heilig

heilig

/ April 2021 /

Meine Füsse krallen sich in die Felswand. Um mich braust der Wind, als würde er mich wegzerren wollen. Die Sonne peitscht mich hämisch. Ich muss meine Baseballmütze festhalten, denn sonst nimmt der Wind sie mir weg. Ich stehe an einer Steilwand, vor mir ein schmaler Weg, unter mir eine tiefe Schlucht, aus der ein Fluss wütend tobt. Überall auf der Welt haben Menschen Wasser, Sonne und Donner verehrt und gefürchtet, und dass sie es auch hier in Peru getan haben und noch tun, kann ich ihnen nicht verübeln. Denn auch ich bete gerade ohne Worte.

Ich bin in den Anden. Hier darf ich mit meiner Familie neben einem Kinderheim schlafen. Wir sind im gleichen Ort wie unsere Freunde, die hier als Missionare arbeiten. Offiziell ist es Regenzeit. Praktisch regnet es jedoch nur noch sehr selten. Es sieht aus wie Frühling, die vielen, vielen Blumen, die sich strecken und präsentieren, die Pflanzen, die um Grösse und Fülle konkurrieren. Doch es fühlt sich an wie Sommer, ein unbarmherziger Sommer, der übers Land peitscht. Die Sonne ist der unsichtbare Starkregen, lauter Strahlen, die dich unablässig strafen, streifen, prasseln, peitschen. Es ist die gleiche Sonne wie überall auf der Welt, aber hier zeigt sie sich so schadenfroh. Ich staune über die Fähigkeit der Menschen, sich in jedem so entlegenen Tal dieser Erde, bei Hitze oder Kälte, niederzulassen. Zwischen Felsbrocken zu spriessen. Auf 5000 Metern über dem Meeresspiegel Sonne und Kälte zu trotzen. Jetzt gibt es Wasser, dass durch die Bäche und Kanäle rollt, doch den Rest des Jahres gibt es das weniger und alles trocknet aus. Für mich ist es jetzt schon als zu trocken. Ständig habe ich Durst.

Manchmal kommt aus unserem Wasserhahn Wasser, und manchmal nicht. Das Haus, in dem wir wohnen, sieht so viel besser aus als viele andere Häuser, in denen wir schon geschlafen haben. Wenn man nur Fotos machen würde, könnte man fast meinen, wir wären irgendwo in Europa. Stylische Lampen, chromverglaste Küchenfronten, ein Backofen, Laminat. Unsere Nachbarn in der Strasse leben in lehmverschmierten, geduckten Häusern, teilweise ohne Fensterscheiben. Und doch kommt bei uns oft kein Wasser aus dem Hahn, wenn wir morgens schlaftrunken die Kellogs auf den Tisch hieven. Ohne Wasser kann man nicht trinken. Nicht Zähne putzen. Kann man nicht die Müslischale auswaschen. Kann man nicht die Toilette abspülen, duschen erst recht nicht, also auch kein Sport am Morgen. Und später nicht kochen. Einfach nur warten. Ich lausche auf die Pumpe, die oben auf dem Dach arbeitet. Bis Mittag hat sie wieder Wasser herauf gepumpt, aus dem Brunnen, der tief irgendwo im Boden ist. Unsere peruanische Mitbewohnerin nimmt es gelassen. „Bevor ihr gekommen seid, habe ich mich auch gar nicht getraut, den Besitzern Bescheid zu geben“, sagt sie lachend und etwas beschämt. Ich bin erstaunt. Ich kenne diese Scham, aber bei Wasser wäre es mir so wichtig, da muss man doch etwas machen. Warmwasser haben wir schon gar nicht. Aus dem Hahn kommt halt das Wasser, das die Pumpe aus dem Boden pumpt – und es ist eiskalt, so kalt wie es in den Bergen eben sein kann. Ich schaudere nur schon bei dem Gedanken, unter der Dusche den Hahn aufzudrehen. Unsere peruanische Mitbewohnerin lächelt wieder, als ich sie danach frage. „Ich dusche einfach“, sagt sie. „Kalt?“, frage ich. „Ja, ist kein Problem. Man gewöhnt sich daran.“ Ja klar, wenn man vorher Sport gemacht hat oder zum Markt und zurück gelaufen ist. Aber nicht, wenn man den ganzen Tag leicht an den Füssen friert, oder schon beim Geschirrspülen eiskalte Finger bekommt. Und so entscheide ich mich, den Wäschekorb aus Plastik umzufunktionieren, und für mich und meine Mädels dort abends ein Bad aufzukochen. Heisses Wasser mit dem kalten zu mischen, und so wenigstens per Eimerdusche sauber zu werden. Es ist eine Umstellung, es ist am Anfang noch ein Abenteuer, aber es geht. Ich versuche, keine grosse Sache daraus zu machen, sage mir selber „Pff, das ist doch nichts besonderes, so ein bisschen Eimerdusche.“ Doch die Wochen vergehen und eigentlich weiss ich genau, wie sehr mir das Wasser fehlt. Der unbegrenzte Zugang zu warmen Strömen. Das Gefühl auf der Haut, ohne Frösteln. Ich laufe über Felder, hüpfe über die Kanäle, und entdecke im Wasser weggeworfene Tiergedärme. Ich füge zu meiner Liste der Sehnsuchtsdinge „sauberes Wasser“ hinzu.

