Freiheit

Freiheit

23. Januar 2021

Ich hatte mir es so schlimm vorgestellt. In einer dieser Grossstädte Lateinamerikas unterwegs zu sein, immer auf der Hut sein zu müssen, um nicht ausgeraubt oder erschossen zu werden. Irgendwie dachte ich, ich würde verkrampfter sein und mich ständig umschauen, doch irgendwie fühlt es sich ganz normal an. Die Menschen sehen ja nicht viel anders aus wie ich, sie sind ja auch nur Hausfrauen und Angestellte und Schüler, wie sie hier zwischen Aluminiumdächern hin- und herlaufen, und ich fühle mich irgendwie… frei. Freier als gedacht.

„Hier dürfen wir auf keinen Fall aus dem Auto aussteigen“, sagt unser Freund, und dreht eine scharfe Rechtskurve. Wir fahren durch ein Armenviertel von Bogota, der Hauptstadt Kolumbiens. Er zählt auf: „Hohe Kriminalität, Banden, Waffen, Raub… das sind nur ein paar der Probleme in diesem Viertel.“ Ich schaue um mich. Ich sehe um mich und sehe Omas mit Einkaufstaschen und junge Männer mit einem Ohr am Handy. Irgendwie kann ich die Zeichen nicht entschlüsseln, die mein Freund da sieht. Ich sehe kein Zeichen für Kriminalität, ich sehe nur Menschen und Häuser.

Wie gut, dass wir zusammen unterwegs sind. Unsere Freunde Claudia und Lukas haben uns vorgeschlagen, mit ihnen gemeinsam einen Monat durch Kolumbien zu reisen, das Land, wo sie aufgewachsen ist und er dann auch gearbeitet hat. Wir sagen dankbar zu und sind sehr froh um dieses Abenteuer zusammen. Wir haben alle Kinder und es ist schön, gemeinsam unterwegs zu sein. Denn alleine hätte ich mich einfach nicht getraut. Dafür habe ich zu viel Schlechtes von Kolumbien gehört. Und jetzt bin ich hier und fühle mich so naiv und unwissend. Und während wir uns Kurve für Kurve durch die Viertel schlängeln, die so gefährlich sind, denke ich daran, wie viele Mädchen und Kinder und Menschen sich hier in ihren Häusern verschanzen. Gitterfenster, Mehrfachschlösser, Zäune. In der Hoffnung, ein bisschen Sicherheit zu erschaffen in so einer unsicheren Welt. Meine Welt war bis jetzt immer sicher.

Schon an unserem ersten Tag in Kolumbien werden unsere Reisepläne durcheinander geworfen. Der südliche Teil von der Hauptstadt steht unter strikter Quarantäne. Alles ist geschlossen, eigentlich soll man sich nicht treffen. Aber wie macht man das, wenn man seine Grossmutter zwei Jahre lang nicht gesehen hat und jetzt auf Besuch ist? Wir fahren aus der Stadt heraus, und diskutieren, wo wir wohl als nächstes hingehen sollen. Abends ist Ausgangssperre, vieles ist geschlossen oder unerreichbar. Viele Menschen geben Ratschläge, recherchieren und diskutieren mit. Ich wundere mich, wie anders hier über Unfreiheit gesprochen wird. Quarantäne ist weniger ein Gefängnis. Ich habe das Gefühl, es ist eher, als wäre die Regierung ein zu strenges Elternpaar. Und die Kinder versuchen, ihre Lücke zu finden, um doch unbemerkt an die Keksdose zu kommen. Und dann denke ich daran, dass in Europa zeitgleich auch Menschen in Quarantäne sind, die Familie nicht treffen können, nicht zur Schule gehen. Und die darunter leiden. Unter Einsamkeit, und Hilflosigkeit. Und unter dem Gefühl, dass sie nicht frei sind. Ich kann nicht genau sagen, warum, aber mir kommt es hier in Kolumbien anders vor. Ich nehme andere Stimmungen war. Aber was weiss ich schon, wie ich da in einem Lockdown sitze und die gleichen fünf Nasen auf der Strasse sehe.

Ich frage viel und mir wird viel erzählt. Dass man als Frau eher nicht alleine rausgeht. Zu gefährlich. Und über die Guerillas, wie sie immer noch ein Teil von Kolumbien sind. Wie sie ganze Gebiete beherrschen, und Menschen unterdrücken. Über die Bombenattentate früher, das Wissen, dass man immer zur falschen Zeit am falschen Ort sein könnte. Wie man lacht und feiert, trotz dieses Wissens, aber es auch nicht mag, wenn jemand von aussen Witze darüber macht. Denn dafür ist es einfach zu traurig. Ich höre und sehe. Ich sehe Menschen, die herzlich lachen, ich sehe geduckte Menschen und solche, die den Rücken stolz recken. Und ich versuche, aus all den neuen und bekannten Wörtern Sinn zu machen. Ein Gefühl. Wie würde ich mich fühlen, wenn ich hier geboren wäre?

