Ausflug in die Utopie

Ausflug in die Utopie

10. Mai 2020

Unser Alltag hier in Costa Rica fühlt sich manchmal an wie ein Traum. Auch die Coronazeit fliegt unwirklich vorbei. Manchmal ist es ein Alptraum, in dem blasse Gespenster aus der Ferne flüstern, und manchmal eine Träumerei, die radikale Umstürze und Veränderungen ausmalt. Ich wünsche mir so sehr, dass der Kapitalismus einen leichten Knacks bekommt, und Menschen näher zusammenrücken. Und doch weiss ich, dass mein Idealismus immer wieder an der Härte der realen Welt scheitert, an Menschen und an Gier und an mir. Das ist mir aber momentan voll egal, denn genau hier, am tropischen Strand in der Einöde der immer gleichen sonnigen Tage, erfüllt sich für mich ein Traum, den ich so viele Jahre träumte und der jetzt in dieser unabhängigen Insel wahr wird. Willkommen in meiner kleinen Utopie der Gleichberechtigung.

Bevor wir Kinder bekamen, hatte ich gewisse Vorstellungen, wie ich leben wollte. Dazu gehörte ganz viel Freiheit, Kreativität und Gemeinschaft. Ich und mein Mann hatten in romantischen Paargesprächen festgehalten, dass wir uns beide um unser Kind kümmern wollten. Und dann kam sie zu uns, unsere Tochter. Mein Mann kümmerte sich rührend um sie, doch in der Schweiz bekam er von seinem Arbeitgeber genau einen Tag zur Geburt frei. Er war ganz neu in seinem Job und da möchte man nicht direkt mit Urlaub anfangen. Mila war ein unkompliziertes und in sich vertieftes Baby, so dass ich neben meiner neuen Aufgabe als Milchspenderin, emotionaler Begleiterin und Köchin viel Raum und Zeit hatte, meinen Projekten nachzugehen. Wir hatten eine tolle Beziehung, sie und ich, und doch merkte ich, wie stark mein Wunsch war, andere Erwachsene zu treffen. Doch das wurde immer schwieriger. Mein Mann war beruflich sehr stark eingespannt, ich versuchte, in jeder freien Minute meine Masterarbeit fertig zu schreiben, und unsere Tochter verdiente es, dass jemand für sie da war. Viele Freunde haben mich in der Zeit und auch danach sehr unterstützt, und ich bin ihnen so dankbar dafür. Doch ich wollte so viel und zu viel und konnte nicht alles gleichzeitig stemmen. Ich schloss mein Studium ab, ich begann, stundenweise zu arbeiten, wurde wieder schwanger, bekam unsere zweite Tochter, und jonglierte mit 1000 Bällen so vor mich hin. Ich war, so wie es mir die Gesellschaft vormachte, für Haushalt und Kinder zuständig, und strebte gleichzeitig danach, alles andere auch noch zu machen. Das führte dazu, dass ich einfach ein sehr volles Leben hatte. Oft ging ich darin auf und genoss es. Unser Leben war bunt und voller Begegnungen und Aktivitäten. Aber dadurch, dass ich alles noch besonders gut machen wollte, war ich manchmal ziemlich verzweifelt. Mir fehlte der Mut für radikale Veränderung. Was ich mir so sehr gewünscht hatte: Freiheit, Kreativität, Gemeinschaft, schrumpfte vor meinen Augen auf den einzigen Wunsch, zwischendurch eine Minute auf dem WC alleine zu sein. Ich dachte, ich könnte mein Bedürfnis, meine Gaben auszuleben, nur in einem Job oder in einem Ehrenamt erfüllen. Und gleichzeitig spürte ich, dass meine Erwartungen an der Realität zerschellten. An der limitierten Zeit. An meinen vielen Wünschen. An den Strukturen, die mich als Frau in eine Rolle pressten, aber die ich auch zuliess. An den Gegebenheiten, dass mein Mann nun mal der Hauptverdiener war und diese Rolle nur durch Mut, den ich nicht hatte, geändert werden würde. Und dass bei all dem unsere Töchter daneben standen und wahrscheinlich dachten, dass sie schuld an der gelegentlichen Unzufriedenheit von Mama waren.

