Essen und andere Liebestaten

Essen und andere Liebestaten

10.September 2019

Wer uns kennt, der weiss: wir können essen. Viel. Und wir essen gerne. Der Konflikt in unserer Familie ist: während der einzige männliche Vertreter unserer Familie wie ein Kamel unglaubliche Mengen aufnehmen und dazu aber Hungerperioden unbeeindruckt übersteht, brauchen alle Frauen einfach regelmässig essen. Und mittags am besten etwas Deftiges und Füllendes. Das ist hier im Kaukasus zum Glück kein Problem – deftig und sattmachend? Können wir. 

Wir haben in den letzten Wochen unglaublich viele leckere Gerichte ausprobiert. Die Zutaten hier sind einerseits das, was wir als mediterran kennen: Auberginen, Tomaten und Gurken, Bohnen und viel weisses, sehr leckeres Brot. Wir geniessen es auch sehr, in Ländern unterwegs zu sein, in denen rohe Zwiebeln und viel Knoblauch selbstverständlich sind. Dazu kommen aber typische Zutaten, die man aus Bergregionen kennt: Milch, Fett und jede Menge Käse. In allem, auf allem. Mit allem.

Und diese Mischung ist einfach sehr, sehr lecker. Nur leider sehen das unsere Kinder nicht immer so. Also meistens eigentlich nicht. Deshalb haben wir unseren eigenen Rhythmus entwickelt, wie und was wir essen, damit wir alle Lust auf Essen haben und satt werden.

Während viele Menschen, die wir hier treffen, erst spät am Tag frühstücken und wenn, dann salzig, so gibt es bei uns das als erstes nach dem Aufstehen Kellogs. Unsere Kinder haben schon kiloweise Schokoflocken und crunchige Piratenköpfe vertilgt. Das macht sie glücklich und uns damit auch. Wir Erwachsenen gönnen uns dann eine süsse Brotmahlzeit und sind damit recht zufrieden. In diesem Punkt haben wir uns der Kultur hier wenig angepasst und feiern mit Nutella und Milch eine kleine, deutsche Leitkultur.

Gegen 12 Uhr bekommen dann alle richtig Hunger – denn ein wenig Kellogs und ein Happen Brot macht bekanntlich nicht so satt. Entweder essen wir dann eine grosse Mahlzeit, oder aber – an heissen Tagen – ernähren wir uns so, wie es die anderen Menschen hier machen, und zwar mit Obst. Es ist unglaublich, wie frisch und geschmacksintensiv das Obst hier ist. Im Nachhinein betrachtet erscheint es wahnsinnig, wie viele unreife und wässrige Früchte wir in der Schweiz im Supermarkt gekauft haben und dachten, wir täten unserem Körper damit eine Wohltat. Hier schmecken die Früchte so, wie sie eigentlich schmecken sollten. Viele ältere Frauen verkaufen auf den Strassen das, was sie oder ihre Nachbarn irgendwo angepflanzt haben. Und auch die Früchte in den vielen kleinen Kiosken sind nicht weniger frisch. Und so werden wir mit Wassermelone, Trauben, Feigen und Pfirsichen abgefüllt und geniessen es.

Irgendwann ist es dann doch Zeit für eine warme Mahlzeit. Je nach Lust und Laune kochen wir dann in unserer Unterkunft selbst oder gehen in ein Restaurant. Meistens kaufen wir da mehrere Gerichte und jeder isst das, was ihm oder ihr am besten schmeckt.

Unser absoluter Favorit sind Khinkali. Die haben wir in Georgien kennengelernt. Dass Teigtaschen, gefüllt mit Hackfleisch oder Kartoffeln, eine feine Sache sind, wissen wir nicht erst seit gestern. Manti, Pelmeni oder Piroschki – egal aus welcher kulturellen Ecke, die Dinger sind lecker. Aber Khinkali, die kaukasische Variante, erreicht nochmal ein neues Geschmacksniveau für uns. 

