Die Ehrfurcht vor Ameisen

Die Ehrfurcht vor Ameisen

/ 12. Juni 2020 /

Es ist eine grüne Wand.

Wenn man genauer hinschaut, sieht man im Hintergrund dunkler werdende Bäume, von denen Lianen hängen.

Wenn man genauer hinschaut, ist diese Wand voller riesiger Farne und herzförmiger Blätter.

Wenn man genauer hinschaut, sieht man kleine violette Blüten, die sich zwischen den Blättern verstecken.

Unbewegliche Vögel auf Zweigen ausharren, die angstvoll ihre rote oder gelbe Brust verstecken.

Ein leuchtend blauer Käfer, der auf einem Blatt sitzt.

Eine Ameisenstrasse sucht ihren Weg durch den Dschungel.

Dschungel ist so ein grosses Wort. Urwald. Vor diesem Wort habe ich so viel Ehrfurcht. Es ist mir so vertraut wie Kernspindgeräte oder das Leben der Kaiserpinguine. Ich war noch nie in einem Dschungel und der Gedanke daran macht mir Angst. Diese grüne Wand macht mir aber keine Angst, denn sie ist direkt vor mir und ich erkenne sie, als das, was sie ist. Ein Wald, mehr nicht.

Doch der Wald hier ist anders als der, mit dem ich aufgewachsen bin. Und ich werde noch viele Tage meinen Gedanken nachhängen, und viele Vögel nicht sehen, bis ich begriffen habe, was anders ist. Unsere Gastgeberin sagt uns: „Hier lebt alles.“ Und ich glaube, sie hat Recht.

Wir haben einige Jahre im Wallis gelebt. Dort ist die Luft einige Monate im Jahr richtig warm, und in dieser Zeit wachsen dort leckere Tomaten oder Pfirsiche. Es ist sehr trocken, so trocken, dass die Pflanzen stark gegossen werden müssen. Es ist viel Arbeit, die Sonne ist da, aber das Wasser nicht.

Wir haben viele Jahre in Deutschland gelebt. Dort ist die Luft einige Monate im Jahr etwas warm, und in dieser Zeit wachsen dort leckere Erdbeeren und Äpfel. Es ist manchmal sehr verregnet, und die Sonne lässt sich nicht blicken. Es ist viel Arbeit, die Sonne ist manchmal nicht da, und manchmal trotzdem nicht genug Wasser.

Hier gibt es Sonne. Sie muss ihre Stärke nicht beweisen. Sie kann innerhalb von ein paar Minuten nasse Kleider trocknen. Oft ist sie hinter Wolken versteckt, und das ist ein Segen für Mensch und Pflanzen.

Hier gibt es Wasser. Jeden Nachmittag giesst es momentan in der Regenzeit wie aus Eimern. Der Boden ist durchtränkt. Bäche und Flüsse rauschen durch das grüne Land und das ist ein Segen für Mensch und Pflanzen.

Ich habe es noch nie erlebt, wie es ist, in einem Gewächshaus zu leben. In unserer Quarantänezeit im März hatte unsere Gastfamilie die Idee, ein solches Haus zu bauen. Nicht, weil das Klima nicht ideal sei, sondern als Schutz vor den Tieren. Die Männer zogen aus und schnitten Bambus, Erde wurde aufgeschüttet und wir alle waren begeistert beschäftigt damit, weniger an Corona und mehr an Setzlinge und Bewässerungssysteme zu denken. Unsere Gastfamilie kaufte Samen von Mais, Wassermelone, Tomaten und vielem mehr und steckte sie in die tiefschwarze Erde. Mila wollte unbedingt einen eigenen Blumentopf und vergrub darin ein paar Kidneybohnen, die ich ihr vor dem Mittagessen gab. Ich dachte mir nicht viel dabei. 3 Tage später spross es im Gewächshaus. Alle Pflanzen suchten sich ihren Weg aus der Erde, und innerhalb von kurzer Zeit ragten überall grosse Stiele mit Blättern aus der Erde. Milas Bohnen waren nach einer Woche kniehoch. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Wachstum ja, aber gemässigten Breitengraden angemessen. Ich war begeistert. „Wartet, bis ihr in den Urwald kommt“, sagte unsere Gastfamilie, „da wächst noch viel mehr als hier am Strand.“

