Langstreckenhinken

Langstreckenhinken

25.Januar 2020

Es ist Ende Januar 2020, und wir sind gerade einmal um den halben Planeten gereist. Ich schreibe diesen Blogeintrag von einem tropischen Strand in Costa Rica, und vor weniger als 10 Tagen waren wir in der Schweiz Schlitten fahren. Das ist eine Reisegeschwindigkeit, bei der der Mensch nur hinterher hinken kann.

Als wir uns in der Schweiz in den Zug nach Mailand setzen, wissen wir noch nicht, wie die nächsten Tage werden. Wir wissen nur: Wir haben jede Menge Flüge, komische Uhrzeiten und lange Tage. Und viele Pausen dazwischen. Anstatt 48 Stunden am Stück unterwegs zu sein und nur von Flughafen zu Flughafen zu hetzen, haben wir unsere Flüge so gebucht, dass wir an jeder Station ein paar Tage Pause haben. Denn Pausen brauchen wir, um nachzukommen.

Der erste Reisetag verläuft auch sehr entspannt: Die Kinder schlafen im Zug, der erste Flug nach Barcelona verläuft problemlos, und als wir in der spanischen Metropole um Mitternacht durch den Bahnhof irren, sind unsere Kinder gut gelaunt und fit. Was für ein Start! Die folgenden Tage in einer ruhigen kleinen Wohnung mit Dachterrasse geniessen wir. Nach vielen Begegnungen mit Freunden und Familie finden wir die Zeit, Eindrücke innerlich zu sortieren und Schlaf nachzuholen. Alle geniessen es und unsere Mädchen werden wieder merklich ruhiger und ausgeglichener.

Und dann ist wieder Zeit zum Weiterreisen. Am Samstagabend wollen wir nach New York fliegen. Freunde von uns, die ausserhalb der amerikanischen Grossstadt wohnen, haben angeboten, uns am Flughafen abzuholen und in ihre Blockhütte in den Wald mitzunehmen. Wie toll! Am Freitagnachmittag setzen wir uns an den PC, mit den Pässen bewaffnet, um online einzuchecken. Und dann dieser Schock. „Ihre Flugzeiten haben sich verändert.“ Das Datum. Anscheinend hat die Airline den Flug um einen Tag verschoben. Sonntag. Einfach so. Wir durchforsten panisch unsere Mails, ob wir etwas übersehen haben. Keine Mail. Keine Ankündigung, nichts. Wir sitzen hier in Barcelona, haben einen schönen Plan, wann wir wohin reisen, und jetzt hat einfach eine höhere Macht beschlossen, sich da einzumischen. Es braucht ein paar Stunden Stress, Anspannung und hektische Recherche, bis wir verstehen, dass diese Flugänderung nicht das Ergebnis eines Schneesturms ist, sondern eine ökonomische Sparmassnahme der Fluggesellschaft ist, die schon vor einem Monat in Kraft trat. Wenn der Flug nicht voll wird, dann wird er halt gestrichen. Und uns hat halt niemand Bescheid gesagt.

Nachdem wir das verstanden haben, geht der Stress weiter – wir sind einen Tag länger in Barcelona (wo schlafen wir?) und einen Tag weniger in New York (was sagen unsere Gastgeber dazu?). Wir werden weniger als 36 Stunden auf amerikanischem Boden sein – lohnt es sich wirklich, dass unsere Freunde dafür stundenlang durch Wald fahren und niemand zu seinem Schlaf kommt? Wir beschliessen alle – nein, das ist es nicht wert. Und wir suchen nach anderen Lösungen.

Natürlich wäre es immer eine Option, einfach in irgendein Hotel zu gehen. Aber das ist unsere letzte Option. Denn Hotel ist für uns mit Kindern sehr anstrengend. Wir sind froh, wenn wir eine eigene Küche haben, es irgendwo eine Waschmaschine gibt und man auch mehr als ein Zimmer zur Verfügung hat. Und Hotels in Städten wie Barcelona oder New York sind auch sehr teuer und es ärgert uns, dass wir wegen so einer blöden Fluggesellschaft unser Budget so strecken müssten. Deswegen sind wir umso dankbarer, dass wir bei einem Freund in Barcelona eine Nacht schlafen dürfen. Wir verbringen einen schönen Tag mit ihm und schlafen zu viert auf seinem 1,40 Bett (es ist nicht das einzige Mal auf unserer Reise). Und eine Freundin aus New York hat uns angeboten, dass wir bei ihr schlafen können – sie wohnt nicht weit vom Flughafen und wir sind sehr, sehr froh, dass sie uns das in dieser turbulenten Zeit anbietet.

