Berge der Erinnerung

Berge der Erinnerung

25.Januar 2020

Seit Silvester waren wir viel unterwegs. Wir sind in Etappen von Deutschland in die Schweiz gereist, und haben im Wallis, wo wir fast 5 Jahre gelebt haben, unser ehemaliges Zuhause und unsere vielen Freunde besucht. Auch dort waren wir nicht an einem Ort, sondern sind alle 2 bis 3 Nächte weiter gezogen. Es war eine intensive und sehr schöne Zeit. Viele wertvolle Begegnungen, lange Abende und Lachen. Und dabei fällt uns auf, was wir immer wieder vergessen, wenn wir zurückschauen. Und was nicht.

Wir haben in den letzten Wochen an 7 verschiedenen Orten geschlafen, bei Freunden auf der Couch oder im Gästezimmer. Wir haben 2 grosse Rucksäcke dabei und unseren Tagesrucksack. Eigentlich ist es eine Kunst, dass wir nicht jeden zweiten Tag unseren kompletten Hausrat liegen lassen, wenn wir mal wieder zu spät aus der Tür hetzen und uns hektisch verabschieden. Diese Kunst ist uns sehr wichtig, denn wir können und wollen es uns nicht leisten, bei so vielen Wechseln ständig neue Schuhe oder Handykabel zu kaufen. Besonders gefährdet durch das Vergessen sind Spielsachen und Shampoos. Beides ist ersetzbar und nicht so tragisch – unsere Kinder freuen sich immer wieder über neue Autos oder Stifte. Schlimmer ist der Verlust von Kleidern, dem Ipad oder gar einer ganzen Tasche voller Zeug. Bis gestern ist uns das nie passiert – ein wichtiger Gegenstand, der liegen blieb. Bis gestern.

Wie haben wir das geschafft, so viele Busfahrten, Ferienwohnungen, Zimmer oder Besuche zu machen und unsere (Pardon: meine) Vergesslichkeit auszutricksen? Wie kommen wir mit dem beengten Gepäckraum in unseren monströsen und schweren Rucksäcken zurecht?

Unsere Tricks bestehen aus Strategien, die durchorganisierte Menschen wahrscheinlich immer befolgen. Für uns sind sie in ihrer Striktheit eine neue Erfahrung.

Jeder Gegenstand hat seinen Platz. Wir haben viele kleine Taschen, Tüten und Etuis, die nach Themen gefüllt werden. Alles, was wir zum Schlafen brauchen, findet sich in einer Tüte. Schwimmsachen, Cremes, Winterzubehör wie Schals und Stulpen sind klar getrennt. Und wenn man etwas herausholt, legt man es möglichst schnell wieder dorthin zurück. Wer uns kennt, der weiss, dass dies uns Ordnungsfanatikern unglaublich leicht fällt! Quasi im Schlaf.

Unser Tagesrucksack ist immer gepackt. Alles, was wir für einen Ausflug oder Besuch brauchen, also Essen, Trinken, Wickelzeug und Taschentücher (meistens eher eine Klopapierrolle, die wir seit dem Kaukasus mit uns herumschleppen), ist immer in dem handlichen Rucksack. Die Vorräte füllen wir immer wieder auf und vertrauen darauf, dass sich in den Tiefen des Rucksacks noch irgendwo ein Notfallkeks und ein Socke (als Ersatz für Handschuhe) finden lassen. Bis jetzt sind wir ganz gut damit gefahren – natürlich vergessen wir öfters mal etwas oder ärgern uns über unsere schlechte Kommunikation („Was, du hast die Mandarinen nicht eingepackt… das hatte ich dich doch gefragt?“). Und sind auch immer froh, wenn jemand anders spontan ein Taschentuch zückt. Aber generell sind wir ganz zufrieden damit, nicht jedes Mal, wenn wir ein Haus verlassen (was tendenziell relativ häufig vorkommt am Tag), mit Packen noch einmal von vorne anzufangen.

