Hinterlassenschaften

Hinterlassenschaften

/ 12. August 2020 /

Manche Wörter haben einfach einen magischen Nachgeschmack. Solche Wörter, die man bei Vollmond aus dem Zimmer der schlafenden Großmutter stehlen muss, dreimal rückwärts flüstern soll und dann verwandelt sich alles in Gold. Eines dieser Wörter begegnet mir hier in unserem Leben in Costa Rica ständig, ich stolpere fast täglich darüber. Es hat einen wunderbaren Klang, und war mir bis jetzt so fremd. Ich spreche von

Gecko-Kacke.

Geckos sind diese kleinen Eidechsen, die man hier als Haustiere hält. Sie haben einen guten Ruf, denn sie fressen wahrscheinlich einen Großteil der Fliegen und Mücken, und bestimmt auch kleine Spinnen, die sich in das Haus verirrt haben. Sie sind freundlich und unauffällig, mehr ein Schatten an der Wand oder eine unbewegliche Silhouette an der Decke. Nur, wenn man eine hektische Bewegung macht oder mitten in irgendwelche Kekspackungen oder Plastiktüten greift, und dann ein kleines Tier wegspringen sieht, dann nimmt man sie wahr. Nachts knabbern sie wahrscheinlich schon einmal an den Früchten, die man auf dem Tisch vergessen hat. Oder waren das andere Tiere? Sonst sind Geckos genau die leisen, sauberen Mitbewohner, die in jeder WG gesucht werden. In manchen Gebäuden sind sie unauffällig an Decken getackert oder harren im Dunkeln aus. In unserem jetzigen Haus gibt es hat ziemlich viele. Vielleicht liegt es daran, dass es lange nicht bewohnt war, oder am kälteren Klima. Das ist ja auch gar nicht schlimm. Nur leider, leider sind Geckos nicht stubenrein.

Ich sehe was, was du nicht siehst. Und es ist braun, mit einem kleinen weißen Punkt. Ja, genau.

Wenn ich aufstehe, und meine Brille auf dem Regal suche. Aha, Gecko-Kacke.

Neben der Zahnpasta.

Oder der Kaffeetasse.

Zwischen den Kinderspielsachen.

Neben den Früchten auf dem Esstisch.

Auf dem Waschbecken.

Überall.

Und so kommt es, dass ich immer wieder überrascht werde von der Schar an kleinen Kothaufen in unserem Haus. Bis ich das System der Geckohaustiere verstanden hatte, hatten sich schon richtig viele Häuflein angesammelt. Es sind so viele, dass die Menschen hier wahrscheinlich voll daran gewöhnt sind. Letztens sassen wir zusammen und haben Pizza gegessen. Ein kleines Mädchen betrachtete neugierig die Parmesankrümel darauf und fragte: „Gecko-Kaka?“

Vielleicht verliert man irgendwann den Ekel davor. Doch ich noch nicht, und so sollte ich besser mal putzen. Momentan habe ich eher null Bock auf Putzen. Wir werden dreimal täglich bekocht, unsere Kinder spielen den ganzen Tag, ich darf mit Menschen reden und schreiben. Wunderbar. Mein Leben würde ohne Haushalt astrein auskommen. Einfach ab und zu den Boden wischen und mal das Bad putzen. Mehr nicht. Wenn da nicht die Geckos wären. Diese kleine Erinnerung daran, dass es etwas gibt, was ich nicht gerne mache. Saubermachen.

Zunächst geht es noch. Es ist einfach ein Häufchen. Und ich habe mich jetzt beraten lassen, und eine Einheimische meinte zu mir, dass sie die Kacke mit Klopapier wegmacht und dann direkt in den Müll wirft. Das ist eine Menge Klopapier, denke ich mir so. Und doch merke ich, dass ich etwas gegen die Gecko-Kacke machen muss. Denn wenn ich sie einfach ignoriere, wird sie immer mehr. Und irgendwann ekelt es mich dann wirklich.

So ähnlich geht es mir mit vielen Dingen. Mit meinem Charakter zum Beispiel. Manchmal fühle ich mich so, als würde ich meiner Familie vor die Füße machen. Irgendwie lieblos meinen Abfall abladen. Nun, mir passiert das nicht nur einmal am Tag. Irgendwann hat sich ein stattlicher Haufen angesammelt und alle stehen da und halten sich die Nase zu und können nicht fliehen. Und wenn das nicht in Ordnung gebracht wird, dann wird es auch nicht besser.

