Abschied / Schiedab

Abschied / Schiedab

/ 1. Juli 2019 /

Ein Umzug ist in etwa so wie Chili von Carne zu essen. Vorher riecht es gut. Die Stunden danach bereut man, es jemals gegessen zu haben, und sitzt etwas lange auf dem Klo.

Umziehen bedeutet, dass man danach nie wieder umziehen will. Dafür lief unser Abschied aus Visp erstaunlich gut. Und doch hatte er alle Phasen, die so dazugehören: Vorfreude und Schmerz, nächtliches Packen und gelegentliche Panikattacken. Stress und Ruhe, Tränen und Träume. Abschied eben.

Hier in Visp haben wir 5 Jahre lang gerne gewohnt.

Wir sind froh, durften wir viele Kisten, ein Sofa und ein paar Möbel im Wallis deponieren. Für spätere Zeiten. Viele helfende Hände haben unseren Abfall entsorgt, Möbel verstaut, Küchenschränke ausgewischt und den Dreck der letzten Jahre vernichtet. Nicht auslöschen können wir die Erinnerungen an unsere Wohnung. Hier sind unsere zwei Kinder bis jetzt gross geworden. Hier waren wir eine Familie. Was wir täglich gesehen haben, wie wir gelebt haben, wem wir begegnet sind, hat uns geprägt. Die Muster unseres Alltags müssen wir jetzt verabschieden.

Die Muster unserer Wand. Die haben wir mit einem Besen gestrichen. Weil wir das auf Pinterest gesehen haben. Wir werden den Abend nie vergessen, weil es ein kleines Abenteuer war, diese Wand zu streichen. Wir haben sie zuerst in einem satten Türkis gestrichen, um dann mit dem Besen hellere Streifen darauf zu klatschen. Es war wie in einer schlechten Komödie und wir haben unglaublich viel gelacht. Am Schluss haben wir einen Schrank davor gestellt, um den groben Pinterest-Fail zu vertuschen.

Die Sicht ins Grüne. Die vielen Perspektiven, die wir in unserem behaglichen Alltag gewonnen und auch verloren haben. Die Berge im Hintergrund, wie eine Fototapete. Horizontbegrenzung, die wir uns immer gewünscht haben.

Das Muster unseres riesigen Sofas. Gross genug, dass eine Grossfamilie einen Kinoabend machen kann. Wie viele Gäste sassen hier! So viele tiefe und seichte Gespräche, so viel Lachen. Etliche Kinder, die hier zu „ein rotes Gummiboot“ herum gehüpft haben und vor Freude jauchzten.

Diesen Farben, dem Geruch und der Aussicht sagen wir ade. Wir lassen die Muster los – und haben unsere Hände und Augen frei für neue Eindrücke.

Noch viel schwieriger ist es, von den vertrauten und lieben Menschen Abschied zu nehmen. Ich poste jetzt hier keine Fotos, weil ich zu faul bin, 88 Personen um ihr Einverständnis zu bitten. Denn wir durften in den letzten Wochen vielen, vielen Danke sagen und noch einmal Zeit zusammen verbringen.

Wir werden vermissen…

Begegnungen auf der Strasse

Angenehme Arbeitskollegen

Authentische Mamis und Papis mit Horden von Kindern

Tiefe Gespräche und lustiger Smalltalk

Eine Gemeinde voller Leben

Freunde von Herzen und 1001 Bekannte

Spontane Treffen und Spieleabende

Und

Euch.

In den 5 Jahren in Visp konnten wir erleben, dass man Freunde gewinnen kann und auch, wenn man sich nicht seit dem Kindergarten kennt, offen und ehrlich miteinander sein kann. Wir werden euch vermissen und freuen uns auf ein Wiedersehen!

Nach unzähligen Grillpartys, nach stundenlangem Schrubben und über 50 Kisten, sind wir aus Visp aufgebrochen. Wir haben Sicherheit und Vertrautheit aufgegeben – ohne zu wissen, was uns erwartet. Von all den Schlüsseln, die man im Alltag so dringend braucht, haben wir nur noch einen. Der ist für ein Fahrrad. Oder für unsere Herzen. Wahlweise.

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