Flipflop-Leben

Flipflop-Leben

/ 19. September 2020 /

Über ein Jahr lang reisen wir schon. Vor allem in Flipflops. Durch die Berge des Kaukasus. Im Sand der Wüste Omans. Durch eine Mall in Dubai. Über matschige Wege und durch Flüsse im Regenwald. Vor einigen Wochen waren meine Gummilatschen dann durchgelatscht. Sie waren schon so dünn, dass sie irgendwann auseinanderbrachen. Ich konnte dann in die nächste Stadt fahren und neue kaufen. Wahrscheinlich trage ich jetzt die teuersten Flipflops, die man in einer Handelsstadt mitten in Costa Rica finden kann, in diesem Wirrwarr an kleinen Läden und Supermärkten. Aber dafür hoffe ich, dass sie noch ein Jahr aushalten mit mir.

Instagram zeigt mir die ganze Zeit Meldungen an wie „Heute vor einem Jahr hast du diesen Beitrag gepostet.“ Da sehe ich, wie meine Kinder in Georgien Süssigkeiten geschenkt bekommen haben. Wie wir stundenlang zu irgendwelchen Wasserfällen gewandert sind. Dass wir einen ganzen Tag am Bahnhof gewartet haben. Vor einem Jahr war die Welt noch anders. Und wir auch.

Irgendwie haben wir uns verändert. Das finde ich gut. Denn wenn ich zurückblicke, mag ich mich heute mehr. Ich würde sagen, ich bin in die Flipflops hineingewachsen.

Mein Alltag in den „Chancletas“, wie sie hier heissen, hat mich geprägt. Jetzt sind wir schon den Grossteil unserer Reise in Costa Rica. Eigentlich reisen wir gar nicht. Eigentlich wohnen wir. Und das hat mich Überwindung gekostet. Denn normalerweise, wenn man wohnt, hat man eine Arbeit oder zumindest eine Aufgabe. Und man macht vielleicht ab und zu Sport und hat seine Freunde, die man auf dem Spielplatz sieht. Hier gibt es nicht so viele Spielplätze. Es gibt sehr nette Menschen, aber die wohnen oft verstreut und in einer Pandemie sollte man ja nicht gerade von Vorgarten zu Vorgarten pilgern und mit anderen warm werden. Das Jahr war für mich ganz schön verzwickt, immer wieder wurde ich an meine Grenzen gebracht. Und das war gut so, würde ich sagen. Denn jetzt bin ich ein bisschen mehr angekommen, irgendwo in einem Paralleluniversum. Ich wusste, dass es für andere diese Welt gab: Eine Welt ohne Arbeit. Eine Welt, in der Tage verstreichen, und man hat einfach nur gelebt. Ein Universum voller Ruhe. Ich hätte aber nicht gedacht, dass ich in solch einem Universum atmen kann. Da habe ich mich geirrt. Frische Luft gibt es überall.

Auch meine Familie hat sich verändert in diesem Jahr. Offensichtlich haben wir kein Baby mehr in der Familie, sondern eine kleine Dame.

Unsere zwei Töchter sind gute Freundinnen geworden, die sich anständig lieben und streiten können, so, wie es sich gehört. Beide sind auf der Reise gereift, können schon viel mehr selbst machen. Sie wissen, wann es ernst ist: Wenn wir am Strassenrand laufen. Wenn Mama und Papa mit einem Taxifahrer feilschen. Wenn es ernst ist, sind sie mucksmäuschenstill und passen aufeinander auf. Sie wissen aber auch, wann sie allen ihren Emotionen freien Lauf lassen können, nämlich immer dann, wenn es nicht ernst ist. Wut und Enttäuschung. Traurigkeit über einen Abschied. Aufregung, weil wir schon wieder woanders schlafen. Freude über Tiere oder einen Wasserlauf.

Wenn sie von Emotionen übermannt werden, haben sie jetzt zwei Eltern, die darauf reagieren. Papa ist ein fester Teil ihrer Kindheit geworden. Er geht nicht zur Arbeit und sieht sie nur abends. Sie sind es mittlerweile gewohnt, dass wir den ganzen Tag alle vier zusammen sind, und dass abends ein Erwachsener sie im Bett streichelt, bis sie eingeschlafen sind. Kind auf Weltreise müsste man sein.

