Gastfamilie, in der sie uns bestätigt, dass sie sich grosse Sorgen um die Oma machen, die ja täglich im Haus ist, und dass wir auf Abstand bleiben sollen. Ich versuche, traurige Gedanken nicht zuzulassen. Liebe in Zeiten von Corona bedeutet wohl vor allem Distanz.

Backen steht momentan bei uns hoch im Kurs

Daraufhin recherchiere ich ein wenig im Internet, um herauszufinden, was wir machen sollen. Ein Fehler. Händewaschen weiss ich ja schon. Aber versuch mal, mit kleinen Kindern, deren Popo man wäscht, die sich ständig die Finger in den Mund stecken, die sich schneller geküsst haben als man schauen kann, eine Übertragung zu vermeiden. Pustekuchen. Einen Tag lang habe ich einen Hauch von Stress in mir, der durch die ganzen Studien, Tipps und Gerüchte noch genährt wird. Den wahrscheinlich sehr viele Menschen in Europa, in Asien und im Iran wahrscheinlich noch viel bedrohlicher und näher empfinden. Plötzlich erscheinen die Schreckensnachrichten so nahe und ich fühle mit allen Menschen, vor allem älteren Menschen, die Angst haben. Ich finde es nur krass, dass wir an diesem abgelegenen Ort plötzlich mitten in den Virusstrudel geworfen werden. Was vorher noch eine Insel war, fühlt sich jetzt an wie ein Gefängnis.

Der Gedanke, uns einfach auf den Virus testen zu lassen, den denke ich erst gar nicht. Erstens hat Costa Rica erst seit kurzem überhaupt Möglichkeiten, Tests durchzuführen, und zweitens sind wir hier im letzten Eck. Wir fahren über eine Stunde mit dem Auto (und wir haben keines) irgendwohin, um in ein Krankenhaus zu kommen. Und mit dem Auto der Gastfamilie oder mit dem öffentlichen Bus an einen Ort zu fahren, wo viele Kranke sind, um sich auf Corona testen zu lassen, macht für mich mal gar keinen Sinn.

Mila geht es übrigens viel besser. Sie hat einen Tag lang Hörbücher gehört und über Kopfschmerzen geklagt. Seitdem malt sie gerne und würde am liebsten wieder an den Strand. Wir waren auch froh, dass wir doch noch Reste von Hustensirup mit uns herum getragen haben, und füllen sie jetzt damit ab.

Fleissig am Malen

Ich übe mich gerade darin, meine Zufriedenheit mehr aus mir heraus zu steuern und nicht von meinen äusseren Umständen abhängig zu machen. Und heute ist wieder ein super Übungstag. Denn ich habe allen Grund, dankbar zu sein für das, was ich bin und habe, von dem Leben und meiner Familie. Und die äusseren Umstände sind famos: Wir wohnen direkt am Meer, und können tun und lassen, was wir wollen. Selbst, wenn wir uns jetzt bewusst in Quarantäne begeben, ändert das fast nichts an unserem täglichen Leben, wir sind sowieso viel für uns. Ich versuche gerade wieder, das Gefängnis, das ich spüre (vor allem als extrovertierte Menschenliebende), in die Insel zurück zu verwandeln, die sie eigentlich ist. Ich glaube, viele Menschen würden gerne so eine Quarantäne im Paradies verbringen. Und ich denke über Solidarität und Liebe nach.

Corona hat so viel Schlechtes hervorgebracht:

Purer Egoismus, wenn Menschen für sich alles horten.

Angst vor anderen, offener Rassismus und gegenseitige Beschuldigungen.

viele, viele Gräben.

Und irgendwie wünsche ich mir, dass Corona doch Liebe hervorbringt.

Liebe, die auf den anderen Rücksicht nimmt.

Solidärität für die Schwächsten.

Liebe und dauerhafte Wertschätzung für die medizinischen Helden, die an vorderster Front arbeiten.

Flexibilität bei allen Plänen, dass wir lernen, offen in die Zukunft zu schauen und unsere Erwartungen aufzugeben.

Das alles wünsche ich mir und kann das in diesen Tagen gedanklich durch spinnen. Auch wir diskutieren momentan, wie es für uns weitergeht. Eigentlich wäre es jetzt Zeit, Flüge zu buchen. Wir wünschen uns natürlich, dass der andere Tourist – Herr Corona – nicht weit kommt und irgendwo stecken bleibt. Am besten mit ganz viel abgelehnten Visa und jeder Menge Pech. Dass er sich keine älteren Mitreisenden sucht und möglichst bald Hausarrest bekommt. Genau das Gegenteil von dem, was wir uns für uns wünschen.

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