Es sind einige Wochen später. Mittlerweile habe ich entdeckt, dass unsere Töchter Dreckränder am Hals haben, die sich nicht so einfach abkratzen lassen. Ich versuche, mich auf die neue Situation einzustellen, einen Waschlappen zu improvisieren. Ich versuche, umzudenken, nur abspritzen geht nicht, jetzt muss geschrubbt werden. Und das in Rekordzeit, denn die Luft im Bad ist kalt, und so trifft das Wasser auf Gänsehaut und schafft es kaum, in die bibbernden Poren einzudringen. Ich sehne mich danach, in dem sanften Element zu schwimmen. Umgeben zu sein von leichter Wärme, die mich aufnimmt, und mich treiben lässt. Ich kann es ohne dieses Wasser aushalten – ich bin resilient, und das Leben ist so schön, dass ich die Kraft dafür habe – aber manchmal ist meine Sehnsucht so gross danach, dass ich Perlen auf meiner Haut entdecke und nicht weiss, woher sie kommen.

Nach fast zwei Monaten in dem Bergdorf wird es Zeit, weiterzuziehen. Wir verabschieden uns, denn wir werden vielleicht nur noch einmal kurz wiederkommen. Wehmütig setze ich mich vorne ins Taxi, mein Mann und meine Töchter steigen hinten ein. Wir schauen auf den Markt, auf die vertrauten, verblichenen Reklametafeln mit Sonnenbrillen und Limogetränken. Der Taxifahrer fährt los, und legt sich in eine der vielen Kurven, die wir heute die Anden hoch- und runterfahren werden. Farbstreifen ziehen auf der Mattscheibe vorbei. Grüne Felder, die zerstückelt am Berg hängen. Gestrüpp, sonnengetrocknet. Felsformationen in allen Sandfarben. Menschen in allen Sandfarben, wie sie auf Mototaxis vor uns abbiegen, und schnellen Schrittes am Strassenrand entlang laufen. Alles sieht ähnlich aus, alles kommt mir schon vertraut vor, und doch so prickelnd fremd. Doch es verändert sich. Zuerst fahren wir hinunter ins Tal, und die Luft, die durch die offenen Fenster flattert, wird knallwarm. Wir sehen mehr Früchte wie Avocados und Mangos, die sich am Strassenrand in Kisten stapeln. Dann geht es steil nach oben, jede Kurve wieder Anlauf nehmend. Ich muss meinen Blick auf die Scheibe vor mir konzentriert halten, sonst wird mir schlecht. Auch der Taxifahrer ist konzentriert. Ab und zu reden wir, und er erzählt uns von dem Tal, in das wir gerade fahren. „Valle sacrado“, sagt er. Heiliges Tal. Warum heilig? „Hier hatten die Inkas ihre Festungen, ihre Kultur und ihre Tempel. Hier haben sie alles anbauen können, was sie brauchten.“ Er zeigt uns die Grenze. Dort, wo man noch Mais anbauen kann. Hier nicht. Überall wächst etwas anderes. Und obwohl wir zwischen 2000 und 3000 Metern über dem Meeresspiegel sind, so erscheint es mir so fruchtbar. Ob das Tal wirklich so heilig aussieht? Auch dort, wo wir bis jetzt waren, im Nachbartal, gab es Inka-Stätten und fruchtbare Felder. Würde es anders sein hier? Wir fahren über eine grosse Ebene, und biegen von der Hauptstrasse ab. Als wir an steilen Felswänden entlang fahren, liegen immer mehr Felsbrocken auf der Strasse. Der Fahrer muss darum herumfahren. Immer steiler und sandiger kommt es mir hier vor, und ich verliere den Überblick. Doch eine Sache ist anders, als ich es die letzten Wochen gewöhnt war: Die Strasse ist nass.

