Die Gestrandeten

Die Gestrandeten

/ 28. Juni 2020 /

Wir begegnen ständig Menschen, die etwas hinter sich lassen. Der bärtige, braungebrannte Deutsche, der mit dem Zelt durch den Oman reist, wochenlang mit einheimischen Fischern mitarbeitet und der sich in Europa abgemeldet hat. Nie wieder zurück. Die singenden, kiffenden Musikanten in Teneriffa am Strand. Eine Horde braun gebrannter Männer, die wunderbare Musik macht und ihren Spass dabei hat. Das amerikanische Rentnerehepaar, bei dem wir in Costa Rica wohnen, und die uns offenbaren, dass sie wegen Präsident Trump ihr Land verlassen haben. Unter so einem Führer sehen sie für sich keine Zukunft in ihrer Heimat. Wir sehen haitianische Flüchtlinge von weitem, die sich zu Fuss auf den Weg in die USA gemacht haben. Corona lässt sie in Ländern wie Costa Rica auflaufen. Das sind alles Menschen, die bewusst ein System verlassen haben, um sich selbst sein zu können. Die Freiheit wollen. Freiheit ist wie das Meer. Es ist gross und tief und voller Strömungen. Manche schweben darin herum, und andere landen als Strandgut zu den Füssen einer Palme. Für manche Menschen ist das befreiend, andere hadern mit dem Sprung ins Wasser für den Rest ihres Lebens.

Ich habe eine besondere Faszination für Aussteiger. Ich habe mich für die Bachelorarbeit mit Konvertiten, also Menschen, die ihren Glauben wechseln und etwas als Muslim Christ werden und umgekehrt, beschäftigt. Meine Masterarbeit ging dann um Traumata in der Migrationsliteratur, auch hier bewegten sich die Texte um Welten, die jemand zurückgelassen hatte und die sich aber wie Wellen durch die Texte zogen, starke Wellen, gegen die man machtlos ist. Ich frage mich, wie Menschen den Mut finden, aus gewohnten Strukturen auszubrechen. Und wie sie danach mit Freiheit und einer neuen Identität umgehen. Und darauf gibt es genauso viele Antworten, wie es Aussteiger gibt.

Seit wir ein Auto gemietet haben, fühlen wir uns wie Könige. Frei und mächtig. Wir lassen uns treiben und fahren quer durchs Land. Costa Rica hat im Osten und im Westen eine Strandküste, eine ist am Pazifik und die andere gehört zur Karibik. Man hat uns davor gewarnt, jetzt in der Regenzeit in die Karibik zu fahren. Die Strasse sei schlecht, zu viele Erdrutsche, zu viel Regen. Wir wählen zwischen der Gefahr von Corona-Gebieten und Regen und entscheiden uns dann, es doch zu wagen. Einen Tag später fahren wir los.

Die erste Etappe führt uns in die Berge um Cartago. Hier ist es viel kälter als an allen anderen Orten, die wir in Costa Rica bis jetzt besucht haben. Die Wolken hängen tief über den europäisch anmutenden Wäldern, und die Kälte lässt uns lange Hosen aus dem Rucksack graben. Aber immer noch barfuss. Hier wohnt ein Freund von einem Freund von einem Freund, und er erklärt sich spontan bereit, mit uns Zeit zu verbringen. Er meint, er kenne einen privaten Naturpark, und dort könnten wir ein bisschen zusammen wandern gehen und dabei quatschen. Das klingt hervorragend. Wir fahren über einen der unzähligen Feldwege, die man nur mit SUV befahren kann, zu einem Zaun. Dort hüpfen wir über eine Absperrung, und dann geht es los. Es geht tief durch den Wald und steil nach oben. Es dauert lange, bis wir oben auf einer Lichtung ankommen und wir sind erstaunt – ein Haus!