Um die neu gewonnene Zeit in Barcelona zu überbrücken, besuchen wir das Schiffsmuseum. Wir tauchen ein in eine Zeit, in der es noch Galeerenschiffe auf dem Mittelmeer gab. Jedes Fortkommen, jeder Meter Geschwindigkeit war das Ergebnis harter Arbeit. Ich muss schlucken.

Und dann geht es um die Schiffe, die zuerst Soldaten, Eroberer und dann Auswanderer in die neue Welt brachten. Zum Beispiel nach New York. Einige dieser Schiffe wurden in Barcelona gefertigt, genau in der Halle, in der wir stehen. Und ich muss wieder schlucken.

Eine Überfahrt war

der Mut der Menschheit, an Orte zu kommen, die ihnen die Natur verwehrt

die Hoffnung auf ein besseres Leben, die willentlich für das Risiko blind ist

und

leise Angst

Wochenlang dümpelten Menschen aller Klassen und Nationen auf Schiffen über Wasser, in dem sie nie überleben könnten, wenn es drauf ankäme. Sie mussten gedanklich hinterher kommen, dass sie sich in einer rasenden Geschwindigkeit ihren Träumen nähern. Ohne zu wissen, was unterwegs alles passieren wird. Verrückte Menschheit.

Wenige Stunden nach diesen Eindrücken stehen wir am Flughafen, der nur ein paar Kilometer von den Schiffen entfernt ist. Alles klappt gut, und trotz heftigen Winden sitzen wir pünktlich in unseren Sitzen, angeschnallt und bereit. In rasender Geschwindigkeit nähern wir uns unseren Träumen. Die Strecke, die Galeerenhäftlingen erspart blieb, die Auswanderer mehrere Wochen in einem Schiffsbauch ausharrten, legen wir in einer Nacht zurück. Wir kommen müde in New York an, und legen uns voller Dankbarkeit auf die Couch unserer Gastgeber. Unsere Körper sind angekommen, aber die Gedanken haben es nicht geschafft. Sie schwimmen noch kurz vor Barcelona.

Wir haben einen Tag in New York. Es ist kalt und sonnig, ein eisiger Wind weht durch die Strassen von Manhattan. Unsere Zeit ist gefüllt – wir treffen Menschen, laufen, sehen so viel wie möglich, und haben keine Zeit, uns müde zu fühlen oder etwa abgehängt. Es ist diffus wie ein Traum. Unsere Kinder sind wie auf Droge. Es ist ein bisschen wie Weihnachten für sie – wenig Schlaf, viel Zucker, die Erwachsenen wollen ständig miteinander reden – und dementsprechend sind sie weinerlich, hyperaktiv und anstrengend. Sie werden morgens um 4 Uhr wach – in einer hellhörigen Zweizimmerwohnung – und dürfen so viel Peppa Wutz schauen wie noch nie in ihrem Leben. Zum Glück stehen wir in der nächsten Nacht sowieso früh auf, um wieder zum Flughafen zu fahren. New York ist nur Station. Und während unser Herz versucht, mit Schnee, Grossstadt und den Menschen hier warm zu werden, steigen wir in einen Flieger mit gutgelaunten Amerikanern und fliegen über Florida nach Costa Rica. Nur sind wir nicht mehr gut gelaunt – wir sind einfach nur noch fertig. Die Geschwindigkeit ist Wahnsinn. Vor wenigen Tagen noch mit vertrauten Menschen, auf einem Kontinent, auf dem wir uns auskennen, und jetzt unter unserem Flugzeug völliges Neuland.

Als wir in San José, der Hauptstadt von Costa Rica ankommen, ist die Fremdheit greifbar. Es riecht nach Feuchtigkeit, die Farben springen uns förmlich an, die Menschen betrachten uns aus höflichem Nichtinteresse. Wir sind aber gar nicht aufnahmefähig. Essen, Schlafen. Das sind unsere Bedürfnisse. In einem schön gelegenen Hostel nahe der Innenstadt gehen wir diesen Bedürfnissen nach (auch hier wieder – morgens um 5 Peppa Wutz) und schlafen so viel, wie es mit Jetlag möglich ist. Unsere Körper sind eben auch noch nicht angekommen.

Wir machen wieder einen Tag Pause, gehen einkaufen, besorgen uns Internet auf dem Handy (der Kompass der heutigen Entdecker), essen und schlafen wieder. Und wissen: der nächste Tag wird heftig. Denn wir haben eine Unterkunft im Süden des Landes gefunden. Direkt am Strand, da wollen wir hin und erst einmal herunterfahren. Wir wissen von den Fotos, es wird es wert sein, all diese Reiserei auf sich genommen zu haben, aber der letzte Abschnitt bereitet uns noch einmal Bauchschmerzen.