In Ollantaytambo steigen wir aus. Noch fühlt sich der Name so fremd an, wie ein Kieselstein im Mund, doch in den nächsten Tagen wird er weich wie Kaugummi werden. Ollantaytambo „liegt mitten im heiligen Tal“, sagt der Taxifahrer ehrfürchtig, und ich blicke mich um und sehe nur Gipfel, die eng zusammenstehen. Es braucht eine Weile, bis ich erkenne, dass Ollantaytambo neben einem Fluss an einer engen Stelle eines grossen Tals liegt. Hinter dem Dorf führt ein Seitental in die Höhe zu den Gipfeln. Die Kinder krabbeln aus dem Auto, entdecken den Nieselregen, und weinen. Zum ersten Mal auf unserer Reise nehmen wir unsere Regenjacken hervor, weil wir sie wirklich brauchen. Sie sind etwas steif und stinken, doch dankbar ziehen die Kinder sie an, denn schon nach ein paar Minuten fühlen sich unsere Kleider klamm und kalt an. Wir werden beobachtet, wie wir uns so in die Plastikschale werfen, und ich beginne, mich umzublicken. Wir stehen am Strassenrand eines Platzes, neben uns eine Markthalle mit kleinen Ein-Mann-Geschäften, wie wir sie schon aus unserem Bergdorf kennen. Über den Platz schlurft ein alter Mann in knalligbunter Kleidung, er trägt keine Regenjacke, sondern einen abgewetzten Poncho. Hinter dem Marktplatz ist ein grosses Schild, eine Burg und ein Pfeil sind darauf gemalt. Dahinter sehe ich die buddhistischen Gebetsfahnen flattern, die so viele Touristen hier mögen, und erspähe ein Café nach dem anderen. Ollantaytambo ist offensichtlich in Reiseführern gut vertreten. Jetzt ist hier niemand zu sehen ausser wir und der Mann im bunten Poncho. Ich blicke meinen Mann an, und er sagt trotzig: „Lass uns erst in eine andere Richtung gehen.“