Als wir auf unsere Reise aufbrachen, wusste ich, etwas würde sich ändern. Denn jetzt waren wir joblos, das Korsett von Arbeitsstunden hatten wir abgelegt. Wir waren beide gleich für die Kinder da, und jetzt würde ich die Freiheit haben, auch mal auf Toilette zu verschwinden, Kreativität ungestört ausleben zu können und mal eine Stunde mit jemandem zu telefonieren.

Der erste Schritt in diese Richtung war aber schmerzhaft. Unsere zwei Mädchen wollten mich nicht loslassen. Ich war jahrelang ihre Hauptbezugsperson gewesen, und obwohl er vorher schon sehr präsent gewesen war, wollten sie Papa als Einschlafbegleitung zuerst nicht akzeptieren. Das Muster war klar: Wenn ich Hunger habe, gehe ich zu Mama. Wenn ich mir weh getan habe, gehe ich zu Mama. Und wenn ich die komplette Dose Seifenlauge auf den Boden ausgeschüttet habe, schreie ich nach Mama. Ich blieb sehr beharrlich, dass alle Familienmitglieder lernten, dass wir jetzt zwei Eltern waren, die gleichermassen Seifenlauge aufwischen konnten. Aber es dauerte.

Am Anfang mussten wir uns Erwachsene selbst daran gewöhnen. Ich musste loslassen. Über die Jahre hatte ich für mich und die Kinder festgelegt, was in Ordnung ist und was nicht. Was ich ihnen mitgeben möchte und welche Regeln gelten. Zusammen essen ist mir wichtig. Selbständigkeit ist mir wichtig. Sauberkeit auf dem Boden ist mir eher weniger wichtig. Und immer direkt abräumen auch nicht. Und jetzt kam plötzlich mein Mann dazu. Der ganz anders tickt und bis jetzt die nette Babysitterrolle am Abend und am Wochenende hatte. Jetzt war er plötzlich mittendrin im chaotischen Familienalltag im Bus, auf der Strasse, und in Wohnungen auf mehreren Kontinenten. Er hielt sich nicht an meine Regeln, er fand einiges davon nicht wichtig, und forderte stattdessen andere Dinge von den Kindern ein. Und von mir. Es dauerte eine Weile, bis wir begriffen, warum wir ständig über die gleichen Kleinigkeiten stritten. Und dann setzten wir uns in einer Stadtwohnung in Tbilisi, der Hauptstadt von Georgien, zusammen, und sprachen mal darüber. Dass jetzt alles auf den Kopf gestellt wurde. Ich war nicht mehr die alleinige Familienmanagerin. Wenn ich wirklich entspannen wollte und als Team funktionieren wollte, musste ich Didi offiziell einen neuen Status geben. Co-Manager.

Solche Prozesse dauerten lange. Wir reisten durch Länder, in denen es normal war, dass die Frau hinten im Auto mit den Kindern sitzt, während die Männer vorne miteinander quatschen. Wir waren oft in der Situation, dass Didi viel schneller und einfacher schnell einkaufen gehen konnte als ich, oder sich einer Gruppe anschloss, und ich dann mit den Kindern zu Hause blieb. Und doch waren wir unabhängig. Wir mussten uns ja nicht der Rollenverteilung des Landes unterwerfen. Und so rückten wir immer wieder die Stühle an unserem Tisch hin und her, bis wir in Costa Rica unsere neuen Stammplätze in der Familienrunde fanden.

Unser neuer Alltag hier in Costa Rica ist routiniert, fokussiert und vor allem leer. Nach ein paar Wochen hatten wir uns alle eingespielt und haben jetzt durch die Routine die Freiheit, dass jeder dem nachgehen kann, was er oder sie gerne macht. Es gibt verschiedene Dinge, die getan werden müssen: Kochen, Putzen, Popos putzen. Und vieles, das getan werden kann. Und das Schöne ist, dass wir es uns nach Belieben aufteilen können.