Wie uns Daniel, unser neuer Freund, erklärt, gehört das Grundstück einem reicheren Mann, der es unbedingt als Naturreservat konservieren will. Damit die Tiere nicht von Vandalen gestört werden und gleichzeitig das grosse Anwesen als Wanderparadies erhalten und kontrolliert wird, wohnt hier in diesem Haus ein Verwalter. Quasi der Mann für alles. Er kenne ihn gut, er ist ein Freund seiner Eltern aus dem Nachbardorf. Und schon kommt Peter um die Ecke, ein drahtiger Mann über 50. „Bienvenidos“, sagt er mit seiner schneidenden Stimme. Er könnte auch Zuckerwatteverkäufer oder Comedian sein. Er ist uns direkt sympathisch. Peter lädt uns in das Haus ein. Aufgeregt kocht er Kaffee, und für unsere Töchter opfert er seinen Milchpulvervorrat und macht ihnen heisse Schokolade in riesigen Tassen. Teil des Hauses ist eine Art Kunstmuseum, mit Schnitzereien und Bildern an den alten Wänden.

Dahinter ist die sehr einfache Küche und nebendran schläft Peter. An den Holzwänden hängen selbstgeschriebene Gebete. Er sei tief mit Gott verbunden, sagt unser Gastgeber. Vor dem Essen möchte er, dass wir aufstehen, und dankt seinem Schöpfer „El Poderoso“ laut für die Getränke. Er schnalzt dabei im Takt mit zwei Fingern auf eine Art, wie ich es noch nie gesehen habe. Es hat etwas sehr Feierliches. Ich schaue mich um. Ich könnte hier nicht wohnen. Peter hat nur Strom über eine kleine Solarzelle, und damit lädt er sein Handy auf. Der Empfang ist gut genug zum Telefonieren, aber auch nur ab und zu. Sein Leben muss sehr bescheiden sein – und sehr einsam. Ich frage ihn. „Weisst du, meine Frau und ich sind seit 6 Jahren geschieden, meine Kinder erwachsen“, sagt Peter. „Als der Besitzer mich fragte, ob ich hier wohnen möchte, sagte ich zunächst nur für 6 Monate zu. Jetzt bin ich schon über ein Jahr hier. Und möchte nicht mehr weg.“ Der Mann erklärt uns, er habe sich noch nie so nah zu Gott gefühlt. Er geht abends mit der Dunkelheit ins Bett. Er liest viel, er redet mit seinem Hund, er redet mit sich selbst. Wenn er einkaufen geht, trägt er alles auf seinem Rücken den Berg hinauf: Gasflaschen, Klopapier, Milchpulver. Er berichtet davon mit Freude. Sowieso berichtet er gerne, er ist ein richtiger Alleinunterhalter. Auf Zeit. Vielleicht auch nur ein Eremit auf Zeit. Aber dss macht nichts, denn der Moment zählt. In diesem Moment sagen wir ihm Auf Wiedersehen und drücken uns coronatauglich nur in Gedanken. Als wir den ganzen Weg zurück gelaufen sind und unten in unser Auto steigen, pfeift Peter vom Berg zu uns herunter. Er hat uns auf dem ganzen Weg beobachtet, wie wir durch seine Welt gelaufen sind, und grüsst uns ungesehen zum Abschied.

Wir verlassen unsere Bekanntschaften und fahren weiter, in Richtung einer anderen Welt. Wir lassen die dunklen Regenwälder und Berge zurück und düsen am Strand entlang. Wenn wir das Fenster öffnen, überwältigt uns heisse Feuchtigkeit. Es ist plötzlich wieder Sommer.

Ich war noch nie in der Karibik, aber das, was ich aus dem Auto beobachte, passt voll in meine Vorstellung davon. Afrikanisch aussehende Menschen auf Fahrrädern. Rasta und Kokosnüsse, Hängematten am Strand und Bananensträucher meilenweit bis zum Sandstrand. Es ist ein Paradies. Je näher wir an den Strand kommen, desto heller wird die Hautfarbe der Fahrradfahrer, bis wir feststellen, dass wir mehr blonde Menschen sehen als in den letzten 5 Monaten zusammen. Blonde Frauen mit Retrokleidern, blonde Männer oberkörperfrei, blonde kleine Kinder, so wie unsere. Hier passen wir hin und doch fühlt es sich so unpassend an, wenn wir bedenken, dass wir eigentlich in Costa Rica sind. Eigentlich darf man in Costa Rica nur bis acht Uhr morgens an den Strand. Wegen Corona. Aber die Frau, die uns den Wohnungsschlüssel übergibt, meint, das sei hier kein Problem. Als wir nachmittags am Strand stehen, wissen wir auch warum: Direkt am Wasser wachsen dichte Mandelbäume, es gibt Wege durch das Dickicht und viele Verstecke. Jeder Baum bildet eine eigene Bucht, und in fast jeder Bucht tollen Kinder durchs Wasser. Blonde Kinder.