Wir haben uns verändert. Wenn wir früher Stress hatten, weil Dinge unausgesprochen blieben und wir keine Zeit zwischen allen Terminen hatten, um uns als Familie zu sortieren, so haben wir jetzt vor allem Zeit. Didi und ich reden viel. Über uns. Auch der kleinste Stressfaktor – Kopfweh, schlecht geschlafen oder ein kleiner Konflikt – wird kommuniziert und diskutiert. Die Freiheit des Reisens, aber auch die Ruhe dieses Landes hat sich wie eine Decke über uns gelegt und deckt manche Dinge auf und andere zu.

Das ist manchmal anstrengend, und oft sehr heilsam. Auch andere Dinge haben ihren Platz unter dieser Decke erhalten. Einen ehrlicheren Platz, als vielleicht zu Beginn unserer Reise. Wofür opfern wir unsere Zeit? Ich musst erstmal damit klarkommen, mir Zeit für Projekte freizuschaufeln. Für Sprache lernen, Schreiben, Erschaffen. Diese Arbeit aber dann auch liegen zu lassen, weil ich mit meinen Kindern sein möchte. Nicht, weil ich muss, sondern weil ich will. Welche Priorität geben wir Spiritualität, und was bedeutet das überhaupt konkret? Für uns hat das momentan weniger damit zu tun, in einem Kirchengebäude zu sitzen, als gedankenversunken am Strand spazieren zu gehen. Welche Priorität haben Beziehungen, Geld, Arbeit? Was brauchen wir zum Leben, und was nicht? Turnschuhe oder doch nur Flipflops?

Wir sind immer noch Europäer, und das erkennen die anderen auch daran, dass wir eben Flipflops tragen. Dass wir uns nicht wie sie herausputzen, wenn wir einkaufen gehen. Unsere Haut ist zu weiss, um auf dem Feld gearbeitet zu haben, und doch zu gebräunt an den Schultern, um als vornehme weisse Haut, die manche Menschen sich hier durch jede Menge Sonnenschutz erarbeiten wollen, zu gelten.

Unsere Sprache, unser Denken, unsere Erinnerungen sind anders. Unsere Kultur. Und doch, auch wenn wir Europäer durch und durch sind, hat uns dieses Jahr geprägt. Denn in diesem Jahr haben wir sehr unterschiedliche Kulturen kennengelernt. In manchen haben wir uns sehr wohl gefühlt. In anderen eher fremd. Und überall war uns bewusst, in welchen Punkten wir anders ticken, was uns gegen den Strich geht, was wir nicht verstehen. Und doch hat das Jahr bei mir noch einmal neu angestossen, dass Kultur nun einmal eine sehr begrenzte Wertung der Welt ist. Lückenhaft und einseitig. Eigentlich wäre es perfekt, wenn jeder etwas von jeder Kultur in sich trüge. Dann würden wir wahrscheinlich weiser mit uns und unserem Planeten umgeben. Aber jeder sieht halt nur durch seine Brille und erspäht damit den Splitter im Auge des Nachbarn. Zumindest ist es bei mir so.

Im nächsten Jahr wollen wir irgendwie nach Europa zurückkehren. Wieder anfangen, uns in ein System zu fügen. Zu funktionieren. Und hoffentlich viele Souvenirs in unserem Charakter und in unserem Familienleben aufstellen und bewundern. Ich frage mich, wie es sein wird, die Flipflops abzustreifen. Werden die alten Schuhe noch passen? Und werde ich die Luft zum Atmen haben, an die ich mich hier so gewöhnt habe? Und wie werden die anderen uns sehen? Werden sie uns wiedererkennen? Und werden wir dann vielleicht gemeinsam Flipflop-Zeiten haben, in denen wir alle einfach aussteigen? Die Welt ist nicht mehr die Gleiche, eine Pandemie später. Zumindest ist das meine Hoffnung.

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