Und da bin ich jetzt. Im Gewächshaus dieser Erde. Hier gibt es Avocados und Ananas, Bananen und Mangos. Ich weiss jetzt, wie Kaffeebohnen aussehen, und wie schnell Mais wachsen kann. Ich weiss das vor allem, weil hier fast jeder einen Garten hat und die Menschen, die wir bis jetzt getroffen haben, gerne darüber reden. Am Strassenrand erkenne ich Pflanzen, die es in Europa als Garnitur auf dem Wohnzimmertisch gibt. Hier sind sie grösser als ich. Ich sehe viele Blüten, dicke mit Wasser gefüllte, und dünne empfindliche. Auch wenn ich nicht an ihren Namen interessiert bin und auch sonst nicht, wie es ihnen so geht, bestaune ich ihre Üppigkeit und Extravaganz. Es grenzt an Verschwendung, aber man muss sie trotzdem zwischen Zweigen entdecken. Denn das meiste, was man sieht, wenn man sich umschaut, ist vor allem grün. Die Landschaft verdient aber einen langen Blick. Ein Innehalten. Denn das Grün entpuppt sich mit der Zeit als vielschichtig, und für mich faszinierend unbekannte Formen und Farben entfalten sich erst auf den zweiten Blick.

So ist es auch mit den Tieren. Costa Rica ist ein Land, das seit mehreren Jahrzehnten den Naturschutz vorantreibt und das Zuhause von vielen seltenen Tierarten ist. Viele Menschen, die wir getroffen haben, wohnen nicht in einem Dorfkern, sondern haben ihr Haus irgendwo im Grünen an einem Feldweg. Sie leben teilweise in Pumagebieten, und von ihren Komposthaufen ernähren sich nachts die Tiere des Urwalds. Wenn wir aus dem Fenster schauen, sehen wir auch nur Grün. In unserer ersten Unterkunft haben unseren Garten immer wieder Affen und riesige Eidechsen besucht. Hier sind es eher grosse Meerschweinchen und jede Menge Vögel. Kolibris, Papageien, Tukane, Geier. Ich wusste nicht, dass Kolibris nicht nur wie Helikopter aussehen, sondern sich auch so anhören. Nach einigen Tagen habe ich mich an das laute Surren gewöhnt und höre die Stille. Die Stille des riesigen Waldes, der so intensiv lebt und nie still ist. Man sagt uns, dass wir am meisten von der Tierwelt haben, wenn wir einfach stillstehen und hören. Wir entfernen uns etwas vom Haus, und unsere zwei Mädchen wissen, dass sie ganz leise sein sollen. Tapfer tapsen sie lautlos durch Laub, und bestaunen flüsternd die Ameisenstrassen, die wir kreuzen. Didi entdeckt einen grossen Vogel auf einem Baum. Wir recken die Hälse, und er greift nach der Handykamera. „Maaaamaaa, ein Vogel!“ „Woooooow.“ Wir hören nur noch den panischen Flügelschlag. Birdwatching versuchen wir dann in 40 Jahren noch einmal.

Manche Tiere laufen uns aber auch über den Weg. Am beeindruckendsten sind wohl die Ameisen. Dank des bewölkten Himmels von San Vito, wie das Berdorf hier heisst, können wir mehr als zwei Stunden über Feldwege laufen, ohne an Hitzschlag zu sterben. Wir stapfen an Weiden und Wald vorbei, und beobachten unzählige Ameisen, die schwitzend riesige Blätter zu ihren Metropolen tragen. Manche ihrer Städte sehen aus wie Vulkane.

