Georgia on my mind

Georgia on my mind

27.August 2019

Es waren schöne Tage, Wochen – und wir verlassen die erste Station unserer grossen Reise. Georgien. So, wie ihr uns oft ungläubig gefragt habt „Warum ausgerechnet Georgien?“, so denken wir jetzt: „Wie könnte es nur etwas anderes als Georgien sein?“ Doch das war nicht von Anfang an so.

Wir wussten auch nicht so genau, was wir von diesem fernen Land am Kaukasus erwarten sollten – irgendetwas zwischen Bergwelt, Wein und Gastfreundschaft, und sowjetischen Überbleibseln gepaart mit schöner Natur. Wir wussten nur, dass wir bereit waren für etwas Neues. Ja, wir gaben den direkten Zugang zum weltbesten Gesundheitssystem, detailreiche und durchdachte Infrastruktur, saubere Gehsteige und glatte Strassen auf, als wir unser Leben in der Schweiz verliessen. Das war uns klar. Aber die ersten Tage in Georgien waren dennoch

ein Schock.

Wir kamen in Kutaissi mit dem Flieger an, der zweitgrössten Stadt des Landes. Vom Flughafen bekamen wir nicht viel mit, weil wir direkt auf die Strasse gespuckt wurden vom Strom der Hektik. Ein energischer Taxifahrer, den uns eine freundliche Einheimische organisiert hatte, die sich noch dafür entschuldigte, dass es in Georgien keine Kindersitze gäbe, führte uns zu seinem klapprigen Mercedes. Während er fuhr, sprach er in seinem impulsiven Ton mit Didi auf Russisch und nahm schon mal zur Illustration beide Hände vom Steuer. Kurze Herzaussetzer. Wir fuhren an brennenden Müllhaufen vorbei, an verfallenen Häusern, Matschpfützen und unglaublich vielen Menschen, die aussahen, als würden sie „herumlungern“. Es hätte auch irgendwo in Indien in einem Slum sein können, in meinen Augen war in dem Moment kein Unterschied. Während wir durch die Stadt fuhren, um Schlaglöcher herum, an wirklich furchtbaren und menschenunwürdigen Blockbauten entlang, fragte ich mich, ob ich mich hier wirklich wohl und sicher fühlen könnte. Der dauerhafte Nieselregen trug nicht unbedingt dazu bei, diese Frage mit Ja zu beantworten.

Diese Angst – in dieser wirklich total fremden Umgebung, mit fremder Sprache, fremder Schrift, überleben zu können – sollte noch etwas anhalten. Doch bildeten sich vor meinem Auge kleine Wohlfühlinseln. Comfort-Zones. Zuerst war es die Wohnung der wirklich netten Familie, bei der wir waren. Was von aussen aussah wie ein alter Bau, entpuppte sich innen als liebevoll renoviertes Eigenheim. Sie nahmen uns auf, die Frau war Kinderärztin, und gleich fühlte ich, wie Sicherheit in meinem Herzen gesät wurde. Ein kleiner Samen. Hier ist Zivilisation, diese Leute haben auch Facebook, Jobs und eine Familie. Wir sind nicht so unterschiedlich. Die junge Hauskatze, die uns neugierig anstarrte, galt für mich nicht als Tollwut-gefährdetes Tier, über die ich viel gelesen hatte, und so wurde sie gestreichelt. Als die Familie uns dann erzählte, dass die Strassen und Gehsteige deshalb so vorsintflutlich aussehen, weil die komplette Stadt eine Baustelle ist und alles neu gemacht wird, konnte ich das innerlich verzeihen. Doch Georgien war immer noch ein raues Entwicklungsland, voller unberechenbarer Männer und Autofahrer.

Mit der Zeit wurde meine Georgien-Landkarte mit kleinen Hotspots von Wohlfühl-Inseln gespickt. Die Unterkunft, der nette Kioskbesitzer an der Ecke (aber direkt daneben wieder gefährliche Kurven und mysteriöse Pflanzen), der Strand. Überall dort, wo ich Menschen begegnete, die mir das Gefühl vermittelten, dass uns etwas verbindet, entstand ein Vertrauen, das mich aufatmen liess. Doch das änderte nichts daran, dass ich hinter jeder Kurve einen Unfall, hinter jeder Ecke einen Betrug vermutete. Erst wirklich atmen konnte ich, als die Bilder aus der Schweiz verblassten.

