365 Tage unter Palmen

365 Tage unter Palmen

01. Februar 2021

Das Jahr 2020 war für die allermeisten von uns ein ganz besonderes Jahr. Vielleicht auch deshalb, weil sich manche Dinge so unerwarteterweise veränderten, die wir selbstverständlicherweise vorausgesetzt haben. Ein grosses Durcheinander. Auch für mich war es ein Jahr, das so völlig anders kam, als ich es gehofft und gefürchtet hatte. Und das, obwohl wir planten, wir würden das ganze Jahr über reisen und für alles offen sein. Mit einer Pandemie hatte ich beim besten Willen nicht gerechnet. Und doch ist 2020 für mich nicht mit Corona abgespeichert. Es wird für immer das Jahr sein, in dem ich weit weg von meiner Heimat lebte, nicht mit einem Auftrag, sondern einfach so. In einer Kultur und Sprache, an die ich mich herantaste, und in einem Klima, das mich täglich staunend erschreckt amüsierte. Es wird für immer das Jahr sein, in dem ich Nähe und Distanz als Geschenke erfahren durfte und sitzend über mich selbst hinauswuchs.

Ein Jahr in den Tropen.

Ein Jahr mit riesigen Ameisen, mit Kakerlaken. Mit Regengüssen wie ein Livekonzert, mit Staubstrassen, die im Nirgendwo enden. Mit Palmen und Sand, viel Sand. Mit immergrünem Hintergrund und Affen neben dem Haus. Mit kleinen Zimmern und grossen Terrassen. Mit Waschmaschinen, bei denen man nicht einfach zwei Knöpfe drückt, sondern jeden einzelnen Schritt manuell ausführt: auspumpen, befüllen und einstellen. 10 Bananen pro Tag. Avocado dann, wenn man Lust darauf hat. Ananas und Mango, Litschis und viele neue Früchte, deren Namen je nach Region ändern. Landschaften, die am Anfang alle gleich fremd aussehen, und sich irgendwann vertrauter und vielfältiger anfühlen. Jahreszeiten, die alle gleichzeitig stattfinden. Viele Mückenstiche. Morgens um sechs Uhr aufstehen, und schon zwei Stunden später denken, dass die Mittagssonne brennt. Mit der Dunkelheit ins Bett gehen. Spanisch hören, Spanisch lesen, Spanisch sprechen. Und ganz viel Deutsch dazwischen. Und sich doch wie ein Baby fühlen. Irgendwie hilflos, denn alles ist neu, alles ist anders. Manches ist bequem, aber einiges zwickt und juckt, und man muss ständig beobachten und fragen, na, wie macht ihr das denn, wie kann ich das Zwicken loswerden. Damit leben, dass man bestimmte Dinge nicht ändern kann. Nicht mehr so viel fragen. Irgendwann Antworten finden. Weitermachen.

Ein Jahr in Costa Rica.

In einem Land, von dem ich vorher nichts wusste. Ich wusste nicht, dass es in Mittelamerika solche Unterschiede gibt zwischen den einzelnen Ländern. Ich wusste nicht, welche Werte diese Gesellschaft hat, und was sie irgendwie zusammenhält. Interessiert Fragen stellen. Über Politik, über Familien, über Erziehung, über Rezepte und Gott und die Eier von Riesenschildkröten. Ich weiss immer noch nicht viel. Aber ich habe gespürt und gesehen. Wie Menschen Auto fahren und die Beifahrertüren nicht zuknallen. Wie man höflich lächelt. Welche Kommentare unter Nachrichtenposts auf Facebook stehen. Wie über haitianische Flüchtlinge und US-Amerikaner gesprochen wird. Wie jemand seinem Kind sagt, es soll noch etwas essen, por favor. Wie die Menschen lachen, wie sie Witze machen, die ich auch in einem Jahr noch nicht verstehen werde. Aber ich lache laut. Wie man auf eine Pandemie reagiert, und wie meine Nachbarn hier in Costa Rica mit den Restriktionen leben. Wie ich irgendwie nah an dieser Kultur sein darf, und dann wieder in einer eigenen Welt lebe, so weit weg von allem, was in diesem Land so einfach ist. So viele Bäume zwischen den Häusern. Nähe und Distanz.

Ein Jahr Lernen.

Lernen, wie man mit wenigen Zutaten was Leckeres auf den Tisch zaubern kann. Wie ich damit umgehe, dass ich die Erwartungen anderer Menschen nicht lesen kann. Wie Einsiedler leben. Und warum das gar nicht so der Horror sein muss, wie ich immer dachte. Wie ich mich so einsam fühlte. Wie ich mich durch Vokabeln kämpfte und nicht aufgab. Wie ich nichts tat. Wie ich mit meinen Töchtern spielte und stritt. Wie ich wieder träumte. Wie ich ohne To-Do-Listen lebte. Und damit, dass es nichts zu tun gab. Was man gegen Ungeziefer tun kann und wie Katzen miteinander kommunizieren. Wie Gott gesehen wird. Und wie ich ihn vielleicht sehen kann. Lernen, wie man Kokosmilch herstellt, und wie man Kuchen in einer Pfanne backt. Wie wir als Familie Freiräume füreinander gestalten können. Wie ich flexibel bleibe, und wie ich meine Familie und Freunde vermisse. Lernen, wie man Zoom bedient, und wie Kinder ihre Bedürfnisse entwickeln. Wie man Schimmel auf Kleidern und Stofftieren mit Chlor entfernt. Wie man auf Bilderrahmenrückwände mit Acrylfarbe malt. Wie man andere nicht verurteilt. Wie man eine Sprachnachricht auf Spanisch versteht.

Ein Jahr wachsen.

Hineinwachsen in ein Leben ohne Aufgabe, ohne Job. Ein Leben ohne grosse Aussenwirkung, ohne Stress. Einfach nur Sein. Ein Leben in Hängematten-Stunden aufgeteilt. Wachsen in unserer Familie. In ein Wir, das sich gut anfühlt. Das irgendwie passt. In dem das Ich auch einen Platz hat. Und das Du auch. Wachsen heisst für mich Loslassen. Ein Jahr gefüllt von den kleinen Schritten, von den vielen Aktivitäten, die keine Bedeutung haben und die doch so wichtig sind. Zum Supermarkt laufen, das Klo putzen, Obst schneiden, Popo putzen. Meditation am Strand. Meditation beim Kochen. Meditation beim Klo putzen. Beten, ohne Worte zu benutzen. Nachfragen: Wie geht es dir? Wie geht es mir? Rückschritte und Tränen. Tränen aus dem Jetzt und aus dem Früher. Aufräumen. Popo putzen. Wachsen in neue Sehnsüchte. Nach Frieden, nach Liebe, nach Ruhe. Und wenigstens einen Teil davon irgendwie im tropischen Wald zu finden. Wie ein leuchtend blauer Schmetterling auf einer rosa Blüte landet. Und direkt wieder verschwindet.

Für mich war 2020 ein Jahr, das ich so nicht erwartet hatte. Das ich nicht habe kommen sehen. Und doch war mein Wunsch nach Neuem, nach Wachsen und Lernen da. Und wenn ich zurückblicke, dann sehe ich, wie ich das erleben durfte. Dafür bin ich so zutiefst dankbar. Und natürlich an das Land, das mir genau das ermöglicht hat. Costa Rica, du Perle! Danke für deine Gastfreundschaft. Dass du mich nie gedrängt hast, dass du mich gewähren hast lassen, und doch da warst, mich zu streicheln, wenn es mir nicht gut ging.

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