Ich entdecke Gleichberechtigung gerade als Teamarbeit. Zwei sind gleich viel wert, und ihre Meinung zählt gleich viel. Das ist für mich nicht immer einfach zu schlucken. Es bedeutet, dass wir nicht gleich sind. Auch, wenn ich das manchmal so gerne hätte. Didi kann besser mit Zahlen arbeiten. Ich plane und recherchiere lieber. Ihm macht es nicht so viel aus, den Müll zu machen. Aber wenn ein Loch in seiner Hose ist, dann flicke ich es und nicht er. Wir erwarten momentan nicht vom anderen, dass er alles genauso macht. Aber wir teilen uns das, was zu tun ist, nach Lust und Laune auf. Und das tut gut.

Zum Glück ist das, was zu tun ist, nicht so viel. Wir wohnen in einem Einzimmerapartment. Wir kochen zweimal pro Tag und waschen einmal in der Woche Wäsche und putzen am Samstag durch. Das bisschen Haushalt macht sich von alleine – im Gegensatz zu dem Gedankenwust, den ich in meinem alten Leben mit mir herum getragen habe (Welche Kinderkleider brauche ich für welche Jahreszeit und wie bekomme ich die wo wann her? Welche Sachen müssen wir reparieren, austauschen, kaufen? Wann ist nochmal der Arzttermin morgen, wie organisiere ich einen Babysitter und erledige danach noch die Einkäufe, um rechtzeitig zu meiner Probe zu kommen?) ist mein momentanes Leben ein leerer Kopf. Denn wir teilen uns die Gedanken. Mein Mann denkt regelmässig daran, die Kinder rechtzeitig abzuduschen, bevor sie den ganzen Sand mit in die Wohnung schleppen. Ich würde es vergessen und mich hinterher schwarzärgern. Ich habe dafür den Überblick, wie viele Säcke Bohnen noch im Küchenschrank stehen und ob wir noch einmal Zimtschnecken backen können. Diese wenigen Gedanken beanspruchen mich gefühlt gar nicht, und so habe ich genug Kraft übrig für die Dinge, die mir wirklich wichtig sind.

Dazu gehört zum Beispiel Kreativität. Jeden Morgen kümmert sich mein Mann um die Kinder. Meistens gehen sie raus spielen, und ich bleibe in der Wohnung. Dort habe ich Raum für Gedankenspiele, für Kreationen, fürs Schreiben. Manchmal telefoniere ich auch ewig lang, oder lese mir etwas Neues an. Allein diese Freiheit, täglich Zeit für mich zu haben, beflügelt meine Fantasie ungemein. Es ist ein Geschenk, das ich mir so sehr gewünscht habe. Mittlerweile sprudle ich wieder über vor Ideen. Das habe ich schon immer. Aber in meinem alten Leben habe ich deswegen nächtelang am PC gesessen und war dann oft müde. Jetzt kann ich das vormittags machen und habe trotzdem noch genügend Kraft für meine Familie. Wenn es mir nur um diese Zeit ginge, könnte ich noch bis September hier in der Quarantäne bleiben, hätte bis dahin neun Bücher geschrieben, einige Webseiten designt und vier Firmen gegründet. Aber es geht nicht nur um diese drei Stunden am Vormittag, und das ist das Schöne.

Mittags koche ich ausgiebig. Es hat sich herausgestellt, dass ich wirklich 100 Prozent fürs Essen zuständig bin. Das ist aber okay, weil ich es ohne Zeitdruck tun kann. Mein Mann hält in der Zeit die manchmal hungrigen Kleinkinder in Schach, und ich dünste in Ruhe Zwiebeln und wage mich auch an neue Rezepte. Diese Zeit ist für mich ein Übergang, von der abstrakten Gedankenwelt zurück in die Realität von Feuchttüchern und Kinderlachen. Ich bin vertieft in die Arbeit meiner Hände, und denke noch über Ideen nach. Manchmal fällt mir das Abschiednehmen nicht leicht. Welche Wörter umrahmen den Begriff „Zollbehörde“ und wie komponiere ich Melodie in einen Satz? Wem muss ich noch einmal schreiben und was gehört zu einer guten Homepage? Ich lasse das alles in die Kartoffeln sinken und mache mich bereit für ein Lächeln. Wenn meine Tochter um die Ecke geflitzt kommt und zum hundertsten Mal den Witz von Peppa Wutz erzählt. Und ich muss noch daran denken, ihren Stuhl rechtzeitig an das Tischende zu schieben, denn dort ist ihr Stammplatz. Weil sie es nicht ertragen kann, nicht neben Mama zu sitzen. Wir haben alle Stammplätze, und das ist gut so.

