Verschwitzte Weihnachten

Verschwitzte Weihnachten

/ 25. Dezember 2020 /

Weihnachten steht vor der Tür. Die Tür ist verschlossen, denn es ist draussen ziemlich kalt. Das ist halt so in dieser Jahreszeit, und im Idealfall liegt dann sogar Schnee, aber Idealfall bleibt halt ein Traum. Weihnachten steht vor der Tür, es klopft an, und es kann nur rein, wenn ich aufmache. Dieses Jahr haben wir keine Tür.

Wir verbringen Weihnachten in einem Haus, das offen ist. Das Wohnzimmer ist eine überdachte Plattform, die direkt in den dichten, grünen Wald übergeht. Tucane pfeifen, ein Schmetterling flattert in die Küche hinein. Das ist für mich neu. Aber ich habe mich darauf eingestellt, dass dieses Weihnachten anders wird, und zwar schon letztes Jahr, als ich mit meinen Geschwistern lachend Zimtsterne ass und mich an den Kaminofen schmiegte, bis der Rücken durch den Strickpulli brannte. Ich habe mich freiwillig und ganz bewusst dafür entschieden, das Fest der Liebe in 2020 anders zu feiern, und konnte noch nicht ahnen, dass sehr viele Menschen völlig unfreiwillig in eine Veränderung reinschlittern würden. Ohne Kaffeeplausch, ohne Verwandschaftstreffen, ohne Gemeinschaft. Für mich ist es anders anders. Ich habe Gemeinschaft mit meiner Familie, und über Weihnachten ist sogar ein Freund aus Deutschland auf Besuch und wir geniessen die Zeit zusammen. Dafür ohne Weihnachtskekse. Ohne Eltern und Geschwister. Ohne Bratensosse und Winterfeeling. Und da fällt mir erst einmal auf, wie stark Weihnachten mit Winter verbunden ist.

Alles, was ich an weihnachtlichen Traditionen kenne und schätze, hat halt mit der Kälte des europäischen Dezembers zu tun. Kerzen in den Fenstern, Lichterketten, die schon in der frühen Nachmittagsdämmerung so richtig schön hoffnungsvoll flackern. Heisser Glühwein und Mandarinen, Kekse und lange Nachmittage um ein aufgebautes Spielbrett auf dem Familientisch. Gemütliche Abende auf der Couch, Kuscheln und Spaziergänge mit Mütze und Schal. Das alles hängt damit zusammen, dass es nun mal schweinekalt ist, und dass die Menschen das Beste daraus machen. In der Dunkelheit feiern sie das Licht, in der Jahreszeit ohne Gemüse und Früchte gönnen sie sich Zucker, in einer Jahreszeit, in der jeder Schritt aufeinander zu bedeutet, an wetterfeste Türen zu klopfen, zelebrieren sie gemütliche Gemeinschaft. Wie schön.

Das wirkt von aussen so schön, so hyggelig, dass viele Menschen auf der Welt diesem Kuschelgefühl nacheifern. In China werden Tannengirlanden aus Plastik produziert, schön mit Lametta und Kugeln geschmückt, und die hängen sich dann eben nicht nur Menschen in Frankreich oder Kanada ins Treppenhaus, sondern eben auch in Mexico und in den Philippinen. Und das ist der Witz, dass in einer globalisierten Welt Weihnachten immer mit einem viel zu dick angezogenen Bärtigen und Schneegestöber im Glas zusammengebracht wird. Jeder holt sich ein bisschen Winterfeeling ins Haus, sei es in einem bunt blinkenden Haus an der Karibikküste in Costa Rica, oder unter einem Plastiktannenbaum in China. Die Affen kommen hier am Strand teilweise bis ans Haus, und ich frage mich, ob sie auch mal eine Glitzerkugel stibitzen, einfach aus Neugier. Weihnachten ist Winter und wenn ich keinen Winter habe, dann frage ich mich, warum ich das alles überhaupt mitmache.