Und dann atme ich auf. Wir kommen aufs Land. Das kommt mir alles so viel vertrauter vor als die Städte und Armenviertel. Ein Jahr haben wir in Costa Rica verbracht, und ich erkenne die Pflanzen am Strassenrand wieder, als wir mit unserem Familienbus auf Staubstrassen abbiegen, die uns immer weiter in den Wald führen. Bananenstauden und Kaffeeplantagen säumen den Weg. Hier kann ich mich sicherer fühlen, denke ich, die Bäume tun mir nichts. Und so bewege ich mich einen Ticken leichter in den nächsten Tagen. Ich denke nicht an Waffen oder Überfälle, ich denke an Mangos und Reis und Truthähne, und das ist schön. Die Kinder spielen vor dem Haus, wir putzen mal durch, und am Esstisch werden Pläne geschmiedet und dann wegen der grossen Hitze wieder verworfen. Es ist nach dem Mittagessen, als meine jüngste Tochter nur noch weint. Die Männer sind weg, also muss ich als Mama ran. Wahrscheinlich ist sie hundemüde. Die einzige Möglichkeit, die ich habe, ist sie in die Trage zu nehmen. Und da kommt mir ein Gedanke… ich könnte doch mal ne Runde spazieren gehen! Mein ganzer Körper kribbelt. Da ist sie, die Freiheit, die ich so brauche. Einfach alleine durch einen Wald laufen. Mal wieder rauskommen aus der häuslichen Szene, die so den Frauen zugeschoben wird und die wir uns selbst zuschieben. Ich frage kurz nach, und ja, die alte Frau am Tisch nickt. Ich könne kurz gehen. Bis zum Fluss, sagt sie. Erwartungsvoll schnalle ich mein Kind in die Trage, und weg bin ich, als hätte ich nur drauf gewartet. Nach vielen Tagen in und um Häuser und immer in Gesellschaft atme ich tief ein. Die Luft ist plötzlich viel voller, Wind streicht mir durch die Haare, wie ich schnellen, europäischen Schrittes den Feldweg entlanglaufe. Ich erblicke das Panorama – wunderschön! Blumen leuchten am Wegesrand. Ein Bach rauscht vorbei, ich springe drüber.

Weiter, immer weiter zieht es mich, und meine mäkelnde Tochter ist nur noch ein Vorwand, eigentlich geht es um mich. Am liebsten würde ich erst am Abend wieder zurückgehen. So sehr habe ich das vermisst. Ich weiss nicht, wie lange ich durch den menschenleeren Wald und an all den Feldern vorbeigelaufen bin. Meine Tochter ist dann doch nicht eingeschlafen, sondern hat sich durch meine gut gelaunte Stimmung anstecken lassen und summte in der Trage vor sich hin. Wir waren schon auf dem Rückweg, als wir ein energisches: „Miiiriii“ hörten. Ich beschleunigte sofort meine Schritte. Meine Freundin stand aufrecht hinter der Kurve, ein wenig gestresst. Vielleicht ist was mit meiner älteren Tochter, das war mein Gedanke. Aber nein. „Meine Grossmutter hat sich Sorgen um dich gemacht. Du bist sehr weit gelaufen. Da hinten ist Farc-Gebiet.“ Farc, das sind die Guerillas. Sprachlos stapfen wir zum Haus. Mein Freiheitsgefühl ist verpufft. Und einem ganz beklemmenden Pochen gewichen. Ich schäme mich, dass ich die unsichtbaren Grenzen überschritten habe, dass man sich wegen mir Sorgen gemacht hat, dass ich Umstände mache. Ich versuche, das Gefühl der Unsicherheit nachzuvollziehen, aber ich kann es einfach nicht. Ich kann nicht fühlen, wie gefährlich eine Hügelkette, ein Wald, ein Feldweg sein kann. Ich kann es einfach nicht.

Und daran denke ich viel, während wir wochenlang kreuz und quer durch dieses riesige Land fahren. Ich denke daran, was für ein Privileg es ist, dass ich mich mein Leben lang frei bewegen durfte. Dass meine Kinder zur Schule laufen können, und Fahrrad an der Strasse fahren. Dass ich nicht weiss, wie eine echte Waffe aussieht, und dass ich als Frau mich mein Leben lang ungehemmt alleine spazieren gegangen bin. Dass ich nicht weiss, wie es ist, zwischen Banden zu leben. Zur falschen Zeit am falschen Ort sein zu können. Und immer das drohende Schwert des Terrorismus an der Decke hängend, die inneren Konflikte, die eine Gesellschaft zerreissen können. Ich weiss es einfach nicht. Und deshalb spüre ich es so viel stärker, wenn meine Privilegien mir genommen werden. Wenn eine Regierung mir sagt, was ich zu tun und lassen habe. Wenn ich eingesperrt werde. Wenn ich mich eingesperrt fühle. Und dann weiss ich, dass manche schon immer in ihrem Land, in ihrer Stadt oder ihrem Haus eingesperrt sind. Und trotzdem lachen.

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