Wir vier bunten Plastiktüten biegen in eine Seitengasse. Ich sehe, was die Bewohner sehen: Zwei grosse Plastiksäcke, die Hand in Hand schlendern, wie nur Touristen schlendern können, und alle Eindrücke mit den Augen aufsaugen. Zwei kleine Plastiktüten, rot und pink, deren blonde Haare unter der Kapuze versteckt sind, so dass sie ein wenig mehr wie normale Kinder hier aussehen, die von einer Strassenseite zur anderen springen. Die Strasse ist gepflastert, mit grossen, runden Flusssteinen, und je weiter wir laufen, desto mehr solcher Strassen finden wir. Die gleichen Steine und noch grössere, glatte Steine, bilden auch die engen Wände der Häuser. Es fühlt sich an wie in einer Planstadt, ganz rechtwinklig laufen die geraden Strassen durch den Ort, Block um Block. Einmal erspähen wir ein offenes Fenster in einem hohen Haus, und es verrät uns, dass dort in dem Quader ein Innenhof versteckt ist. Auf dem matschigen Boden des Hofes liegt ein riesiger Haufen geernteter Mais. Hier auf den Pflastersteinen ist es nicht so matschig, der Regen sammelt sich zwischen den Steinen, bildet kleine Pfützen, und fliesst dann in einen Kanal. „Schau mal, ein Blatt“, ruft meine Tochter, und rennt neben dem kleinen Bach her. Auch die andere quietscht, sie hat eine Katze entdeckt, und jagt den Weg entlang. Seit langem habe ich das Gefühl, mal wieder in einer richtigen Stadt zu sein, und es ist ein gutes Gefühl. Die Wände der Häuser verraten, dass sie schon sehr alt sind. Die glatten Steine, die ihr Fundament sind, sind teilweise grösser als ich. Sie sind nahtlos ineinander gefugt, so, wie es die Inkas verarbeitet haben. Meine Hand streift über diese alten Zeugen, ehrfürchtig. Was sie schon alles gesehen haben. Über den Steinfundamenten der Häuser sind die Wände glatt verputzt in allen Terracottatönen der Farbpalette. Je tiefer wir ins Dorf laufen, desto weniger schöne Wände sehen wir, und irgendwann sind wir von Lehmhäusern umgeben, deren rohe, braune Ziegel uns anstarren, wie wir es schon seit Wochen sehen. Am Ende einer Gasse haben wir einen freien Blick über die ganze Stadt, und da sehen wir, dass seitlich in den Berg hinein Terrassen gebaut wurden. Dort, wo schon der Berg beginnt, stehen starr die Überreste einer Befestigung. Vielleicht ein Tempel, vielleicht ein Militärstandort, denke ich. „Hier haben die Spanier gegen die Inkas gekämpft“, sage ich zu meiner Familie, als wir dastehen und die Altstadt betrachten, die nicht grösser als ein Dorf ist. „Sie kamen von Cusco aus, der grossen Stadt, und wollten hier die Inkas angreifen.“ „Wer waren die Spanier, Mama?“, fragt die Vierjährige mit grossen Augen. „Die waren eigentlich nur Besucher von weit weg, aber wollten, dass das alles ihnen hier gehört.“ Ich blicke auf Wolken, zwischen denen hohe Gipfel hervorblitzen wie verborgene Superkräfte. „Sie kamen mit ganz starken Waffen und dachten, sie könnten den Leuten, die hier wohnen, alles wegnehmen. Das waren die Inkas. Und hier, in Ollantaytambo, haben die Inkas ganz schlau gekämpft.“ „Wie denn?“, fragt jetzt die andere Tochter. „Sie haben sich – wahrscheinlich – hier oben auf den Berg gestellt“ – ich zeige auf die Festung – „und dann haben sie das Wasser so ins Tal geleitet, dass die Spanier fast ertrunken sind. Und wahrscheinlich haben sie Sachen auf sie draufgeworfen. Auf alle Fälle haben die Spanier verloren und mussten umdrehen.“ Die Augen meiner Töchter strahlen. Wir schauen auf den Dorfplatz vor uns und stellen uns vor, wie Wasser aus den Stein ummauerten Gassen spritzt, sich seinen Weg sucht, und alles überflutet. Gedankenverloren laufen wir wieder zurück, und unsere jüngste Tochter springt von Gasse zu Gasse und ruft: „Wo sind sie, die Spanier? Wann kommen die Spanier wieder? Wo haben sie sich versteckt?“ Der Regen ist mittlerweile sanft, ich kann mir nicht mehr vorstellen, wie er Spanier in die Flucht schlägt. Auf meiner Regenjacke sammeln sich die Tropfen und rutschen dann auf den nassen Boden. Alles um mich herum sprudelt in dieser menschengedachten Ordnung. Gluckernde Bäche, Regenrinnen, die die Massen wegleiten. Kleine rote Blümchen, die kräftig und still trinken.

Ich kann gar nicht sagen, ob Dreck und Staub abgewaschen werden. Es ist eher so, dass er jetzt erst sichtbar wird, denn zwischen den Steinen sammelt sich Matsch. Das wird schon immer so gewesen sein, schon vor 20 Jahren, und bei den Menschen, die davor gelebt haben, und davor und davor. Doch es ist auch viel Stille in Ollantaytambo. Tiere, die sich ducken, Menschen, die in lehmigen Häusern verschwinden, die aussehen, als würde der Regen sie bald aufweichen. Es ist die Zeit des Auftankens. Heiliges Wasser, das vom Himmel fällt.

Wir haben ein Hotelzimmer gebucht. Es fühlt sich so unwirklich an, denn normalerweise schlafen wir ja eher in einfachen Unterkünften, oder bei Einheimischen. Als ich jedoch gesehen habe, dass ein Zimmer in einem Drei-Sterne-Hotel fast genauso viel kostet wie in einem ranzigen Hostel, habe ich meinem Mann eröffnet, dass ich gerne eine Nacht edel schlafen möchte. Er hat direkt zugestimmt, und so steigen wir vor dem Life-Hotel ausserhalb von Ollantaytambo aus dem kleinen Bus. Auch das fühlt sich unwirklich an, wie wir in das menschenleere Hotel gehen, vier bunte, klatschnasse Menschen mit Rucksäcken. Die Lobby glänzt vor sich hin, zartweisse Sonnenschirme vor schweigenden Topfpflanzen.