Man fasst sie an einem intergrierten Stiel an, um sie dann genüsslich auszusaugen. Wie gesagt – gute Sache. In unseren ganzen Pendelbewegungen durch den Kaukasus – Georgien, Aserbaidschan, Armenien – kreuzen wir einfach alle 2 Wochen in Tbilisi, der Hauptstadt von Georgien, auf. Es ist einfach aufgrund der komplizierten politischen Verhältnisse so, dass viele Grenzübergänge geschlossen sind und man nicht den kürzesten Weg nehmen kann, sondern den, der für Normalsterbliche zugänglich ist. Wir freuen uns aber darauf, weil es in Tbilisi einfach unglaublich viel leckeres Essen gibt und wir vor allem Ausschau halten nach Restaurants, die selbstgemachte Khinkali anbieten.

Unsere Kinder sind leider von vielen Gerichten, denen wir hier auf Speisekarten begegnen, eher nicht angetan. Sie würden am liebsten nur Pommes, ab und zu pure Gurken, oder Spaghetti mit Ketchup essen. Tendenziell essen sie mehr, wenn wir zu Hause selbst kochen. Und so gibt es, oft in einem Topf zusammengerührt, Reis mit Tomatensosse oder Spaghetti. Und sehr zufriedene Kindergesichter.

Manchmal ist es auch unser Glück, dass unsere Kinder bestimmte Lebensmittel sehr kritisch beäugen und partout nicht essen wollen. Denn es passiert sehr schnell, dass man am nächsten Tag Bauchweh hat. Uns ist es jetzt schon zweimal passiert, dass wir verdorbene Lebensmittel erwischt haben, beide Male, nachdem wir bei Einheimischen zu Hause gegessen haben. Und beide Male hat es nur uns Erwachsene getroffen, weil die Kinder ausser Süssigkeiten und Wassermelone nichts angerührt haben. Die Glücklichen.

Und so verging eine Woche im Norden Aserbaidschans mit ein wenig Lazarett-Stimmung. Das ist das Gute an unserem Reisestil: Wir können uns eine Pause nehmen, wenn wir sie brauchen. Wir schliefen viel, lasen, rannten auf die Toilette und tranken viel Tee. 

Uns war überhaupt nicht nach langen Erkundungstrips oder Begegnungen mit Menschen. Wir wollten uns einfach auskurieren. Allein der Gedanke an köstliche Suppen, dem aserbaidschanischen und sehr leckeren Lahmacun „Lavash“ oder an gefüllte Weinblätter verursachte Bauchkrämpfe. Nach einer Woche und dem Gang zur lokalen Apotheke ging es uns beiden wieder besser und die Lust auf die fremde Kultur, auf Smalltalk und vor allem – auf Essen – kehrte zurück. Denn Essen ist eben auch mehr als nur Nahrungsaufnahme. Es verbindet, es berührt, es vermittelt.

Endlich freuten wir uns, wieder Neues ausprobieren zu können, und machten uns weiter auf die Reise. Unser Weg führte nach Tbilisi – und dort zur obligatorischen Khinkali-Orgie – und anschliessend nach Armenien. Unsere Ankunft in der Hauptstadt war spätabends, mit zwei müden Kindern, alle etwas zerknautscht und hungrig von der Reise. So wurden wir das Opfer von selbstloser Gastfreundschaft und Kinderliebe. Mehrere Fremde schenkten uns auf der Strasse und in unserer Unterkunft so viel Brot, Süssigkeiten, und Früchte, dass wir eigentlich 2 Tage davon essen könnten. Unsere Kinder strahlten zum Dank und wir wussten gar nicht, wohin mit all diesen Geschenken.

Essen ist eben mehr als nur Nahrungsaufnahme. Es ist eine Sprache, die unser Herz versteht. Und unser Herz sagt: Danke!
#d

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