Pünktlich zur regulären Peppa Wutz-Zeit setzen wir uns in den Bus, der uns in den Süden fährt. Ich atme auf – jetzt ist wenigstens das Reisetempo angemessen. Wir düsen nicht über Länder und Ozeane, nein, wir stehen im Pendlerverkehr von San José. Es geht langsam voran, und wir betrachten in Ruhe die vorbeiziehenden Häuser und Bäume. Je weiter wir aus der Stadt kommen, desto dichter wird der Urwald, wir sehen Krokodile und interessante Vögel. An diese Geschwindigkeit könnte ich mich gewöhnen, aber unsere Kinder sind nach den vielen Tagen unterwegs einfach fertig. Sie sind müde, können nicht schlafen, haben Hunger, wollen den Proviant aber nicht essen, wollen kuscheln, aber keinen Körperkontakt. Nach wenigen Stunden schon fragen wir uns, wann wir endlich ankommen, und wissen, wir werden fast den ganzen Tag in diesem Bus sitzen.

Man hat uns gesagt, dass wir an der Endhaltestelle aussteigen sollen. Es ist so weit – am Nachmittag endlich gibt uns der Busfahrer ein Zeichen, dass wir den Langstreckenbus verlassen können. Wir steigen aus – tropische Hitze lässt meine Brille beschlagen – und versuchen uns zu orientieren. Wir sind in einem kleinen Örtchen an der Küste gelandet. Eigentlich sind es nur wenige Kilometer von hier zu der Halbinsel, auf der wir bleiben wollen, aber weil es keine direkte Strasse gibt, muss man ganz aussen herum fahren. Wir müssen einen weiteren Bus zu unserer Hütte in Zancudo nehmen, und wissen nicht, von wo er fährt. Nach kurzer Zeit stellen wir fest, dass wir falsch ausgestiegen sind – es hätte eine andere Haltestelle gegeben – und unsere Weiterreise deshalb ein wenig komplizierter wird. Und wir nicht mehr viel Zeit haben, denn der letzte Bus nach Zancudo fährt in einer Viertelstunde ab. Wieder Hektik. Ein hilfsbereiter Mitarbeiter fährt uns glücklicherweise an die besagte Bushaltestelle. Wir steigen wieder einmal dankbar für so nette Menschen in einen klapprigen Ortsbus, die Fenster sind offen und lassen flattrige Luft herein. Jetzt beginnt das eigentliche Abenteuer, denn schnell verlassen wir die geteerte Strasse und zuckeln durch das Hinterland. Der Urwald weitet sich und offenbart Wiesen mit Kühen, Gärten und Bauernhöfe. Es wirkt friedlich, aber völlig aus der Welt. Ich kenne dieses Gefühl von vielen Orten, an denen ich schon war – aber jetzt bin ich in einer Weltregion, in der ich noch nie gewesen bin, und es fühlt sich völlig absurd an. Die Menschen um uns herum kennen sich alle, kommen heim vom Einkaufen in der grossen Stadt (dem Dorf, in dem wir eingestiegen sind) oder vom Arztbesuch. Nach einer Stunde hält der Bus an einem Indianerreservat. Man bedeutet uns, dass wir hier auf den Anschlussbus warten sollen. Es gibt eine offene Halle, die als Supermarkt fungiert, es gibt Indianerfrauen in traditionellen Kleidern, und es gibt jede Menge Motorräder. Menschen haben sich herausgeputzt und treffen sich auf eine Art und Weise, wie man sich vielleicht an der Strandpromenade von Nizza trifft. Und nicht täglich vor Claudias Enchilada-Stand. Es wirkt unwirklich.

Mit dem nächsten Bus tuckern wir weiter. Sobald der Bus stehen bleibt, riecht es nach austretendem Gas, aber sobald er weiterfährt, übertüncht der Wind, der durch die offenen Fenster hereinweht, den penetranten Geruch. Unsere Kinder geniessen die vielen Tiere am Strassenrand, und Peppa Wutz ist nicht mehr das Thema des Tages. Und tatsächlich – nach über 12 Stunden Busfahrt, 4 Flügen, jeder Menge Taxifahrten und mehreren Zugfahrten sind wir angekommen. Wir steigen am richtigen Ort aus. Wir bekommen einen Schlüssel, und werfen uns dankbar aufs Bett. Wir sind angekommen. Aber welche Körperteile unterwegs liegen geblieben sind, wo unser Herz gerade reist und ob unsere Gedanken die letzte Strecke auch noch schaffen, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.

Eine Überfahrt ist

der Mut der Menschheit, sich auf Neues einzulassen

die Hoffnung auf Zufriedenheit, die willentlich blind ist für die Strapazen

und

leise Dankbarkeit.

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