Wir werfen immer einen Blick zurück. Wir gehen vor der Abfahrt noch einmal als Detektive durch die Wohnung. Bevorzugt in Schränken oder im Badezimmer erspäht man dann doch noch eine Tüte oder ein Handtuch, das sich hinter der Tür versteckt. Die grössten Komplizen der Vergesslichkeit sind übrigens unsere Kinder. Sie verstecken liebend gerne Spielzeuge, verteilen Dosen und Papiere unter dem Sofa und sind sehr kreativ, was geheime Horte angeht. Gegen diese Saboteure ist nur schwer etwas zu machen. Spielzeug ist ja noch zu verkraften (da kann man dann gut die Konsequenzen von Verstecken lernen, wenn das Spielzeug dann wirklich einfach weg ist), aber bei Geld zum Beispiel hört der Spass auf. Unsere Jüngste hat einmal einen 50-Euro-Schein in Georgien unter einer Matratze deponiert. Der Gastgeber hat uns dann informiert und wir mussten lachen, dass unsere Tochter wohl gerne Geldgeschenke verteilt.

Es ist ein ständiger Kampf gegen das Vergessen. Und gestern stand es 1:0 gegen uns. Bei Freunden in der Schweiz haben wir unsere Babytrage vergessen. Die Trage, mit der wir seit 4 Jahren unsere Kinder durch die Welt tragen. Sie ist schon total abgenutzt und irgendwann hätten wir sie sowieso ersetzen müssen, aber es ist einer unserer wichtigsten Gegenstände, weil wir sie täglich mehrere Stunden brauchen und das unsere Einschlafgarantie für zwei müde Kinder ist. An diesem Tag also haben wir mit einer Jacke improvisiert und werden uns jetzt nach einer Alternative umsehen. Aber der Gedanke, dass vielleicht noch jemand anders von dem Gegenstand profitieren kann, tröstet ein wenig.

Eigentlich ist es gut, dass unser Gehirn ständig vergisst. Die Informationen, die gestern für dich wichtig waren, müssen es heute nicht mehr sein. Vergessen ist ein wichtiger Mechanismus gegen den mentalen Overkill. Oft bleiben nicht mehr konkrete Details, sondern diffuse Gefühle in unserem Hirn verhaften.

In den letzten Monaten sind wir so vielen Menschen und Orten begegnet, mit denen wir verhaftet waren und sind. Gemeinsame Zeiten, Erlebnisse und Alltag prägen. Vor allem unser Abstecher ins Wallis war für uns interessant. Welche Erinnerungen kommen hoch, was haben wir vergessen und was nicht?

Wir haben vergessen, wie sich Kälte anfühlt und wie viel Zeit wir wirklich im Tal zwischen Bergspitzen eingeklemmt verbracht haben. Weil wir romantisieren. Wenn wir jetzt, aus der Ferne, zurückblicken, ruft unsere Erinnerung all die schönen Ausflüge in die Bergwelt ab.

Wir vergessen manchmal, wie lange wir eigentlich in der Schweiz gewohnt haben, und wie intensiv wir Beziehungen gepflegt haben. Manchmal fühlt es sich an wie ein Abschnitt in unserem Leben, und dann, wenn wir da sind, merken wir, wie gefüllt dieser Abschnitt war.

Wir haben auch vergessen, wie bebaut die Schweiz ist. Wie vernetzt und wie menschengemacht. So viele Stromkabel in jedem Bild. Mittlerweile waren wir in so vielen Regionen, in denen stundenlang keine menschlichen Einflüsse zu sehen sind.

Wir vergessen aber nicht,

was wir alles mit Menschen geteilt haben und sie mit uns. Die Geschichten, gemeinsamen Erlebnisse und Probleme sind unsichtbar anwesend, wenn wir einander begegnen, und auch, wenn wir unterwegs sind. Sie schwingen mit. Das nennt sich wohl Vertrautheit und kann etwas sehr Schönes sein.

Wir vergessen aber auch nicht, dass wir noch unterwegs sind. Auch wenn es sich in Europa so angefühlt hat, als wären wir wieder zu Hause, so sind wir nur Besucher. Während wir die Gemeinschaft geniessen, organisieren wir noch spät abends unsere Weiterreise. Wenn wir Schnee sehen, denken wir an den Strand. Und schätzen den Schnee deshalb umso mehr.

Vergessen kann wichtig sein. Dass man nicht zu viel Ballast mit sich herumschleppt. Aber nicht vergessen – sich regelmässig zu erinnern, das Gute zu behalten, die Vergangenheit ehren – ist noch die viel schönere Errungenschaft.

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