Nach dem Essen wäscht Didi ab. Das ist sein Part vom Mittagessen, und ich bin sehr froh darum. Nach einer Mittagspause gehe ich mit den Kindern raus. Ich habe die Aufgabe übernommen, mit Mila das Schulmaterial durchzuarbeiten. Obwohl sie nur in einer Art Kindergartengruppe war, hat die Lehrerin uns für die Quarantänezeit einen Ordner mit Übungen zugeschickt. Unsere Tochter malt und schneidet geschickt, sie geniesst es, dass ich ihre Kunstwerke kommentiere und wir etwas zusammen machen. Wir lesen spanische Geschichten und dann schicke ich ein Foto per WhatsApp an die Lehrerin. In der Zeit lernt Didi ebenfalls Spanisch. Jetzt hat er seine Stunden, die er frei gestalten kann. Die beiden Mädchen wollen in der Zeit mit mir alles teilen: ihre Puppen aus Stöcken, ihr Hund (ein Stock) und jede Menge Sandkuchen. In meinem alten Leben hätte ich jede Menge Ausreden gefunden, um bloss irgendetwas anderes machen zu können. Ich mag Spielen nicht besonders. Doch jetzt habe ich gelernt, mich einfach in den Sand zu setzen und zuzuschauen. Es dauert dann auch nicht lange, und ich bestelle Eis am Stiel und werde von ihnen enthusiastisch mit Hamburgern und Spaghetti gefüttert. Meistens sind die beiden kurze Zeit später voll in ihr Spiel vertieft. Manchmal ist das Miteinander aber auch anstrengend. Vor allem, wenn unsere zweijährige Teenagerin mittags nicht geschlafen hat. Dann ist das Geschrei gross und es wird an Haaren gezogen und in Schultern gebissen. Ich weiss theoretisch, wie wichtig es ist, Kinder in diesen Prozessen zu begleiten. Doch in einem vollen Alltag hatte ich nicht den Blick dafür, ich wollte immer, dass alles schnell geht. Jetzt habe ich die Zeit und vor allem die Kraft, mich mit den beiden hinzusetzen. Lange zu streicheln. Zu erklären. Manchmal habe ich die Kraft auch nicht, dann schreie ich herum und alle drei sitzen wir heulend im Sand. Und ganz oft schreit dann mindestens eine nach Papa, und dann muss ich innerlich doch laut los lachen, dass es so viele Monate braucht, bis Gleichberechtigung auch bei Kindern angekommen ist.

Dieses Leben kommt mir gerade vor wie auf einer Insel. Isolation und Leere haben mir das geschenkt, was ich mir innerlich immer für uns gewünscht habe. Und doch vermisse ich Gemeinschaft und ein volleres Leben. Manchmal, wenn ich ans Festland denke, bekomme ich Bauchschmerzen. Weil ich noch nicht weiss, wie ich diese zwei Welten zusammen bringen kann. Weil ich mir so sehr wünsche, dass unsere Kinder bei Mama UND bei Papa aufwachsen, und dass ich diese Fenster zur innerlichen Freiheit behalten darf. Und weil ich befürchte, dass das in all dem Wust, den ein modernes Familienleben mit Jobs und Hobbies, Schule und Verpflichtungen, verloren gehen wird. Und weil ich nicht in die selben Fallen tappen möchte, aber nicht weiss, ob ich stark genug dafür bin. Deshalb möchte ich diese Utopie nicht aufgeben, jetzt noch nicht. Lieber noch ein bisschen hier bleiben und geniessen. Und wenn wir irgendwann zurück schwimmen, wer weiss, vielleicht hat sich die Welt durch Corona ja ein bisschen verändert. Vielleicht werden mehr Menschen flexibel arbeiten, und vielleicht wird die Arbeit anders und vielleicht geht es auch gar nicht um Arbeit. Denn wir, wir haben uns verändert und alte Träume ausgepackt und leben sie. Wenn Träume wahr werden, heisst das manchmal, dass jeder sein Plätzchen gefunden hat.

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