Und so sitze ich hier, während der Nachmittagsregen sich über die sich ausstreckenden Bäume ergiesst, und denke darüber nach, dass ich wohl immer wieder aufräumen muss. In mir, zwischen mir und den anderen. Ich muss mich daran erinnern, dass ich sie lieb habe, mich entschuldigen, aufräumen. Und dabei hätte ich so gerne einfach einen Frühlingsputz. Einfach einmal gründlich sauber machen und dann wieder monatelang meine Ruhe haben. Wie schade, dass das Leben einen daran erinnert, dass man immer dranbleiben muss.

Geduld haben, Disziplin zeigen – das wurde von den Menschen in Costa Rica vor ein paar Wochen noch einmal ganz neu gefordert. Innerhalb von kurzer Zeit stiegen die Fallzahlen von Corona-Patienten steil in die Höhe. Strenge Restriktionen wurden in weiten Teilen des Landes erlassen, viele Geschäfte, die sowieso vielleicht schon am Anschlag waren, mussten wieder schliessen. Wir waren zu der Zeit gerade hier auf der Finca angekommen, wo wir im engen Kontakt mit den anderen hier wohnen, aber abgeschottet vom Rest der Welt sind. Eine Welt in der Welt auf der anderen Seite der Welt sozusagen. Für uns waren die Restriktionen irrelevant, aber viele Leute hat es bestimmt hart getroffen. Und nicht nur hier, sondern in so vielen Ländern kämpfen die Regierungen für Geduld und Zurückhaltung. Für Disziplin. Manche Leute wollen nicht mehr, das kann ich verstehen. Andere können nicht mehr. Das kann ich auch nachvollziehen. Es ist so ein bisschen, wie täglich neu die Motivation zu sammeln, mit der ganzen Kacke, die es in dieser Welt so gibt, zurechtzukommen. Und besser nicht an die Folgen zu denken, die das noch in die weite Zukunft haben wird. Momentan sind die Corona-Fälle in Costa Rica auf einem Plateau; sie sind hoch genug, um das Gesundheitssystem ernsthaft zu belasten, und steigen jetzt gerade nicht mehr exponentiell – Gott sei Dank. Dass das Land bald wieder in eine Art Normalität zurückkehren kann, entpuppt sich für viele wahrscheinlich immer mehr als Illusion.

Ich bewundere die Menschen hier, die mit vielen Situationen, die für mich so fremd und neu sind, so geschickt umgehen. Kleiderflecken auswaschen, die ich niemals herauskriege. Schlangen köpfen, Kälber gebären, wissen, welche Früchte wie gut schmecken. Mit Arbeitslosigkeit und Unsicherheit irgendwie umgehen. Doch in der Pandemie weiß keiner von uns genau, was als nächstes kommt, und welcher Instinkt oder welcher Rat sich letztlich als klug erweist, auch die Experten nicht. Es gibt keine Erfahrung damit. Was jetzt als richtig gilt, kann sich übermorgen als falsch erweisen. Wir schaffen es nicht, die Kothaufen von morgen schon zu lokalisieren. Ein Putzplan gibt mir zwar das Gefühl von Sicherheit, ist aber keine Garantie für kotfreie Wohnungen. Das merke ich spätestens dann, wenn ich morgens ans Waschbecken trete. Denn Geckos, die sind ganz schön hartnäckig. Und sie waren vor mir hier und werden auch dann hier sein, wenn ich schon lange weiter gezogen bin. Eigentlich ist es nämlich ihre Wohnung und ich bin der Gast.

Und so sehr ich es mir auch wünsche, auf unserer Reise bei anderen einen positiven Eindruck zu hinterlassen – etwas, was an mich erinnert, was ein Lächeln ins Herz zaubert – so sehr scheitere ich dabei an den Geckos. Sie sind unbeeindruckt. Ich hinterlasse bei ihnen nichts. Stattdessen leben sie einfach weiter und kacken fröhlich dort hin, wo sie wollen. Ein bisschen befreiend ist das ja schon, wie ich finde.

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