Die Gezeiten von Ankommen und Weggehen

Die Gezeiten von Ankommen und Weggehen

/ 1. August 2019 /

Rhythmen diktieren unser Leben. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Frühstück, Mittagessen, Abendbrot. Arbeiten, Wochenende. All diese Rhythmen haben wir zurückgelassen (so, wie man das mit 2 kleinen Kindern eben kann), um uns einer neuen Kraft zu unterwerfen: der magischen Anziehung von Ankunft und Abschied.

Lange Stunden im Bus

Seit einem Monat sind wir mit Sack und Pack unterwegs. Mit dem Zug, Auto, Bus und Flugzeug. Wir sind gefühlt seit Ewigkeiten in Georgien (2 Wochen) und haben es innerhalb der kurzen Zeit einmal quer durch das Land geschafft.

Wir durften verschiedene Klimazonen erleben: Tropische Regengüsse, Busfahrten durch die Steppe, knallheiße Grosstadt, Meer und Berge, trockene Luft wie im Wallis.

Die Kaukasischen Berge von weitem.
Grossstadtfeeling in Tbilisi
Regenwald in Kvariati

Genauso unterschiedlich waren auch unsere Unterkünfte. Von der Villa mit Pool bis zum dörflichen Landhaus und dem ranzigen Hostel war alles dabei. Dabei hatten wir auch immer interessante Begegnungen. Wir haben jetzt mehrere Menschen getroffen, die zwischen Deutschland und Georgien hin und her pendeln, die sich in beiden Ländern zu Hause fühlen und uns mit in ihre Welt genommen haben. Nächtliche Weingelage und Gespräche über Gott und die Welt inklusive.

Klassische Einrichtung in der sonst eher weniger schönen Stadt Kutaissi

Die vielen Wechsel und Reiseabschnitte reihen sich ein in den Wellengang des „Hallo und Aufwiedersehens“. Zuerst ist da die Ankunft. Da wir bis jetzt mit Marschrutkas, was so ziemlich das beste Relikt der Sowjetzeit ist, unterwegs sind, kommen wir verschwitzt und mit steifen Gliedern an. Marschrutkas sind umgebaute Lieferwagen, oft mit Schriftzügen wie „Meister Ehrhardt – Ihr Elektrofachmann“ verziert, die 10-15 Passagiere auch über grosse Distanzen günstig transportieren.

Noch macht es uns Spass, Leute zu beobachten, mit den Kindern aus dem Fenster zu schauen und sie dann auch mal am iPad spielen lassen und selbst einfach die Lethargie des Durchdieweltgetragenwerdens zu geniessen. Aber nach einigen Stunden tut der Hintern dann doch weh.

Ankommen bedeutet Bewegung, das Wichtige auspacken können, einmal Füße waschen. Für unsere Kinder bedeutet eine neue Unterkunft erst einmal: entdecken. Sie wollen alles einmal angefasst, eingestöpselt, begutachtet haben, auf alles einmal drauf hüpfen um zu testen, ob es trampolintauglich ist.

Meistens ist das die anstrengendste Zeit, bis wir herausgefunden haben, was wir als Eltern erlauben und was nicht. Wir müssen dann auch mögliche Gefahren wie unsichere Treppengeländer und scharfe Kanten identifizieren und uns darauf einstellen. Ankommen bedeutet auch, die Menschen des Ortes zu beschnuppern, feststellen, ob sie eher auf Russisch, Englisch oder sogar Deutsch kommunizieren wollen. Georgisch ist so eigen und hat nichts mit den Sprachen gemeinsam, die wir bis jetzt kennen, dass wir bis auf ein paar Floskeln noch nichts davon mitgenommen haben.

Nach dem Ankommen und dem Entdecken kommt die Heimphase. Unsere Kinder spielen entspannt, wir kennen uns etwas aus und organisieren unseren Alltag so, dass er am besten zu uns und unserer Umgebung passt.

Hier ist es mittags sehr heiss, da geht kaum jemand auf die Strasse. Dafür sind abends, wenn nach Schweizer Sitte wohlerzogene Kleinkinder im Bett sein sollten, die Strassen und Restaurants gut gefüllt. Bis jetzt stecken wir unsere Kinder noch früh ins Bett und genießen die Zeit im Haus, aber wir sind auf die Umstellung gespannt.

Nach der Heimphase folgt dann der Abschied. Die Rucksäcke packen, im Badezimmer und unter dem Bett schauen, damit nichts von uns da bleibt. Bei einem Gastgeber hat Sefina anscheinend unbeobachtet mit unserem Geldbeutel gespielt und 50 Euro unter dem Kissen versteckt. Zum Glück hat er es später gefunden und uns informiert. Dann müssen wir Menschen Tschüss sagen, und freuen uns auf das Neue. Unterwegs sein. Entdecken.

Die letzte Woche war viel Ankommen und viel Weggehen. Jetzt hatten wir das Gefühl, dass wir als Familie mal längere Zeit einen Ort brauchen, an dem wir mal innerlich auch hinterher kommen, was wir da alles erleben. Auf der Reise ankommen sozusagen. Da unsere Chancen, eine Wohnung einfach so mieten zu können, in vielen Dörfern relativ gering sind, gingen wir an den wohl touristischsten Ort Georgiens, Sighnaghi, weil AirBnb uns dort viele Wohnungen versprach.

Sighnaghi liegt auf einer Anhöhe vor dem grossen Kaukasus.

Wir wollten vorher nicht buchen, sondern erst einmal die Wohnung sehen, bevor wir uns festlegen. Leider stellte sich das als schwierig heraus, weil zeitgleich mit uns eine Horde Backpacker, jede Menge Asiaten und Inder die Stadt bevölkern.

Wir suchten online ein paar Gästehäuser heraus, und beschlossen, diese einfach nachmittags abzugrasen. Die erste Adresse führte uns laut Google Maps aus dem Ort raus in den Wald, wo uns das Handy nach gut 1 1/2 Stunden vor einem Baum benachrichtigte, wir seien am Ziel. Pustekuchen. Kein Haus weit und breit. Vor den jammernden Kindern machten wir eine gute Miene und machten eine lustige Wanderung zum nächsten Kloster daraus.

schöne Aussicht, aber gestresste Gedanken.

Nur die Blicke, die Didi und ich uns immer wieder zuwarfen, verrieten unsere Anspannung. Was, wenn wir nichts finden würden? Wenn wir unsere kostbare Zeit mit Wandern statt mit Suchen verschwenden und dann das Erstbeste schlechte Angebot nehmen müssten? Auf dem Rückweg bogen wir spontan zur nächstgelegenen Siedlung ab, ohne zu wissen, ob es dort überhaupt bewohnte Häuser gibt oder nur Bauruinen, wie wir viele hier sehen. Ein Mann winkte uns zu einem Haus durch, wir klopften und staunten nicht schlecht: es war genau das Guesthouse, das wir im Internet gesehen hatten und anschauen wollten. Durch Zufall – und aus unserer Sicht durch Führung – fanden wir die perfekte Unterkunft für die nächsten Wochen. Wir dürfen hier bei einer älteren Frau wohnen, in ihrer Küche kochen, und halten uns den ganzen Tag auf ihrer riesigen Terrasse auf. Die Sicht ist spektakulär. Und alle sind angekommen. Und wenn die nächste Welle kommt, springen wir wieder auf.

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