Mit Entscheidungen ist das so eine Sache

Mit Entscheidungen ist das so eine Sache

/ 23. März 2020 /

Ich gebe zu: Ich mag Entscheidungen nicht. Am liebsten schiebe ich sie vor mich her. Und trotzdem fühlt es sich danach besser an.

Letzte Woche wurden viele Weichen gestellt. Weltweit. Regierungen haben Entscheidungen gefällt, und zwar richtig schnell. Ihr habt das Gefühl, euch wurden Entscheidungen genommen. Und wir haben auch eine Entscheidung gefällt. Halbbewusst.

Vor einer Woche noch sah der Blick in die Zukunft etwas anders aus. Didi und ich diskutierten, wie es weitergehen sollte. Wir sind schon über 2 Monate hier in unserem verschlafenen Strandnest in Costa Rica, und wollten uns orientieren, wie wir die nächsten Monate verbringen. Mein Vorschlag war es, noch länger in Costa Rica zu bleiben und Mila die Chance zu geben, sich im Kindergarten noch mehr einzuleben. Danach wollte ich gerne in Richtung Südamerika weiter. Didi zog es irgendwie durch Mittelamerika nach oben – und dann nach Kanada. Also gegensätzlicher konnten unsere Ansichten eigentlich nicht sein. Wir nahmen uns vor, unsere Vorschläge zu recherchieren und dann noch einmal zu reden, aber ich wusste, das würde viele Stunden am Handy bedeuten und viele Diskussionen und eigentlich hatte ich keine Lust drauf. Und dann kam Corona nach Costa Rica.

Zweimal im Monat hat unsere Gastfamilie uns bisher mit in die nächstgrössere Stadt genommen. Die liegt zufälligerweise genau auf der Grenze zwischen Panama und Costa Rica, und darf deshalb alles „dutyfree“ verkaufen, und ist damit wesentlich billiger als die ganzen kleinen Supermärkte um uns herum. Es gibt in dieser Stadt riesige Supermärkte, ähnlich wie ein Wallmart in den USA, wo man wirklich sehr viele Sachen bekommt. Eigentlich kaufe ich am liebsten nach dem Prinzip: Schaue dir alle Optionen an, wäge das Pro und Contra ab, und dann entscheide dich für die beste Wahl. Tja, das wird bei prallgefüllten Regalen relativ schwierig. Viele Produkte sind uns auch unbekannt, weil wir bis jetzt wenig mit Maismehl und Kondensmilch zu tun hatten. Da wir haben Stunden damit verbracht, zwischen den Regalen herumzustreichen und Entscheidungen zu fällen. Das war so der Zustand, bis Corona kam. Jetzt sind die Malls geschlossen. Grenze dicht.

Kaum waren einzelne Fälle von Corona in Costa Rica angekommen, kündigte Panama schon an, den Flughafen und die Grenzen zu schliessen. Knall auf Fall. Unsere Gastfamilie kam sonntagabends auf uns zu und meinte, wir sollten uns überlegen, ob wir nicht noch schnell unser Visum an der Grenze auffrischen wollen. In manchen Ländern ist das ein Trick: Du gehst einmal schnell ins Ausland und bekommst bei der Einreise ein neues Visum, wieder für 3 Monate oder mehr. Ein absolutes Privileg, das hier viele auch dauerhaft lebende Ausländer nutzen. Sie sprachen davon, dass Panama bald schliessen könnte – und wussten zu dem Zeitpunkt selbst nicht, dass das schon 24 Stunden später Tatsache sein sollte. Unsere Überlegungen über unsere Weiterreise (Kanada oder Kolumbien? Panama oder Guatemala?) waren vom Tisch. Es gab eigentlich nur noch zwei Optionen: Hier bleiben oder zurück nach Europa. Und die zweite Option kam uns überhaupt nicht in den Sinn.

Also nahmen wir das Angebot dankbar an, eine Visumsrettungsaktion zu starten. Diese Familie hilft uns so uneigennützig und wir sind sehr dankbar, dass sie uns bei solchen Aktionen unterstützen. Mit Desinfektionsmittel ausgerüstet fuhren wir in die Grenzstadt. Zu dem Zeitpunkt waren unsere beiden Mädchen noch krank mit Husten und Fieber. Sie hatten sich über die Schule mit einem Infekt angesteckt, den viele Kinder in unserem Dorf gleichzeitig hatten. Naja, aber versuch das mal einem Grenzbeamten zu erklären, der seine Grenze schliesst, damit er keinen Husten und Fieber bekommt! Das Ziel des Tages für unsere zwei Mädchen war: So wenig wie möglich husten und NICHTS anfassen. Und die Jüngste bekam ein fiebersenkendes Mittel.