Es ist hier am Strand, dass wir Alex und Victor kennen lernen. Sie kommen mit Fahrrad und Kinderwagen bewaffnet, und schon nach kurzer Zeit setzten sie sich zu uns. Victor spricht wie Didi Russisch, aber mit seinen Kindern redet er Hebräisch, denn er kommt aus Israel. Eine Familie auf Weltreise, die jetzt hier in Costa Rica gestrandet ist. Alex ist ein sympathischer, sarkastischer Programmierer. Mit seiner bulgarischen Familie lebte er bis vor kurzem im Silicon Valley. Dann entschieden sie, ebenfalls eine Reise zu machen, und er arbeitete einfach abends weiter für seine Firma. Nach einem Monat kam dann Corona dazwischen und seitdem harren sie hier am Strand aus. „Ausharren ist gar kein Begriff“, unterbricht ihn seine Frau. Sie ist lebhaft, sie lacht viel. Und sie erzählt, wie sie hier die Freiheit gefunden hat, die sie sich immer gewünscht hat. Hier darf sie ein Leben in Luxus leben, dass sie sich anscheinend schon lange gewünscht hat. Haus mit Pool, Kinderbetreuung für ihre zwei kleinen Jungs, ausserdem Fechtunterricht und Privatfitnesstrainer. Spanischunterricht, Akupunktur, Yoga. Keinen vollen Arbeitsalltag wie in ihrem früheren Leben, keinen Stress durch Dauerbelastung. Sie liebt es. Ihr Mann nickt, aber er ist derjenige, der arbeitet. Weil sein Vertrag gekündigt wird, muss er nächste Woche in die USA fliegen und sich woanders bewerben. Weil Costa Rica aber seine Grenzen nur für Einheimische geöffnet hat, wird er wohl in den nächsten Monaten nicht zurückkommen können. Eine Vorstellung, die mich erschauern lässt. Aber Alex schaut sarkastisch zuversichtlich aus. Freiheit hat ihren Preis. Wir schauen auf die Uhr – kaum zu glauben, jetzt haben wir über 2 Stunden miteinander geredet und es noch nicht einmal gemerkt. Ich hätte nie gedacht, dass sich ein Plausch mit Israelis und Bulgaren wie ein Zuhause anfühlen kann. Doch hier, in dieser europäischen Blase, in dieser kleinen Utopie von digitalen Nomaden und Aussteigern, kann mir jemand aus Israel näher sein als mein Nachbar in der Heimat. Es sind Menschen, die etwas zurückgelassen haben, und sich in das gleiche Abenteuer gestürzt haben wie wir. Auch, wenn wir keinen Fechtunterricht nehmen. Wir müssen weiter. Es dauert eine Weile, bis ich unsere zwei Kinder unter all den blonden, braun gebrannten Sprösslingen identifiziert habe. Wir sagen wehmütig Tschüss und steigen ins Auto. Wir nehmen jede Menge Sand an den Füssen und das Wissen mit, dass es hier im Land einen Ort gibt mit Menschen wie uns. Gestrandete in einem weltweiten Sandsturm. Aussteiger auf Zeit.

