Jahreszeiten eines Dorfes

Jahreszeiten eines Dorfes

23.August 2019

Juta. Ein Dorf in den Bergen, auf 2.200 m. Die Landschaft ist denkbar schön – aufgefächertes Hochgebirge, glatte grüne Falten. Im Hintergrund Spitzen von Bergen, die man sonst von den Dolomiten kennt. Das Dorf ist denkbar unschön – eine Ansammlung von zusammengeschusterten Wellblechhäusern, vernetzt durch steinige Trampelpfade, von Gestrüpp umgarnt. Doch die Kulisse gleicht das aus.

In Juta gibt es etwa 10 Wohnhäuser, und davon sind 12 Gästehäuser. Das hat sich so ergeben dank des Rufes, ein Mekka für Trekking-Begeisterte, Kletterer und Tagesausflügler zu sein. Seit 30 Jahren kommen hier Bergler aus aller Welt her, um die Natur zu erobern. Und das hat das Dorf verändert.

Wir schlafen hier in einem sogenannten „Guesthouse“, auf Deutsch wahrscheinlich eine Pension. Bis jetzt waren wir nur in solchen Unterkünften. Eine Familie hat ihr Wohnhaus so umgebaut, dass es mehrere Gästezimmer gibt, oft mit separatem Bad. Die Zimmer sind meistens super hergerichtet und ganz anders als die eigenen Schlafzimmer. Die Guesthouses, in denen wir bis jetzt waren, waren oft frisch renoviert oder neu gebaut. 

Das ist hier auch kein Wunder – alle sind in Georgien ständig am Bauen. Ein Reich für Heimwerker. Man baut, sobald man Geld hat. Und wenn das Geld ausgeht, muss man eine Pause machen, bis es wieder Kohle gibt. Das führt dazu, dass am Strassenrand viele Bauruinen zu sehen sind, und die tollsten Gästezimmer in einem Rohbau versteckt sein können, weil die Finanzen eben nicht für die Fassade gereicht haben.

Für uns hat es viele Vorteile, diese Guesthouses zu besuchen: wir dürfen die Infrastruktur wie Küche/Waschmaschine/Garten mitnutzen und können im Zimmer doch für uns sein. Wir sind eingebettet in eine Familie – der Opa, der in der Ecke sitzt, die fleissige Hausfrau, immer in der Küche, und manchmal auch Kinder, die draussen spielen oder vor irgendeinem Bildschirm. Manchmal passt es, dass unsere Kinder so Spielgefährten finden, aber oft sind sie zu klein und die Achtjährigen wollen nicht den ganzen Tag Salat sammeln. Durch die klare Regelung (Preis für Übernachtung und für Mahlzeiten) freuen wir uns, die Familien unterstützen zu können, und helfen ihnen, online Werbung zu machen, und sie haben dadurch ganz konkret ein Einkommen mehr.

Hier in Juta lebt eigentlich nur eine Sippe. Alle haben den selben Familiennamen. Und die Soldaten, Hirten oder Taxifahrer, die wir auf unseren Erkundungstrips kennenlernen, tauchen früher oder später bei der Familie hier auf einen Kaffee auf, weil ja eh alle Cousin und Cousine sind. Die sehr nette und lebensfrohe Familie, bei der wir hier wohnen, hat uns viel erzählt von den verschiedenen Epochen, die dieser kleine Ort in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat.

Eigentlich könnte es genauso gut ein Ort sein, wie es ihn im Lötschental oder im Goms auch gab. In den 70ern/80ern gab es hier ein intaktes Dorfleben – die Familien versorgten sich selbst, Kühe und Pferde wurden gehalten und im Sommer auf die Alm getrieben, die aber zu Pferd innerhalb von 30 Minuten erreichbar war, weshalb nicht die ganze Familie umzog. Das Dorf war ganzjährig bewohnt, wobei es monatelang im Winter eingeschneit war. Es gab Kinder und Teenies, eine Schule und eine Krankenstation und wahrscheinlich alles an Harmonie und Intrigen, was in 10 Wohnhäusern Platz hat. So weit, so parallel – solche Orte gab es in der Schweiz zuhauf.

Erstaunlich ist – die Infrastruktur ist ungefähr noch die gleiche. Es gibt Strom, und vor allem Generatoren, und seit einigen Jahren auch Handyempfang dank einer Antenne am Dorfeingang. Doch die unbefestigte Hangstrasse ins Dorf hinein wird im Winter oft nicht geräumt oder von Lawinen überrollt. Der Winter endet im April oder Mai. Und das ist ein Problem.

Denn von den Kindern, die in den 80ern Heidelbeeren sammelten und am Bach spielten, zog es einen Grossteil hinaus. Heute gibt es in Juta sehr viele alte Menschen. Menschen, denen, falls sie im Winter zu Hause einen Schlaganfall haben, auch nicht schnell geholfen werden kann. Da muss schon der Helikopter kommen. Nur im Sommer, wenn es hier gefühlt 30 Grad in der unerbittlichen Sonne wird, strömen die Touristen und damit auch die Töchter und Söhne ins Dorf – die kochen und putzen und bauen für die Touristen, oder verbringen selbst ihre Ferien in der nostalgischen Idylle. 

Und so hat sich das Dorf gewandelt: im Sommer ist es voller Trekkingschuhe und Sonnencreme, im Winter gibt es eine Schneedecke und Arthrithis. Im Sommer ist Leben in der Bude, und im Winter herrscht kristallklare Stille. Wir versuchen, uns diese Kontraste vorzustellen, und schauen der alten Frau ins Gesicht, die diese Wechsel seit Jahrzehnten beobachtet, dabei stoisch lächelt und im Garten werkeln geht. Wir versuchen, unsere Rolle als Touristen in diesem Wechsel der Epochen von Juta herauszufinden und verantwortungsvoll auszufüllen. Und wissen nicht genau, wie das geht. 

Die nächste Jahreszeit kündigt sich schon an. Dann, wenn die dauerhaft hier wohnenden Menschen zu alt werden. Wenn in diesem Dorf der Winter einbricht. Unberührte Schneeschicht und verfallene Häusern. Im Sommer werden wohl noch mehr Menschen wie wir kommen, für kurze Zeit Idylle schnuppern und wieder nach Hause in ihre komfortablen Wohnungen mit W-Lan und Supermarkt nebenan fahren. Und wir uns fragen, wie die Nachkommen dieses Dorfes mit ihrem Erbe umgehen werden. 

Die Natur nimmt dieses Kommen und Gehen gelassen. Sie verändert sich nicht, nur weil ein paar Kühe oder Wasserleitungen da sind. Weil sie weiss, dass sie am Schluss 

gewinnt.

No Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kategorien