Familie Weltreise Grenzübergang
Wir haben es geschafft!

Wir checkten zuerst aus Costa Rica aus. Problemlos. Und dann mussten wir uns in die Schlange stellen, um nach Panama einzureisen. Um uns herum waren viele Menschen aus den USA und Europa, denen es ähnlich ging: Sie wollten gerne in Costa Rica bleiben und deshalb einfach nur schnell ein neues Visum. Wir reihten uns ein, waren froh, dass das Fiebermessen ohne Auffälligkeiten vorbei ging, und Mila hustete brav und unauffällig in meinen Rock. Aufregung. Herzklopfen, je näher wir dem Grenzbeamten kamen. Die Menschen vor uns zeigten immer kurz den Pass und ein digitales Flugticket auf dem Handy, und durften dann weiter. Dann waren wir an der Reihe. Mit meinem besten Spanisch gab ich unsere Pässe und erklärte, dass wir ein Flugticket von Panama City haben. Der Grenzbeamte nahm mit Einweghandschuhen unsere Pässe entgegen und dann fragte er: „In welchem Hotel bleiben Sie? Wie ist die Adresse? Und wo reisen Sie als nächstes hin?“ So ein Mist. Wir wollten doch gar nicht nach Panama. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und sagte ihm die Wahrheit. Dass wir eigentlich nur so schnell wie möglich wieder nach Costa Rica wollen. Dass wir dort ein Zuhause haben und uns dort für die Corona-Krise wappnen und isolieren wollen, um niemanden anzustecken. Die nächsten Sekunden kommen mir im Nachhinein sehr lange vor. Er überlegte diesen ewigen Moment und stempelte dann kommentarlos unsere Pässe. Gott sei Dank!

Wir mussten daraufhin 3 Stunden warten, bis wir wieder nach Costa Rica einreisen durften. Die Zeit nutzten wir zum Einkaufen. Doch diesmal war nicht viel mit Entscheidungen und Abwägen, mit stundenlangem Schlendern. Vor der Mall gab es dichtgedrängte Schlangen, es wurden nur begrenzt Leute eingelassen. Didi übernahm das Einkaufen, während wir anderen mit der Gastfamilie im heissen Auto warteten. An der Kasse wurde ihm dann gesagt, er dürfe nur 3 Packungen von jeder Sorte kaufen. Eine sinnvolle Massnahme, aber angesichtsdessen, dass der Supermarkt danach schliesst, irgendwie merkwürdig. Mit dem Ergatterten machten wir uns dann nach der Zeit auf zur zweiten Grenze. Da standen wir, etwas erleichtert, dass wir bald nach Hause fahren konnten. Um uns herum aufgeregte Backpacker und Touristen, die aus Panama flohen. Dort war der Flugverkehr (anscheinend) von einem auf den anderen Moment eingestellt worden und sie sahen keine andere Möglichkeit, nach Hause zu kommen, als über Costa Rica. Normalerweise braucht man ein Rückflugticket, wenn man nach Costa Rica einreist. Das hatten viele aber nicht. Die Beamten sahen sich an – und stempelten dann trotzdem. Auch uns gab man ohne grosse Hindernisse ein neues Visum. Genau in dem Moment, als unser letzter Pass gestempelt wurde, verkündete der Präsident, dass auch Costa Rica härtere Massnahmen gegen Corona ergreifen würde. Er tat das im Fernsehen, das im Zollgebäude im Hintergrund lief. Die Beamten standen auf, und machten Videos von der Ansprache. Irgendwie sahen sie erleichtert aus. Erst später stellten wir fest, dass Costa Rica etwas schlauer gehandelt hatte als die Nachbarn, denn die Grenzen schlossen dann erst Tage später, und auch der Flugverkehr war für die vielen gestrandeten Touristen noch länger geöffnet. Gleichzeitig haben wir später festgestellt, dass Costa Rica allen Ausländern, die sich für diese besondere Zeit im Land aufhalten (und das sind einige, alleine hier im Ort gibt es eine grosse Expat-Community), ein automatisches Visum versprochen hat. Wir hätten uns den Gang an die Grenze also sparen können. Aber das wussten wir in dem Moment nicht und brausten völlig erleichtert und aufgewühlt wieder in unser zurückgezogenes Zuhause.

