Ein halbes Leben

Ein halbes Leben

/ 6. Dezember 2020 /

Die Jüngste in unserer Familienherde hatte letzte Woche Geburtstag. Es gibt so manche Sachen, die gehören einfach zu so einem Kindergeburtstag dazu. Da ist ein Kuchen. „Happy Birthday“ singen. Zeit füreinander haben. Viel zu viel Zucker essen und abends müde und zufrieden einschlafen. So einen Tag haben wir hinter uns, und es war schön. Wir haben auf unsere Art gefeiert, mit deutschen Traditionen und auf Deutsch in dieser fremden Kultur, aber auch minimalistisch und mit einfachen Mitteln.

Morgens durfte Sefina, die jetzt 3 Jahre alt ist, ihre Geschenke auspacken. Das kleine Angelspiel, das ich gefunden habe, kam leider ohne Batterie. Also bin ich erstmal in den nächsten Supermarkt gelaufen und habe noch zwei Batterien gekauft. Und dann zu Hause haben wir entdeckt, dass dieses tolle Spiel eine ganz furchtbare nervige Melodie erzeugt, wenn es an ist. Dieses Plastikteil wird definitiv „kaputt“ gehen, wenn wir weiterziehen. Ich schwöre. Sefina hat 3 Stunden am Stück geangelt, und es war unerträglich.

Was man nicht alles macht für ein Geburtstagskind! Am Nachmittag zogen wir an den Strand, mit einem Dinosaurierkuchen und netten Menschen, die wir kennengelernt haben und die mit uns Kuchen mit und ohne Sand knabberten. Die letzte Woche hat es ganz elendig geregnet, und ich war so froh, dass es trocken blieb. Ich hatte bewusst dafür gebetet, und konnte es dann doch nicht ganz glauben, dass mein Flehen gewirkt hatte. Abends fielen beide Kinder nach einem heftigen Zuckerschock direkt ins Koma. Unterm Sternenhimmel und im Gesang der Frösche schliefen sie neben mir ein.

Was mir so besonders an diesem Tag erschien, war, dass wir alles miteinander teilten. Die Vorbereitungen für die Feier hatten Didi und ich uns zum Beispiel aufgeteilt. Zum einen gab es nicht viel zu organisieren, weil wir es so einfach gehalten hatten. Und gleichzeitig haben wir weder Auto noch Fahrrad, und wohnen an einer Strasse, die im Nirgendwo endet.

Um Geschenke zu kaufen, bin ich mit einem ausgeliehenen Rad 15 Kilometer durch die Hitze geradelt, und habe Fleisch, Süssigkeiten und Deko in Taschen gepackt und mir hinten an den Rücken und vorne vor den Bauch geschnallt. Wir haben keinen Ofen. Ich backe zwar Kuchen in der Pfanne, aber für einen Geburtstagskuchen reichen meine improvisierten Backkünste nicht aus. Und so haben wir eine Frau gefunden, die für uns den Kuchen gebacken hat. Didi ist dann an dem Tag über Feldwege zu ihr gelaufen, und hat dann den Kuchen zum Glück ohne Regenschauer und ohne Stolpersteine heil nach Hause gebracht. Ich hatte extra M&Ms gekauft, um den Kuchen zu verzieren, und hatte die Packung voller leckerer Schokolinsen nachts auf das Regal in unserem Schlafzimmer gelegt. Ein Fehler. Eine Packung war nachts von einem Tier angeknabbert worden! Weil wir das Fenster nachts geschlossen hatten, war ich sicher, dass es kein Opposum war oder ein Agouti… aber welches Tier kann sonst durch Plastik fressen? Etwa Kakerlaken? Auf alle Fälle war da ein kleines Loch, und die M&Ms in nächster Nähe waren angefressen worden. Leider hatten direkt danach unsere kleinsten Ameisen die Schokolade entdeckt, und so war die ganze Packung voller Ameisen – und das alles innerhalb von 24 Stunden. Wir versuchten noch, die teuren Schokoköstlichkeiten abzuwaschen und einzufrieren, damit die Ameisen absterben, aber ihr könnt euch vorstellen, wie appetitlich das aussah. Es sind kleine Dinge, aber in einem Leben nah an der Natur, ohne Amazon oder Aldi brauchen solche Sachen einfach viel mehr Zeit und Effort.