Ebenso schweigend reagiert das komplette Gebäude, als wir zaghaft „Buenos dias“ und „Hola“, in die tiefe Stille rufen. Es ist, als wären wir die einzigen Menschen auf dieser Welt, wie wir einfach in ein riesiges Hotel marschieren. Postapokalyptisch. Unsere Kinder bestürmen sofort eines der Sofas, und wir wissen nicht recht, was wir tun sollen. Nach ewigen fünf Minuten kommt klackernd eine Angestellte auf hohen Schuhen und zeigt uns unser Zimmer. Über drei Stockwerke laufen wir an geschlossenen, nummerierten Zimmern vorbei. „Sie sind unsere einzigen Gäste“, sagt die Frau, sie lächelt dabei nicht. In Zimmer 192 steckt sie dann den Schlüssel ins Schloss, und als sie die Tür öffnet, fällt mein Blick als erstes durch die offene Badezimmertür auf einen riesigen Whirlpool. Unfassbar. In der Internetbeschreibung war gar nicht so ersichtlich, dass wir eine Badewanne auf dem Zimmer haben würden. Sie ist eingelassen in eine Empore, und die Frau zeigt uns noch, wie wir das warme Wasser bedienen. Kaum hat sie das Zimmer verlassen, ziehen sich unsere Töchter ohne Instruktion aus und springen in die Wanne. Sie haben mehr als genug Platz und jauchzen vor Freude, als aus dem Hahn klares, warmes Wasser sprudelt. Die grosse Fläche füllt sich, immer schöner, immer wohliger wird es im Bad, bis Dampfschwaden unter der Decke hängen, und zwei dreckverkrustete Kinder ihre Köpfe unter Wasser tauchen, immer wieder, lachend, prustend, johlend. An das Fenster prasselt der Regen. Die Zeit verfliegt, irgendwann schlafen die Mädchen auf einem Bett ein, draussen tobt die Dunkelheit, und dann liege ich in dem Wasser, das der Ursprung von allem ist. Seit wir hier sind, hat es unablässig geregnet, zunächst noch ganz zaghaft, und irgendwann dann wütend. Das ist okay, die Wut kann ruhig sich am Fenster abreagieren, denn hier drin hat sie keinen Platz. Hier ist ein Ort der Heilung. Dort, wo die Dreckränder der letzten Monate abgewaschen werden. Endlich kommt mal wieder Wasser in meine Ohren. Hier höre ich wieder schärfer, bin nicht mehr abgeschottet, dumpfe Geräusche wahrnehmend. Ich höre alles, das Klatschen der Regentropfen auf die Scheiben, den Dampf, wie er sich schwerfällig gegenseitig in den Raum schiebt. Wenn ich das Wasser bewegen, drücken sich Wolken aus der Wärme, sie transportieren meine Bewegung, meine Schwingung, meinen Körper, durch den Raum, immer höher, bis es unter der Decke hängen bleibt. Dort bildet sich eine Traube, eine ganz dicke Schicht, die alles vernebelt. Ich sehe nicht mehr klar, weiss nicht mehr, welche Farben die Fliessen genau haben, ist es eierschalenbeige oder grau? Aber ich höre so viel klarer, den Regen, das Atmen der Kinder, die Musik, die mich durch alle Zeiten und Länder trägt. Und ich spüre meinen Körper, der sich so leicht und warm anfühlt, wie ich mich schon lange nicht mehr gefühlt habe. Immer habe ich seine Schwere gespürt, wenn wir erschöpft die Berge entlang wanderten, verschwitzt und gedemütigt von der Sonne. Oder wenn ich die schweren Einkäufe trug. Jetzt bin ich ein Kind, mein Körper ein Vogel in den Wolken. Meine Füsse müssen sich nirgendwo festkrallen, sie schweben und werden getragen. Ich bin übersatt.

Heiligkeit ist, wenn Dinge gewaschen werden, abgewaschen werden können. Wenn sich Matschepfützen bilden, und dann mitgerissen werden. Wenn Eindringlinge mit Feuerwaffen fortgenommen werden, mit dem Strudel heruntergespült, wenn so ein Sog entsteht, der keinen Widerstand dudelt. Aber er ist sanft, es ist sanft, diese Heiligkeit. Sie versorgt, jede kleine Blume kann darin leben, sie tröpfelt, giesst, umschliesst und fliesst. Alles ist im Fluss dieser Heiligkeit. Und hier, in diesem warmwohligen Whirlpool, bete ich mal wieder ohne Worte.

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