Würde hier jemals ein Jeep vorbeifahren, müssten sie wieder von vorne anfangen zu bauen. Ich bin froh, dass wir uns nur mit den Ameisen die Strasse teilen. Und dass es Strassen gibt. Würde ich in Europa jederzeit durch hohes Gras rennen, oder barfuss mich in eine Wiese legen, habe ich hier gehörigen Respekt vor jedem grünen Boden. Darüber denke ich nach, als ich vor mir auf dem Feldweg aus dem Augenwinkel einen schwarzen Schatten sehe. Einen Meter vor mir kreuzt gerade eine riesige dunkle Schlange unseren Weg. Als ihr Kopf seelenruhig am Wegesrand verschwindet, ist ihr Schwanz noch kurz vor uns. Direkt danach ist sie wieder unsichtbar und Teil des undurchdringlichen Waldes, der so harmlos aussieht und doch eine göttliche Ehrfurcht ausstrahlt. Wir verbeugen uns stumm und gehen weiter auf den Wegen, die andere Menschen geschlagen haben. Erfahrung macht weise.

Hier lebt alles. Miteinander. Voneinander. Die Pflanzen sind verschlungen, die Früchte üppig. Affen pflücken sie und werfen sie nach wenigen Bissen auf den Boden. Dort werden sie von Käfern und Ameisen zersetzt. Sie werden wieder zu Hummus, und neue Pflanzen suchen sich ihren Weg durch das Dickicht, immer auf der Suche nach Licht und Wasser. Und in all dem haben Menschen ihren Platz gefunden. Sie haben so viele Früchte um sich, und immer ist irgendetwas reif, und es ist immer genug. Sie müssen die Pflanzen vor Tieren beschützen, aber Wasser und Licht und Segen gibt es genug, und sie dürfen den Reichtum geniessen. Mir werden in Gärten Früchte gezeigt, die ich noch nie gesehen habe. Und Gemüse, das ich als ungeniessbar eingestuft habe, wird mir als Sirup oder Shake noch einmal präsentiert und schmeckt unglaublich süss und lecker. Ich denke mir, wie erfüllend das sein muss, sich selbst das ganze Jahr versorgen zu können, und schaue in erfüllte Augen.

Ich lerne, dass Hühner gut sind. Denn sie halten das Leben fern vom Haus. Schlangen und Krabbeltiere. Fast jeder hat Hühner um sein Haus. Auch wir. Alle mögen das Leben hier, aber wie nah die Wildnis vom Bett der Menschen entfernt ist, darüber entscheidet die Zivilisation. Ich denke darüber nach, wie wir Gärten als Pufferzonen einrichten und Hausmauern abdichten. Denn hier können wir kontrollieren und uns die Welt machen, wie sie uns gefällt und nicht wie sie wächst.

Doch das Leben hier in Costa Rica ist hartnäckig. Ameisen finden ihren Weg in die Küche, wir haben mehrere Krebse in unserer vorherigen Wohnung beherbergt und manchmal fallen Kakerlaken nachts auf die Betten. Man gewöhnt sich daran. Und auch an das Insektenspray, das wie ein Talisman in jedem Haushalt steht. Noch Tage nach dem Sprühen fallen verirrte Käfer einfach tot um, sobald sie die Türschwelle überqueren. Ich gewöhne mich daran, mit dem Gift zu leben. Auch die Früchte, die man im Supermarkt kaufen kann, sind sehr stark gespritzt. In Costa Rica sind Pflanzenmittel erlaubt, die sonst überall verboten sind. Es gehört vielleicht irgendwie zusammen, denke ich. Das Leben im fruchtbarsten Raum der Welt, und das kleine Gewächshaus, das sich der Mensch mit Gift zu erkämpfen versucht.

In diesem riesigen verschlungenen Universum, der grünen Wand, die uns hineinziehen kann, wenn es ihr beliebt.

Ich verbeuge mich in Ehrfurcht, und ziehe meine Schuhe auf dem Rasen aus. Aber nur dort.

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