Das war für mich schon mal anders. Ich habe Weihnachten auch schon in Ländern verbracht, die man wohl eher dem Orient zuordnen würde. Dort, wo es trocken und staubig ist, und wo Kakhi und Mandarinen wachsen. Für mich war es damals nicht so eindrücklich, eine Kerze anzuzünden oder einen Adventskalender zu basteln. Eher war es die Vorstellung, viel näher dran zu sein an der ursprünglichen Geschichte von Weihnachten, die mich umgehauen hat. Das war eine Welt, in der Menschen mit dem Esel unterwegs waren, Hirten in Hütten draussen schliefen, und Frauen auch mal Kopftücher trugen. In dieser Klima- und Kulturzone hab ich neu darüber nachgedacht. Wenn diese Geschichte von dem Kind in der Krippe wirklich so passiert ist, dann ist sie so gar nicht Lichterkette und Marzipanausstecher. Dann hat das ganz viel mit Scham und Enttäuschung, mit Aussenseitern und Hoffnung zu tun. Und das kann man zwar Jahr für Jahr im Gottesdienst hören, aber das mal in einer anderen Klimazone zu erleben, hatte etwas von 3D. Es war wie ein Krippenspiel im echten Leben, und es hat mich nachhaltig geprägt.

Dieses Jahr bietet die Klimazone, in der ich mich aufhalte, mir so gar keine Anhaltspunkte für irgendwas. Meine Fantasie reicht einfach nicht aus, um mir im Regenwald Kamele und Esel vorzustellen, wie sie um eine Krippe stehen und Stroh knabbern. Hier würde das Stroh innerhalb von Minuten verschimmeln, ehrlich. Und eine Welt, in der die Menschen von römischen Soldaten hin- und hergeschoben werden, und in der Mädchen verheiratet werden, fühlt sich gerade so weit weg an. Nein, irgendwie ist das Feeling vom Nahen Osten hier nicht reproduzierbar für mich. Ich versuche es innerlich mit dem winterlichen Weihnachten. Mit Räuchermännchen, Socken am Kamin oder Schlittenfahrt. Und auch hier scheitere ich, denn es sind 30 Grad und ich habe einen leichten Sonnenbrand auf der Nase. Wir haben keinen Ofen, und wenn wir Pfannkuchen machen, schwitzt der, der am Herd steht, in unserem Fall mein Mann, der Pfannkuchenheld. Es ist so unwinterlich wie es nur geht.

Stattdessen dröhnen Latinoschlager durchs Viertel, und es sind Sommerferien. In Autoschlangen strömen Familien aus der Hauptstadt zu uns an den Strand, sie bringen Grillgeruch und Plastikbecher mit sich. Partystimmung statt Besinnung, Bierdosen statt Sektgläsern, Sommerbrise statt Schneesturm. Die Tropen lassen mich etwas sprachlos unter einer Palme sitzen, denn ich weiss jetzt gar nicht so wirklich, was ich jetzt in dem allem soll. Und dabei hab ich mir alle Mühe gegeben. Wir haben mit den Kindern einen Adventskalender gebastelt, jeden Tag durften sie ein Säckchen öffnen und sich Lutscher herausholen. Aber erst die Ameisen abwaschen, dann in den Mund.

Wir haben Sterne aus Moosgummi ausgeschnitten, und feierlich bei Weihnachtsliedern unser Haus geschmückt. Und trotzdem blieb genau das aus – die Feierstimmung. Weihnachten ist nicht Weihnachten. Denn es hat mehr mit unserer Klimazone zu tun, als wir denken. Und mit Essen.

In all dem etwas verkrampften Geschenke-Einpacken und Pinterest nach Rezepten durchwühlen lasse ich dann doch den Gedanken zu, dass Weihnachten halt auch mehr ist als die Summe von Traditionen. Das weiss ich, und dieses Wissen krame ich dann jedes Jahr in einer besinnlichen Minute hervor aus den Untiefen meines Herzens. Aber ich geniesse halt auch einfach die Adventszeit und die kleinen Rituale, die mich durch Weihnachten führen, denn ich habe eine kindliche Freude dabei. Und doch ist für mich Weihnachten vor allem eine Geschichte, die vor langer Zeit eine neue Epoche einläuten sollte. Eine Zeit voller Hoffnung, die mit offenen Augen erfahren werden kann. Die Menschen, die damals dabei waren, haben einen Einblick in eine andere Realität bekommen, die so viel besser und optimistischer war als das, was damals in den Zeitungen stand und was beim Kaffeeklatsch ausgetauscht wurde. Dieses Wissen um eine bessere Zukunft trage ich in mir, und ich bin dankbar dafür. Und ich möchte diese Brille aufziehen, um gut durch das nächste Jahr zu kommen. Irgendwie macht mich das gerade für einen Moment sehr froh. Jesus steht vor der Tür. Mein Haus ist offen, und er darf gerne in der Hängematte Platz nehmen.

In diesem Sinne ganz frohe Weihnachten euch allen!

28 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kategorien