Auch die Kinder haben uns so viel geholfen. Mila hat schon Wochen vorher Girlanden für Sefinas Geburtstag gebastelt. Und Konfetti, und Tischdekoration. Stundenlang sass sie nachmittags da, malte Muster auf Papier und fädelte dann vorsichtig ihre kindlichen Wimpelketten auf. Sefina strahlte an ihrem Tag, und räumte ganz schnell das Zimmer auf. Sie sprach die ganze Zeit von dem Dinosaurierkuchen, den sie sich gewünscht hatte. Denn sie spielt oft Georg, den kleinen Bruder von Peppa Wutz, und der mag halt Dinosaurier. Als wir dann am Nachmittag gemeinsam den Kuchen dekorierten, und schliesslich den Dinosaurierkopf platzierten, da jubelten die zwei Mädels und Didi und ich lächelten uns an.

Ich dachte mir nur: Was für ein Privileg. Die Zeit zu haben, diese ganz kleinen Aktivitäten zu zelebrieren. Ich sehe es als Privileg, weil ich ständig noch eine andere Realität im Kopf mit mir herumtrage, quasi ein Paralleluniversum unseres Familienlebens. Eine Welt, in der wir arbeiten und die Kinder lange Zeiten am Tag in Schule oder Kindergarten sind. In der es keine schokohungrigen Ameisen gibt, aber auch keine langen Vormittage zusammen oder keine Kuchenabenteuer, weil die Mama abends müde den Kuchen alleine bäckt oder auf dem Nachhauseweg mit schlechtem Gewissen im Supermarkt kauft. Nicht, dass das schlechte Gewissen gerechtfertigt wäre – aber jetzt gerade würde ich nicht tauschen wollen. Weil ich es so geniesse, dass wir gemeinsam durch den Tag gehen, und so viel voneinander mitbekommen. Und dann schaue ich meine jüngste Tochter an, die so stolz ist auf ihr Alter, dass sie die drei Finger jedem ins Gesicht streckt, und dabei innerlich 5 Zentimeter wächst. Und dann fällt mir ein, dass sie jetzt schon seit anderthalb Jahren auf Weltreise mit uns ist, und das ist somit ihr halbes Leben.

Als wir damals aufbrachen, war unsere Tochter anderthalb Jahre alt. Sie konnte schon gut laufen und springen, aber sie war natürlich nicht fit genug darin, um stundenlang neben uns herzulaufen. Deshalb trug ich sie oft in unserer Trage mit, auf dem Rücken oder vorne. Sie trank abends und frühmorgens eine grosse Flasche Milch, schnullerte und verbrauchte am Tag jede Menge Windeln. Sie konnte zeigen, was sie wollte, redete aber kaum. Sie liebte ihre grosse Schwester, aber spielte doch oft in ihrer eigenen Welt. Am liebsten war sie eigentlich bei Mama und Papa. Und wie schön, dass wir ihr genau das auf der Weltreise geben konnten.

Unsere Tochter badete in allen Waschtrögen, die wir am Kaukasus finden konnten. Sie lutschte an frischen Datteln, die wir im Oman von der Palme ernteten, und drückte mit ihrer Schwester auf langen Busfahrten fleissig auf dem iPad herum. Sie streichelte zärtlich ihren Baby-Cousin, den wir auf unserem Aufenthalt in Deutschland kennenlernen durften, und bekam ihren ersten Teddy von der Oma direkt mit Beutel geschenkt, damit sie ihn auch tragen könnte, wenn wir wieder aufbrechen würden. Sie schlief mit uns allen zusammen auf zu kleinen Matratzen, rannte auf ihren kurzen Beinchen durch Manhattan, und baute Türme aus Sand am Strand von Costa Rica. Hier im tropischen Regenwald lernte sie aufs Töpfchen zu gehen. Wir nahmen ihr den Schnulli weg und sie kam damit zurecht. Sie trinkt keine Milch mehr aus der Flasche, dafür isst sie morgens Kellogs wie ihre grosse Schwester. Innerhalb weniger Monate, in denen wir an einem festen Ort waren, wuchs sie aus den Babyschuhen raus, und momentan ist sie meistens barfuss. Sie plappert jetzt wie ein Wasserfall. Manchmal geben die Geschichten erstaunlich viel Sinn, und manchmal will sie schneller berichten, als ihr die Worte einfallen, und dann kommt wieder Babysprache heraus. Unsere Tochter will am liebsten gross sein, ganz gross. Und in ihrer Welt heisst das, so zu sein wie ihre Schwester. Deswegen gibt sie sich ganz viel Mühe, auch gut zu basteln und zu malen, denn dann kann sie mithalten. Zwischendurch muss sie aber aufstehen und ein Tänzchen zu machen oder einmal ums Haus zu rennen, denn unsere Jüngste hat Energie für zwei. Manchmal beginnt sie auch einfach zu schreien, einfach so, und kann nicht genau sagen, warum. Das kommt noch. Sie kann schon verschiedene Sprachen unterscheiden, aber am liebsten sagt sie laut „Nein“ und zwar auf Deutsch. Unsere Tochter ist kein Baby mehr, und sie kann sich mittlerweile auch erinnern an Dinge, die zurückliegen. Und da fällt mir auf, dass alle ihre Erinnerungen hier in Mittelamerika liegen.

