Aus Kinderaugen

Aus Kinderaugen

/ 9. April 2020 /

Es ist eine besondere Zeit, in der wir leben. Manche Menschen machen sich Gedanken darum, wie sie jetzt noch mehr Klopapier kaufen können. Und andere sorgen sich um ihre älteren Verwandte. Und wieder andere um ihre Arbeit. Und dann gibt es Menschen, die sind klein und spielen den ganzen Tag und verstehen nicht so ganz, was der Rest soll. Und zu diesen kleinen Menschen gehören unsere Töchter.

Ihr Leben ist momentan ein Paradies. Das war es vorher auch schon, aber jetzt ist es besonders schön. Unsere vierjährige Tochter Mila ist hier in Costa Rica nicht gerne in den Kindergarten gegangen. Erstens hat sie auf Spanisch nichts verstanden, und zweitens wurde sie wohl öfters von groben Kindern gehauen und hat sich gar nicht angenommen gefühlt. Auch für uns als Eltern war es schwierig, mit dieser Situation umzugehen, weil wir ja selbst nicht im Unterricht mit dabei waren. Es wurde zwar von Woche zu Woche besser, aber als Mila hörte, dass jetzt keine Kinder mehr in die Schule gehen, war sie gar nicht böse. Und ihre zweijährige Schwester Sefina fand das auch ziemlich cool, denn das bedeutete, dass sie wieder ihre Spielkameradin zurückhatte. Den ganzen Tag.

Wenn die beiden morgens aufstehen, wuseln sie am liebsten mit ihren Spielsachen herum. Wir haben ein paar wenige Bilderbücher und kleine Figuren, und Mila hütet ein Barbie-Mädchen seit einem Jahr wie einen Schatz. Langweilig wird ihnen nie, auch wenn die Auswahl sehr begrenzt ist. Da werden Häuser gebaut und Tiere verkleidet, und bevorzugt Wollfäden zurechtgeschnitten und auf Sachen gelegt. So spannend kann das Leben sein.

Was die Kinder nicht verstehen, ist, dass Mama und Papa in der Zeit am Handy sind. Manchmal schauen sie sich Videos an von Menschen, an die sich Mila und Sefina aus einer anderen Zeit erinnern. Und manchmal lesen sie sich komische Nachrichten durch und reden dann über Zahlen. Aber da hören die beiden dann gar nicht zu. Denn sobald die Morgenmücken weg sind, geht es nach draussen zum Spielen.

Zum Glück leben wir hier am Strand und zum Glück wird so viel Plastik angeschwemmt. Denn das sind die besten Spielsachen. Es gibt Flaschen und Dosen, Bälle und jede Menge Flipflops, die das Wasser mitbringt. Unsere zwei Mädchen haben schon ein ganzes Arsenal an potentiellen Töpfen und Pfannen gesammelt. Und seit zwei Wochen bauen sie täglich ein neues Haus. Stundenlang renovieren sie, kochen Sand-Spaghetti und bauen Ställe für ihre Tiere. Für die unsichtbaren Tiere wie Pferde und Katzen. Aber auch die Tiere, die es hier in echt gibt, sind zu Freunden geworden. Die beiden Hunde Lucky und Ayka werden von den zwei Mädchen auch gerne mal gestreichelt und herumkommandiert. Dafür, dass sie immer sehr viel Angst vor Hunden hatten, ist das schon ziemlich gut. Ayka legt sich jeden Abend vor unsere Wohnung, weil sie uns beschützen möchte. Nachts kommen auch noch andere Tiere heraus: Krabben und Schlangen, grosse Echsen und Kröten. Doch nachts schlafen wir alle tief und fest und bekommen davon nichts mit.

Die Spielezeit draussen ist so wertvoll. Im Sand vergessen Mila und Sefina, wie die Zeit vergeht, und kommen nur in die Wohnung, wenn sie Hunger oder Durst haben. Wenn es Zeit für das Mittagessen ist, dann müssen sie erst einmal geschrubbt werden, denn der dunkle, feine Sand ist sehr hartnäckig. Auch die Kleider leiden sehr unter dem ständigen Sand und deswegen tragen die Mädchen oft nicht mehr als ein Höschen.

Für Mila und Sefina ist es mittlerweile ganz normal, dass Mama und Papa immer da sind. Natürlich sind die auch mal beschäftigt oder nicht ansprechbar, aber sonst haben sie immer Zeit. Ein Träumchen. Nachmittags basteln sie meistens etwas mit Mama. Da kommt auch mal ihre Freundin Allison dazu, die auch mit ihrer Familie hier im Haus wohnt. Bis jetzt wurden schon Muscheln angemalt, Klopapierrollen geschmückt und Kekse gebacken. Jetzt, so kurz vor Ostern, haben alle zusammen aus Moos einen Hügel mit einem Kreuz gemacht. Die Mädchen haben nicht ganz verstanden, warum, aber es hat irgendwas mit einem Mann zu tun, der aber gar nicht in der Höhle liegt, und der ziemlich stark ist. Komisch.

Wenn die Sonne nicht mehr so brennt, flitzen sie durch den Garten. Leider hat die Regierung von Costa Rica die Strände gesperrt. Alle Strände gehören dem Staat und sind deshalb genauso wie öffentliche Plätze geschlossen. Das macht durchaus Sinn in der Nähe der Städte, damit sich nicht Horden an Menschen eng aneinander geschmiegt im Wasser tummeln. Doch hier an unserem einsamen Strandabschnitt, der direkt in das Grundstück übergeht, war noch nie jemand ausser uns, und es fühlt sich sehr seltsam an, jetzt auf tägliche Spaziergänge, auf Surfen und Planschen zu verzichten. Doch die Kinder wissen, dass, falls die Polizei uns erwischt, wir sehr viel Geld zahlen müssen. Und das wird dann das nächste Spiel: Sich hinter einer Palme verstecken und immer wieder ein paar Schritte auf den Strand zulaufen, bis Mila ruft, dass sie ein Polizeiboot gesehen hat, und alle wieder zurückrennen. Damit kann man sich bis zum Sonnenuntergang beschäftigen.

Die zwei Mädchen spielen den ganzen Tag zusammen. Manchmal geht das gut, manchmal eher holprig. Unsere Jüngste durchläuft gerade ziemlich viele Veränderungen: Mittlerweile trägt sie keine Windeln mehr, pinkelt aber ab und zu wie ein Hund in den Garten, und verzichtet seit kurzem auf den Schnulli. Sie hat manchmal das Bedürfnis, einfach Dinge kaputt zu machen oder herumzuschreien, weil sie nicht das bekommt, was sie möchte. Und da sie in enger Symbiose mit ihrer Schwester lebt, rennen dann zwei schreiende, tobende Winzlinge durch die Palmen.

Nach einem langen Tag im Sand schlafen die zwei an Mama oder Papa geschmiegt ein. Sie wissen, dass die Eltern jetzt noch einmal am Handy Sachen nachgucken und bestimmt auch reden. Zum Beispiel darüber, wie es weitergeht. Mila hat schon angekündigt, dass sie für immer hierbleiben möchte. Oder mindestens bis Weihnachten. Weil es hier so schön ist.  Nur manchmal vermisst sie Gleichaltrige zum Spielen. Sie hatte schon eine Idee für Ostern: Sie würde gerne heimlich das Nachbarsmädchen einladen, zu der wir momentan wegen Social Distancing keinen Kontakt haben, und sie für das Fest einladen. So, dass es keiner merkt. Doch sonst ist diese besondere Zeit für sie vor allem

besonders schön.

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