Auf der Rückfahrt halten wir in Turialba. Das liegt auf dem Weg in die Berge, aber ist noch schön warm wie am Strand. Die Innenstadt ist überlaufen. Wir steigen aus und fallen auf. Wir sind die einzigen blonden Menschen weit und breit. Opas mit Maske streicheln unseren Töchtern im Vorbeigehen über den Kopf. Wir brauchen eine Weile, bis wir das Tor zu unserer Unterkunft finden. Es ist ein unscheinbares Haus, und am Eingang hängt ein Hostelschild. Wir klingeln. Eine nervöse Frau mittleren Alters öffnet uns. „Oh yes, you came for the reservation“, sagt sie direkt auf Englisch, ohne es auf Spanisch zu versuchen. Sie sieht nicht aus, als käme sie von hier. Wir treten ein, und das ganze Gebäude ist gepflastert mit selbstgebastelten Hinweisschildern. „Wash your hands here“, „Ring the bell here if you need something“ „Stay safe and please clean the door knob after using it“. Okay, ich gebe zu, das letzte ist erfunden. Die Frau verschwindet und eine andere Frau taucht auf und dann noch eine. Ein Frauenhaus. Und für uns ist nicht klar, wer von den Frauen hier überhaupt arbeitet. Eine stellt die Fragen, zwei diskutieren miteinander, dann verschwinden sie. Eine andere gibt uns den Schlüssel. Dann sind alle weg und wir stehen in einem Hostelzimmer mit Etagenbetten. Unsere Kinder sind müde und weinerlich, und gehen schon bald schlafen. Im Dunkeln hören wir die Frauen hin und her huschen. In meinem Kopf entspinne ich abwechselnd Material für Komödien, Krimis und Dramen.

Am nächsten Tag, bei Sonnenschein und einer Tasse Kaffee, lüftet sich das Geheimnis um dieses merkwürdige Haus. Liv ist eine lebenslange Backpackerin aus den Niederlanden und die junge Besitzerin des Hostels. In diesem nicht sehr touristischen Ort in Costa Rica hat sie ein Hostel aufgebaut, und anscheinend lief es jahrelang ganz gut. Normalerweise ist sie selbst viel unterwegs und ihre Angestellten übernehmen die Arbeit. Aber zur Zeit der Quarantäne war sie ausgerechnet hier. Und ihr Partner, ein New Yorker, auch. Wir sehen ihn nie. Wahrscheinlich zu viele Frauen hier. Die sind nämlich auch alle Reisende, die zur Zeit der plötzlichen Grenzschliessungen durch die Tür dieses Hostels kamen und nach Obdach fragten. Seitdem sind sie hier eine Schicksalsgemeinschaft, zusammengewürfelt durch ihr Budget und booking.com. Nora kommt aus Bolivien und malt wunderbare Wandbilder. Therese kommt aus Serbien und schleicht immer vor uns aus der Küche. Und Maria ist eine Kaffeeplantagenbesitzerin und möchte am liebsten nach Spanien auswandern. Ich frage Liv, wie es so ist, mit Fremden in der Quarantäne zu sein. „Es war sehr schön, nicht alleine zu sein“, sagt sie. „wir haben uns aber auch viel Freiraum gegeben und nicht die ganze Zeit zusammen verbracht. Zum Glück ist das Haus gross.“ Ja, das ist es. Mit den Mädchen erkunde ich die Stockwerke, stöbere durch leere Flure mit leeren Massenunterkünften. Überall sind die Wände voll gemalt, mit Tucanen und Palmenblättern. Liv erklärt mir, dass jeder in der Quarantäne etwas malen konnte.

Corona hat seine Spuren in diesem Haus hinterlassen. Ich staune. Wir verabschieden uns und fahren weiter. In meinem Kopf entspinne ich abwechselnd Material für Komödien, Krimis und Dramen.

Und dann denke ich, dass wir eigentlich auch ganz gut in diese Begegnungen passen. Auch wir haben losgelassen, und lassen uns jetzt treiben. Unsere Reise durch den Ozean führt uns aber nicht in die Einsamkeit, so wie bei Peter, sondern immer wieder zu anderen Menschen. Zu den Alteingesessenen und zu den Aussteigern. Zu denen, die offen für uns sind. Und ich frage mich, wie ich unsere Geschichte wohl anderen erzählen würde. Eine Geschichte des Aufbruchs und des Abschieds. Ein Sprung ins Meer, das Treibenlassen. Das Ankommen, die vielen Fragen. Die Schicksalsmomentgemeinschaften, die Spannung und das Drama. Das Lachen. Das Aussteigen und das Einsteigen. Und immer wieder ein Sprung.  

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