Denn das ist momentan ihr Leben. Und mehr kennt sie nicht. Wenn sie Trauben auf einem Foto sieht, fragt sie, ob das Tomaten sind. Dafür ist sie täglich einen Familienvorrat an Bananen und mag gerne Mammones. Sie kennt Agoutis und Iguanas, aber ich glaube, sie hat noch nie eine Maus gesehen. Für unsere Tochter ist es selbstverständlich, dass Papageien am Himmel zu erspähen sind, und dass man immer Affen sieht, wenn man nur lange genug in die Bäume starrt.

Ihre Welt ist nicht ein Dorf, in dem sie ihre ganze Kindheit hindurch die selben Wege abläuft und immer die gleichen Kinder auf dem Spielplatz sieht. Ihr Netz ist virtuell. Da sind die Menschen, die sie in Videos am Handy grüssen, und da sind die kindlichen Freunde, die sich gegenseitig Emojis schicken. Da sind Kinder, die sie an einem Nachmittag am Strand sieht, und sie spielen zusammen, aber dann sehen sie sich nie wieder. Da sind die Freunde, die Sefina schon in ganz vielen Dörfern auf der ganzen Welt hat. Doch nur ihre Familie ist konstant, und damit ist unsere Tochter momentan auch zufrieden. Denn für sie gibt es keine Parallelwelt, kein Was-wäre-Wenn. Ihre Welt sind wir. Mit Papa macht sie Sport morgens, und manchmal darf sie einen von uns zum Einkaufen begleiten. Mit Mila spielt sie lange, manchmal Verstecken, ganz oft Peppa und Georg, ab und zu Picknick. Mit Mama kann man gut Geschichten erzählen, und abends schläft sie neben einem Erwachsenen ein. In Sefinas Welt gibt es Affen und Adventskalender, Eimer aus Palmenblättern und Pixie-Bücher über Schneeberge, und für sie ist das kein Widerspruch. In ihrer Welt gibt es die eine Sicherheit, dass ihre Eltern sie an der Hand nehmen. Und dann ist es nicht so wichtig, wo das sein wird.

Manchmal bin ich traurig, dass unsere Kinder sich später nicht erinnern werden. Dass unsere Jüngste all das wieder vergessen wird, die Wörter, die sie auf Spanisch gelernt hat, und die vielen neuen Früchte. Dass sie die Fotos anschauen und unseren Geschichten lauschen wird, ohne selbst beitragen zu können. Dass wir alle wieder auseinandergerissen werden, wenn sie älter wird, und den ganzen Tag in der Schule ist und abends herumschreit und wir sie dann rausschicken, um einmal ums Haus zu rennen, und danach zu müde sein werden, um mit ihr Waschbärgeschichten zu erzählen. Doch ich weiss, dass das, was wir jetzt zusammen erleben, tief im Herzen nie vergessen gehen wird. Das Gefühl, angenommen und gesehen zu sein. Sicher zu sein in einem Ball namens Familie. Das gemeinsame Staunen über tolle Landschaften, über fremde Tiere. Die offenen Augen zu Menschen, denen wir begegnen, und deren Namen wir nicht kennen, aber die einen Fussabdruck hinterlassen. In uns. All die Spuren in uns, und es macht nichts, ob das jetzt in einem ganzen oder halben oder einhundertstel Leben ist.

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