Die Bilder von

dem, wie eine Strasse auszusehen hat

von gepflegten Vorgärten, perfekt geschnittenen Rasen

makellosen Äpfeln

Die Bilder von Dorfkulissen, die aus einem Bilderbuch sein könnten. Von neuen Wohnblocks, wie aus dem Katalog.

von Mammut-Jacken

und geleckten SUVs

und Ikea-Möbeln

von Menschen, die aussehen wie ich.

Und als ich das vergass

– bewusst vergass –

veränderte sich meine Perspektive.

Die Strassen wurden akzeptabel.

Gar nicht mal so schlecht.

Die Häuser wurden schöner – wenn man bedenkt, mit wie wenig Geld die Menschen auskommen müssen, geben sie ihr Bestes, es sich gemütlich zu machen.

Die Autos sind gut, die Businfrastruktur super, die Früchte im Geschäft frisch und lecker – und alle bio. Und die Menschen. Hilfsbereit und offen. Und – sehr kinderlieb. Erst, als ich an dem Punkt war, konnte ich mich für die Eindrücke und Stimmungen vor Ort öffnen. Und sie schätzen lernen.

Georgien ist in unseren Augen zu einem freundlichen Land geworden. Es ist eine impulsive Freundlichkeit – auch mal laut, auch mal empört. Wir durften Gastfreundschaft erleben, wurden einfach in den Alltag mitgenommen. Wir haben deprimierte, resignierte Personen erlebt – und lebensfrohe.

Für uns war der Wechsel von der perfekten Schweiz (ja, das ist Retrospektive) zu Georgien wichtig. Es gibt so viele Länder auf der Welt ohne Zebrastreifen und mit Korruption. Ohne Kindersitze. Mit Strassenhunden. Wir wollen unsere Augen nicht davor schliessen. Aber Georgien war ein guter Einstieg. In der Zeit der Sowjetunion wurden hier wichtige Infrastrukturen geschaffen – Strom, Gas, Wasser, Strassen, Gesundheitssystem, die wie in vielen postsowjetischen Ländern eine Basis gelegt haben. Heute ist Georgien weiter – auch wenn uns viele Einheimische wehmütig erzählt haben, wie viel besser es früher war, so sehen wir es als ein Land im Aufbruch zur Moderne. Die Hauptstadt Tbilisi ist hipp und bunt, es gibt von der modernen Privatklinik bis zum schäbigen Wohnblock-Viertel wahrscheinlich alles hier. Es gibt viel Infrastruktur für Touristen – Gästehäuser, Hotel, Touren und englische Speisekarten. Wenn man sich im Strom der arabischen, chinesischen und deutschen Touristen bewegt, trifft man auf gut organisierte Touren, Menschen, die Reisende gewohnt sind, und auf funktionierende Toiletten. Wir versuchen zwar, die Vorteile dieser Ströme zu nutzen – aber bewegen uns einen Meter daneben. Ganz knapp. Sonst würden wir ja das Grün am Wegesrand nicht entdecken.

Und so war Georgien freundlich zu uns – die Menschen hier haben uns gut getan. Wir ihnen hoffentlich auch.

Hier haben wir gelernt, uns anzupassen.

Wir überwachen unsere Kinder an der Strasse wie ein Adler seine Jungen. Meistens müssen sie an der Hand laufen. Stundenlang.

Wir stören uns nicht mehr daran, wenn andere Leute uns streiten hören. Wir hören sie ja auch.

Unsere Mädchen gehen später schlafen.

Wir waschen alles ab, was wir essen. Wir waschen uns Hände und Füsse mehr, als wir das in der Schweiz gewohnt waren.

Wir japsen nicht bei jeder Kurve auf der Strasse. Dafür gibt es zu viele.

Es ist völlig klar, dass Didi im Taxi vorne sitzt und ich hinten mit den Kindern. Keine Diskussion.

Wir fragen nicht nach dem Beruf des Gegenübers und er oder sie nicht nach unserem. Klares Abkommen.

Wir nehmen unseren Kindern mehr Eigenständigkeit ab – einerseits, weil es um uns herum selbstverständlich scheint, 4-jährige noch im Buggy zu kutschieren, aber auch, weil es einfach immer unpassend ist, im Restaurant oder Gästezimmer etwas kaputt zu machen.

und

wir schauen den Menschen

in die Augen.

Danke für deine Lektionen.

Nachvamdis, Georgia!

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