Leben im Bilderbuch

Leben im Bilderbuch

08.August 2019

Ich habe zu viele Bauernhof-wimmelbücher gelesen die letzten Jahre. Seiten voller fröhlich spazierender Hühner, Katzenbabys unterm Traktor und schmatzenden Schafen. Schon beim stundenlangen  Lesen und Stöbern in den quietschbunten Idyllen hat mich die Diskrepanz zu YouTube Videos à la „Massentierhaltung und ihre Folgen“ oder „Kälber werden brutal von ihren Müttern getrennt, hier klicken“ als fader Beigeschmack begleitet. 

Ich glaube, würde man einen Ausflug mit Kindergarten Kindern zu einem ganz normalen Mastbetrieb irgendwo in Europa machen, hätte man danach wahrscheinlich viele kleine Vegetarier. Natürlich gibt es sie, die Kleinbetriebe, die Biobauern, die Hühner im Hof. Doch selbst da entspricht der Stand der Bilderbücher nicht der Realität: mehr Technik, mehr Tiere, mehr Monokultur.

Georgien

ist ein einziges 

Bilderbuch.

Unsere Kinder fahren mit den Fingern die Tiergestalten nach und schauen danach aus dem Fenster – und sehen keinen Unterschied. Hier gibt es so viele Selbstversorger, die im Garten Kühe, Hühner und Schweine halten. Katzen streichen um die Hauseingänge, Hunde bewachen das Grundstück. Es macht Spass, all die Tiere zu entdecken. Das erleichtert so manche Autofahrt. Man könnte meinen, hier sei die Zeit in den 50ern stehen geblieben.

Nur leider entspricht nicht die gesamte Kulisse der unseres Bauernhofbuchs. Ich habe noch in keinem Kinderbuch einen Alkoholiker gesehen. Hier schon. Man sagt uns, über 50 Prozent der Männer ist dem Gesöff verfallen. Man kann auch einfach auf den Dorfplatz gehen und die roten Nasen zählen, dann kommt man auch auf die Prozentzahl. Frauen trinken aus kulturellen Gründen anscheinend nicht über den Durst. Oder tun es heimlich. Da hat sie wenigstens einen Vorteil für das weibliche Geschlecht, diese Rollenverteilung.

In einer Bilderbuch-Idylle haben auch finanzielle Sorgen keinen Platz. Abwanderung, Unterdrückung von Minderheiten und sowieso – alle lächeln und sind zufrieden mit ihrem Platz in der Welt. Das ist hier nicht so. Wir verstehen immer noch null Georgisch, kennen die Kultur nicht – aber Unzufriedenheit und Ungerechtigkeiten, die kann man manchmal spüren wie Staub in der Nase.

Auf der Strasse leben sehr viele Strassenhunde. Unsere Älteste nennt sie die „freien Hunde“. Wir sind jetzt schon ein paar Tage hier und kennen schon die einzelnen Hunde im Ort, wissen, wo sie normalerweise liegen und mit wem sie Streit haben. Manchmal folgt uns der ein oder andere bis vor die Haustür in der Hoffnung auf Almosen. Wenn sie allerdings von Touristen gefüttert werden, streiten sie sich untereinander lauthals um die Beute und da würde man als Mensch nicht gerne mittendrin stehen. Ansonsten sind sie bis jetzt harmlos und tun so, als wären ihnen Menschen und Autos egal.

Und so geniessen wir ein bisschen Idylle – Kätzchen im Keller, umgeben von schmatzenden Kühen und freien Hunden, und sind froh, dass wir nicht morgens früh zum Melken aufstehen müssen.

Und während wir bewusst in dieser fremden Welt leben, versuchen andere, ihr zu entfliehen. Die zwei Teenie-Jungs, die aus der Grossstadt angereist kamen, um ihre Sommerferien bei ihrer Grossmutter auf dem Land zu verbringen, haben sichtlich keinen Bock auf Bauernidylle. Wenn wir auf die Toilette müssen, kommen wir an einem immer flimmernden Bildschirm vorbei, auf dem geballert wird, Jugendliche in den USA Wetten abschliessen, und Minecraft-Figuren verhandeln. Sie wollen der unwirklichen Idylle entkommen und verstecken sich in einer virtuellen Welt – die genauso trügerisch ist wie die echte. 

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