Und doch würden wir die Entscheidung, dass wir auch bereit sind, die nächsten Monate hier auszuharren, noch ein paar Mal rechtfertigen müssen. Denn in der Woche passierte noch mehr. Europäische Länder haben Reisewarnungen weltweit ausgesprochen. Niemand soll mehr touristisch reisen. FSJ-ler, Kreuzfahrtreisende, Strandtouristen und Leute wie wir fragten sich weltweit, ob sie am richtigen Ort sind. Manchen wurde auch die Entscheidung genommen, wenn sie plötzlich irgendwo ankamen und nicht herein durften, aber auch nicht zurück konnten. Innerhalb weniger Tage überschlugen sich die Nachrichten in Europa und für die Welt. Viele Reisende entschlossen mehr oder weniger freiwillig, zurück in ihr Heimatland zu gehen. Doch die Menschen, die in ein Land immigriert waren, dort lebten und vielleicht dort Geld verdienten, gingen nicht automatisch zurück. Vor allem nicht in sicheren Ländern. Da wir ja sowieso überlegt hatten, länger hier in Costa Rica zu bleiben, zählten wir uns zu der zweiten Gruppe, zu den Menschen mit einer langfristigen Perspektive. Und doch mussten wir abstecken, ob das möglich ist.

Sagt die Botschaft, es ist vertretbar, wenn wir bleiben? Ja.

Besteht unsere Reisekrankenversicherung weiterhin? Ja.

Diese zwei Fragen haben mich jetzt 3 Tage harte Arbeit und jede Menge Emotionen gekostet! Entscheidungen sind halt nicht so einfach zu treffen. Nicht, wenn man vor einem Bücherregal steht, und auch nicht, wenn es um so wichtige Sachen geht. Denn im Notfall können die falschen Antworten Leben kosten. Und das wollen wir nicht.

Jetzt, wo wir das herausgefunden haben und uns mit uns und Gott noch einmal abgestimmt haben, können wir wieder zurück in das Leben, das wir hier seit 2 Monaten führen. Von aussen hat sich nichts daran geändert. Doch innerlich haben wir jetzt ein „Ja“ dazu.

Wir leben im letzten Winkel in Costa Rica und teilen uns ein Haus mit einer Familie. Wir verbringen den Hausarrest, den theoretisch jeder in Costa Rica jetzt machen soll, gemeinsam. Die Männer machen ihren Sport zusammen, und nachmittags bastle ich mit allen Kindern. Es ist eine tolle Gemeinschaft, und nicht zu nahe, sodass jede Familie ihre Privatsphäre hat. Sie haben wirklich sehr viel für uns getan und wir sind sehr dankbar. Wir bekommen frisches Gemüse mehrmals die Woche geliefert, und falls das nicht mehr der Fall sein sollte, verkaufen genügend Nachbarn ihre Gartenprodukte.

Um uns herum wimmelt es von kleinen Supermärkten und Kiosken, doch da wir günstig in der Mall eingekauft haben, sind wir erstmal nicht darauf angewiesen. Wir haben Fahrräder und können damit die Sandstrasse hoch- und herunterfahren. Hinter unserem Haus liegt der einsame Strand, perfekt isoliert und menschenleer. Unsere Routine läuft weiter, wir lernen Spanisch, Didi macht sehr viel Sport, und die Kinder wollen hier gar nicht weg, so gut gefällt es ihnen.

Wenn wir ins Krankenhaus müssen, gibt es die in der nächstgrösseren Stadt. Costa Rica versorgt in der Touristensaison viele amerikanische Senioren mit Operationen und Eingriffen, sodass zumindest um die Hauptstadt herum überdurchschnittlich viele Kliniken zu finden sind. Unsere Hoffnung für dieses Land ist, dass die frühe Reaktion auf die ersten Fälle ihre Wirkung zeigen und eine zu grosse Krise ausbleibt. Doch finanziell wird das für viele sehr schwierig werden. Im Gegensatz zu Europa bekommt hier nicht jeder Unterstützung vom Staat in dieser Zeit. Und so sehr wir uns um euch in Europa und um eure Gesundheit und Zukunft sorgen, sehen wir gleichzeitig, wie beschenkt jeder ist, der aus einem reichen Land kommt. Krisenzeiten lassen die Sorge über sein eigenes Leben und die Gesellschaft in seinem eigenen Land wachsen, und doch kann man sich für weltweite Solidarität entscheiden.

Und so ungern wir uns entscheiden, manchmal tun wir es dann trotzdem.

3 Comments

  1. Schön, dass ihr es so gut habt mit den Vermietern und als Familie! Wünsche euch weiterhin alles Gute und Gottes Segen und Bewahrung😄🙏🏻🤗

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